Prolog - 1. Kapitel - 2. Kapitel - 3. Kapitel - 4. Kapitel - 5. Kapitel - 6. Kapitel - 7. Kapitel - 8. Kapitel - 9. Kapitel

Die Übernahme

Winter 1500

Das Chaos im Hof hatte sich in einen bestens geordneten, düsteren, aber prunkvollen Trauerzug verwandelt. Zwanzig offene, von Vierergespannen gezogene Kutschen standen in einer schnurgeraden Reihe nebeneinander zwischen den hohen Gebäuden. Darin saßen die Fürsten und Fürstinnen von Ryondar und die Angehörigen des Hochadels. Hinter ihnen warteten die Soldaten der königlichen Leibwache auf ihren Pferden. Vor der Reihe standen drei einzelne Kutschen, jede davon mit rotem und schwarzem Stoff ausgeschlagen. Eine Kutsche war leer, denn der Waffenmeister Draenog und der Zunftmusikant Corrach, die in ihr hätten sitzen sollen, waren mit ihrem Herrn am Tharpaß ermordet worden. Blaenor, der einzige überlebende Berater des Königs, schritt zu dieser Kutsche und nahm mit Hilfe eines Dieners Platz. In der zweiten Kutsche saßen die Prinzen und Prinzessinnen von Ryondar: Semantha und ihr Zwillingsbruder Sethem, der sich auf einem Pferd deutlich wohler gefühlt hätte; der dreizehnjährige Gordian, der unruhig auf seinem Platz herumzappelte; und die zehnjährige Ranith, blaß und verweint, wobei es nicht ihr Vater sein konnte, um den sie trauerte, da er sich in ihrem ganzen Leben keine zwei Stunden mit ihr beschäftigt hatte.

Auf dem dritten Wagen war die Leiche des ermordeten Königs aufgebahrt worden.

Acht Wochen war es her, daß Argon ihn vom Tharpaß heimgebracht hatte, doch die Heiler hatten den Körper einbalsamiert, so daß es - bis auf die gelbe, fleckige Haut - aussah, als sei er erst vor einer Stunde gestorben. Man hatte ihm die Kleider angelegt, in denen er vor elf Jahren gekrönt worden war: ein prächtiges Gewand aus weißem und dunkelgrünem Samt, auf dem Edelsteine funkelten, weiße Stiefel und einen Mantel aus weißen, schwarzgefleckten Sarbpelzen. Um seinen Hals trug er den shajin , einen schmalen, massiven Goldreif, der, mehr noch als die edelsteinbesetzte Krone auf seinen grauen Haaren, das Zeichen der Königsherrschaft über Ryondar war. Da er im Kampf gefallen war, hatte man ihm sein blankgezogenes Schwert auf die Brust gelegt und seine blutleeren Hände um den Griff geschlossen. Sein Gesicht war wie eine Maske aus gelblichem Wachs, Brauen und Mund schmale dunkle Striche.

Es war ein hartes, kantiges Gesicht, dessen Ausdruck im Tod noch ebenso streng und unnachgiebig war wie im Leben. Corellan Meret, der zweiundzwanzigste König von Ryondar, hatte in seinem Leben weder inneren noch äußeren Frieden gekannt; von Jähzorn und quälender Unrast getrieben, hatte er seine Familie, seinen Hof und sein Volk in ständiger Angst gehalten. In seinem Herzen hatte ein bösartiger Dämon gesessen, nur Kampf und Zerstörung hatten ihm Befriedigung bringen können, aber selbst diese Befriedigung hatte nie lange angehalten, und der Dämon war rasch wieder hungrig geworden.

Es war ein Dämon, der in allen Mitgliedern der Königsfamilie steckte, ein Hunger, der nie endgültig gestillt werden konnte. Der erste von ihnen, Elgerion, der Ryondar zu einem Königreich zusammengeschlossen hatte, war aus einem fremden Land gekommen: ein Erbe der Fremdheit hatte sich durch dreiundzwanzig Generationen erhalten. Es gab drei Völker in Ryondar: die stolzen Anturier, die schnellen, gerissenen Ryondari und das unterworfene kardische Bauern- und Fischervolk. Elgerions Nachkommen hatten sich mit Ryondari und Anturiern vermischt - niemals mit Kardian -, aber stets hatte sich dabei ein Element erhalten, das ihnen ebenso unverwechselbar eigen war wie die schimmernden blauschwarzen Haare, die bleiche Haut, der kalte Blick leuchtendblauer Augen. Sie waren wild, stolz und unberechenbar; sie waren grausam und ehrgeizig, und ihr einziges Interesse galt der Macht. Sie kümmerten sich nicht um den Ruhm und strebten nicht nach Frieden, und für die Tore hatten sie kaum mehr als beiläufige Achtung übrig; ganz sicher keine Ehrfurcht. Der Dämon in ihnen erlaubte ihnen keine Demut und keine Unterwerfung, und ihre Machtkämpfe gegeneinander hatten das Land immer wieder in einen Strudel aus Tod und Zerstörung gerissen.

Corellan Meret 22 war davon keine Ausnahme gewesen. Gewalt hatte ihn durchs Leben begleitet, Gewalt hatte es beendet, und solange seine Seele noch in seinem toten Körper gefangen war, gab es für ihn keine Hoffnung auf Frieden. Ohnehin war es schwierig zu glauben, daß die Seelen der Könige von Ryondar sich nach dem Tod plötzlich nach dem Frieden sehnen sollten, wenn sie doch im Leben dafür nichts als Verachtung übriggehabt hatten. Böse Stimmen behaupteten, das fremde Element in ihnen hindere sie daran, das Letzte Tor zu durchqueren und Giltinés Blühende Gärten zu betreten; bis ans Ende der Zeit seien sie verurteilt, danach zu suchen. Ein einziger Blick auf das Gesicht des toten Königs genügte, um diesen Glauben zu stärken. Seine zornige Suche hatte ihn in die Dunkelheit geführt, und sie würde niemals enden.

Zweihundertfünfzig Menschen sahen schweigend zu, wie der Kronprinz von Ryondar sich vor der Leiche seines Vaters verneigte, bevor er sich abwandte und zu seinem Pferd trat. Das Tier war ein schwarzer Vollbluthengst aus madheriantischer Zucht, der ihn bereits durch die Grenzberge im Norden getragen hatte und ihn nun mit einem freudigen Schnauben begrüßte. Der Stallmeister reichte ihm die Zügel, und er saß auf. Aus dem Sattel blickte er geradewegs auf die Leiche; dieses Bild hatte er jetzt auf dem ganzen Weg den Berg hinunter und bis zum Tempel vor sich.

Der Stallmeister trat zurück und gab dem Kutscher des Leichenwagens einen Wink. Der Mann schnalzte leise und trieb die Pferde an. Argon folgte ihm. Ein Gespann nach dem anderen setzte sich in Bewegung, eine Kutsche nach der anderen rollte über den Hof und durch den dunklen Bogen des Äußeren Tores. Die Soldaten bildeten den Abschluß.

An einem Fenster des Hauses stand Salimna ar-Vrin. Reglos, mit fest zusammengepreßten Lippen und geballten Fäusten blickte sie dem langen Zug nach, und ihre Fingernägel hinterließen rote Spuren in ihren Handflächen.

v

"Auf geht´s", sagte Qedi.

Ihre Gefährten standen bereitwillig vom Tisch auf und griffen nach ihren Mänteln. Korred schnippte dem Wirt der Brücke einen skiim zu; der Mann fing das Geldstück geschickt auf und steckte es in die Tasche seiner Schürze. Shôr schnappte sich noch ein Stück Brot, tunkte es in die Suppenschüssel und steckte es ebenso rasch und geschickt in den Mund.

Qedi stand einen Moment still. Der schwarze Haarschopf ihres Sohnes zog ihren Blick auf sich. Sie hatten sich deswegen schon häufig neugierige Fragen gefallen lassen müssen; in diesem Land galten schwarze Haare als eindeutiges Zeichen königlicher Abstammung. Meistens hatten sie die lästigen Frager mit dem knappen Hinweis, daß sie Ausländer waren, abgewiesen - und nein, natürlich kamen sie nicht aus einer Gegend, in der Zauberei betrieben wurde.

"Ein neuer König", sagte sie. "Shôr, er ist gerade vier Jahre älter als du."

Der Junge zuckte die Achseln. "Ich bin froh, daß er es ist und nicht ich. Ich möchte nicht König sein."

"Wer will das schon?" sagte sein Vater.

"Erinnert mich an diese Frage, wenn ich gekrönt werde", sagte der Fiedler. "König Korred! Wie klingt das?"

"Albern", sagte Qedi. "Laßt uns gehen."

Sie legten ihre Umhänge um die Schultern, verließen das Wirtshaus - und rannten geradewegs in die Khyalen hinein.

"Das glaube ich einfach nicht!" sagte Qedi, rappelte sich auf und klopfte sich den Staub von den Kleidern. "Ihr schon wieder? Seid ihr uns gefolgt?"

Die Iunier schüttelten hastig die Köpfe, der feindselige Mann in ihrer Begleitung zischte etwas, das nach einem Fluch klang. Qedi betrachtete ihn neugierig; einen anturisch-iunischen Mischling hatte sie noch nie gesehen. Er sah recht gut aus, wie alle Anturier, doch die viel zu hellen Augen störten erheblich. Bei den Iuniern hatte sie sich an diese Augen gewöhnt, aber in diesem anturischen Gesicht wirkten sie wie Fremdkörper... kaum menschlich.

"Wir gehen zum Tempelplatz", sagte Darralyn. "Wir wollen -" Er unterbrach sich, als Korred einfach an ihm vorbeistapfte.

Qedi seufzte lautlos. Es war eine Sache, ob man Iunier mochte oder nicht, aber grobe Unhöflichkeit war eine andere. Als Musikanten waren sie niemandem verpflichtet als ihrer Zunft, also war es nicht nötig, sich Leute zu Feinden zu machen. Es war auch nicht nötig, sie zu verachten; das Schicksal der Kardian ging die Zunft nichts an. "Kommt mit uns", sagte sie deshalb, um Korreds Grobheit auszugleichen; sie beabsichtigte keine übertriebene Freundlichkeit und war nicht überrascht, als die Iunier zögerten. "Vielleicht sollten wir das besser nicht tun", sagte Darralyn. "Wir wollen keinen Ärger machen."

Qedi schnaubte. "Wenn ich euch einlade, möchte ich mal denjenigen sehen, der etwas dagegen sagen kann! Kommt schon, sonst findet ihr keinen Platz mehr!"

"Was ist denn mit Euch?" fragte Etis neugierig.

"Wir gehen in den Tempel. Als Zeugen... wir gehen ja anschließend ins Land hinaus, um dem Volk von der Krönung zu erzählen." Sie warf einen Blick zum Himmel. "Falls wir vor dem ersten Schnee überhaupt noch rauskommen... wenn nicht, sitzen wir hier für den ganzen Winter fest."

"Das ist eine schreckliche Stadt", sagte Iveirdne unvermittelt heftig. Ihre Gefährten und die Musikanten blickten sie überrascht an.

"Schrecklich?" sagte Taornagh endlich. "Nein. Sie ist nur ein Ort, an dem viele Menschen zusammenleben. Eine Stadt ist ein Schmelztiegel, in dem sich alle menschlichen Eigenschaften vermischen. Häßliches und Schönes, überfließender Reichtum und bittere Armut, Böses und Gutes und langweiliger Durchschnitt - das alles ist hier. Und viel, viel mehr. Eine Stadt ist ein Wirbelsturm aus Geschichten, und wenn man aufmerksam durch die Straßen geht, nimmt man mit jedem Atemzug eine Geschichte auf. Jedes Gesicht ist eine Geschichte. Und alle zusammen sind Teil einer einzigen großen Erzählung."

Iveirdne schwieg. Sie verstand, was er sagte; hatte sie nicht gestern genau das empfunden, was er jetzt beschrieb? Aber all die Geschichten um sie herum hatten sie nur verwirrt und verängstigt, und ihr Heimweh nach Iunis war zu einem wütenden, nagenden Schmerz geworden. Sie wollte nach Hause, wo die Dinge einfach und klar waren. Bald würde sie wieder nach Hause fahren, und Ryondar würde von ihr abfallen wie eine zu schwere Last...

Aber Etis hörte mit leuchtenden Augen zu. Als Taornagh schwieg, wandte sich der Junge heftig zu ihm hin. "Ich möchte sie hören. Ich möchte dazugehören. Darf ich mit Euch gehen, é dan?"

Iveirdne und Darralyn starrten ihn verblüfft an. Aneurin, den das doch eigentlich gar nichts anging, schnellte zu ihm herum und schrie ihn auf kardisch an: "Bist du verrückt geworden?"

Auch die Musikanten waren eher bestürzt als erfreut. Korred stieß einen zornigen Fluch aus, drehte sich zu Qedi um und zischte: "Da siehst du, was du angerichtet hast!"

Die Harfnerin wechselte einen raschen, erschrockenen Blick mit Taornagh. "Das geht leider nicht", sagte sie endlich.

"Warum nicht?" beharrte der Junge, ohne sich um Aneurins Wut zu kümmern. "Zu Hause spiele ich die kappak - die Trommel bei den Tänzen. Und ich will lernen. Ich will mehr wissen. Und ich will -"

Er wurde unterbrochen. Aneurin, der dieses Gespräch aus irgendeinem Grund nicht aushielt, verpaßte ihm plötzlich eine harte Ohrfeige, die ihn nach hinten warf; dann drehte er sich um und fegte mit weiten Schritten davon. Im Nu war er in der Menschenmenge verschwunden.

Etis rappelte sich auf und hielt sich das Ohr. "Spinnt der?" sagte er wütend. "Was soll das denn? Was geht denn den das an, was ich will?"

"Er scheint uns nicht zu mögen", sagte Qedi. "Aber er hat recht, Etis - es geht einfach nicht. Es tut mir leid."

Etis öffnete den Mund - und schloß ihn wieder. Aber er sah nicht besiegt aus, nur eigensinnig und störrisch. Qedi ahnte, daß sie beim nächsten Mal nicht so leicht davonkommen würde.

Als die Tempelglocke zu läuten begann, machten sich die Musikanten und die drei Khyalen zusammen auf den Weg zum Platz des Weißen Baumes, um die Zeremonie der Tore mitzuerleben. Dort trennten sie sich. Qedi, Taornagh, Korred und Shôr betraten den Tempel. Die Khyalen blieben draußen.

v

"Neun Tore", sagte Blaenor. "Neun Wege zu den Blühenden Gärten, in denen wir Frieden finden. Nur wer von den Göttern zum Herrscher bestimmt ist, durchschreitet sie alle. Und nur wer sie durchschritten hat, ist würdig, den shajin zu tragen." Er verneigte sich und trat einen Schritt zurück, um den Weg freizumachen. "É sharinor."

Argon stand allein vor den Toren, den Symbolen für die Neun Wege zu den Göttern. Sie waren in einer geraden Reihe hintereinander errichtet wirden, jedes Tor zwanzig Schritte von dem nächsten entfernt. Selbst in der hohen, hell erleuchteten Halle des Inneren Tempels wirkten sie riesig und furchteinflößend; ein einzelner Mensch war vor ihnen sehr klein. Die Priester, die Fürsten und Würdenträger des Hofes und die Meister der Musikantenzunft standen in vorgeschriebener Entfernung und beobachteten ihn. Diese Reihe durchschritten nur die Könige; für Totenfeiern und Feste wurden kleinere, einzeln stehende Abbilder der Tore verwendet, die im Ring des Äußeren Tempels standen. Fackeln brannten rechts und links neben den Toren und hüllten die riesigen Bögen in flackerndes Licht.

Er blickte zu dem hohen Bogen empor, vor dem er stand. Es war das Neunte Tor, Kilaroé, eine gewölbte Wildnis aus Holz, Zweigen und Erde, geschmückt mit weißen Winterlilien und blaßgelben Tempelrosen. Kilaroé war das Tor der Erde, der Boden und die Ernte, das Tor aller Dinge, die wuchsen und blühten und die Menschen ernährten. Kilaroé war aber auch vor dreihundertfünfzig Jahren das blutrünstigste der Tore gewesen, dessen Anhänger ihm Menschen geopfert hatten, bevor König Aderon und eine abtrünnige Kilaroé-Priesterin namens Yanti dem schrecklichen Treiben ein Ende gemacht hatten. Erschaffen und Zerstören: an keinem anderen Tor hatten sich die Kräfte der Erde so deutlich gezeigt wie an diesem. Als er hinauf in das schattige, von flackerndem Licht überzogene Gewirr schaute, sah er die aus Ton geformten Totenschädel und Knochen zwischen den blühenden Zweigen.

Es schien eine einfache Forderung zu sein: Durchschreite die Tore. Sein Vater war damals ohne Zögern hindurchgegangen, ungeduldig und ohne einen Blick nach rechts oder links. Aber so, wie die Totenschädel erst beim zweiten Hinsehen zu erkennen waren, spürte er, daß dieser Teil der Krönung mehr war als bloße Verzierung, mehr als ein Zugeständnis an den Hochmut der Priester. Diese Tore waren von Menschenhand gestaltet, aber sie bedeuteten Macht. Und ihre Größe, ihre unterschiedliche Gestaltung und das Wissen um ihre Geschichte berührten etwas in ihm, das er nie beachtet hatte. Die Tore waren ein Teil des Landes, über das er herrschen würde. Als Angehöriger des Hochadels von Ryondar gehörte er zum Zweiten Tor, Gytharad, als Mitglied der Königsfamilie zum Ersten Tor: Blaenwyr. Bei allen öffentlichen Anlässen war er den Gesetzen dieser beiden Tore unterworfen. Aber wenn er verstehen wollte, über was er herrschte, mußte er auch die anderen sieben Tore kennen. Und kennen bedeutete mehr, als nur die Namen auswendig zu lernen und die Rituale der Jahresfeste zu befolgen.

Die Neun Tore, die den Weg zu den Gärten der Göttin öffneten: eins für jeden Stand. Das Leben der Ryondari spielte sich innerhalb ihrer Ständeordnungen ab, und zu jedem Stand gehörte mehr als nur der Beruf. Die einzelnen Stände waren wie Familien, in denen sich die ursprüngliche Familie auflöste und verlor. Ein Lehrling hatte eine stärkere Bindung zu seinem Meister als zu seinen Eltern, und diese Bindung blieb erhalten bis zum Tod.

Die Anturier hatten für die Tore nichts übrig, und auch jetzt waren nur wenige anturische Würdenträger als Zeugen anwesend. Den alten anturischen Familien mußte er keine Treue schwören und sich nicht zu ihrem Glauben bekennen - für sie war es nur wichtig, daß er das tuenye achtete, das vielfach verschlungene Geflecht der Familienehre.

Er schritt vorwärts und blieb unter dem Tor stehen. Er spürte, daß er beobachtet wurde: nicht nur von den Menschen in zweihundert Fuß Entfernung, sondern aus den Schatten heraus, aus den Blättern und Zweigen und den knochenweiß bemalten Schädeln. Etwas wie ein Wispern regte sich hoch über ihm. Er horchte, aber es verklang im Lodern des Feuers.

Als er aufblickte, entdeckte er mitten im Blättergewirr der rechten Bogensäule ein spitzes, nichtmenschliches Gesicht, das ihn, zu einer häßlichen Fratze verzerrt, bösartig anzugrinsen schien. Die Haut war braun und schimmerte wie Samt. Die gelben Augen hatten schmale, schlitzförmige Pupillen wie die Augen einer Katze, und die spitzen weißen Zähne in dem breiten Mund erinnerten an einen Marder, aber der gesamte Eindruck war nicht der eines Tieres.

Argon war, wie jeder Mensch in Ryondar, mit den unheimlichen Geschichten über die kiddûn aufgewachsen. Instinktiv wollte er zurückweichen, doch er fing sich sofort, indem er sich erinnerte, daß dieses Wesen nicht lebendig war. Es war nur eine Figur aus Ton oder Holz, und wenn man den Geschichten glauben wollte, war dieses häßliche Geschöpf zwischen den Zweigen und Totenschädeln ein Kobold, täuschend echt gestaltet von jemandem, der vielleicht noch gewußt hatte, wie die Angehörigen des Alten Volkes ausgesehen hatten, bevor König Elgerion sie für immer unter die Erde vertrieb.

Er betrachtete das Wesen eine Weile, halb neugierig, ob es sich plötzlich bewegen und sich entweder verbergen oder ihm an die Kehle springen würde. Doch es bewegte sich nicht. Dieses böse Grinsen war fünfhundert Jahre alt; die faltige Haut bedeckt von dünnem Staub. Der Bann, den König Elgerion über das Hügelvolk gelegt hatte, war nicht gebrochen. Nach all der Mühe, die man sich gegeben hatte, um die kiddûn zu vergessen, war es erstaunlich, daß die Schöpfer dieses Tores ihnen dennoch einen Platz eingeräumt hatten. Beschwörung, Erinnerung oder Furcht? Vielleicht eine Mischung von allem. Fünfhundert Jahre nach Elgerions Tod war die Angst vor dem Verborgenen Volk noch immer lebendig. Es lauerte unter der Erde, vielleicht nur wenige Fuß von der Menschenwelt entfernt. Es war die Aufgabe des Königs, den Bann aufrechtzuerhalten, und die Aufgabe der Priester, die Menschen vor der dämonischen Magie des Landes zu schützen, die immer wieder ausbrach.

Er spürte den starren Blick im Rücken, als er den Schatten des Tores verließ.

Skyrr, Miritha und Tarras hatten ihm nicht viel zu sagen. Sie spiegelten den Charakter ihrer Schöpfer wider, mit dem er nicht allzuviel anfangen konnte, so aufmerksam er auch hinhörte. Das Handwerker-Tor Skyrr bestand aus Holz und Stein, war behängt mit Webteppichen, geschnitzten, geflochtenen und gebrannten Kunstwerken aller Art, völlig mit dem zufrieden, was es aus sich selbst heraus geschaffen hatte. Es war so in sich geschlossen, daß es den Menschen, der in seiner Wölbung stand, kaum zu bemerken schien; also ging er weiter.

Das Händlertor Miritha war - vom Bau her - das einfachste aller neun Tore. Es bestand aus einem recht schmalen Bogen aus weißen Steinquadern. Auf beiden Torsäulen befanden sich in Augenhöhe zwei bronzene, auf Hochglanz polierte Platten, in die als Hochrelief zwei Hände gegossen waren, die einander umfaßt hielten; von allen niederen Toren mochte Argon dieses schlichte Tor am liebsten, wenn er auch von dessen Priestern und Gläubigen nicht das gleiche sagen konnte, die stets mehr verlangten, als man zu geben bereit war.

Breit, klobig und selbstzufrieden war das Bürgertor Tarras; gebaut in der kunstlosen, aber wehrhaften Form eines Stadttores; nicht einmal auf das Fallgitter war verzichtet worden. Argon schritt hindurch, ohne mehr zu spüren als das schwache Kribbeln der Gefahr, die dort oben lauerte. Aber er wußte, daß die eisenharte Drohung nicht ihm galt: schließlich verkörperte er die Ordnung, der das Tor zu allererst diente.

Yuun dagegen, das Musikantentor, schien auf ihn zu warten: er spürte die Unruhe schon, als er noch zehn Schritte von dem Tor entfernt war. Yuun war steingewordene Musik: farbige Bänder aus Stein, die sich verflochten und umeinanderwanden und in einer ständigen Spannung zu schwingen schienen. Klänge strömten aus dieser Spannung zu ihm hin, drangen in ihn ein und zogen ihn zu sich. Es war eine fremdartige Musik, und er wußte nicht einmal, ob er sie wirklich hörte oder vielmehr in jedem Teil seines Körpers fühlte, aber er näherte sich ihr in zögerndem Staunen. Es war etwas Seltsames an der Musik. Allen anderen Berührungen konnte man sich entziehen; von allen anderen Kunstwerken konnte man sich gleichgültig abwenden, aber die Musik drang ohne Umwege gerade ins Herz, und dort konnte sie heilen und verwunden, wie es ihr gefiel. Nicht umsonst war die Machoisanna, die Musikantenzunft, eine der einflußreichsten Kräfte in Ryondar. Die Musikanten kamen und gingen, wie es ihnen gefiel, sie allein bewahrten die Namen und Erinnerungen des Volkes; sie allein hüteten das Geheimnis, wie man nur mit Händen und einem darmbespannten Holzkasten oder einem Stück Rohr einen Weg in die Herzen der Menschen fand.

Eine Weile blieb er stehen und lauschte dem Klang, der ihn lockte und verführte, ihm zu folgen und sich zu verlieren; die blutige und gewalttätige Wirklichkeit seiner Welt wich einem Bild von Frieden, von Harmonie, von Mächten, die miteinander spielten, sich ergänzten und vermischten und gemeinsam etwas Größeres, ungleich Gewaltigeres erschufen...

"Komisch", murmelte Taornagh. "Auf was wartet er denn?"

Qedi runzelte die Stirn, zuckte die Schultern und schwieg - nicht, weil es ihr gleichgültig war, sondern weil sie jetzt nicht reden wollte. Sie hatte den Tempel eher widerwillig betreten und ihrem Tor gerade den pflichtgemäßen Kniefall gegönnt, und sie hatte gehofft, daß dieser Teil der Zeremonie schnell vorbeigehen würde. Sie mochte die Tore nicht besonders. Sie war mit den behäbigen Göttern von Dewer aufgewachsen, und obwohl sie den ganzen fetten, verkommenen Haufen verabscheute, waren sie ihr schließlich doch freundlicher erschienen als die Tore, die nur tote Gegenstände waren, deren Priester das Volk verachteten und deren Tempel finstere, verqualmte Höhlen waren, die das Tageslicht aussperrten. Qedi hatte den Fischgott, die Schlangengöttin, den Wurmgott und das ganze restliche wimmelnde Götterleben von Dewer gegen einen kalten, leblosen Kult eingetauscht, der ihr nichts bedeutete, und sie wußte, daß Taornagh, der vor dem Zorn seiner äußerst lebendigen und gefährlichen Göttin geflohen war, mit den Toren ebensowenig anfangen konnte wie sie. Gewöhnlich mieden sie alles, was damit zu tun hatte, aber den großen Feierlichkeiten konnten sie als Meister der Zunft nicht ausweichen.

Doch als sie nun den jungen Kronprinzen beobachtete, der dort hinten unter ihrem eigenen Tor stand, reglos in die große, dunkle Wölbung hinaufblickte und aufmerksam zu lauschen schien, spürte sie zum ersten Mal eine Ahnung von dem, was die Tore für die Menschen in den zerstrittenen Fürstentümern von Ryondar bedeuteten. Unwillkürlich strengte sie ihre Ohren an, als könnte sie über dem Rascheln der Kleider und dem Wispern der Leute das hören, was er zu hören schien - Worte, Musik, vielleicht nur ein Widerhall der Stille in dem großen Gewölbe, sie wußte es nicht. Aber selbst Taornaghs Flüstern störte sie, und er spürte es und schwieg, lauschte jetzt vielleicht auch selbst. Aber es gab nichts zu hören, und wenn doch, dann war es nicht für sie bestimmt, sondern nur für den schwarzhaarigen jungen Mann dort hinten im zuckenden Licht der Fackeln.

Jetzt ging er weiter. Er verschwand hinter der riesigen, kunstvoll gedrechselten Säule, kam wieder zum Vorschein, trat in den Schatten des Vierten Tores - und blieb abrupt stehen.

Selbst aus ihrer Entfernung spürte Qedi die Gewalt, mit der das Tor auf ihn einschlug. Sie sah, wie er zur Seite sprang und sein Schwert zog, und ihre eigenen Knie wurden weich; Taornagh packte ihre Arme, damit sie nicht fiel. "Qedi! Was ist los?"

Sie wußte es nicht. Ihr Kopf dröhnte wie nach einer ungeheuren Erschütterung. Ihr Blickfeld lief an den Rändern schwarz zu. Sie kniff die Augen zusammen und riß sie wieder auf, bis die Dunkelheit von ihr wich. Taornagh stand dicht vor ihr, hielt sie fest und starrte ihr besorgt ins Gesicht. "Qedi?"

Sie schüttelte benommen den Kopf und schob sich an Taornagh vorbei, damit sie den Prinzen sehen konnte.

Er hatte sich schneller gefangen als sie und stand jetzt in der Mitte des Tores, als sei nichts geschehen. Doch das Flüstern der Zuschauer war tiefstem Schweigen gewichen. Es war jetzt so still, daß Qedi das Lodern der Flammen in zweihundert Fuß Entfernung zu hören glaubte.

Coron, das Vierte Tor, war das Tor der Soldaten, der Stadtwachen und - wenn sie an den menschlichen Glauben gebunden gewesen wären - der Teleni. Das Tor des Krieges.

Argon war sich der Stille bewußt, doch er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, wie seine plötzliche Bewegung und die instinktive Abwehr auf die Menge im Hintergrund gewirkt hatte. Im Schatten des Tores jagten Geistergestalten auf ihn zu; bewaffnete Reiter auf gepanzerten Pferden, sie galoppierten an ihm vorbei und verschwanden so lautlos, wie sie aufgetaucht waren. Er sah die roten Augen der Pferde; die Reiter hatten keine Augen und keine Gesichter, und er war nicht einmal sicher, ob sie Menschen waren oder Dämonen. Er schob das Schwert zurück in die Scheide. Der Angriff hatte ihn erschreckt, aber nicht überrascht. Vor elf Jahren hatte er zugesehen, wie sein Vater die Tore durchquerte; ein Blick auf das harte, angespannte Gesicht hatte ihm nachher mehr über die Kraft der Tore verraten als alle Geschichten der Priester. Coron, dessen klobige, scharfkantige Form mit Pfeilen, Steinmessern und Lanzen gespickt war, war ein Tor der Gewalt und des Todes; er hatte damit gerechnet, daß es sich nicht mit einem Wispern oder einem unirdischen Gesang begnügen würde. Er versuchte nur, zu verstehen, was der Angriff bedeutete... obwohl die schattenhaften Reiter ihn eigentlich nicht angriffen, sondern nur an ihm vorbeistürmten und im Dunkel verschwanden.

Krieg? Das war nichts Neues. Sein ganzes Leben lang herrschte Krieg: der Grenzkrieg gegen Tadar, immer wieder aufflackernde Kämpfe in Ryondar. Seinem Vater war ein Königreich, in dem die Fürsten gegeneinander kämpften, lieber gewesen als eins, in dem sie sich alle gegen ihn verbünden konnten, und so hatte er die Feindschaft nach Möglichkeit geschürt. Cardan-Adela und Pahadd, ursprünglich nur zankende Nachbarn, waren durch ihn zu Todfeinden geworden, Cai De hatte bereits seine Grenzen nach Dylyn verstärkt und befestigt, und die Drachenpriesterinnen von Lethys-Nord waren drei Jahre lang nicht zum Rat erschienen, woraufhin der König sie sofort des Verrats und der Rebellion beschuldigt hatte. Jetzt waren sie hier; jedoch vermutlich nur, um den Mordverdacht von sich abzulenken. Möglicherweise war Corons Botschaft keine Prophezeiung, sondern nur ein Abbild der Wirklichkeit. Und da nichts weiter geschah, als daß Gespenster - für die Zuschauer unsichtbar - an ihm vorbeijagten, ging er weiter zum Dritten Tor.

Quaid war das Tor der Priester. Es bestand aus zwei völlig glatten und unverzierten Säulen aus weißem Marmor, die durch einen riesigen schwarzen Steinquader verbunden waren. Dieses Tor strahlte außer Kälte überhaupt nichts aus, als er sich ihm näherte. Es hieß ihn nicht willkommen und lehnte ihn auch nicht ab, und als er zwischen den Säulen stehenblieb, spürte er nichts. Quaid war völlig in sich geschlossen und ließ nur Eingeweihte an sich heran; Argon vermutete insgeheim, daß auch die Priester, die jahrelang Geistesübungen und seltsame Rituale vollzogen, von ihrem Tor letztlich nichts zurückerhielten als Schweigen. Es beunruhigte ihn mehr als Corons unverhohlener Angriff: Quaid war im Zweifelsfall ein gefährlicherer Feind, weil es die blutige und widersprüchliche Geschichte der Priesterschaft spiegelte und bewahrte. Man wußte niemals genau, auf welcher Seite die Priester der Tore standen; häufig lagen auch Priester einzelner Tore miteinander in Streit - um wenig später unvermutet gemeinsam auf einen außenstehenden Widersacher loszugehen.

Ein Priester des Dritten Tores hatte vor vierhundertdreißig Jahren Königin Maratha ermordet und dadurch eine fast zweihundert Jahre dauernde Verfolgung der gesamten Priesterschaft ausgelöst; andererseits hatten die Priester später ihren wiedergewonnenen beträchtlichen Einfluß und Reichtum uneingeschränkt in den Dienst der Könige gestellt, und wenn der jetzige Streit zwischen den Fürstentümern noch keinen landesweiten Krieg ausgelöst hatte, dann nur, weil sich die Quaid-Priester seit Jahren unablässig für Verhandlungen und friedliche Lösungen eingesetzt hatten. Man wußte nur nicht genau, warum sie das taten; nichts in der Geschichte der Tore deutete darauf hin, daß sie den Frieden höher schätzten als den Krieg.

Abwarten. Niemals zuviel preisgeben, aber das nutzen, was man erfuhr. Was die Politik anging, würde er eine Menge lernen, indem er einfach nur die Priester der Neun Tore beobachtete.

Gytharad, das Zweite Tor, hieß ihn willkommen: er war ein Mitglied des Hochadels von Ryondar, das Blut von zweiundzwanzig Generationen von Königen und Fürsten floß in ihm, und das Tor kannte ihn seit seiner Geburt. Böse Zungen behaupteten, daß es den Ratsfürsten völlig gleichgültig war, wer über sie herrschte, solange es jemand von Elgerions Blut war, der ihre Rechte wahrte. Einige der anturischen Fürsten hätten allerdings lieber seinen Onkel gehabt, dessen Nachfolgerecht trotz der Verbannung mit dem tuenye übereinstimmte - immerhin war Sarvan Selyr nur ein entfernter Verwandter gewesen, und die Rolle des Herzogs bei seinem Tod war nicht einmal genau bekannt. Mit der Übernahme machte er ihnen nun klar, daß er nicht vorhatte, sein Recht dem tuenye zu opfern; damit mußten sie sich nun abfinden. Da das arim aseighe, das Kronenspiel, eine anturische Erfindung war, erkannten sie vermutlich den Eröffnungszug, der dem gesamten Spiel seine Richtung gab, doch den Namen dieses Spielzuges erfaßte möglicherweise nur der Herzog selbst.

In diesem Spiel konnten die Fronten sich so schnell verändern, wie man einen Stein umdrehte. Argon wußte recht gut, daß nur das Heer in seinem Rücken offenen Widerspruch unterdrückt hatte. Wenn er den gärenden Aufruhr im Land beendete und ihren Wohlstand, ihre Ländereien und ihre Herrschaft festigte: dann würden sie ihn unterstützen. Doch beim ersten Schwanken, beim ersten Zweifel oder beim ersten Versuch, die Streitfragen zu klären, indem er von irgendjemandem einen Rückzug verlangte, würden sie ihn in Stücke reißen und zu seinem Onkel übergehen.

Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Tor zu. Gytharad war ein filigranes Gespinst aus Silber und Marmor, so schmal, daß es jeden Augenblick zusammenzubrechen drohte. Im Lauf der Jahrhunderte hatten Generationen von Handwerkern und Künstlern den Marmor bearbeitet, Löcher gebohrt, kunstvolle Geflechte ausgeschliffen, Stein zu Netzen geformt; hundertfach ineinander verschlungene und miteinander verwobene Fäden aus Stein schwangen sich unmöglich hoch in die Luft und schienen nur widerwillig zur Erde zurückzukehren. Diesem Tor sah man nicht an, daß die Menschen, die zu ihm gehörten, ein Königreich aus Blut erbaut hatten; Gytharad war ein Traum von Schönheit und Vollkommenheit, den die Eroberer eines fernen Zeitalters einmal geträumt hatten: Heilung von den Schrecken ihrer Vergangenheit. Doch ihr Weg dorthin war grausam und unmenschlich gewesen, und so war Gytharad eine Lüge. Verrat und Völkermord, Verfolgung und Zerstörung: für jene ersten Eroberer - und für viele ihrer Nachkommen - waren all die Toten nichts als Späne gewesen, die man wegschlug, um das Kunstwerk aus dem Stein zu meißeln. In diesem Bewußtsein war Argon aufgewachsen; er hatte die blutige Geschichte seines Landes und seiner Vorfahren gelernt und immer gewußt, daß er dazu bestimmt war, diese Geschichte weiterzuführen, und er hatte nicht vor, sich seiner Pflicht zu entziehen. Er schritt hindurch, nahm auch diese Dunkelheit in sich auf.

Ein letztes Tor. Das Erste Tor: Blaenwyr. Ursprünglich war es ein schlichter Bogen aus Weißholz gewesen. Doch Weißholz alterte und verfiel, und die Könige nach Elgerion hatten für Schlichtheit nichts übrig gehabt. So hatten die Könige den Bogen erweitert und vergrößert, Weißholz durch Gold, Silber und das dunkelrote Polanholz ersetzt, Juwelen und Perlen einfassen und ihre Namen in goldenen Schriftzügen in die Säulen einsetzen lassen. Zweiundzwanzig Könige und Königinnen: jede Säule trug elf Namen. Argon erinnerte sich an den Streit, der jetzt nach dem Tod seines Vaters erneut ausgebrochen war: wo sollte nun sein Name stehen? In der Mitte des Bogens, hoch oben, wo niemand ihn lesen konnte? Oder auf der anderen Seite des Tores? Und welche religiöse Bedeutung würde das haben? War es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, und beleidigte oder ehrte man entweder das Tor oder den König? Er kümmerte sich nicht um den Streit; mochten Priester und Musikanten ihn unter sich austragen. Beide Vorschläge gefielen ihm, und wenigstens in einer Sache waren sich alle Gelehrten einig: mit ihm begann ein neues Zeitalter. Eine Krönung zu Beginn eines neuen Jahrhunderts war ein bedeutendes Ereignis; Hunderte von Gelehrten und Geschichts-forschern stocherten in diesen Wochen in ihrem Wissen herum, um herauszufinden, was die Zukunft brachte. Alle Traumseher sagten ihm ein ereignisreiches Leben voraus; er hatte unwillkürlich bitter aufgelacht, als er es erfuhr. Sein Vater hatte ihm mehr als genug hinterlassen, um ein Leben ereignisreich zu machen.

Sein Vater. Träume von dem, was hätte sein können: Alpträume von dem, was gewesen war. Argon hatte sich mit dem Gang durch die Tore nicht beeilt, und das nicht nur, weil er hatte hören wollen, was sie ihm sagten. Jetzt hatte er sie hinter sich, und der letzte Teil der Übernahme begann. Die Tore hatten ihn anerkannt, er hatte das Recht, den shajin zu tragen. Aber jetzt mußte er den shajin an sich nehmen. Und wenn er das konnte, ohne zurückzuzucken, mußte er am Ende seinem Vater dankbar sein, daß ein Leben lang nichts als Abneigung und böse Worte zwischen ihnen gestanden hatte. Die prunkende Schönheit des Ersten Tores täuschte über diesen Zug des Kronenspiels hinweg; doch ausweichen konnte man ihm nicht.

Er trat aus dem Schatten des Tores und wandte sich der wartenden Menge zu. "Neun Tore", sagte er. Seine Stimme klang laut und klar durch das Schweigen der Halle.

Ein dumpfer Chor gab ihm Antwort: "Wir bezeugen es."

Blaenor schritt auf ihn zu und verneigte sich tief. Argon folgte ihm aus der Halle in einen fackelerleuchteten Seitengang und verschwand.

Die schweren Türen des Tempels öffneten sich und ließen das fahle Wintersonnenlicht herein. Die Menge geriet in Bewegung.

"Was jetzt?" fragte Shôr.

"Jetzt nichts", sagte Taornagh und streckte seine alten Knochen. "Die Übernahme wird vorbereitet und findet am Nachmittag statt. Kommt, laßt uns sehen, ob man hier irgendwo etwas Gutes zu essen auftreiben kann. Ich habe Hunger."

v

"Kann man das essen?" fragte Iveirdne mißtrauisch.

"Keine Ahnung", sagte Darralyn. "Es riecht jedenfalls gut. Was ist es, Aneurin?"

"Winterbeerenpastete", erwiderte der Weber kurzangebunden. "Alten gedörrten Fisch habe ich nicht auftreiben können, tut mir leid."

"Ha, ha", sagte Iveirdne wütend. "Gib schon her."

Er reichte ihr das dampfende, fettige Gebäck hinüber. Sie nahm es entgegen und wärmte sich daran die Hände, bevor sie vorsichtig an der oberen Ecke abbiß. Es schmeckte heiß und süß und fruchtig, und der dunkle Saft lief ihr über das Kinn. Sie wischte ihn ab und leckte sich die Finger sauber, während sie zum Tempel hinschaute, der von einer unübersehbar großen Menschenmenge belagert wurde. Sie hatte sich eine Krönung nicht so langweilig vorgestellt; nach der ersten Aufregung, als der königliche Trauerzug vom Berg heruntergekommen und zum Tempel gefahren war, hatte sich eine Weile überhaupt nichts mehr getan. Da sie sich wegen der allgemeinen Feindseligkeit lieber am äußersten Rand der Menge gehalten hatten, waren sie selbst auf den zukünftigen König erst aufmerksam geworden, als die Leute ganz still geworden waren und eine winzige, weit entfernte dunkle Gestalt unter den kahlen Ästen des Weißen Baumes vorüberritt. Die Iunier hatten Aneurin bestürzt gefragt, warum kein Hurrageschrei zu hören war, und er hatte ihnen kurz mitgeteilt, daß jegliches Hurrageschrei beim Vorbeiziehen eines königlichen Trauerzuges augenblicklich streng bestraft werden würde. Und weil sie auch nach dieser Aussage überhaupt nichts verstanden, hatte er sich bequemt, ihnen den Ablauf der Krönungszeremonie und die strikte Trennung in Trauerzug, Durchschreiten der Tore, Übernahme und Krönung zu erklären. Da sie danach wenigstens begriffen, daß unangebrachtes Geschrei sie an diesem Tag ohne weiteres das Leben kosten konnte, war daraus gleich der nächste Streit entstanden; hätte er ihnen das nicht früher sagen können?

"Ich bin davon ausgegangen, daß ihr das wißt", war seine verächtliche Antwort, mit der er die Verärgerung noch schürte.

Dann hatte neunmal in unregelmäßigen Abständen eine große Glocke am Tempel geschlagen, und bei jedem Schlag brach Jubel aus, der nun nicht bestraft wurde - wie war das zu verstehen? Aneurin sagte etwas über die Neun Tore, die den künftigen Herrscher anerkannten und begrüßten und sich seinem Willen unterwarfen. "Und wann erkennt ihn das -khy- an?" hatte Etis keck gefragt und sich dafür eine weitere Ohrfeige eingehandelt. Danach hatten sie unbehaglich und schuldbewußt, aber auch trotzig geschwiegen, wann immer der Glockenschlag ertönte und die versammelte Menge in Jubel ausbrach.

Festlich war ihnen allen nicht zumute. Der Schrecken über die unheimliche Begegnung mit dem Hohepriester steckte ihnen noch in den Knochen. Sie sprachen und verstanden Ryondrisch, aber sie wußten nicht, ob es hier auf dem Festland vielleicht Bedeutungsunterschiede gab, die sie nicht kannten, und so fürchteten sie, daß sie eine Drohung nicht rechtzeitig erkennen und einem Angriff nicht ausweichen können würden. Und Aneurin tat nichts, um ihnen zu helfen - im Gegenteil: durch sein gelegentliches spöttisches Lächeln machte er ihnen klar, daß sie nicht einmal die Hälfte von dem verstanden, was um sie herum vorging, und daß sie restlos von ihm abhängig waren, wenn sie heil wieder nach Hause kommen wollten.

Streit, Angst, Zorn und Langeweile - waren sie dafür durch das halbe Land gereist? Das hätten sie zu Hause auch haben können, und dort kannten sie sich wenigstens aus und mußten sich nicht als dummes Bauernpack beschimpfen lassen. Dennoch wußte Iveirdne, daß diese Reise das wichtigste Ereignis in ihrem Leben war. Sie würde nach Hause reisen, und nichts würde mehr sein wie zuvor.

In den vergangenen Tagen hatte sie begriffen, daß das Leben in Ryondar gewaltiger, größer und vielfältiger war als in Iunis. Dennoch hatte sie insgeheim etwas Ähnliches wie eine öffentliche Rede des Statthalters zu hören gehofft und war nun recht enttäuscht, daß die gesamte Zeremonie hinter verschlossenen Türen ablief; gleichzeitig wurde ihr allmählich unklar bewußt, daß man den König von Ryondar nicht mit dem Statthalter vergleichen konnte, der dem Volk trotz aller Verachtung doch noch immer recht nahe war - oft genug entschieden zunah, aber immer verständlich in der rohen, gewalttätigen Ausübung seiner Macht.

Darralyn reichte ihr ein zweites Stück Winterbeerenpastete, und sie aß es genauso vorsichtig wie das erste, wenn auch mit wesentlich weniger Zurückhaltung. Sie mußte sich die Zusammenstellung merken: Winterbeeren - die gab es zu Hause nicht, aber man konnte sie sicher durch Schwarzbeeren oder Schlehen ersetzen -, Honig, ein Teig aus Weizenmehl, Milch und Eiern... na gut, statt des Weizenmehls konnte man sicher auch grobes Hartmehl nehmen, an den Eiern konnte man sparen, und Milch war vielleicht gar nicht so nötig. Sobald sie heimkam, würde sie Skerah fragen, ob sie noch Honig hatte. Es war seltsam, sich vorzustellen, daß Skerah hundert Meilen entfernt war und man nicht gerade schnell über den Platz zu ihr laufen konnte. Es würde auch seltsam sein, zurückzukommen und den Khyalen von den merkwürdigen Dingen zu erzählen, die die Reisenden gesehen und gelernt und erlebt hatten. Sie brachten Gesprächsstoff für Jahre mit, Geschichten für unzählige lange Abende im Fünften Haus...

Unvermittelt öffneten sich die Türen des Tempels. Wieder wurden Hochrufe laut - dann bewegte sich die Menschenmenge wie die Oberfläche eines Teiches, in den man einen Stein geworfen hatte. Gruppen lösten sich aus der Masse, plötzlich entstanden Zwischenräume und offene Flächen, und aus den Bestandteilen der Masse wurden wieder einzelne Menschen in schwarzroten Trauer-gewändern und bunten Festkleidern, die sich unterhielten, während sie über den Platz gingen und zu ihren Häusern und den bunten Ständen der Gaukler strebten.

Iveirdne entdeckte eine größere Gruppe von Musikanten in ihren schwarzgrünen Umhängen; vielleicht zwanzig ältere Männer und Frauen, die sich um eine kleine weißhaarige Frau scharten und redeten. Sie wirkten vornehm und weise; dies waren keine umherstreifenden Wandersleute, sondern die Meister der Machoisanna: die Hüter des Wissens und der Erinnerungen des Volkes. Iveirdne faßte Etis am Arm, aber er hatte sie schon gesehen und starrte mit großen Augen ehrfürchtig zu ihnen hin. Sie drehte sich zu Darralyn um und sah Aneurins Gesicht. Auch er blickte zu den Musikanten hinüber, aber was da in seinen Augen lag, war plötzlich wieder wilder und unmißverständlicher, glühender Haß.

Unwillkürlich zuckte sie zurück, aber er merkte, daß sie ihn gesehen hatte, und verwandelte seinen Ausdruck schlagartig in eine Maske kalter Gleichgültigkeit, die Iveirdne fast noch mehr erschreckte als die unverhüllte Wut. Jäh wandte er sich ab und ging einfach weg.

Hastig packten sie ihre Bündel und liefen hinter ihm her. "He!" rief Darralyn. "Wo gehst du hin? Was geschieht jetzt? Warte!"

Aneurin tat, als hätte er nichts gehört. Mit ein paar schnellen Schritten erreichte er eine Straßenecke und verschwand. Als sie in die Straße einbogen, war er verschwunden.

"Was -", begann Etis und verstummte. Ratlos schauten sie einander an. Dann sagte Darralyn: "Also, jetzt habe ich aber auch allmählich genug. Was denkt sich dieser Mann eigentlich?"

"Kahat." Iveirdne fand einen Beerenkern zwischen den Zähnen und spuckte ihn aus. "Wir sind doch gewarnt worden, oder nicht? Pah, vergiß ihn! Wir brauchen ihn nicht mehr!"

Wie auf Verabredung drehten sie sich alle drei um und schauten zu den Türmen der Burg hin, die gerade noch über den Häusern zu sehen waren. Iveirdne ertappte sich dabei, daß sie sich heftig wünschte, schon wieder auf dem Weg nach Hause zu sein. Es gab hier so viele fremde Menschen, so viele fremde Dinge; so viele Dinge, über die sie in Ruhe nachdenken mußte... sie sehnte sich heftig nach ihrem kleinen Haus und ihrem Garten: nach Dingen, die sie kannte und die zu ihr gehörten. Hier in Arithia fühlte sie sich wie ein Stück Treibgut - und ein unerwünschtes Stück Treibgut noch dazu. Sie fröstelte und zog ihren Umhang enger um die Schultern. Wenn Aneurin sie ausschließlich zu dem Zweck mitgenommen hatte, ihnen zu zeigen, wohin sie gehörten, war ihm das gelungen: sie wollte nur noch nach Hause. Weg von hier, wo es nur Feinde gab.

Ob Celiphas dem Statthalter entkommen war? Sie hatte viel zu wenig an ihn gedacht.

"Morgen", sagte Darralyn. "Morgen fahren wir nach Hause. Was meint ihr - sollen wir uns den Hafen ansehen? Wir können ja zur Übernahme zurückkommen; was auch immer das ist."

Sie waren einverstanden. Etis war neugierig auf die vielen Schiffe aus allen Häfen des Landes, und Iveirdne wollte nur ein wenig Raum und Stille um sich haben. Sie irrten eine Weile durch die Straßen der Stadt und fanden am Viehmarkt eine Gasse, die geradewegs zum Fluß führte. Aber sie kamen nicht am Hafen heraus, sondern in einer nach verfaultem Fisch stinkenden, übel aussehenden Gegend, deren Bewohner in windschiefen Holzhütten hausten und so bedrohlich wirkten, daß man ihnen besser aus dem Weg ging. Die Iunier zogen sich hastig zurück und versuchten, einen Weg in westlicher Richtung zu finden. In kürzester Zeit hatten sie sich im Gewirr der Gassen und hohen Häuserreihen rettungslos verlaufen. Nachdem sie zum dritten Mal auf dem Viehmarkt standen, versuchten sie einen neuen Weg und entdeckten so das Stadtgefängnis, den Schandstein und den Verbrennungsplatz; dann liefen sie eine Weile an einer grauen Mauer entlang und standen schließlich am Schuldturm. Aber wenigstens konnte man von hier aus die Burg sehen: sie war weiter entfernt als je zuvor.

Ein mürrischer Seilmacher zeigte ihnen endlich den Weg zurück zum Tempel. Er schickte sie an der Stadtmauer entlang bis zum Südlichen Tor. Von hier aus führte die Straße gerade zum Tempel und zum Weißen Baum.

Am Rand des mit Menschen überfüllten Platzes fanden sie Aneurin. Das war nicht so schwierig, da er auf einer Mauer stand und weithin zu sehen war. Mit finsterem Gesicht starrte er in die Menge, schaute überallhin, als ob er etwas suchte. Er entdeckte die Khyalen erst, als sie unter ihm standen und Darralyn ihm auf den Stiefel klopfte. Verärgert schaute er nach unten, und sein Gesicht hellte sich kein bißchen auf, als er seine Mitreisenden erkannte. Mit einem Satz sprang er von der Mauer und fuhr sie an: "Wo seid ihr gewesen? Seit Stunden suche ich nach euch! Das hier ist kein Dorf wie Lenangeh, wo man einfach spazierengehen kann! Das ist eine verdammt große und verdammt gefährliche Stadt, und sie ist ganz besonders gefährlich für Leute wie euch, und ich dachte, das hättet ihr jetzt endlich begriffen!"

Da sie sich während ihrer Wanderung äußerst unbehaglich gefühlt und sich gelegentlich auch gefürchtet hatten, widersprachen sie nicht; ihnen war bald klar geworden, daß es dumm gewesen war, sich ohne Führung in die Randbezirke der Stadt zu wagen. Aber Iveirdne, die durchgefroren und schlechtgelaunt war, dachte auch nicht daran, sich weitere Beschimpfungen gefallen zu lassen. "Und du, wo warst du? Du bist einfach weggegangen und hast uns stehengelassen! Sollen wir vielleicht wie die Stockfische in einer Reihe stehenbleiben und warten, bis du zurückkommst? Was bildest du dir eigentlich ein?"

Er machte die Augen schmal und blies eine Haarsträhne aus der Stirn; selbst diese harmlose Geste wirkte beleidigend. "Ich habe jemanden gesucht und dachte, ich hätte ihn gesehen, das ist alles. Ich kam beinahe sofort zurück; da wart ihr weg. Ihr habt den König verpaßt. Er ritt vorhin keine zwanzig Fuß entfernt an mir vorbei."

"Den König?" fragte Darralyn. "Ist denn schon alles vorbei?"

"Den Kronprinzen, wenn du darauf bestehst. Es ist jetzt ohnehin schon fast das gleiche. Die Übernahme fängt gleich an. Sie haben bereits das Schwert in den Tempel gebracht und gesegnet."

"Was für ein Schwert? Wie sieht denn diese Übernahme nun aus? Was muß er da machen?"

"Nicht viel." Ein seltsam kaltes Glitzern trat in die Augen ihres unangenehmen Gefährten. "Er nimmt den shajin an sich, das ist alles."

"Und warum machen dann alle Leute so böse Gesichter?"

Das Glitzern verstärkte sich. "Habt ihr den shajin schon einmal gesehen?"

"Dauernd", sagte Iveirdne. "Sozusagen täglich, wenn der König von Ryondar bei Marlil zum Tee war. Was für ein Ding ist dieser blöde shajin ?"

"Du könntest leiser reden, wenn du diesen Tag überleben möchtest", sagte Aneurin kalt. "Der shajin ist eins der drei Zeichen der Macht, zusammen mit der Krone und dem Siegelring. Es ist ein breiter Reifen aus gehämmertem Gold, den der König um den Hals trägt. Er ist vorne offen, aber nicht so weit, daß man mit dem Hals durchkommt. Man kann ihn nur anlegen, aber nicht mehr abnehmen."

Iveirdne zog die Brauen zusammen. "Das verstehe ich nicht. Wie kann denn dann der Kronprinz den shajin bekommen, wenn man den nicht öffnen kann?"

"Doch, man kann ihn öffnen", sagte Aneurin. "An der Innenseite - hinten - ist eine Vertiefung, und darin ist ein Haken, der gelöst werden kann; dann klappt der shajin in zwei Hälften auseinander. Aber man kommt nicht mit den Fingern an diesen Haken heran, sondern nur mit einem größeren Haken, der nicht zwischen Hals und shajin paßt. Der Kopf ist immer im Weg."

"Aber dann geht es doch gar nicht", sagte Darralyn erstaunt. "Wie soll denn der Prinz -"

Aneurin lächelte dünn. "Nun - der Kopf muß eben weg."

Sie starrten ihn verständnislos an. "Weg? Wie weg?"

"Das ist die Übernahme. Der König wird für das Land geboren, lebt für das Land und stirbt für das Land. Und sein Nachfolger nimmt den shajin an sich."

"Ich verstehe kein Wort", sagte Darralyn. "Wie soll denn -" Er verstummte jäh. Seine Augen weiteten sich. "Was?!"

Aneurin lächelte wieder, aber es war kein angenehmes Lächeln. "Ganz genau."

"Du meinst -" Er drehte sich um und starrte zum Tempel hinüber. "Dafür ist das Schwert? Damit sein eigener Sohn ihn -"

"Na und?" sagte Aneurin. "Sie haben sich ohnehin gegenseitig gehaßt."

"Meriels Wahnsinn", wisperte Iveirdne entsetzt. Etis war stumm vor Schreck. Als am Tempel eine einzelne Glocke wie eine Totenglocke zu schlagen begann, schob Aneurin die Schultern hoch. Sein Lächeln verblaßte, und er sah wieder so abweisend und grimmig aus wie zuvor. Er sagte: "Und jetzt fängt es an."

"Jetzt fängt es an", sagte Qedi drinnen im Tempel mit halblauter Stimme in das Schlagen der Glocke. "Shôr, mach dich etwas kleiner. Wenn die Aedan dich hier entdeckt, schlachtet sie mich. Noch kleiner. Von mir aus auf die Knie, das müssen wir sowieso alle gleich. Dwylan, ich hab´ ganz nasse Hände; gut, daß ich heute nicht spielen muß. Zieh den Kopf ein, Junge! Die Priester dürfen dich nicht sehen!"

"Pah!" sagte Shôr. "Woran sollen die denn erkennen, daß ich nicht hier sein darf?"

"Zum Beispiel daran, daß hier nur ehrwürdige alte Männer und Frauen der Machoisanna sind", sagte Taornagh. "Ein junger Mensch mit dunkler Haut und dunklen Haaren, der auch noch einen Kopf größer ist als alle anderen - meinst du nicht, daß das auffallen könnte?"

"Es ist sowieso verrückt", zischte Korred. "Wir hätten das nicht tun dürfen!"

"Aber ich will, daß er es sieht", sagte Qedi. "Schaut, da drüben ist der Herzog!"

Korred reckte sich. "Wo?"

"Da vorne. Rechts. Shôr, bist du verrückt? Bleib hier!"

"Aber ich will ihn auch sehen!"

"Bleib hier!"

Der Herzog von Cret kümmerte sich nicht um die Blicke und die geflüsterten Gespräche, die sein Erscheinen auslöste. Er betrat den Tempel, sagte ein paar Worte zu seinen Gefolgsleuten und machte sich zum ungläubigen Erstaunen der Zuschauer auf den Weg zu den Plätzen der Königsfamilie. Weder Teleni noch Tempelwachen hielten ihn auf. Er setzte sich, ein jüngerer Mann aus seinem Gefolge setzte sich neben ihn. Die Musikanten betrachteten ihn verblüfft. Sie hatten ihm vor kurzer Zeit einen Brief überbracht. Jetzt wußten auch sie, was darin gestanden hatte.

"Aber die Verbannung kann doch nicht aufgehoben sein?" fragte Korred ungläubig.

"Wenn er hier ist -", sagte Qedi.

"Aber er ist ein Verräter!"

"Still!" zischte Taornagh. "Shôr, auf die Knie!"

Seufzend gab Shôr nach. "Aber jetzt sehe ich überhaupt nichts mehr."

"Du kannst wieder aufstehen, wenn sie anfangen. Dann schauen ohnehin alle nur noch nach vorne. Pst!"

Eine lange Reihe weißgewandeter Priester und Priesterinnen des Ersten Tores betrat den Tempel durch den Haupteingang. Schweigen fiel über die versammelte Menge. Der letzte Glockenschlag verhallte. Die Priester schritten durch den freien Gang zum Opferstein und stellten sich in einem großen Kreis auf. Als die letzte Bewegung erstarb, öffnete sich eine riesige Flügeltür an der Stirnseite der Halle. Acht schwarzgekleidete Männer mit maskenverhüllten Gesichtern erschienen. Auf einer Bahre aus Weißholz auf ihren Schultern trugen sie den Leichnam des ermordeten Königs. Langsam schritten sie in den weißen Kreis und setzten ihre Last auf dem Opferstein ab. Sie knieten nieder und verbeugten sich tief, dann richteten sie sich auf, erhoben sich und kehrten in den Schatten zurück.

"Unser König und Herrscher ist uns durch feigen Mord entrissen worden." Die Stimme des Hohepriesters Blaenor dröhnte mit unerwarteter Lautstärke in der riesigen Halle des Tempels, und Qedi zuckte unwillkürlich zusammen. Der alte Mann stand wie aus dem Nichts plötzlich vor dem Opferstein. "Wir nehmen Abschied in Zorn und Trauer. Ein Leben wurde gewaltsam beendet, der Friede im Land wurde gebrochen..."

"Friede!" murmelte Qedi höhnisch und schwieg sofort, als Korreds böser Blick sie traf.

"... und ein Volk blieb verwaist zurück. Wehe dem Volk, das ohne Herrscher ist!"

Ein Jammern und Wehklagen stieg aus der Menge auf. Qedi klagte pflichtbewußt mit; sie wußte ganz genau, daß das Volk ohne diesen Herrscher wesentlich glücklicher sein konnte als mit ihm.

"Wehe dem Volk, dessen Herrscher feigen Mördern zum Opfer fiel!"

Das Jammern steigerte sich zu lauten Rufen.

"Wehe dem Volk", brüllte der alte Mann, "das diese Tat ungesühnt läßt!"

Ohrenbetäubendes Gebrüll antwortete ihm - und verebbte jäh, als er die Arme hob.

"Wer wird uns jetzt führen?" rief er laut in das angespannte Schweigen. "Wer gibt uns das Gesetz zurück? Wer wird die Verpflichtung des shajin und die Last der Verantwortung auf sich nehmen?"

Totenstille.

Die große Flügeltür öffnete sich erneut, und der Kronprinz schritt hindurch. Hinter ihm schlossen sich die Flügel wieder. Der Prinz ging allein bis zu dem Opferstein und blieb davor stehen. Qedi fand, daß er viel jünger aussah, als er war. Er sah verloren und schrecklich verwundbar aus; viel zu jung, um die Herrschaft wirklich zu tragen. Aber dann hob er den Kopf, und die Bewegung verriet nichts als Entschlossenheit. Er hielt den vielen Blicken nicht nur stand, sondern nahm sie alle zugleich in sich auf.

Blaenor ließ die Arme sinken. "Ich biete Euch einen Herrscher aus Elgerions Blut, der an diesem Tag bereits durch Neun Tore gegangen ist und von ihnen anerkannt wurde. Ich biete Euch einen jungen Mann, der den Mördern seines Vaters Rache geschworen hat. Ich biete Euch einen Prinzen aus königlichem Blut, geboren und erzogen, um die schwere Last zu tragen - einen Mann, der bereits an der Grenze für sein Land gekämpft und seinen Mut unter Beweis gestellt hat. Ist einer unter Euch, der das Recht dieses Mannes bestreitet, so möge er vortreten und sprechen!"

Die Stille war so vollkommen, daß Qedi seine Atemzüge hören konnte, obwohl er fast hundert Schritt von ihr entfernt stand. Unwillkürlich wanderte ihr Blick zu dem Herzog von Cret, und damit war sie nicht die einzige; viele Leute musterten ihn verstohlen, während sie warteten. Aber der Herzog stand regungslos und schien die Blicke nicht zu bemerken; starr blickte er auf den Toten.

Blaenor sagte laut: "Niemand bestreitet das Recht des Kronprinzen von Ryondar auf sein Erbe. Argon Meret von Ryondar, Herzog von Calan Thior, nach dem Willen der Götter biete ich Euch die Herrschaft über das Königreich Ryondar. Ich biete Euch ein Leben der Sorge, des Kampfes und der bitteren Enttäuschung. Ich biete Euch Fragen ohne Antworten, Mühe ohne Lohn und Einsamkeit ohne Frieden. Ich biete Euch die Hoffnung des Volkes. Seid Ihr bereit für die Übernahme?"

Der Prinz blickte auf die Leiche seines Vaters nieder und sagte - nicht übermäßig laut und ohne jede überflüssige Betonung, aber doch bis in den letzten Winkel der Halle vernehmbar: "Ja, ich bin bereit."

Der Hohepriester trat einen Schritt zurück. Eine Priesterin setzte sich in Bewegung. In den Armen trug sie ein schwarzes Kissen, auf dem ein blankgezogenes Opferschwert lag. Qedi atmete scharf ein; sie konnte den Blick nicht von der blitzenden Waffe wenden. Ihr Herz klopfte plötzlich bis zum Hals. Shôr neben ihr stand langsam auf, aber kein Mensch wandte auch nur den Kopf nach ihm. Die Priesterin hielt neben dem Kronprinzen an und bot ihm das Schwert. Er nahm es und hob den Kopf. Seine klare Stimme schwebte über dem Schweigen der Menge wie eine Möwe über dem Meer.

"Ich, Argon Meret, erstgeborener Sohn des zweiundzwanzigsten Königs von Ryondar, Corellan Meret, und der Königin Tiéra Meret, schwöre hier und jetzt im Angesicht der Götter, unter Zeugenschaft der Fürsten von Ryondar, der Vertreter der Sechs Ringe und der anturischen und ryondrischen Adelsfamilien, der Priesterschaft der Neun Tore, der Drachenpriesterinnen von Lethys-Nord und Anturien, der Meister der Machoisanna von Ryondar, der Abgeordneten der Stände und in meinem eigenen Namen, daß ich vom heutigen Tag bis zum Tag meines Todes als dreiund-zwanzigster König aus der Blutlinie Elgerion Merets über Ryondar herrschen werde. Ich schwöre, meinem Land und meinem Volk zu dienen und die Gesetze der Lehnsherrschaft und der Chronik des Reiches zu erfüllen. Ich schwöre, den Ratschluß der Gythenna zu respektieren und die Freiheit der Musikantenzunft zu achten.

Als Oberbefehlshaber des königlichen Heeres schwöre ich, die Grenzen des Landes und der dreizehn Fürstentümer zu sichern und die Befehlsgewalt der Fürsten von Ryondar innerhalb ihrer Grenzen anzuerkennen und zu stärken. Ich schwöre, mein Land und mein Volk in Not und Gefahr mit allen mir verfügbaren Kräften zu beschützen und zu verteidigen. Ich schwöre, den Bann über das Hügelvolk zu überwachen, keine Zauberei jedwelcher Art gegen mein Volk zu dulden und die Macht und Natur der Teleni nicht zu mißbrauchen.

Dies schwöre ich bei meinem Leben und bei meiner Ehre. Sollte ich meinen Schwur brechen, und sei es auch in größter Bedrängnis, so mögen die Götter meine Seele verdammen."

"Wir hören und bezeugen diesen Eid", sagte Blaenor, und die versammelte Menge wiederholte den Satz; es klang wie ein dumpfes Brausen. Während Qedi den Worten lauschte und sie aussprach, lief ihr ein Schauer über den Rücken. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Shôr gebannt nach vorne starrte. Was dachte er über diesen jungen Mann, nur ein paar Jahre älter als er selbst, der sich und sein ganzes Leben unter einen solchen Schwur stellte? Und was dachte sie selbst? Sie wußte es nicht genau. Sie war nur froh, daß draußen vor den Toren die Straße wartete, die in die Ferne führte und keinen Eid kannte als den Freiheitswillen der Zunft, den dieser zukünftige König eben zu achten geschworen hatte... wenn auch nur in einem Nebensatz. Fast zweihundert Jahre lang hatte die Machoisanna darum gekämpft, daß dieser Nebensatz in den Krönungseid aufgenommen wurde, und die Aedan Atlira war zugegen gewesen, als Königin Eldris Meret 18 die Worte im Jahr 1382 zum ersten Mal ausgesprochen hatte. Eldris war damals ebenfalls kaum zwanzig Jahre alt gewesen. Es war Tradition in Ryondar, daß die Söhne und Töchter der Familie Meret in einem Alter an die Macht kamen, in dem andere sich gerade erst in der Welt zurechtzufinden begannen. Und nicht alle waren dieser Aufgabe gewachsen gewesen.

Als er das Schwert hob, lief ein glänzendes Licht über die Klinge. Er drehte sich um und trat an den Stein, auf dem die Leiche des Königs lag. Qedi, die dieses Ritual schon einmal gesehen hatte, fühlte, wie der Schweiß ihr über den Rücken lief. Dies war der Moment, vor dem sie sich fürchtete; der Anblick, um dessentwillen sie Shôr mitgenommen hatte. Sie warf ihm einen Blick zu: er schaute nur neugierig und gespannt nach vorne. Er hatte keine Ahnung, was jetzt kam. Erst, als Argon über dem Toten das Schwert hob, runzelte er verwirrt die Stirn.

Und dann hielten sie alle - Fürsten, Adlige, Priester und Musikanten - den Atem an, und völliges Schweigen senkte sich über die Halle, selbst das letzte Rascheln seidener Gewänder erstarb.

Über die bleichen Lippen des Toten lief ein schmales dunkelrotes Rinnsal, suchte sich seinen Weg die Wange hinunter, am Ohr vorbei und versickerte in den schwarzen Haaren.

Argon hielt das Schwert reglos in der Schwebe. Mit aschfahlem Gesicht starrte er das Blut an. Dann hob er den Kopf - in dem gleichen Moment, als der Herzog von Cret sich mit einem dünnen, harten Lächeln aufrichtete und die Arme verschränkte. Ihre Blicke trafen sich und hielten einander fest, bis der Prinz sich losriß. Langsam hob er das Schwert. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos, aber das Licht zitterte auf der scharfen Klinge.

Er sagte mit ganz ruhiger Stimme: "Corellan Meret, König von Ryondar, ich befreie dein Herz von dem Land, deinen Geist von der Herrschaft, deinen Körper von dem Willen und deine Seele von ihren Fesseln. Von deinen Schultern nehme ich eine Last; ich werde sie tragen. Als dein Erbe nehme ich den shajin."

Noch einen Augenblick lang stand er still und schaute auf das tote Gesicht seines Vaters hinab. Dann schlug er zu.

v

Während Blaenor den shajin in einer goldenen Schüssel wusch und abtrocknete, stand der Prinz reglos vor dem Stein, dem er den Rücken zukehrte. Die Blaenwyr-Priesterin kniete vor ihm nieder, und er übergab ihr das blutverschmierte Schwert, ohne sie anzusehen. Die Fürsten waren unnatürlich still, ebenso die Priester. Die Musikanten führten geflüsterte Gespräche; ihr Wispern klang in der Stille wie das Rascheln von totem Laub.

"Das war das Schlimmste, was geschehen konnte", wisperte Taornagh. "Das bricht ihm das Genick, bevor er auch nur angefangen hat. Warum haben die Priester nichts gesagt?"

"Ich weiß nicht", flüsterte sie. "Warum hat der Herzog nichts gesagt?"

Er zuckte die Achseln.

Korred war kreidebleich geworden und sah aus, als sei ihm übel. "Bei allen Göttern", flüsterte er. "Das ist die Übernahme?"

Taornagh lächelte dünn. "Und? Möchtest du noch immer König sein?"

"Nein", sagte der Fiedler heiser. "Niemals!"

"Dabei war das noch die abgemilderte ryondrische Form", sagte Qedi halblaut. "Die anturische verlangte, daß der Fürst, wenn seine Zeit gekommen war, lebendigzum Richtblock ging. Aber dieser Brauch wurde schon vor Jahrhunderten abgeschafft, noch vor König Elgerion."

"In diesem Fall wäre es ohnehin nicht möglich gewesen", sagte Taornagh ganz ernst. "Aber das Blut -"

"Scht!" zischte jemand, und er verstummte.

Blaenor drehte sich zu dem Kronprinzen um und hob den shajin.

"Wartet", sagte Argon.

Der Hohepriester stockte mitten in der Bewegung.

Der Prinz hob leicht den Kopf und blickte zu seinem Onkel hin. "É dan, Ihr seid der älteste lebende Verwandte meines Vaters. Habt Ihr etwas zu sagen?" Seine klare Stimme hallte durch das ganze riesige Gewölbe und kehrte als Echo aus den dunklen Winkeln unter dem Dach. Qedi war vollkommen verblüfft. Sie hatte nicht erwartet, daß irgend jemand - und sei es der Prinz selbst - das Ritual so mühelos durchbrechen konnte. Unwillkürlich war sie beeindruckt.

Zum ersten Mal an diesem Tag wirkte der Herzog ebenso überrascht wie alle anderen. Er richtete sich auf und zögerte kurz, während er dem enthaupteten Leichnam einen Blick zuwarf; dann sagte er scharf: "Warum sollte ich? - Nein."

"Dann erkennt Ihr mein Recht auf den shajin an."

Der grauhaarige Mann hatte sich wieder gefangen, allerdings war es möglich, daß die bedrohliche Anwesenheit der Teleni und der Königlichen Wache ihn davon abhielt, den Anspruch des Kronprinzen hier in aller Öffentlichkeit anzufechten. Er lehnte sich zurück und sagte kalt: "Ihr seid der Erbe des Königs. Ich erkenne Euer Recht an, den shajin zu tragen."

Der Prinz nickte kurz. Blaenor, der schweigend neben ihm gewartet hatte, trat vor ihn und hob den shajin , und diesmal gab es keine Verzögerungen mehr. Er legte den goldenen Reif um den schlanken Hals und ließ den Verschluß mit einem hörbaren Klicken zuschnappen, dann zog er die schwarzen, lockigen Haare unter dem Reif hervor und glättete sie. Damit war es geschehen.

Die Priesterin legte dem König einen Mantel aus blauem Samt und schwarzweiß gefleckten Sarbpelzen um und drückte ihm einen zweiten Goldreif auf die schwarzen Locken: das war die parainath, die Krone der Herrschaft über das Land. Die Übernahme war ein uraltes, blutiges Ritual, und ursprünglich war der shajin nichts als ein Sklavenkragen gewesen, der den neuen Herrscher bis zu seinem Tod an das Land kettete, während Krone und Mantel ihn als Träger der Macht auswiesen. Dennoch hatte der shajin im Lauf der Jahrhunderte die größere Bedeutung erlangt, vielleicht wegen der tödlichen Endgültigkeit der Übernahme.

Qedi machte sich klar, daß der junge Mann dort vorne neben seiner eigenen Zukunft stand: eines Tages würde auch er auf einem solchen Block liegen, und jemand würde über ihm ein Schwert heben. In diesem Wissen würde er von nun an leben.

Die Wächter trugen den Block mit dem enthaupteten Leichnam hinaus. Die Priester sammelten sich in einem Halbkreis hinter dem König und dem Hohepriester, der die Arme hob und rief: "Seht euren König!"

Die Menschen knieten nieder. Die großen Flügeltüren des Tempels öffneten sich und ließen gleißendes Licht herein, und draußen brach Jubelgeschrei los, fern, aber deutlich zu verstehen: begeistert schrie die Menge den Namen des Königs. Qedi kniete neben Taornagh, Korred und Shôr, hielt den Blick auf den neuen Herrscher gerichtet und lauschte. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, während sie wartete.

Als das Geschrei erstarb, begann in der Dunkelheit hinter den Toren eine Frauenstimme zu singen. Es war eine dunkle, weiche Stimme, die Qedi nicht gleich erkannte. Dann erinnerte sie sich: das mußte Cethin sein, die Frau, die von der Aedan zur neuen Beraterin des Königs ausgewählt worden war, Corrachs Nachfolgerin. Sie sang die erste Strophe allein.

Die Weisen sagten: es ist Zeit.
Ich nahm das letzte Schiff;
und hinter mir versank das Land.
Feuer floß vom Madannan.
Taishon, deine Täler schlafen
jetzt unter der See.
Deine Berge sind Inseln im Wind.
Wo werde ich eine Heimat finden?

Dann gab die Blaenwyr-Priesterin ein Zeichen, und die Menschen im Tempel erhoben sich und stimmten ein.

Der Südwind treibt mich übers Meer;
was jenseits liegt, ist mir verborgen.
Was früher war, gilt jetzt nicht mehr,
und vor mir ist nichts als der Morgen.

Es war eine seltsame Hymne für ein so kriegerisches Volk, aber Qedi mochte die zweite Strophe, in der noch keine Ahnung von den späteren Eroberungskriegen lag. Ein Lied, das mit der Liebe zu einem erst blutig unterworfenen Land prahlte, hätte sie nicht mitgesungen. Aber mit der Liebe war es hier ja ohnehin so eine Sache: wer nicht einmal dem Boden unter seinen Füßen trauen konnte und ständig in Angst vor den magischen Kräften des Landes lebte, konnte kaum behaupten, es zu lieben. Die ryondrischen und anturischen Flüchtlinge eines versunkenen Landes hatten das Land und seine Bewohner jahrhundertelang bekämpft, und es hatte neunhundert Jahre lang überhaupt kein Ryondar gegeben, nur die anturisch und ryondrisch besetzten Gebiete, aus denen sich die Fürstentümer entwickelten.

Aber die Verfasserin des Liedes hatte die schwebende Hoffnung der Anfangsjahre festgehalten, und es sprach für die Ryondari, daß sie dieses Lied und nicht die prahlerischen Gesänge der Eroberungszeit zu ihrer Hymne gemacht hatten. Also konnte man es mitsingen, auch wenn man wie Qedi, Taornagh und Korred nicht einmal aus Ryondar stammte, sondern aus Dewer und Xal-Kattra, und man konnte es singen, ohne sich den Iuniern gegenüber auf unbestimmte Weise schuldig zu fühlen. Shôr kannte ohnehin nichts anderes als Ryondar.

Und der Herzog von Cret bewegte zumindest die Lippen.

v

"Natürlich gibt es auch dazu eine verrückte Geschichte", sagte Qedi, als sie anschließend zu den Tempeltoren gingen. "Es gab einen anturischen Fürsten - er hieß Kaikas -, der nach altem Brauch bei der Krönung von König Castal 4 den Ring um den Hals des neuen Herrschers schließen sollte. Er wartete, bis der alte König enthauptet war, dann nahm er ihm den shajin ab, drehte sich zu dem Thronfolger um, hob die Hände - und schloß den Ring blitzschnell um seinen eigenen Hals."

"Was?" rief Shôr. "Und dann?"

"Nun ja", sagte Qedi, "- dann war er König. Für ziemlich genau die Zeitspanne, die Castal brauchte, um sein eigenes Schwert zu ziehen und ihm den Kopf abzuschlagen."

"Aber das muß er doch vorher gewußt haben!"

"Sicher wußte er es."

"Verrückt", sagte Korred kopfschüttelnd. "Warum hat er es dann getan?"

Qedi lachte ein wenig. "Ihr wißt doch, wie es ist. Es gibt nichts, das so irrsinnig wäre, daß nicht früher oder später irgend jemand es ausprobiert. Nur um zu sehen, was dann geschieht. Oder um aus einem Gedanken eine Geschichte zu machen. Ihr seht ja: diese Geschichte ist fast fünfhundert Jahre alt. Sie hat überlebt, und sie hat den Verrückten Kaikas unsterblich gemacht, obwohl er beinahe sofort getötet wurde. Was sind denn Geschichten anderes als Erzählungen über verrückte oder wenigstens ungewöhnliche Leute?"

"Und dieser Bursche wurde sogar standesgemäß getötet", sagte Taornagh. "Nach anturischem Recht war er tatsächlich König... wenn auch nicht sehr lange."

"Woher kennt ihr nur solche Geschichten?" wunderte sich Korred.

Taornagh und Qedi wechselten einen verschmitzten Blick. "Oh", sagte Qedi, "das war lange vor eurer Zeit. Wir waren noch halbe Kinder, und wir stritten ständig darum, wer von allen Lehrlingen der Beste, Stärkste, Schnellste, Klügste, Verrückteste und so weiter war. Eines Tages kam Ildari auf den Gedanken - es war doch Ildari, nicht wahr, Taornagh? - eines Tages kam sie auf den Gedanken, einen neuen Wettstreit auszurufen. Wer die verrückteste und ungewöhnlichste Geschichte erzählte, sollte Sieger sein. Aber die Geschichte mußte echt sein, nicht erfunden. Also verbrachten wir Lehrlinge drei Tage und Nächte in der Bibliothek, kramten die ältesten, verstaubtesten und zerfleddertsten Bücher aus den Regalen und stellten alles auf den Kopf, und erstaunlicherweise hatten die Meister nicht einmal allzuviel dagegen - denn wir lernten ja etwas dabei. Nur der Aedan Stenar war ärgerlich, aber verboten hat er uns die Sache nicht - vielleicht war er selber auf die Ergebnisse gespannt. Jedenfalls kamen wir nach drei Tagen staubverschmiert, hustend und mit roten Augen aus der Bibliothek, hockten uns in den Hof und erzählten uns unsere Geschichten, und viele Gesellen und Meister kamen und hörten zu. Es war zum Schreien komisch, und Baitan gewann den Wettstreit mit einer unglaublichen Geschichte über ein Pferd. Aber ich weiß einfach nicht mehr, wer diese Krönungsgeschichte erzählt hat..."

Taornagh lächelte versonnen. "Das war Makror."

"Makror?" wiederholten Korred und Shôr wie aus einem Mund. Und Korred fügte hinzu: "Dieser staubtrockene Knochen?"

Qedi lachte. "Er war nicht immer so."

"Welche Geschichte erzählte denn die Aedan?" fragte Shôr neugierig.

"Die Aedan? Oh - du meinst Orian. Ja, Orian war damals eine dünne Göre mit rötlichen Strubbelhaaren, und sie erzählte - was erzählte sie, Taornagh?"

"Keine Ahnung", sagte der alte Flötenspieler. "Aber ihre Geschichte war nicht besonders lustig, das weiß ich noch, und dabei hatte sie sich sogar in der iunischen Ecke herumgetrieben, und zwar länger als alle anderen."

"Und ihr?"

"Meine Geschichte weiß ich gar nicht mehr", sagte Qedi heiter. "Dabei war ich damals ungeheuer wütend und eifersüchtig, weil Baitan gewonnen hatte und nicht ich. Und deine Geschichte, Taornagh, handelte von Königin Maratha..."

"... und war eher blutrünstig als komisch", sagte Taornagh. "Aber das mit dem Blut... das hat mir nicht gefallen."

"Was geschieht denn jetzt?" fragte Shôr.

Qedi zuckte die Achseln. "Für uns nicht mehr viel. Morgen nachmittag werden die Fürsten ihm den Treueschwur leisten. Das ist eine langweilige Angelegenheit, jeder sagt dasselbe, und es gibt nur ein paar kleine Abweichungen. Die Drachenpriesterinnen sagen irgend etwas über den Schwur, den die Drachen König Elgerion vor fünfhundert Jahren geleistet haben, Fürst Mervon von Cardan-Adela schwört, die Handelsflotte zu schützen und den Schmuggel einzudämmen, haha -"

"Das sagt er nicht!" sagte Korred nachdrücklich.

Qedi grinste. "Dann nicht. Dann schwört er eben nur, die Flotte zu schützen. Er wäre ja auch schön dumm, sich von seiner Haupteinnahmequelle zu trennen. Jedenfalls ist dann da noch Iunis. Der Statthalter von Iunis schwört, die Insel im Namen des Königs zu verwalten. Das Amt des Statthalters ist nicht mit der Lehnsherrschaft verbunden; Iunis steht unter dem unmittelbaren Befehl des Königs. Ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Königs darf der Statthalter keine Bündnisse oder Verpflichtungen für Iunis eingehen. Dann gibt es noch einen ganzen Haufen Eide, Verträge, Bündnisse und Abkommen, die alle erneuert werden müssen. Das zieht sich über den ganzen Tag, und die Machoisanna hat damit nichts zu tun. Schließlich schwören wir keinen Eid. Nur die Aedan ist dabei und muß alles bezeugen - au wei, Dwylan Wanderin, laßt uns verschwinden!"

Es war schon zu spät. Die Aedan, eine zierliche, weißhaarige alte Dame, fegte bereits quer durch die Halle auf sie zu. Qedi schob Shôr sofort hinter sich, was aber nicht viel nützte, da er sie an allen Seiten überragte. Aber die Aedan beachtete Shôr überhaupt nicht. Ihr zartes Gesicht war gerötet vor Erregung.

"Habt ihr das gesehen? Das Blut? Qedi, Taornagh, Korred, ich muß mit euch reden. Kommt!"

Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Shôr stand plötzlich allein in der Tempelhalle und stellte fest, daß ihn jetzt mehr und mehr irritierte und ärgerliche Blicke streiften. Er schlenderte unauffällig zur Tür.

Draußen traf er nach einigem Suchen die Khyalen wieder und gesellte sich zu ihnen. Er bemerkte Aneurins zornige Blicke wohl, maß ihnen mit der Leichtherzigkeit des Vierzehnjährigen jedoch keine Bedeutung bei. Stattdessen war er von Etis´ Wunsch, Musikant zu werden, begeistert.

"Natürlich nehmen wir dich mit", sagte er fröhlich. "Wie hieß das Ding, das du spielen kannst?"

"Kappak", sagte Etis.

"Kappak. Ist das so eine mittelgroße Trommel mit kurzem, harten Ton? Pang, pang, pang?"

"Woher weißt du das?" fragte Etis erstaunt.

Der Junge wischte sich die schwarzen Haare aus den Augen und grinste ihn an. "Der Name klingt danach. Kappak, kappak. Eine große Trommel heißt zum Beispiel wadon. Eine kleine Handtrommel heißt gembe. Es ist alles im Klang enthalten."

"Ich will solche Dinge auch wissen", sagte Etis begierig.

Aber als die Musikanten eine ganze Weile später zu ihnen stießen, setzten sie der Begeisterung der beiden Jungen einen gehörigen Dämpfer auf. "Es tut mir wirklich sehr leid", sagte Qedi, "aber wir können dich nicht mitnehmen. Wir bleiben den ganzen Winter über hier. Und du müßtest nach Caint, um Lehrling zu werden... nein, das geht nicht. Fahr lieber wieder nach Hause, Junge."

"Nein", sagte Etis.

Die Harfnerin schüttelte den Kopf. "Es hat keinen Sinn, Etis, versteh das doch. Das Gesetz, von dem ich sprach - die Musikanten der Zunft gehen nicht nach Iunis. Du dürftest nie wieder nach Hause zurückkehren."

"Das weiß ich."

"Junge, hör doch. Du hast doch sicher Eltern. Sie wären sicher nicht damit einverstanden."

Er zögerte kurz, dann atmete er tief ein. "Nein - aber ich habe mit ihnen gesprochen, und sie wissen, was ich will. Ich bin kein Kind mehr, und ich gehe nicht zurück."

Iveirdne starrte ihn nur an. Das war nicht mehr der Etis, den sie kannte. Etwas hatte sich in ihm verändert; der schüchterne Junge hatte plötzlich seinen Weg gefunden. Auch die Harfnerin schien das zu begreifen. Aber trotzdem schüttelte sie nur den Kopf. "Nein. Ich kann das nicht tun. Etis... es ist besser, wenn du die Machoisanna vergißt."

"Nein", sagte er. "Und wenn Ihr mir nicht helft, gehe ich trotzdem. Ich gehe auch zu Fuß nach Caint. Ich frage die - die Aedan. Ich werde so lange vor der Tür sitzen, bis sie mich hineinlassen. Ich werde Musikant."

"Nein."

"Doch."

"Nein."

"É dan", sagte er, "ist es, weil ich kardisch bin? Ich dachte, in der Zunft sind alle gleich. Man läßt seine Vergangenheit und seine Familie hinter sich und hat nur noch die Zunft. Ich bin bereit dazu. Bitte laßt mich bei Euch bleiben."

Erschrocken schaute sie ihn an. "Du weißt nicht genug über die Musikantenzunft, Etis niDolan. Laß es sein! Geh zurück!"

"Nein", sagte er.

"Junge, hör zu -"

Das Läuten der Tempelglocke unterbrach sie. "Es ist soweit", sagte Taornagh. "Kommt."

Sie fanden einen Platz, von dem sie die große Freitreppe des Tempels gut sehen konnten, ohne selbst von den Menschen erdrückt zu werden, und sie brauchten nicht lange zu warten. Als sich die Flügeltüren öffneten, schwoll das Stimmengewirr der Menge zu einem brausenden Chor an. Iveirdne faßte unwillkürlich nach Darralyns Hand; während sie sich wie alle anderen reckte, um noch besser sehen zu können. "Schau!"

Der Hohepriester trat langsam durch die Tür nach vorne, und der Lärm erstarb. Dann erschienen eine Frau in der Kleidung der Musikantenzunft und ein bullig wirkender Soldat, die rechts und links des Balkons drei Treppenstufen hinabstiegen und dort stehenblieben.

"Die Fürsten", flüsterte Darralyn ihr zu. Sie blinzelte. Unter dem Jubel der Menge traten die Herrscher der Fürstentümer aus der Tür und reihten sich nebeneinander. Iveirdne erkannte den Statthalter von Iunis neben einer kleinen, vogelartigen Frau, deren Kleid giftgrün schillerte. Celiphas amTarn war nicht bei ihm - natürlich nicht. Wie jedesmal, wenn sie an ihn dachte, schnürte sich ihr plötzlich der Hals zu.

Jetzt hob der Hohepriester die Hand, und es wurde still. Iveirdne erschauerte in der Kälte. Im gleichen Augenblick wehte ein harter Windstoß ein paar Federhüte wie Herbstlaub über den Platz, und es begann zu schneien - nicht allmählich, sondern so unerwartet wie die erste große Welle der nahenden Flut. Doch trotz der rasch einfallenden Dunkelheit stand die Treppe noch in hellem Licht, und während Iveirdne ihr Gesicht gegen die dünnen Eisstiche schützte und nach vorne spähte, trat der König von Ryondar aus dem Schatten der Tür heraus ins Licht, hinein in den Jubel seines Volkes.

 

vvv

Prolog - 1. Kapitel - 2. Kapitel - 3. Kapitel - 4. Kapitel - 5. Kapitel - 6. Kapitel - 7. Kapitel - 8. Kapitel - 9. Kapitel