NB 8: Das Geheimnis von Chiarron

Erscheint im Januar 2018

Inhalt

Um Paul zu retten und Ben zu helfen, sind Sonja und Melanie nach Parva zurückgekehrt. Aber alle Pläne sind gescheitert, und die Geisterwelt ist in Aufruhr. Um eine Antwort auf ihre Fragen zu bekommen, müssen Sonja und ihre Freunde mit dem König von Parva reden, Darians Vater. Aber er ist dem Wahnsinn verfallen, und seine Festung Chiarron ist eine Todesfalle …

1. Kapitel

Im Weißen Meer

Nun waren sie also endlich wieder in Parva – nur, um es sofort wieder zu verlassen.
Ich sollte aufhören, mir vorzustellen, wie es sein wird, dachte Sonja. Es ist immer ganz anders. Immer.
Besonders weit waren sie noch nicht gekommen, gerade nur ein paar Meter den Hang hinunter und dann etwa fünfhundert Meter seitlich über Felsen und Geröll, während unter ihnen der gelbgraue Nebel wallte und wogte, sich zusammenzog und auseinanderquoll wie Gewitterwolken. Auch ohne den ätzenden Gestank, der zu ihnen hinaufdrang, hätten sie gewusst, dass es eine unfassbar dumme Idee gewesen wäre, ungeschützt in dieses Nebelmeer hinunterzuklettern. Obwohl sie sich Tuchfetzen vor Nase und Mund gebunden hatten, mussten sie immer wieder husten, und ihre Augen tränten. Sie hatten beschlossen, so lange oberhalb des Nebels zu bleiben, bis sie eine Lücke oder ein paar dünnere Schwaden fanden. Aber sie wussten beide, dass so etwas nicht sehr wahrscheinlich war. Und aufgeben konnten sie auch nicht. Die Männer des Königs waren zwar weg, aber was half es, oben zwischen Gras und Geröll zu sitzen und auf ein Wunder zu hoffen? Das einzige, was sie tun konnten, war, ihr Wunder selbst zu suchen.
Der Nebel, den Sonja mittlerweile zu hassen gelernt hatte, waberte in dichten Schwaden um sie herum. Körperlos, unangreifbar, ein unüberwindbares Hindernis, das ihr einfach einen ihrer Sinne raubte. Der Nebel machte sie blind und baute Mauern um sie auf, die sie am liebsten mit Feuer und Schwert niedergerissen hätte. Oder mit einer Windmaschine. Während sie vorsichtig über die Felsen der Nebelküste kletterte, malte sie sich aus, wie sie einen riesigen Ventilator oben an der Küste aufstellte und der gesamte Nebel weggeblasen wurde, bis man endlich mal wieder sehen konnte, was man tat.
Von oben rief Melanie: „Siehst du schon den Boden, Frau Frodo?” Der Satz endete in einem Husten.
Trotz allem musste Sonja kichern. Sie hielt kurz an, rückte ihr Gesichtstuch gerade und warf einen Blick über den linken Arm nach unten. Dort waberte formloses Grau. „Noch nicht, Sam”, rief sie zurück und hustete ebenfalls. Die Tücher schützten zwar ein wenig gegen die giftige Luft, aber angenehm war das Atmen deshalb noch lange nicht. Jeder Atemzug kratzte im Hals und schmeckte nach Schwefel. Und immer wieder mussten sie anhalten und sich die tränenden Augen wischen. Es war überhaupt nicht schlau, in dieses Nebelmeer hinabzusteigen … aber diesmal war es wenigstens nicht ihre eigene dumme Idee gewesen, sondern die eines verrückten Königs. Das war doch bestimmt ein Trost.
Dabei hatten sie noch Glück gehabt. Nur zu gut erinnerte sich Sonja an die schrecklichen Tage, als der Nebel über Parva gekommen war – eine hochgiftige graue Wolke, die alles zerstört und vergiftet hatte, was sie berührte. Selbst Nachtfrost war davor geflohen. Sonja hatte erwartet, dass das Weiße Meer mit diesem Nebel gefüllt war, aber inzwischen wusste sie ja auch, dass es unterschiedliche Arten von Nebel gab. Obwohl jeder Atemzug kratzte und schmerzte und ihre Haut unangenehm prickelte, war der Abstieg – bis jetzt – noch nicht tödlich. Das gab ihr die Hoffnung, dass sie ihre unmögliche Aufgabe vielleicht doch erledigen konnten.
„Verdammt”, sagte Melanie. Sam hätte das nie gesagt. „Wir klettern doch bestimmt schon über eine Stunde hier herum!”
So lang kam es Sonja gar nicht vor, aber sie sparte sich die Antwort. Was machte es in dieser Welt schon für einen Unterschied, ob sie zehn Minuten oder eine Stunde unterwegs waren? Die Zeit war hier in jedem Fall ein Feind, noch unbarmherziger und unbekämpfbarer als der Nebel.
Eisfeder, dem winzigen weißen Einhorngeist, machte weder die Zeit noch der Nebel etwas aus. Mit kleinen, zierlichen Sprüngen von Felsen zu Felsen begleitete sie Sonjas und Melanies Klettertour, obwohl Sonja vermutete, dass sie auch einfach hätte fliegen können. Manchmal blieb sie stehen, hob den Kopf und spitzte die Ohren, aber falls sie etwas anderes hörte als die Geräusche des Kletterns, sagte sie es nicht.
Sonja blickte wieder über die Schulter nach unten. „Da ist ein Felsvorsprung. Pause?”
„Jepp.”
Sie kletterte zu dem Vorsprung hinunter und setzte sich hin. Der Stein war kalt; lange würde sie hier nicht sitzen können, aber ihre Beine brauchten einfach ein paar Minuten Erholung. Noch vor einem Jahr hätte sie den Abstieg wahrscheinlich überhaupt nicht geschafft, aber die Reisen durch Parva, der Reitunterricht bei Ben und die Arbeit auf Gut Stettenbach hatten ihr tatsächlich Muskeln und Ausdauer beschert. Aber dieses Klettern war eine ganz neue Art der Anstrengung, vor allem, wenn man dabei nicht richtig atmen konnte.
Japsend kam Melanie bei ihr an und setzte sich neben sie. „Wie tief geht das denn noch?”
„Die hätten uns ruhig an einem ehemaligen Strand absetzen können”, stimmte Sonja zu. „Nicht an einer Steilküste.”
„Die” waren die Knechte von Darians Vater, König Ghadan, der den idiotischen Einfall gehabt hatte, Sonja und Melanie im Weißmeer nach Darian und Nachtfrost suchen zu lassen. Obwohl er genau wie die beiden Mädchen wusste, dass sich in diesem Meer Geschöpfe aufhielten, die früher einmal Meerestiere gewesen waren. Und Sonja hatte überhaupt keine Lust, sich mit außerirdischen Haien und Muränen anzulegen, die durch den dämonischen Nebel irgendwie verändert worden waren. Sie erinnerte sich an den Fährmann, der ihnen bei der Fahrt nach Raskyd gesagt hatte, dass sie ihre Hände lieber bei sich behalten sollten, statt sie in den Nebel auszustrecken. Irgendein monströses Wesen hätte sie packen und in die Tiefe reißen können.
Und jetzt waren sie mittendrin.
Bisher hatten sie noch nichts gehört, das auf fliegende Meeresungeheuer hindeutete. Nur ihr eigener Husten und die Klettergeräusche durchbrachen die Stille. Leider bedeutete es, dass sie auch nichts gehört hatten, das ihnen verraten hätte, ob Darian und Nachtfrost jemals hiergewesen waren.
Melanie hielt ihr ein Stück Brot hin. Sie aß es auf und kramte dann die lederne Wasserflasche aus ihrem eigenen Rucksack. Viel hatten die Knechte ihnen nicht mitgegeben. Erwarteten sie, dass sie mit Sonjas kleinem Messerchen fliegende Riesenhaie jagten? Oder gingen sie davon aus, dass die beiden Mädchen schon nach kurzer Zeit aus dem Weißmeer fliehen würden? Sonja wollte nicht fliehen, sie wollte Darian und Nachtfrost finden, aber wenn sie daran dachte, dass ihnen recht bald eine Nacht in pechschwarzer Finsternis bevorstand, wurde ihr ziemlich mulmig.
Sie tranken ihr Wasser, Sonja packte die Flasche wieder weg, und sie kletterten weiter.
Nach einiger Zeit flüsterte Melanie plötzlich: „Was ist das?“
Sonja zuckte zusammen. „Was? Wo?“
„Da rechts. Sieht wie eine Fahne aus.“
Sonja verrenkte den Hals. In etwa zwanzig Metern Entfernung erkannte sie eine Holzstange, an deren oberen Ende ein Stück Stoff befestigt zu sein schien. Sie änderte die Richtung und stakste über knirschendes Geröll darauf zu. Melanie folgte ihr, und Eisfeder hüpfte voraus.
Nach kurzer Zeit entdeckte Sonja eine weitere Stange zehn Meter von der ersten entfernt, dann zehn Meter weiter die nächste. Eine ganze Reihe schien dort in einem weiten Bogen oder einer Linie in den Boden gerammt worden zu sein. Als sie die erste Stange erreichten, sahen sie, dass der Fetzen nicht aus Stoff, sondern aus dünnem Leder war und wohl schon seit sehr langer Zeit hier hing. Das Leder war zerschlissen und fast schwarz, und der Knoten sah aus, als wäre er zusammengewachsen. Am Fuß der Stange lag eine Kette aus verwitterten Holzperlen.
Die beiden Mädchen schauten sie an, dann gingen sie weiter zur nächsten Stange. Auch hier hing ein alter Lederfetzen, aber auf dem Boden lag eine winzige geschnitzte Menschenfigur. Am Fuß der nächsten Stange lag ein völlig verrostetes kleines Messer. Und so ging es weiter. Eine Stange nach der anderen tauchte im grauen Nebel auf, ein Lederfetzen löste den nächsten ab, auf dem Boden lagen Kleinigkeiten wie Holzperlenketten, Figürchen, federbesetzte Armbänder oder Schmuckreife. Nur einen Unterschied gab es: die Fetzen wirkten immer weniger alt, die Schmuckstücke weniger verwittert. Und auch das Holz der Stangen schien jünger. Offenbar waren diese Stangen nicht alle gleichzeitig, sondern über viele Jahre hinweg aufgestellt worden. Und ein Ende der Reihe war nicht zu erkennen, obwohl sie schon mehr als zwanzig gefunden hatten.
„Das ist gruselig“, flüsterte Melanie.
Sonja nickte. „Ich frage mich, wozu sie aufgestellt wurden.“
Eisfeder blieb in einiger Entfernung stehen. Die Luft ist voller Trauer. Spürt ihr es?
Trauer? Sie schauten einander an. „Ich spüre nur den Nebel“, sagte Melanie. „Das ist traurig genug, oder?“
Aber Sonja fühlte, was Eisfeder meinte. Diese Stangen waren nicht einfach irgendwelche Stäbe im Boden. Sie waren von Menschen aufgestellt worden … oder zumindest von intelligenten Wesen … vor langer Zeit. Um an etwas zu erinnern, das verloren war. Sie erschauerte. „Gehen wir weiter?“
„Mhm.“
Hier wurde der Nebel ein wenig dünner, und sie konnten ein Stück weiter sehen. Der Boden fiel nicht mehr steil ab. Es ging zwar immer noch nach unten, aber sie konnten jetzt gehen, statt klettern zu müssen. Aber einen ausgetretenen Weg gab es nicht. Sie gingen über Felsen und Sandboden, sprangen über klaffende Spalten und mussten hin und wieder lange Umwege machen, wenn ein großer Felsabschnitt vor ihnen aufragte oder ein Spalt zu breit zum Überspringen war. Hin und wieder schossen kleine dunkle Wesen aus Löchern und Schatten, flitzten davon und verschwanden im Nebel.
„Merkst du was?“, sagte Melanie. „Es wird dunkel.“
Sonja merkte es, und ohne weitere Absprache rückten sie enger zusammen und fassten sich an den Händen. Eisfeder kam näher heran. Je dunkler es um sie herum wurde, desto heller schimmerte das kleine weiße Einhorn, bis es tatsächlich wie eine Lampe leuchtete. Es trabte jetzt vor ihnen her, so dass sie die Steine und Hindernisse auf dem Boden besser erkennen konnten. Sie starrten so hypnotisiert nach unten, dass sie die Felswand erst bemerkten, als sie fast mit den Nasen dagegenstießen. Eisfeder war stehengeblieben.
„Huch?“, sagte Melanie. „Warum halten wir an?“
Etwas kommt, sagte das Einhorn. Macht euch ganz klein und drückt euch an den Fels. Schnell! Das Licht erlosch, und nun sahen sie gar nichts mehr. Aber jetzt konnten sie etwas hören.
Es war ein rhythmisches Knarren oder Brummen, ein Geräusch wie von einer sehr schweren Tür, die ganz langsam immer wieder geöffnet und wieder geschlossen wurde. Nach der langen Stille war es das unheimlichste Geräusch, das Sonja je gehört hatte. Sie duckte sich, krabbelte zum Felsen hin und rollte sich zusammen. Melanie drückte sich eng an sie, und ihnen wurde zum ersten Mal peinlich bewusst, wie lange sie sich nicht mehr gewaschen hatten. Aber das war jetzt gerade nicht so wichtig. Sonjas Herz hämmerte in ihrer Brust, als sie nach oben schaute. Es war noch nicht ganz dunkel. Der Felsen war schwarz und die Welt dunkelgrau. Etwas Schwarzes glitt über ihnen durch das Grau, ein langer, flossenbewehrter Körper wie von einem Fisch. Mit jeder Flossenbewegung kam das Knarren und Brummen. Ein träger Schlag mit der langen Schwanzflosse, und das Wesen verschwand in der Dunkelheit.
Melanie stieß ein Ächzen aus. „Was war das?“
Ein Kenach, sagte Eisfeder. Still!
„Und was -“ Mit einem Schreckenslaut brach sie ab.
Von unten hatten sie nicht erkennen können, wie groß dieser Fisch war, weil sie die Entfernung nicht schätzen konnten. Aber jetzt war er plötzlich vor ihnen. Aus der Finsternis kam ein kofferraumgroßes Maul voller schrecklicher Zähne geradewegs auf sie zu, und nun war es mit dem Verstecken vorbei. Sonja und Melanie schrien wie am Spieß.
Der Kenach warf sich zur Seite. Vielleicht war er nicht daran gewöhnt, dass sein Abendessen ihn ankreischte. Er glitt an ihnen vorbei und war mindestens zehn Meter lang, vielleicht noch mehr. Er verschwand und kam dann zurück, um sich genauer anzusehen, was da so schrie. Erst glitt das Maul an ihnen vorbei, dann eine Mauer aus glatter, scheckig gemusterter Haut, dann ein tellergroßes schwarzes Auge, das die beiden Mädchen anstarrte.
Dann glitt das Auge weg, das restliche Riesentier folgte, drehte ab und kam erneut mit sämtlichen Zähnen auf sie zu.
Flach auf den Boden!, rief Eisfeder.
Jetzt kreischten sie nicht mehr. Sie machten sich so platt wie möglich und hielten die Luft an. Eisfeder begann wieder zu leuchten, sprang vor dem riesigen Maul zur Seite und gleißte hell auf. Der Kenach schnellte herum und schnappte nach ihr. Die schrecklichen Kiefer krachten aufeinander. Das Licht verschwand, aber sofort war es wieder da. Eisfeder galoppierte ein Stück weit davon, hielt an, bäumte sich auf und stieß einen herausfordernden Schrei aus.
Die riesige Schwanzflosse knallte gegen den Felsen über Melanie und Sonja, und dann glitt der Kenach hinter dem weißen Einhorn her. Steine krachten herunter, und Melanie schrie. Sonja zuckte hoch. „Was? Was ist los? Hast du dich verletzt?”
„Mein Rücken, es tut so weh -”
Bleibt liegen!, schrie Eisfeder in ihren Köpfen, und in der nächsten Sekunde war der Kenach wieder da. Ein gigantischer schwarzer Schatten, ein Maul voller Zähne, ein Auge voll tückischer Intelligenz. Wieder krachte die Schwanzflosse über ihnen gegen die Felsen. Offenbar hatte das Monster sofort begriffen, wie es seine Beute aus ihrem Versteck treiben konnte, und es schien auch zu erkennen, dass der weiße Happen vor seinem Maul keine vernünftige Mahlzeit war. Es ignorierte Eisfeder und knallte erneute die Schwanzflosse gegen den Fels. Ein paar Steinbrocken fielen herunter, und eine davon traf Sonjas Schulter. Sie schrie auf. Doch weitere Steine folgten nicht; der Kenach wollte sie heraustreiben, nicht verschütten.
Das hat keinen Sinn, sagte Eisfeder. Das ist völlig unsinnig. Und damit – war sie einfach verschwunden.
„Eisfeder!”, schrie Melanie. „Wo gehst du hin? Komm zurück!” Der Schrei endete in einem Hustenanfall.
Aber das weiße Einhorn war weg. Der Nebel war dunkelgrau und undurchdringlich, und über dem Felsen glitt der riesige Dämonenfisch hin und her und lauerte darauf, dass seine Beute sich bewegte. Sonja umklammerte ihre schmerzende Schulter und drückte sich gegen den kalten, harten Stein. Irgendwann würde sie einsehen müssen, dass sie einfach nicht dazu geschaffen war, sich mit erhobenem Schwert in die Schlacht zu stürzen. Aber selbst für eine mächtige Kriegerin wäre das hier ein bisschen zuviel gewesen – eine verzweifelte Familie zu Hause, ein Freund unter Mordverdacht, eine Königin, deren Seele gefangen war, ein König, der vor Kummer den Verstand verloren hatte, irgendwo auf ihrer Spur ein Monster, das Seelen fraß, und direkt über ihren Köpfen ein hungriger Dämon, der an ihren Seelen ganz und gar nicht interessiert war. Und nun war auch noch ihr weißes Geistereinhorn verschwunden. War das vielleicht ein bisschen ungerecht? Oder hatten sie einfach alles falsch gemacht, weil es keine Prophezeiung mehr gab, an der sie sich entlanghangeln konnten? Woher sollte man in diesem Chaos überhaupt noch wissen, was richtig und was falsch war? Und würde ein Schwert ihnen auch nur das geringste bisschen nützen?
Die Eingeweide des Kenach ergossen sich in einem blutigen SCHLOMP über Sonja und Melanie, vom Himmel erstrahlte ein weißes Licht, und eine ehrfurchtgebietende Stimme verkündete: DAMIT SIND ALL EURE PROBLEME GELÖST. GEHET HIN IN FRIEDEN. UND IM NEBEL.
„Was gibt’s da so blöd zu kichern?”, fauchte Melanie, und Sonja stopfte sich ihren Stofffetzen in den Mund.
„Sorry.”
„Sie ist weg! Sie hat gesagt, dass sie bei mir bleibt, und dann haut sie einfach ab! Und du lachst auch noch!”
„Tut mir leid! Ich hab nicht darüber gelacht!”
„Gut zu wissen! Das hier ist nämlich nicht lustig!”
„Ich weiß.”
Wenn sie Glück hatten, verlor der Kenach einfach irgendwann das Interesse und schwamm/flog/glitt weg. Oder der Seelendieb kam doch endlich hinter ihnen her und fraß sie einfach auf. Oder noch besser: der Seelendieb kam und griff den Kenach an, und während sie sich gegenseitig fraßen, konnten Sonja und Melanie wegkriechen und …
… nicht etwa nach Parva zurückkehren.
Sondern noch tiefer in dieses Nebelmeer hinein. Wo das nächste Monster schon auf sie lauerte.
Wahrscheinlich waren noch nie zwei Heldinnen so unvorbereitet auf eine so gefährliche Reise geschickt worden. Eisfeder hatte Recht: das hier war vollkommen sinnlos.
Ganz kurz dachte Sonja an Nachtfrost. Noch vor ein paar Tagen hätte sie jetzt mit aller Kraft an die magische Verbindung zwischen ihnen gedacht und versucht, ihn mit ihren Gedanken zu Hilfe zu rufen. Wahrscheinlich hätte er sie sogar gehört, denn er war ja irgendwo hier in diesem Nebelmeer, also vielleicht gar nicht so weit entfernt. Und noch wahrscheinlicher wäre er auch sofort losgaloppiert, um sie zu retten.
Aber vielleicht stimmte das ja gar nicht mehr. Schließlich hatte er sie auf Gut Stettenbach einfach stehengelassen und war nach Parva zurückgekehrt, um irgendwas zu tun, von dem sie nicht einmal wusste, was es war. Er hatte sie genauso im Stich gelassen wie Eisfeder jetzt Melanie. Vielleicht hatten die Einhörner einfach keine Lust mehr, mit den beiden Mädchen herumzuziehen. Und um es ganz deutlich zu sagen: Sonja war verletzt, enttäuscht und stinksauer auf ihr persönliches Einhorn. Natürlich wusste sie, dass das idiotisch war, schließlich waren Nachtfrost und Eisfeder keine Kuscheltiere, die ihnen rund um die Uhr zur Verfügung stehen mussten. Und wahrscheinlich hatten sowohl Nachtfrost als auch Eisfeder gute Gründe, um für eine Weile ohne Erklärung zu verschwinden. Aber sie war trotzdem sauer. Und sie würde Nachtfrost nicht bitten, sie zu retten.
Leider hieß das, dass sie sich selber retten mussten, und das war nicht so einfach. In Gedanken ging Sonja den Inhalt ihres Rucksacks durch. Leere Limoflasche. Ersatzpullover. Warme Bettsocken. Ein mickriges Messer, das nicht einmal die Haut des Kenachs ritzen würde. Flöte. Das nutzloseste Geschenk, das sie je erhalten hatte. Noch nie hatte sie diese Flöte für irgend etwas verwenden können. „Zum Musikmachen”, hatte Ganna gesagt – sollte sie dem Dämon vielleicht ein Lied vorspielen? Womöglich hatte sie damit sogar Erfolg – sie konnte nicht Flöte spielen, und das schauerliche Gepfeife würde den Kenach ganz sicher in die Flucht schlagen. Oder er wurde so wütend, dass er seinen Hunger vergaß und den gesamten Felsen über ihnen zu Klump schlug.
„Melanie, hast du irgendwas Nützliches in deinem Rucksack?”, flüsterte sie.
„Nein. Kannst du nicht mit dem Vieh reden?”
„Ich weiß nicht. Ich glaube nicht.”
„Versuch’s! Sonst sitzen wir in zehn Jahren noch hier!”
Sonja antwortete nicht. Stattdessen erinnerte sie sich an das scheußliche Gefühl, etwas wirklich Widerwärtiges, Krankes und Böses zu berühren, wann immer sie in Kontakt mit einer Dämonenseele gekommen war. Der Spürer, das Würmermaul, Teirashna, der Riss, die Rennschnecken und wie sie alle hießen… und das Schlimmste war, dass sie einen Teil von sich selbst an den Riss verloren hatte. Ein winziger Teil von ihr war nun ein Teil der Krankheit, der diese Welt zerstörte. Davon wusste Melanie nichts; niemand wusste es. Aber Nachtfrost würde es wissen, sobald sie ihm das nächste Mal begegnete.
Ich kann das nicht, dachte sie. Nicht noch einmal.
Melanie schrie. Das riesige Maul des Kenach schabte direkt über ihnen über den Felsen, und waren das etwa Funken, von den Zähnen geschlagen?
„Sonja, tu irgendwas!”
„Ich kann nichts machen!”, schrie sie zurück.
„Ja toll, ich doch auch nicht!”
Der Kenach drehte ab, kam zurück und warf sich mit seinem gesamten Gewicht gegen den Felsen. Steine regneten auf Sonja herab. Sie riss die Arme über den Kopf, um sich zu schützen, und in dem Krachen hallte Melanies Schrei in ihr nach.
Ja toll, ich auch nicht!
Ja toll, ich…
Toll…
Troll.
Troll!
Fast hätte sie das Wort geschrien. Wie konnte sie nur so dumm sein? Sie konnte weder mit dem Nebel noch mit dem Kenach reden, aber hier lag sie direkt unter einem Felsen, und vielleicht war das ein Troll! Wenn ja, dann war er vielleicht auch nicht so glücklich darüber, von einem Dämonenfisch angegriffen zu werden. Und vielleicht konnte er ihnen helfen!
Aber sofort meldete sich ihr Verstand. Der Felsen konnte kein Troll sein. Kein Wesen von Parva würde freiwillig in diesem giftigen Nebel bleiben. Sicher hatten alle Trolle das Weißmeer längst verlassen.
„Sonja!”, kreischte Melanie.
„Sei still! Ich versuche mit dem Felsen zu reden!”
„Mit dem – bist du – oh! Ein Troll? Ist es ein Troll?”
„Weiß nicht. Jetzt lass mich -”
„Schon gut, schon gut.” Melanie hielt tatsächlich den Mund, aber dann hörte Sonja mehrere Aufschläge von Stein auf Stein.
„Was machst du?”
„Ich werfe Steine weg, um ihn abzulenken.”
Aber der Kenach war nicht dumm und merkte sofort, dass dort keineswegs eine andere Beute darauf wartete, sich fressen zu lassen. Ein Schwung mit der Schwanzflosse trieb ihn ein paar Meter weg, der nächste trieb ihn zurück. Und nun versuchte er eine neue Taktik. Er schob das Maul ganz dicht an den Felsen, kaum einen Meter über der Stelle, an der Melanie lag, und schlug erneut heftig mit dem Schwanz, so dass der ganze riesige Körper wie ein Rammbock nach vorne stieß. Der Felsen schwankte, und der Kenach stieß gleich noch einmal zu, ermutigt durch seinen Erfolg. Sonja hatte nicht geglaubt, dass irgendein Wesen diesen Felsblock bewegen konnte, aber jetzt begriff sie, dass der Kenach ihn einfach wegrollen würde. Und dann waren sie ihm hilflos ausgeliefert wie ein paar Käfer, wenn man plötzlich eine Gehwegsplatte hochstemmte.
Sie schloss die Augen und horchte in die Dunkelheit. Das war nicht so einfach, während ihr Herz so laut schlug, dass man es vermutlich bis nach Chiarron hören konnte. Aber inzwischen hatte sie ein Gefühl für ihre seltsame Gabe bekommen, auch wenn sie noch immer nicht wusste, warum ausgerechnet sie als Seelentauscherin geboren war und nicht jemand anderes. Doch darüber dachte sie jetzt nicht nach. Sie horchte in die Stille hinter dem Krachen und Knarren des Steins, suchte nach dem Frieden von Parva, den die Trolle wie kein anderes Volk verkörperten. Das Weißmeer war einst ein ganz normales Meer gewesen; Spuren davon mussten doch noch zu finden sein! Aber so sehr sie auch suchte, sie fand nichts. Das Schweigen im Nebel war nur Leere. Alle lebendigen Wesen dieses Meeres waren vor langer Zeit gestorben, geflohen oder von den Dämonen übernommen worden.
Vor Enttäuschung fing sie fast an zu weinen, doch dann riss sie sich zusammen. Jetzt war nicht der richtige Augenblick, um herumzuheulen. Sie tauchte noch tiefer in den Stein, suchte und suchte zwischen seltsamen Maserungen, eingeschlossenen Luftblasen, Fäden aus Metall, grobkörnigem Fels… dort war kein Bewusstsein, aber es war auch nicht nichts. Im Inneren des Steins war eine ganze Welt eingeschlossen, über Jahrmillionen zusammengepresst und miteinander verschmolzen. Es war auch nicht schwarz. Überall sah sie Farben: Bänder aus Gold und Ocker, graue Schlieren, schwarze Kanten, grüne und braune Einsprengsel und Edelsteine, deren Namen sie nicht kannte. Im Inneren des Steins herumzuwandern war so schön, dass sie beinahe vergaß, was sie hier eigentlich wollte. Doch ein heftiger Stoß erinnerte sie nur zu bald wieder an die Gefahr.
Der Felsen bewegte sich. Sonja spürte, wie er wankte und ein uraltes Gleichgewicht sich verschob. Der Kenach, der während des gesamten Angriffes bisher völlig still geblieben war, gab ein knarzendes Geräusch von sich wie eine Tür, die hundert Jahre lang nicht geöffnet worden war. Der nächste Stoß war viel stärker, und der Felsen geriet über Sonja und Melanie in Bewegung, hing einen entsetzlich langen Augenblick in der Schwebe und fiel dann mit einem Donnern zurück. Melanie stieß einen gellenden Schrei aus – „Mein Fuß! Mein Fuß!” -, und Sonja wurde von Wut und Entsetzen gepackt, dachte nicht mehr nach und schleuderte das gesamte Millionen Jahre alte Gewicht des toten Steins in das Bewusstsein des Kenach.
Das Monster stieß ein gurgelndes Dröhnen aus und krachte auf den Boden, als sei ein Gebirge über ihm eingestürzt. Sonja krabbelte zu Melanie hin, die heulend versuchte, ihr Bein aus einem Felsspalt zu befreien. „Melli! Melli, warte, ich helfe dir -”
„Es tut so weh”, schluchzte Melanie, „ich bin eingeklemmt – das Vieh, wo ist das Vieh?”
Sonja warf einen Blick über die Schulter. In der Finsternis konnte sie den Kenach nicht sehen, aber ein Teil von ihr steckte noch immer in dem Felsen, und sie spürte, wie das gewaltige Gewicht das Ungeheuer auf den Boden drückte. Der Kenach schlug donnernd mit dem Schwanz auf den Boden, aber da das Gewicht nicht auf seinem Körper, sondern auf seinem Bewusstsein lastete, wusste er nicht, wie er es loswerden konnte. Sonja wunderte sich nicht einmal, wie ihr das gelungen war. „Der stört uns jetzt erst mal nicht mehr. Halt still, ich versuche -”
„Auuuuu!!!”
So hatte es keinen Sinn. Sonja kramte das Messer aus dem Rucksack. „Halt still! Ich versuche, den Boden unter deinem Bein zu lockern. Wir können -”
„Ich will hier weg”, schluchzte Melanie. „Ich hasse den Nebel! Ich hasse diesen bescheuerten König! Wir wollten doch helfen, verdammt nochmal!” Die letzten Worte gingen in einem heftigen Hustenanfall unter.
Und sie hatte Recht. Dieses neueste Abenteuer war von Anfang an eine Katastrophe gewesen. Alles war schiefgegangen, niemand hatte ihnen geholfen, und mit all ihren Mühen hatten sie überhaupt nichts erreicht. Sonjas Verstand murmelte, dass das nicht so ganz stimmte, aber sie weigerte sich, auf ihn zu hören. Am liebsten wäre sie einfach nach Hause zurückgereist, aber ohne die Spiegel und ohne Nachtfrost ging es nicht. Sie kratzte mit dem Messer zwischen Steinen und Erde herum, bis Melanie ihr Bein endlich ein wenig bewegen konnte. Herausziehen konnte sie es noch nicht, aber wenigstens lastete der Felsen jetzt nicht mehr darauf. Eine harte Kante hatte sich tief in die Haut gedrückt, und unter ihren tastenden Fingern spürte Sonja glitschiges Blut. Sie zog ihren Ersatzpullover aus der Tasche und wickelte ihn vorsichtig um das Bein. Danach saßen sie dicht beieinander an den Felsen gelehnt, starrten in die Finsternis und hörten zu, wie der Kenach immer noch gegen das schreckliche Gewicht kämpfte. Er tat Sonja jetzt sehr leid. Sie hatte einmal ein Bild von einem Wal gesehen, der an einen Strand getrieben und unter seinem eigenen Gewicht erstickt war. So ähnlich musste sich wohl auch dieses Tier jetzt fühlen.
„Was ist mit ihm?”, fragte Melanie. „Was hat der Troll mit ihm gemacht?”
Sonja erinnerte sich, dass sie es ja noch gar nicht erzählt hatte. „Das war kein Troll. Nur ein toter Felsen. Er …”, sie zögerte, „hat ihn wohl irgendwie verletzt.”
„Wie kann ein toter Felsen ihn verletzen?” Offenbar hatten die Schmerzen Melanies Gehirn nicht beeinträchtigt. „Das kann doch nicht sein. Du warst das, oder? Was hast du gemacht?”
„Ich weiß nicht. Ich war wütend.”
„Wow”, sagte Melanie. „Erinnere mich daran, dich nicht wütend zu machen. Aber hättest du nicht wütend werden können, bevor er mir das Bein zerschmettert hat?”
„Es ist ein Kratzer! Und ich weiß nicht mehr genau, was passiert ist!” Das stimmte nicht, aber sie wollte wirklich nicht darüber reden. Offenbar hatte sie ihnen das Leben gerettet, aber je länger Sonja dem Kenach zuhörte, desto schlechter fühlte sie sich. Er hatte eigentlich nur Hunger gehabt. Ihr Mitleid ging nicht so weit, dass sie sich fressen lassen wollte, aber je länger die Nacht dauerte, desto deutlicher war, dass der Kenach sich nicht selbst befreien konnte. Irgendwann würden kleinere Dämonen kommen und ihn angreifen, und er würde sich nicht wehren können.
Wir konnten uns auch nicht wehren, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf.
Doch, antwortete sie. Ich habe ihm einen Felsen ins Gehirn geworfen.
„Und was machen wir jetzt?”
„Warten, bis Eisfeder zurückkommt.” Etwas anderes konnten sie nicht tun. Also kuschelten sie sich frierend und hustend aneinander und sehnten sich nach ihren warmen Betten und einem Ende des Nebels.

Sie mussten wohl eingedöst sein, denn das nächste, was Sonja hörte, war das schönste Geräusch der Welt: Hufschlag ganz in ihrer Nähe. Sie fuhr hoch und schrie: „Nachtfrost!”
„Bist du übergeschnappt?”, fauchte Melanie, aber Sonja beachtete sie gar nicht. Wild starrte sie um sich, aber überall war nur lähmende neblige Dunkelheit. Doch dann wurde es in einiger Entfernung ein wenig heller. „Nachtfrost?”
Lauf nicht los, kam die vertraute dunkle Geiststimme, und sie hätte heulen können vor Erleichterung. Hier sind überall Löcher und Spalten im Boden.
Der Hufschlag kam näher, so ruhig und gelassen, als steckten sie nicht alle in einem Nebelmeer voller Dämonen und Monster, und dann erkannte Sonja das schimmernde Horn und die fedrige weiße Mähne und ein vertrautes Schnauben, und dann stand ihr Einhorn vor ihr, senkte den Kopf und stupste sie ganz leicht mit dem Maul an. Ich habe dich vermisst.
Sonja warf die Arme um seinen Hals und drückte sich ganz fest an ihn, und natürlich heulte sie nicht, sie war ja kein kleines Kind, und das nasse Zeug in ihrem Gesicht waren auch keine Tränen. Und der Kloß im Hals war ganz normal, und sie brauchte auch gar keine Stimme, um mit Nachtfrost zu sprechen. Warum bist du weggegangen? Warum hast du mich alleingelassen? Aber bevor er antworten konnte, fiel ihr etwas ein, und plötzlich war der Kloß im Hals weg. „Nachtfrost, Melanie ist verletzt! Ihr Bein ist eingeklemmt, und ich kriege sie nicht da raus -”
Wenn ich ihr helfen soll, musst du mich loslassen.
„Kommt nicht in Frage.”
Er schnaubte belustigt, und natürlich ließ sie ihn doch los, denn sie war ja kein Kind mehr. Und außerdem konnte sie sich dann unauffällig mit dem Ärmel über die Augen wischen und sich ebenso unauffällig die Nase putzen. Der große, schwarze, nach Einhorn riechende Schatten wandte sich ab und trottete zu Melanie hin. Er blieb stehen und schien zu lauschen, dann sagte er: Dieser Felsen kann sich nicht selbst bewegen. Ich werde mich dagegenlehnen, und du ziehst Melanie raus. Aber erst musst du den Kenach freilassen.
Der Kenach! Sonja hatte ihn ganz vergessen. Rasch drehte sie sich um und spähte in die Finsternis, aber dort war alles still. „Wo ist er denn?” Und plötzlich war ihr ganz schlecht vor Schreck. „Ist er … ist er tot?”
„Dann könntest du ihn doch nicht freilassen.” Bei allem Schmerz und Husten und aller Müdigkeit und Kälte schaffte Melanie es immer noch, klarer zu denken als sie.
Sonja knurrte bloß. „Wenn ich ihn freilasse, greift er uns doch an!”
Möglich, erwiderte Nachtfrost. Aber wenn du es nicht tust, stirbt er.
„Aha.” Eine böse kleine Stimme in ihr flüsterte: Dann wäre er wenigstens keine Bedrohung mehr, und sie erschrak vor sich selbst. Nachtfrost hatte Recht, sie konnte den Kenach nicht einfach hier sterben lassen! Sie hatte jetzt ohnehin ein schlechtes Gewissen, weil sie ihn die ganze Nacht hindurch auf den Boden gezwungen hatte. „Und wie mache ich das?”
Ruf das Gewicht zurück in den Felsen, wo es hingehört. Danach kann ich ihn bewegen.
Ruf das Gewicht zurück … Das Blöde an dieser ganzen Seelentauscherei war, dass niemand Sonja jemals erklärt hatte, wie man eigentlich damit umging. Nur Nachtfrost hatte ihr manchmal einen kurzen Hinweis gegeben, aber alle anderen waren mit dieser Gabe der Göttin genauso überfordert wie sie. Und hatte sie nun eigentlich die Seele des Felsens in den Kenach gezwungen? War es das Gewicht, das einen Stein definierte? Und wenn der Stein tot war, wie konnte er dann noch eine Seele haben?
„Jetzt mach doch endlich! Das tut weh!”
Sonja zuckte zusammen. Rasch stopfte sie ihr schnodderiges Taschentuch in die Hosentasche und legte die Hände auf den eiskalten Stein. Und was jetzt? Ich habe keine Ahnung, dachte sie kläglich und horchte in die Dunkelheit.
Ich bin hier oder Hier bin ich und ähnliche Feststellungen halfen ihr jetzt nicht weiter. Ihr war schon klar, dass es jetzt nicht um sie ging, sondern nur um den Kenach und den Felsen. So, wie es auch in der Nacht nicht um sie gegangen war, sondern darum, Melanie zu retten. Sie hatte nicht darüber nachgedacht, wie großartig diese Gabe des Seelentausches war. Sie hatte nur Angst um Melanie gehabt. Jetzt hatte sie auch Angst – um sie beide. Wenn der Kenach sie nun wieder angriff? Er war halb Tier, halb Dämon, sie konnte nicht mit ihm reden. Und Nachtfrost konnte hier unten zwar offenbar überleben, aber vielleicht war er in diesem giftigen Geisternebel nicht so mächtig wie in Parva. Schließlich war die Welt selbst hier verwundet und krank. Der Kenach war ein Teil dieser Krankheit. Und Sonja erinnerte sich, dass schon einmal ein Dämon stärker gewesen war als ihr geliebtes Einhorn.
Melanie hatte Nachtfrost damals gerettet.
Hör auf zu denken, dachte sie. Tu es einfach. Wir schaffen das zusammen. Schlimmstenfalls mache ich das mit dem Felsen nochmal.
Tu es einfach…
Noch immer hatte sie die Augen geschlossen und die Hände auf dem kalten Stein. Und jetzt merkte sie, dass ihr alles wehtat. Jeder Muskel in ihrem Körper war verkrampft und verspannt. Vielleicht war es nur die Folge dieser schrecklichen Nacht in Kälte und Finsternis, vielleicht aber auch eine Folge des mindestens ebenso schrecklichen Zaubers, mit dem sie ihr Bewusstsein in die Leere des Steins gezwungen hatte.
Lass los, dachte sie. Er hat uns die ganze Nacht über beschützt, aber jetzt ist es genug. Er muss kein Troll sein, er muss nicht antworten, er muss einfach nur Stein sein.
Sie musste gar nicht in den Stein hineinhorchen. Sondern wieder in sich selbst.
Sie nahm die Hände von dem kalten Stein und rieb sie aneinander, um ein wenig Wärme zurückzubringen. Ihre Füße waren taub vor Kälte, ihre Schultern schmerzten, sie hatte Hunger und Durst, ihr Hals war wund vom Husten und der giftigen Luft. Jetzt erst spürte sie all das wieder, und nun begriff sie auch, was das bedeutete.
Ich war der Stein. Die ganze Nacht.
Sie ließ los und spürte, wie das gesamte lastende Gewicht aus ihrem Kopf und aus dem des Kenach verschwand. Und dann spürte sie noch etwas – kein Leben, kein Bewusstsein, nur drei Worte, die von fern heranwehten und vergingen.
suche
das
herz
Danach war es still. Der Kenach löste sich vom Boden und schwebte ein paar Meter nach oben, dann hielt er an. Sekundenlang bewegte sich niemand, und Sonja brauchte den Seelentausch nicht, um zu spüren, wie wütend, hungrig und verwirrt das Tier war. Sie hielt den Atem an. Würde der Kenach sie angreifen? Um sich zu rächen?
Er stieß einen Laut aus, der wie ein fernes Grollen klang. Dann schnellte er sich herum und schoss mit einem gewaltigen Schwanzschlag in die Dunkelheit davon. Und jetzt sahen sie, dass die Dunkelheit nicht mehr schwarz war, sondern dunkelgrau. Der Tag kam. Die schreckliche Nacht war endlich vorbei.

***

One thought on “NB 8: Das Geheimnis von Chiarron”

  1. Liebe Astrid, ich bin eine sehr begeisterte Leserin von der Nebelbrücke. Ich bin schon beim letzten Buch. Meine Mutter ist nun verzweifelt, dass ich vielleicht nicht mehr lesen möcht, wenn ich das Buch fertig habe. Da ist meine Mutter auf deine Seite gestoßen, und da hat sie gelesen: Dass du einen neuen guten fairen Verlag suchst, damit du wieder gut schreiben kannst. Da wir eine sehr gute Freundin haben, die einen Verlag hat, hatte ich die Idee, dass du evntuell mal per E-Mail Sie kontaktierst. Dies ist die E-Mail adresse: Frau Carmen Schöll: didactus@web.de.
    Ich fände es toll, wenn es noch viele Bücher von Der Nebelbrücke geben würde 🙂
    (ich bin verrückt nach den Büchern ;P)
    Deine Freya

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