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Thorandon

Spätherbst 1500

Der nächste Morgen zog klar und eiskalt von den Bergen her über die Stadt. In den letzten Stunden vor der Dämmerung war selbst das bunte Treiben in den Marktgassen zum Erliegen gekommen; vor der bitteren Kälte verzogen sich die Menschen in ihre eigenen Häuser, in die Tempel und Gasthäuser und überließen die frostigen Straßen den Soldaten der Stadtwache. Mit der aufgehenden Sonne kehrte dann jedoch auch das Leben in die Stadt zurück. Die Iunier erwachten von einem heftigen Streit zweier Fuhrleute vor dem Haus. Sie sprachen ihr kurzes Gebet, wuschen sich und zogen ihre besten Kleider an. Iveirdne zog über ihr übliches langes Hemd eine weiße Bluse mit langen, gebauschten Ärmeln und einen langen Rock aus hellem Leinen, auf dessen Saum sie in monatelanger Arbeit Blumen und Kräuter gestickt hatte. Darralyn und Etis zogen ebenfalls weiße Hemden an, trugen dazu Hosen aus grauem Leder und banden sich breite schwarze Gürtel um die Hüften. Iveirdne fand, daß sie alle drei prächtig aussahen; natürlich verblaßten sie gegen Aneurins rotgoldenen Glanz. Über all diese Pracht warfen sie dann ihre schäbigen alten Mäntel und gingen in die Schankstube. Dort frühstückten sie Schwarzbrot und heißen Tee und machten sich dann auf den Weg in die Stadt. Außer dem Kelch trugen sie auch fast alle ihre Habseligkeiten bei sich; Aneurin hatte ihnen bereits beigebracht, daß in Ryondar jemand, der seinen Besitz unbewacht ließ, selbst daran schuld war, wenn er ihn bei seiner Rückkehr nicht mehr fand.

An diesem Morgen hielten sie sich dicht beieinander, um sich in dem Gewimmel nicht zu verlieren. Iveirdne hatte sich nicht vorstellen können, daß es so viele Menschen auf der Welt gab. Priester in leuchtendbunten Roben, Kaufleute und Händler, würdige Räte und zerlumpte Bettler, Waldläufer und Abenteurer, Wahrsagerinnen und herrschaftliche Diener drängten sich an ihr vorbei. Sie sah auch Kardian, die sich rasch und verstohlen am Rand des Stroms bewegten und gelegentlich Fußtritten auswichen. An diesem Morgen begriff sie endlich, warum Aneurin so wütend auf sie gewesen war: Sie hatte sich aus ihrer angemessenen Stellung gewagt und mit ihm wie mit einem Gleichrangigen gesprochen. Sie hatte den unverzeihlichen Fehler begangen, ihn für einen Khyalen zu halten: ihresgleichen, während er sich selber unzweifelhaft als Aneurin adar-Karan Jarvik betrachtete, ganz gleich, ob er den Namen nun abgelegt hatte oder nicht.

Sie konnte es ihm nicht übelnehmen. Immerhin konnte er wählen, was er sein wollte: Anturier oder Kardian, beide Wege standen ihm offen, und dumm wäre es gewesen, den dornigen Weg der Unterwerfung zu wählen, wenn er doch auf der breiten Straße der Überlegenheit viel besser vorwärtskommen konnte. Iveirdne beneidete ihn heftig um diese Freiheit; sie selbst war wie ein Baum in der Erde von Lenangeh verwurzelt und an die Trümmer der kardischen Vergangenheit gefesselt. Nur verstand sie immer weniger, warum er zu ihnen in die Khyals gekommen war.

Am Zunftweberhaus bogen sie in die Südstraße ein, die zum Tempel und zum Platz des Weißen Baumes führte. Obwohl er doch Weber war, verschwendete Aneurin keinen Blick auf die bunten Tuchballen vor dem Haus. Als Iveirdne das ausladende Dach der Zweige des gewaltigen Baumes sah, gab es für sie kein Halten mehr. Am vergangenen Tag war sie von der Flut dessen, was auf sie einstürzte, wie erschlagen gewesen; heute wollte sie diesen Baum sehen. Sie zog Darralyn einfach mit sich. Etis lief ihnen eilig nach, und sie ließen Aneurin hinter sich zurück, ohne sich um seinen zornigen Ausruf zu kümmern.

Unter die Äste traten sie wie in einen Tempel: andächtig und stumm. Das weite, tausendfach verschlungene Winterdach der kahlen Zweige stand still gegen den eisblauen Himmel; ein Netz aus Schatten überzog den Boden wie Wurzelgeflecht. Trotz der vielen Menschen, die sich hier versammelt hatten, herrschte eine seltsame Stille: Gespräche klangen gedämpft, Bewegungen wirkten langsamer. Iveirdne blieb stehen und sah sich mit leuchtenden Augen um. Ein Knoten in ihrer Brust löste sich, und sie konnte zum ersten Mal seit dem Betreten der Stadt frei atmen. Allein um dieses Baumes willen hatte sich die ganze Reise gelohnt.

Aneurin holte sie ein und zischte: "Seid ihr verrückt geworden, einfach loszurennen? Was fällt euch eigentlich ein?"

Sie drehte sich zu ihm um. Ob es nun der Weiße Baum war, dessen Heiligkeit und überwältigende Größe sie plötzlich klarer sehen ließ, wußte sie nicht, aber es fiel ihr auf einmal ganz leicht, ihn anzulächeln. "Schön hier, nicht?" sagte sie.

Er starrte sie nur wütend an und drehte sich abrupt von ihr weg. Nicht einmal das konnte sie treffen. Sein Ärger war so verschwindend gering, so belanglos an diesem Ort, kaum mehr als das lästige Summen einer Mücke. Sie legte den Kopf in den Nacken und blickte nach oben, und allmählich stellten sich ihre Augen auf das wirre Durcheinander ein. In den verschlungenen Ästen hockten Vögel: große Raben mit glänzendschwarzem Gefieder und schwarzen Schnäbeln. Sie saßen so still, als kämen sie aus einer Welt außerhalb der Zeit. Iveirdne streckte die Hand aus und berührte Darralyn am Arm. Als er sich zu ihr hindrehte, zeigte sie nach oben. Er schaute hoch und stieß einen leisen Pfiff aus.

"Meriel, was für riesige Biester! Finstere Burschen, was? Frage mich, warum man sie hier duldet. Man sollte sie -"

"Schaut nicht so lange nach oben", sagte Aneurin plötzlich scharf. "Und vor allem - redet nicht so laut. Die Raben stehen unter dem Schutz des Königs. Sagt nichts gegen sie!"

Darralyn löste den Blick von den stummen Vögeln und runzelte die Stirn. "Gegen sie? Ich werd´ mich hüten. Ich habe nichts gesagt."

"Häßlich sind sie trotzdem", sagte Iveirdne mit gedämpfter Stimme.

Aneurin zuckte die Achseln. Etis, der die Raben kaum bemerkt hatte, weil er ständig mit großen Augen in die Menge starrte, lief plötzlich los, um sich eine Frau anzusehen, die am Rande des großen Platzes mit brennenden Holzstäben jonglierte, und die Gefährten folgten ihm rasch, um ihn in dem Gedränge nicht zu verlieren.

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Vom Tor des Tempels aus betrachtete Vianne vara-Quaid, die Hohepriesterin des Dritten Tores, schweigend das Menschengewimmel auf dem Platz. Sie war eine nicht allzugroße Ryondari mittleren Alters und trug ihr bodenlanges Gewand aus fließendem grauem Samt mit der ruhigen Würde dreier Jahrzehnte des Dienstes im Tempel. Auf ihrer Brust, dicht über dem Herzen, trug sie ein besticktes Wappen, das ein Tor mit neun kleinen Kreisen zeigte. Die Vorübergehenden grüßten sie respektvoll. Auf Kardian achtete sie nicht, auch nicht auf das bunte Gauklervolk, das die Menge mit Späßen und Musik unterhielt. Stattdessen beobachtete sie die schwarzgekleideten Gardisten der Stadtwache, die sich so ganz und gar nicht im Hintergrund hielten und den Volksfestcharakter des Tages störten. Gelegentlich blickte sie auch in die Krone des Weißen Baumes hinauf, musterte die großen schwarzen Vögel und wandte dann den Blick ab, als wolle sie nicht dabei gesehen werden, daß sie sie beobachtete.

Hinter ihr stand einer ihrer Priester: weit genug entfernt, um sie nicht zu bedrängen, doch nahe genug, um auf ein Wort oder eine Geste hin zur Stelle zu sein. Er beobachtete die Raben ebenfalls, und sein häßliches, vierschrötiges Gesicht war sorgenvoll zerfurcht.

Endlich kam die Geste, auf die er wartete. Die Hohepriesterin wandte den Kopf halb zu ihm und fragte: "Was denkst du darüber, van Tonor?"

Er trat näher an sie heran und folgte ihrem Blick zu den schweigenden Vögeln hinauf. "Sie machen mir Angst", gab er zu. "Ich habe nie gesehen, daß sie von Thorandon herunter in die Stadt kommen."

"Sie warten", sagte Vianne.

"Auf was?"

Vianne sagte das erste, was ihr in den Sinn kam. "Vielleicht darauf, daß wir versagen."

Schweigend dachte er darüber nach, dann fragte er: "Werden wir versagen, é asar?"

Sie führte die Hände zusammen, bis sich die Fingerspitzen berührten, und zog sie dann auseinander in der rituellen Öffnung des Tores, dem sie dienten: dem Tor der Möglichkeiten. "Was sind wir bereit zu zahlen?"

Tonor betrachtete die Geste, dann führte er seine rechte Hand zur Brust und wieder fort: Ich durchschreite das Tor."Was gefordert wird, é asar."

"Und darüber hinaus?"

Er verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln und ließ die Hand sinken. "Was nötig ist."

Sie erwiderte das Lächeln und schaute wieder auf den Platz hinaus. Eine Yuun-Priesterin fegte den Weg vor dem Tor und vertrieb die Bettler, die sich jeden Morgen aufs neue hier einfanden. Vom Tempel her hörten sie das ängstliche Muhen der Kühe, die von den Priestern des Neunten Tores zur Opferung geführt wurden. Vianne selber hatte ihr Opfer schon am frühen Morgen dargebracht: sie hatte Weihrauch verbrannt und zwei Stunden in der eisigen Leere des Tores zugebracht, bis ihre Hände und Füße fast abgestorben waren vor Kälte. Sie war daran gewöhnt, aber jetzt schob sie die Hände in die Ärmel, um sie ein wenig aufzuwärmen. Ihr Tor, Quaid, verlangte Kälte, Reinheit und Klarheit, aber keine Selbstverstümmelung.

Sie dachte darüber nach, was ihre Spione ihr erzählt hatten. Der Herzog von Cret, der Bruder des ermordeten Königs, war am vergangenen Abend in der Stadt eingetroffen. In den anturischen Adelshäusern waren hitzige Auseinandersetzungen über sein Recht auf den Thron entbrannt. Hatte ein Verbannter überhaupt noch irgendwelche Rechte? Warum hatte der Kronprinz ihn zurückgerufen? In diesem von Unruhen und Erdbeben heimgesuchten Land konnte man nicht sagen, daß etwas in Bewegung kam, aber Vianne war recht sicher, daß etwas begonnen hatte, dessen Ausmaß sie nicht überschauen konnte.

"Vielleicht ist es ein Zeichen", sagte sie.

"Eine Warnung?"

"Ich weiß es nicht", erwiderte sie. "Wir werden es herausfinden müssen."

Er bewegte wieder die Hand. So sei es.

Sie wandte sich um und kehrte zum Tempel zurück, und er folgte ihr.

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Allmählich füllte sich der Platz unter dem Weißen Baum. Aus der ganzen Stadt strömten Menschen herbei, obwohl es noch drei Stunden dauern sollte, bis der zukünftige König vom Berg herunterkam, um im Tempel die Tore zu durchschreiten. Die Khyalen hatten sich zunächst einen Platz in der Nähe des mächtigen Stammes ausgesucht, in dessen Nähe sie sich so sicher fühlten wie in der Umarmung eines gutmütigen Riesen; als jedoch immer mehr Menschen sich um sie drängelten, wurde ihnen unheimlich zumute. Und Aneurins ärgerliche Bemerkung, daß sie den Kelch genausogut auch hier loswerden konnten, indem sie ihn sich einfach stehlen ließen, erinnerte sie nach einiger Zeit wieder an ihre Pflicht und weckte sie alle auf. Widerwillig machten sie sich auf den Weg. Nach kaum zehn Schritten stieß Iveirdne mit einer Musikantin zusammen und veränderte damit den Lauf der Geschichte von Ryondar.

Sie hatte die schmächtige Frau ziemlich heftig angerempelt und halb umgeworfen; einer der drei Begleiter fing sie auf und stellte sie auf die Füße. Der zweite sagte: "Verdammtes Pack! Kannst du nicht sehen, wo du hintrampelst!" Und der dritte, ein halbwüchsiger Junge, fragte besorgt: "Hast du dir wehgetan, Mutter?"

"Mir fehlt nichts", sagte die Musikantin ärgerlich und klopfte sich ein wenig Staub vom Mantel. Dann schaute sie auf, um zu sehen, wer sie gestoßen hatte, und sagte: "Oh."

Iveirdne hatte die hastige Entschuldigung schon auf den Lippen; jetzt erstarb jedes Wort, als sie die Frau erkannte, die am vergangenen Abend das schreckliche Nebellied gespielt und die Musik des Lautenspielers zerstört hatte. Die Frau war nicht besonders groß, aber sie hatte etwas an sich, das es unmöglich machte, sie nicht sofort wiederzuerkennen, wenn man sie einmal gesehen hatte: eine Ausstrahlung von Sicherheit und Kraft, ein besonderes Strahlen in den kleinen, dunklen Augen. Ihre kurzen grauen Haare standen wirr um ihr verschmitztes Vogelgesicht, und in ihren Mundwinkeln saß etwas wie ein ständiges Lächeln. Der goldhäutige Junge war also ihr Sohn; er hatte die gleichen wachen Augen und die gleiche ruhige, sichere Art, sich zu bewegen. Seine schwarzen Haare fielen in wirren, widerspenstigen Locken auf seine Schultern, und seine Hände waren so lang und feinfühlig wie die ihren. Nur sein Mund war anders, sanfter, wies auf eine gewisse Verletzlichkeit hin, die der Frau fehlte, die nun vor Iveirdne stand und die kardische Schnitzerin vom ordentlich geflochtenen Zopf bis zu den ausgetretenen Holzschuhen musterte. Trotz ihrer zarten Gestalt wirkte sie so fest und unverrückbar wie ein Fels. Dann lächelte sie und sagte: "Na so etwas."

Iveirdne schluckte, gefangen zwischen diesem Lächeln und dem Drang, sich umzudrehen und einfach wegzurennen. Das Lächeln verwirrte und überwältigte sie; es paßte nicht zu der gnadenlosen Richterin der vergangenen Nacht. Sie hatte keine Ahnung, wie man Zunftmusikanten anredete, und jeden Moment erwartete sie, die schrecklichen Harfenklänge wieder zu hören und den weißen Nebel zu sehen, der auf ihren eigenen Kopf zuschwebte.

"Ach du liebe Güte", sagte die Harfnerin, "sie hat Angst vor mir. Ich tu dir nichts, weißt du? Nur solltest du dir angewöhnen, nach vorne zu sehen, wenn du durch die Stadt rennst."

Iveirdne nickte schwächlich und fühlte, wie sie rot wurde. Hilflos stand sie vor der Frau und starrte sie an. Weder ihre Begleiter noch die der Harfnerin sagten etwas. Endlich seufzte die Frau und sagte: "Sieh mich nicht so an, als ob ich dich fressen würde, Mädchen. Du hast ja kein Verbrechen begangen."

"Du kennst die Frau, Qedi?" fragte der braunhäutige, weißhaarige Mann an ihrer Seite. Er sah bestürzend fremdartig aus, aber seine Augen musterten Iveirdne freundlich. Die Harfnerin zuckte die Schultern.

"Sie war gestern abend im Tanzenden Krug. Und jetzt schaut, wie sie mich anstarrt, als wäre ich ein Sarb. Es ist einfach nicht in Ordnung, sage ich euch." Ihre flinken Augen musterten die drei Iunier und den hochgewachsenen Mann hinter ihnen. "Sie waren alle da." Als sie Aneurin sah, zog sie ganz kurz die Brauen zusammen, als hätte etwas in seinem Gesicht sie erschreckt oder verwirrt. Dann schaute sie wieder Iveirdne an. "Ich heiße Qedi. Wie heißt du, Kardian?"

Iveirdne schluckte. "I-veirdne, é dan. NiBerlot. Aus -"

"Warte. Laß mich raten. Du trägst keine Ketten, keiner von euch. Und ihr kanntet das Gesetz der Zunft nicht. Ihr kommt aus Iunis, nicht wahr? Aus einer der vier Städte?"

"Lenangeh", sagte Iveirdne und starrte sie aus runden Augen an. Dann schluckte sie wieder. "É dan."

"Komm schon, Qedi", drängte der braunhaarige Mann neben ihr ärgerlich. "Laß uns gehen!"

"Wartet noch", sagte die Harfnerin. "Ich gehorche dem Gesetz, aber ich will nicht, daß die Leute Angst vor mir haben, nur weil sie etwas nicht wissen." Sie blickte sich mit gefurchter Stirn auf dem überfüllten Platz um. Überall um sie stießen, schubsten und drängelten sich die Leute. "Ich will mit ihnen reden. Kommt!"

Das wollte Iveirdne eigentlich ganz und gar nicht. Aber die Frau hatte etwas an sich, das sie zu ihr hinzog. Diese Fremde war der erste Mensch hier, der sie nicht wegen ihrer Herkunft abzulehnen schien. Und als sie sich zu ihren Gefährten umdrehte und Darralyns nachdenkliches, Etis´ strahlendes und Aneurins bitterböses Gesicht sah, stand ihr Entschluß augenblicklich fest. Wenn es Aneurin ärgerte, daß sich eine Zunftmusikantin dazu herabließ, mit Iveirdne zu reden, dann würde Iveirdne mit ihr reden. So waren sie plötzlich eine größere und recht buntgemischte Gruppe, die ohne Schwierigkeiten überall durchgelassen wurde und bald am Rand des Platzes ankam, wo die Äste des Baumes abgesägt worden waren, damit sie nicht über die zweigeschossigen Häuser ragten. Obwohl der Anblick Iveirdne leidtat, begriff sie doch, daß ein abbrechender Ast von so gewaltiger Länge und Breite ein Haus im Handumdrehen in einen Schutthaufen verwandeln würde.

Die zierliche Harfnerin lotste ihr Gefolge zu einer freieren und windgeschützten Stelle und drehte sich zu Iveirdne um. "So. Jetzt stellen wir uns erst einmal vor. Ich bin Qedi vara-Chûral aus Kora in Dewer. Das hier -", sie klopfte dem dunkelhäutigen Mann auf den Arm, "ist Taornagh Mqidhais." Sie sprach den Namen wie Tornach Kjaisch aus, zumindest kam er in Iveirdnes Ohren so an. "Irgendwo aus dem Großen Wald von Xal-Kattra. Das hier ist Korred arKûm aus Xal." Der bräunlich wirkende Mann starrte die Iunier nur kalt an. "Und das da ist Taornaghs und mein Sohn Shôr." Der Junge lächelte. "Wir vier sind Wandergefährten. Und ihr?"

Iveirdne warf Darralyn einen hilfesuchenden Blick zu. Er zögerte und sagte dann knapp: "Ich heiße Darralyn Cairn, é dan. Sie ist Iveirdne niBerlot. Der Junge heißt Etis niDolan. Und Aneurin cunDaigan -", er stockte und schaute sich um, "- ist weg."

"CunDaigan?" fragte die Harfnerin erstaunt. "Ich dachte, er sei ein Anturier. Aber euer Herr ist er nicht, oder? Ihr seid keine Sklaven."

Diesmal schüttelten sie alle drei entschieden die Köpfe. Dann konnte Iveirdne sich nicht mehr beherrschen und platzte heraus: "Warum habt Ihr das gemacht?"

Ein verwunderter Blick streifte sie. "Warum habe ich was gemacht?"

"Der... der weiße Nebel. Der arme Mann -" Sie suchte nach den richtigen Worten; um nichts in der Welt wollte sie dieser Frau gegenüber einen Fehler machen. Endlich stieß sie hervor: "Es war schrecklich!"

"Ich weiß", sagte die Frau. "Aber so ist nun einmal das Gesetz. Ich werde es euch erklären. Ihr wißt wahrscheinlich nicht viel über die Zunft, nicht wahr?"

Iveirdne schüttelte stumm den Kopf. "Gar nichts", sagte Darralyn.

"Doch", meldete sich Etis mit vor Aufregung zitternder Stimme. "Ich weiß. Die Zunft beherrscht die Musik in Ryondar. Und die Geschichte, die Namen und Erinnerungen des Volkes."

Alle vier Musikanten und auch seine beiden Gefährten drehten sich überrascht zu ihm um. "Woher weißt du das?" fragte Iveirdne erstaunt.

Seine Ohren färbten sich rot. "Ich - die - Händler am Hafen haben mir manchmal erzählt -"

Sie hatten kardisch gesprochen, und nun rief die Harfnerin plötzlich begeistert aus: "Aber das ist großartig! Ich hatte keine Ahnung, daß diese Sprache noch gesprochen wird! Ein paar Worte, dachte ich, vermischt mit - ist es eure Alltagssprache? Wieviele Menschen in den Städten sprechen sie? Und könnt ihr sie auch schreiben?"

Sie hatten ihr verwirrt zugehört; bei der letzten Frage jedoch erschraken sie, und Darralyn sagte hastig: "Nein! Wir dürfen nicht schreiben!"

Sie runzelte die Stirn. "Schade. Aber das hätte ich mir denken können. Man wird es nicht erlauben. Aber es ist doch eure tägliche Sprache, nicht wahr, und ihr bringt sie euren Kindern bei? Und -"

"Qedi!" rief Korred gereizt aus. "Du wolltest ihnen das Gesetz erklären, nicht ihre Sprache erforschen! Und wir haben hier nicht den ganzen Tag Zeit!"

Die Harfnerin stockte und schien sich dann erst zu erinnern, wo sie war. "Oh", sagte sie. "Schade. Na gut. Ich wüßte so gern - na gut." Sie seufzte. "Das Gesetz. Ja. Also, es ist richtig, Junge, die Zunft beherrscht die Musik und die Erzählungen von Ryondar. Ihr wißt vielleicht nicht, daß die Geschichte seit Jahrhunderten aufgeschrieben und für spätere Generationen aufbewahrt wird. Bei euch wird Geschichte - werden Erzählungen wahrscheinlich mündlich weitergegeben. Ich wüßte zu gern - äh. Ja, Korred, schon gut. Es gibt in Ryondar ein Buch, das heißt Chronik. Eigentlich sind es zwei Bücher: die Chronik der Königsfamilie und die Chronik des Landes Ryondar. Das eine Buch wird hier in Arithia aufbewahrt, in Thorandon, und das andere in der Bibliothek der Machoisanna in Caint."

Die Khyalen hörten ihr in andächtigem Schweigen zu. "Sind es heilige Bücher?" fragte Iveirdne ehrfürchtig. Die Harfnerin stutzte.

"Heilig? Nein, also, heilig sind sie eigentlich nicht. Aber in ihnen steht die Geschichte so aufgeschrieben, wie sie wirklich war. Und es ist seit - äh - einigen Jahrhunderten das verbriefte Recht der Machoisanna, die Worte zu wählen, mit denen diese Geschichte aufgeschrieben wird. Das heißt, die Musikantenzunft bestimmt sozusagen, was geschichtliche Wahrheit ist. Jede abweichende Überlieferung ist falsch. Und so ähnlich bestimmen wir auch die Musik. Die Musik der Machoisanna ist die wahre, die wirkliche Musik von Ryondar, weil sie das ganze Wissen der Zunft enthält und nicht nur Bruchstücke. Versteht ihr das?"

Sie verstanden die Worte, aber nicht den Sinn. Aber sie nickten. Allein die Tatsache, daß eine Zunftmusikantin ihnen solche Dinge erklärte, war schon ein Wunder, das sie nicht durch Fragen zerstören wollten.

"Gut." Die Harfnerin zögerte kurz. "Ihr habt gestern abend das Bildlied gesehen, das dieser Mann spielte. Eine Gestalt auf einem Pferd. Es ist unwichtig, was oder wen sie darstellen sollte. Aber Bildlieder - Abbilder der Wirklichkeit, die nicht durch Worte, sondern durch Musik hervorgerufen werden - dürfen nur von Angehörigen der Machoisanna gespielt werden, weil Bilder nicht lügen dürfen. Jeder Mensch glaubt, was er sieht. Wenn nun ein zunftloser Musikant ein Bildlied formt, fließt natürlich sein Wissen in die Musik und in das Bild ein, und weil er nur Bruchstücke der Wahrheit kennt, wird das Bild verzerrt und falsch und eine Lüge. Eine Lüge, die er an andere Menschen weitergibt, die noch weniger wissen. Und so breitet sich falsches Wissen im Volk aus, wenn man es nicht aufhält. Versteht ihr das?"

Sie nickten benommen und verstanden überhaupt nichts.

"Deshalb müssen wir es ihnen verbieten." Die Harfnerin seufzte wieder. "Wir finden sie oder begegnen ihnen zufällig, so wie gestern abend; der Mann hatte mich einfach nicht gesehen. Und wenn wir sie finden, nehmen wir ihnen die Musik weg. Die Träume, die Bilder, die Melodien, selbst die Fähigkeit, die richtigen Saiten zu berühren. Alles. Das ist das Gesetz."

Iveirdne und Etis nahmen ihre Worte in sich auf, wie trockene Erde Regen aufnimmt. Darralyn jedoch fand rascher seine Sprache wieder. "É dan", fragte er respektvoll, "was ist mit den Dingen, von denen die Machoisanna nichts weiß?"

Qedi schaute ihn überrascht an, aber Korred war es, der in scharfem Ton antwortete. "Solche Dinge gibt es nicht!"

"Verzeihung, é dan, aber Ihr wußtet doch nichts über unsere Sprache -"

"Ich wußte es nicht", sagte Qedi freundlich. "Aber ich bin nur eine einzelne Harfnerin. Wenn ich etwas nicht weiß, heißt das nicht, daß es im Gesamtwissen der Machoisanna fehlt."

Darralyn nickte. "Ich bitte um Entschuldigung, é dan. Ich wollte nicht zweifeln."

Korred fuhr zu ihm herum. "Das steht dir auch nicht zu, kardian! Komm jetzt, Qedi! Taornagh! Shôr!"

Qedi nickte widerstrebend und warf einen halb ärgerlichen Blick zum Tempel. "Ja, in Dwylans Namen, also gut, ich komme." Sie drehte sich aber noch einmal um. "Aber ihr habt es jetzt verstanden, nicht wahr? Daß ich gestern abend nur getan habe, was ich tun mußte?"

Sie nickten. Aber als Iveirdne sah, wie sich die Zunftmusikanten von ihr abwandten und den kurzen Glanz von Geschichte und überdauernder Vergangenheit wieder mitnahmen, den sie gerade in ihre kurzlebige und namenlose Welt hineingeworfen hatten, hastete sie plötzlich vorwärts und faßte Qedi an der Schulter. Die Harfnerin blieb sofort stehen und drehte sich um. Überrascht, aber nicht unfreundlich fragte sie: "Ja?"

"É dan", bat Iveirdne, "könnt Ihr nicht... könntet Ihr nicht einmal zu uns kommen? In die Khyals? Wir wissen gar nichts, wir kennen nicht einmal unsere eigene Geschichte. Könntet Ihr nicht zu uns kommen und uns erzählen, wie es war?"

Aber jetzt wurde das Gesicht der Frau sehr ernst. "Es tut mir leid", sagte sie. "Wirklich. Aber die Zunftmusikanten gehen nicht nach Iunis. Auch das ist ein Gesetz."

Iveirdne starrte sie an. "Aber warum denn? Ich habe in Lenangeh noch nie Musikanten gesehen, aber ich dachte... Warum wollt Ihr nicht kommen?"

Qedi zögerte, und bevor sie sich entschließen konnte, zu antworten, fuhr Korred dazwischen. "So ist es eben. Es ist ein Gesetz! Komm jetzt, Qedi!"

Sie folgte ihm, aber es war deutlich, daß sie nicht gerne ging. Iveirdne sah ihr nach. Ihre Blicke trafen sich und hielten einander fest. Dann schob sich ein Körper zwischen sie, dann noch einer, und die Musikanten waren in der Menge verschwunden.

Sie schaute zu Darralyn und Etis hin, die genau so überrascht aussahen, wie sie sich fühlte. "Ich wußte nicht, daß es ein Gesetz ist. Wem würde es schaden, wenn sie kämen?"

"Ich habe keine Ahnung", sagte Darralyn und sah sich um. "Wo ist nun unser Leibwächter?"

"Wozu brauchen wir ihn?" fragte Etis. "Die Burg ist da oben. Wir gehen hin, geben den Kelch ab und gehen wieder. Das schaffen wir auch ohne Aneurin!"

Darralyn grinste. "Ich habe fast den Eindruck, du magst ihn nicht. Also schön. Da du ja eben so erstaunliche Kenntnisse bewiesen hast, weißt du sicher auch, wie wir in die Burg hineinkommen?"

Etis seufzte.

Es dauerte eine Weile, bis sie Aneurin fanden. Er stand in einer Gasse, die vom Platz wegführte, und sprach mit einem ryondrischen Mann, der sich im Schatten hielt und ständig nervös um sich spähte. Als der Mann die Khyalen näherkommen sah, sagte er etwas, duckte sich und trat einen Schritt von Aneurin zurück. Der Mischling blickte sich um, nickte, dann drückte er dem Mann etwas in die Hand und drehte sich von ihm weg. Der Fremde war so schnell verschwunden, daß Iveirdne nicht einmal vermuten konnte, wohin er gegangen war.

Da dieses Gespräch vermutlich zu den Dingen gehörte, die sie nichts angingen, fragte Iveirdne nicht, wer der Mann gewesen war. Etis jedoch hatte keine Hemmungen. "Wer war das? Ein Freund von dir? Der sah ja wie ein Kaninchen aus."

"Das war der Mann, den ich dafür bezahlt habe, dich umzubringen, wenn du noch mehr solche Fragen stellst", sagte Aneurin bissig. "Habt ihr euch endlich von den Musikanten losreißen können? Können wir jetzt gehen?"

"Können wir", sagte Darralyn. "Bist du sicher, daß du weißt, wie wir hineinkommen?"

"Ja", sagte Aneurin ungeduldig. "Falls ihr es ertragen könnt, noch einmal meine Diener zu spielen." Er warf Iveirdne einen Blick zu, aber diesmal zuckte sie nur mit den Achseln. Nichts, was sie bisher erlebt hatte, verlief auch nur ansatzweise so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie wurden herumgeworfen wie ein kleines Boot im Sturm; sie konnten sich nur festhalten und warten, bis es vorüber war.

Aus dem Tempel hörten sie drei Glockenschläge, dann nach einer kurzen Pause noch einmal drei. Sie schauten sich um, aber auf dem Platz veränderte sich nichts, also zogen sie los.

Den Weg nach Thorandon kannten sie schon: es war die große Straße, die am Hafen vorbei zur Brücke führte. Als ihnen der starke Seegeruch in die Nasen drang, wurden sie alle schneller. Die Häuser blieben hinter ihnen zurück, und der graue Himmel wurde wieder weit. Sie stapften auf die Brücke hinaus, als kämen sie nach Hause. Doch auf der gegenüberliegenden Seite lag eine Stadt aus Marmor und Gold, und darüber lauerte auf der hohen, waldbewachsenen Klippe die Burg Thorandon. Sie blieben stehen und schauten zu den massigen grauen Türmen hoch, über denen das Rabenbanner auf halbmast wehte. Iveirdne konnte sich nicht vorstellen, wie sie jemals in eine solche Festung hineingelangen sollten. Welche Möglichkeiten hatte selbst ein Mann wie Aneurin angesichts einer solchen Macht?

"Da ist die Sturmbezwingerin!" schrie Etis und winkte aufgeregt zum Hafen hin. "Ahoi, Sturm! Ahoi!"

"Idiot!" sagte Darralyn. "Sie können dich doch nicht hören!" Aber auch er winkte dem kleinen Schiff zu, das zwischen den großen Viermastern lag wie ein Welpe zwischen einer Horde ausgewachsener Kriegshunde.

"Meriel", sagte er, als er sich abwandte. "Sind wir wirklich erst gestern von Bord gegangen? Mir kommt es wie ein ganzes Jahr vor."

"Das liegt daran, daß ihr hier ständig herumtrödelt", sagte Aneurin, aber es klang nicht so feindselig wie sonst, eher geistesabwesend. Er hatte der Sturmbezwingerin nur einen flüchtigen Blick zugeworfen und schaute jetzt aus schmalen Augen zur Burg hoch, als überlegte er, wie sie zu bezwingen war. Den Sack mit dem Kelch schlenkerte er dabei fast achtlos hin und her.

Iveirdne sagte: "Wenn du ihn irgendwo gegenhaust, ist er kaputt."

Er löste den Blick von der Burg und drehte sich stirnrunzelnd zu ihr um. "Was?"

"Der Kelch. Hau ihn doch gleich gegen die Brückensteine."

Seine schmalen Augen wurden noch ein wenig schmaler, aber er hielt die Hand mit dem Sack jetzt still. "Am besten schreist du noch ein bißchen lauter, dann sind wir ihn auch ganz schnell los. Und diesmal rette ich dich nicht vor dem Gefängnis."

"Hör mal, kahat -"

"Geht das schon wieder los?" fragte Darralyn die leere Luft, während Etis nur die Augen verdrehte. "Blablablabla. Ihr hört euch an wie die Gänse in Arganes Hof. Können wir weitergehen?"

Aneurin warf ihm einen giftigen Blick zu, packte den Sack fester und stapfte an ihnen vorbei. Iveirdne sagte ärgerlich: "Ich hab´ doch recht."

"Blablabla", sagte Darralyn. "Ihr beide geht mir auf die Nerven."

"Danke." Jetzt war sie wirklich wütend. Ohne ihn noch einmal anzusehen, folgte sie Aneurin über die Brücke. Darralyn grinste Etis zu. "Bleiben wir also zusammen, Junge. Komm."

"Bla", sagte Etis fröhlich und trollte sich an seine Seite.

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"Nein", sagte Semantha. Sie stand in einem feuerroten, an der linken Schulter durch eine goldene Spange in Form eines Raben gehaltenen Kleid mitten in ihrem Zimmer. Fünf Dienerinnen waren damit beschäftigt, sie anzukleiden.

"É sharin", begann Ratha Keroun, die mit Feder, Tusche und Pergament neben ihr stand, "es ist Sitte und Brauch, daß Ihr fünfzehn Schritte hinter dem Kö-"

"Es war Sitte und Brauch", erwiderte die junge Frau und warf ungeduldig den Kopf herum, wobei sie der Gewandschneiderin den roten Schleier aus der Hand riß, den diese gerade an ihrer Schulter befestigen wollte. "Bei der Krönung meines Vaters war ich sechs Jahre alt und stand fünfzehn Schritte hinter ihm. Aber diesmal wird mein Bruder gekrönt, und ich bin es, die das Erbe weitergibt. Fünf Schritte, und zum Hügelvolk mit Sitte und Brauch, Hofschreiberin! Habt Ihr mich verstanden?"

Das strenge, bleiche Gesicht der Schreiberin verzog sich mißbilligend. "Ja, é sharin. Ich bitte Euch, é sharin, diese Abweichung vom Protokoll mit Eurem königlichen Bruder abzu-"

"Oh, Argon wird nichts dagegen haben", sagte Semantha sorglos und lachte. "Nicht wahr, Salimna?"

Die Angesprochene, die am Fenster stand und in den Hof hinausblickte, zuckte leicht zusammen und drehte sich rasch um. "Ja? Es tut mir leid, Semantha - was hast du gesagt?"

"Ich sagte, daß Argon nichts dagegen hat, wenn ich ein paar alberne Regeln ändere. Schließlich werde ich jetzt die sharinès sein."

Salimna lächelte ein wenig starr. "Selbstverständlich, Semantha."

"Du hast mir überhaupt nicht zugehört", sagte die Prinzessin und runzelte die Stirn. "Was ist los?"

Salimna zögerte. Sie war eine kleine ryondrische Frau mit deutlicher Neigung zu ausladendenden Kurven, die nur deswegen nicht fett war, weil sie sich streng an die ihr verordneten Fastenzeiten hielt. Sie hatte ein hübsches, ovales Gesicht mit vollen Lippen, einer kleinen, geschwungenen Nase und dunkel umrandeten grünen Augen unter einer schimmernden Pracht rotgoldener Locken. Ihre Arme waren weiß und glatt, und ihr goldbesetztes rotes Kleid spannte sich über ihren Brüsten. Sie galt als eine der schönsten Frauen von Thorandon, und selbst wenn jemand anderer Meinung war, hätte er es nicht zu sagen gewagt. Als Tochter des Hauses Ar-Vrin aus dem Dritten Inneren Ring gehörte sie zum Hochadel des Landes, und sie war nicht nur eine Vertraute und Freundin der Prinzessin Semantha, sondern auch die Pflegemutter von Semanthas jüngerer Schwester Ranith und die Geliebte des ermordeten Königs. Corellans Tod hatte ihre Stellung jäh verändert, und in den vergangenen Wochen war sie ungewöhnlich schweigsam gewesen. Selbst Semantha, die gewöhnlich nur ihre eigenen Stimmungen bemerkte, hatte angefangen, sich Gedanken darüber zu machen, doch heute war sie nicht geduldig genug, um auf Antworten zu warten. "Sag mal, müßtest du dich nicht selbst umziehen, Sal? Es wird allmählich Zeit!"

Salimna steckte umständlich eine Rüsche an ihrem Kleid fest, bevor sie aufblickte. Das sanfte Lächeln war ihr zur zweiten Natur geworden, so daß sie sich nicht einmal besonders anstrengen mußte, um es echt wirken zu lassen. "Ich brauche mich nicht umzuziehen, Semantha. Ich werde nicht mit in den Tempel kommen. Und ich werde auch heute nachmittag nicht an der Übernahme teilnehmen."

"Nicht?" fragte Semantha verblüfft. "Warum denn nicht? Ich dachte - oh! Du willst es nicht sehen, nicht wahr?"

Die kleine Frau hielt ihr Lächeln aufrecht. "Ich - nein, ich möchte es nicht sehen. Ich war deinem Vater sehr zugetan." Sie zögerte wieder, und ihr Lächeln verlor flüchtig an Wärme. "Außerdem war es der Wunsch des sharinor." In den vierzehn Jahren, die sie in Thorandon zugebracht hatte, war ihr Argons Name nicht einmal dann über die Lippen gekommen, wenn sie sich beim König über ihn beschwert hatte. Und nicht einmal der Zorn des Königs hatte Argon dazu bringen können, mit ihr überhaupt zu sprechen; die heftige gegenseitige Abneigung dieser beiden war am Hof bereits Legende.

Semantha zog die Brauen zusammen, aber sie erinnerte sich noch rechtzeitig an die Anwesenheit der Hofschneiderin und der Schreiberin und schluckte den zornigen Ausruf sofort herunter. "Oh", sagte sie. "Das tut mir leid."

"Es macht mir nichts aus." Salimna strich sich eine Locke aus der Stirn. "Es kommt meinem eigenen Wunsch entgegen. Ich werde mich um die letzten Vorbereitungen in der Halle kümmern. Der dan Cyral bat mich darum, die Sitzordnung zu überprüfen."

Semantha stieß mißbilligend die Luft aus. "Das ist nicht deine Aufgabe. Die Diener sollen sich darum kümmern!"

"Oh, nein... ich tue das gern, wirklich... du weißt doch, die Fürsten sind so schnell beleidigt, und mir macht das wirklich nichts aus..."

"Darf ich Euch bitten, den Arm zu heben, é sharin", sagte die Gewandschneiderin, die mit so ausdruckslosem Gesicht an dem Kleid ihrer Herrin arbeitete, als sei sie taub.

Semantha runzelte die Stirn, warf Salimna einen zweifelnden Blick zu und hob den Arm. Die Schneiderin tauchte darunter hindurch und wand den Schleier um die schmale Taille. Mit zwei Nadeln steckte sie ihn am Rock fest und ordnete die Falten.

Ratha betrachtete das Ergebnis mit düsterer Miene.

Salimna sagte: "Du siehst hinreißend aus, Semantha."

Die Prinzessin zuckte recht unköniglich mit den Schultern. Zu Salimnas nachhaltiger Verwunderung hatte sie nie viel für Kleider und Schmuck übrig gehabt und kümmerte sich kaum darum, ob sie schön war oder nicht. Sie wußte, daß ihr Rang vollkommen ausreichte, um Fürsten und Musikanten zu Lobpreisungen ihrer Schönheit zu bewegen, selbst wenn sie häßlich wie die kiddûn gewesen wäre. Sie brauchte nicht in den Spiegel zu sehen, um zu wissen, daß das rote Kleid auf ihrer hellen Haut leuchtete und ihren schwarzen Haaren einen feurigen Schimmer verlieh. Doch der Gedanke, wie sie in diesem Kleid aussah, brachte sie wieder zu ihrem ursprünglichen Ärger zurück. Sie runzelte die Stirn, hob das Kinn und starrte Ratha herausfordernd an. "Also fünf Schritte, Ratha."

Wenn sie gehofft hatte, die Schreiberin zu überrumpeln, hatte sie sich getäuscht. Ratha zog lediglich eine Augenbraue hoch und sagte: "Ich bitte Euch, é sharin, an das Volk zu denken, das jeder Neuerung derzeit mit tiefem Mißtrauen begegnet. Der Tod Eures Vaters -"

"Was soll das heißen?" fragte die Prinzessin wütend. "Wollt Ihr sagen, ich verunsichere sie? Durch eine so geringfügige Änderung?"

"Wenn sie geringfügig ist, könnt Ihr Euch doch sicher erlauben, heute darauf zu verzichten." Die Schreiberin erlaubte sich ein dünnes, frostiges Lächeln. "Sicher wird später noch genug Zeit sein, um Neuerungen einzuführen."

"Später? Wann später? Was soll das? Es geht mir darum, was heute ist! Verzichten, das ist alles, was ich je von Euch höre!"

"Weil Euer Verhalten mich dazu zwingt, é sharin."

"Mein Verhalten?" schrie Semantha. "Ich will Euch etwas sagen -"

"Semantha!" warf Salimna hastig vom Fenster her ein. "Komm her und schau dir das an. Das muß der Herzog sein!"

Eine bessere Ablenkung hätte sie sich nicht ausdenken können. Semantha kümmerte sich nicht um das mißbilligende Stirnrunzeln der Hofschreiberin, als sie sich den Händen der Dienerinnen entwand, ans Fenster stürzte und in den Hof spähte.

Es war eine beindruckende Truppe, die dort auf kräftigen braunen Nordlandpferden einritt: vierzig Männer und Frauen, gekleidet in das Rotbraun und Sandgelb der Festung Cret. Auf ihren Schilden trugen sie das Wappen des Herzogs: einen Wolf, der von einem Felsen sprang. Ihre Helme und das Geschirr ihrer Pferde glänzten im Sonnenlicht, die Mähnen und Schweife der Tiere schimmerten wie schwarze Seide.

Ihr Anführer war ein stattlicher graubärtiger Mann, bei dessen Anblick Semantha unwillkürlich zusammenzuckte: für einen Augenblick schien es ihr, als sei ihr Vater von den Toten zurückgekehrt. Doch sie riß sich sofort zusammen. Noch mit klopfendem Herzen musterte sie ihn.

Aus ihrer Kindheit hatte sie nur eine undeutliche Erinnerung an diesen Bruder ihres Vaters, der vor dreizehn Jahren aus Thorandon in die Einöde des Nordlandes verbannt worden war. Sie erinnerte sich an einen besonders unerfreulichen Abend mit lauten, zornigen Stimmen in der Großen Halle, an das Klirren von Waffen und dann das Donnern, mit dem eine große Gruppe von Reitern aus dem Hof jagte. Danach hatte der Name Lose Meret nicht mehr ausgesprochen werden dürfen, und Fragen nach ihm wurden nicht beantwortet oder mit Schlägen bestraft. Sein Gemälde verschwand aus der Bilderhalle, seine Wohnräume wurden zugesperrt und später als Haus für hochgestellte Gäste genutzt. Erst Jahre später hatte der Hohepriester Blaenor den Königskindern von Thorandon erzählt, welches Verbrechen ihr Onkel begangen hatte. Er erzählte ein paar nüchterne Tatsachen, nicht mehr: Lose Meret hatte angeblich im Fürstentum Selyra eine Verschwörung gegen die Königin angezettelt und den Fürsten Sarvan Selyr _ einen Verwandten! -, der sich seinen Plänen widersetzte, aus dem Weg räumen lassen. Beweise gab es dafür nicht, nur die Aussagen einiger zu Tode verängstigter Bediensteter und den gewaltsamen Tod eines Musikanten, der in Thorandon gerade ein Bildlied hatte spielen wollen, als ihn ein von der Balustrade aus abgeschossener Pfeil durchbohrte. Der Mann, der den Pfeil abgeschossen hatte, stand im Dienst des Herzogs und verriet ihn selbst unter der Folter nicht, aber der Königin genügten die Beweise, um ihren Sohn aus Thorandon in die Wildnis zu verbannen.

Ausgeschmückt wurden diese kargen Berichte durch die schauerlichen, blutrünstigen Geschichten, die man sich in Gesindehäusern, Ställen und im Küchentrakt erzählte, und zum Leben erwachten sie in den Bildliedern der Musikantenzunft, so daß der Herzog von Cret im Lauf der Jahre zu einem finsteren Familiengespenst gworden war, mit der man Kinder erschreckte. Über den wirklichen Menschen wußten sie nichts. Er war in den Norden geritten, hatte die halbverfallene Burg Cret am Fluß Braigyi bezogen und dreizehn lange Jahre hindurch nichts von sich hören lassen.

Jetzt gestand Semantha sich ein, daß er nicht so dämonisch aussah, wie sie sich einen Mörder, Verschwörer und Hochverräter vorgestellt hatte. Tatsächlich sah er sogar recht gut aus; offenbar gehörte er zu den Männern, die von der Zeit nicht niedergezwungen werden konnten. Sein graues Haar war voll, das Gesicht streng und herrisch, der Körper straff und muskulös. Er schwang sich aus dem Sattel und sprang zu Boden. Seine Stimme war tief und durchdringend und so scharf, als gehörte ihm ganz Thorandon, und mit höflichen Floskeln gegenüber dem Hofmeister hielt er sich gar nicht erst auf. "Wo ist mein Neffe?"

Wieder zuckte Semantha zusammen. Selbst die Stimme klang wie die ihres Vaters. Sie bemerkte den raschen Seitenblick, den Salimna ihr zuwarf, erwiderte ihn aber nicht und starrte nur weiter nach unten. Der Hofmeister, der sich sonst nicht so leicht einschüchtern ließ, murmelte etwas, das sie nicht verstehen konnten. Ohne ein weiteres Wort schritt der Herzog an ihm vorbei. Fünf seiner Leute folgten ihm, darunter ein jüngerer, dunkelhaariger Mann, der ihm so ähnlich sah, daß er sein Sohn Terrec sein mußte. Die anderen führten ihre Pferde zu den Ställen.

Sie merkte, daß ihre Hände zitterten, und ballte sie zu Fäusten. Abrupt drehte sie sich vom Fenster weg. "Was diese fünf Schritte angeht, Ratha -"

Aber die Schreiberin hatte den Raum verlassen. Nur die Schneiderin und die Dienerinnen warteten geduldig darauf, daß die Prinzessin sich an sie erinnerte. Semantha biß sich auf die Lippen. "Wie lange soll das noch dauern?"

"Nicht mehr lange, é sharin." Die Schneiderin legte Sanftmut in ihre Stimme und schluckte den zweiten Teil des Satzes "- wenn Ihr endlich einmal stehenbleibt" herunter. Semantha stellte sich verärgert wieder auf, und die Dienerinnen huschten mit Schleiern und Tüchern um sie herum, bis sie endlich in ihrer ganzen Pracht vor ihnen stand.

"Was für ein Jammer, daß Rot dir so gut steht", bemerkte Salimna. "Ich sehe ja mit meinem roten Haar in diesem roten Kleid wie eine aufgeplatzte Kirsche aus."

Semantha beachtete sie nicht, sie dachte nach. Warum hatte Argon den Herzog aus der Verbannung geholt? Wenn sie doch nur am Rat teilnehmen dürfte! Aber so lange sie nicht mündig war _ also noch bis zu ihrem Geburtstag im Sommer, nach der großen Ratsversammlung der Fürsten -, wurde sie von Blaenor als ihrem Erzieher vertreten. Er hatte ja nun auch drei Jahre lang Argon selbst vertreten, also besaß er schon Übung. Aber sie würde darauf bestehen, daß er ihr genauestens erklärte, was im Rat vor sich ging, wer Macht besaß und wer nur als Handlanger und Stichwortgeber auftrat. Welche Rolle würde der Herzog spielen? Handlanger? Stichwortgeber? Sie schürzte spöttisch die Lippen.

"Worüber lachst du?" fragte Salimna. Falls sie über die mangelnde Aufmerksamkeit ihrer Pflegetochter verärgert war, zeigte sie es doch nicht.

Semantha lachte. "Wo ist mein Neffe? Ich stelle mir gerade vor, wie der Herzog mit diesem Auftreten in die Ratsversammlung platzt."

"Er sieht gut aus, nicht?"

"Was hat das denn damit zu tun?"

"Ach, nichts." Salimna nestelte an ihren Armbändern. "Bist du endlich fertig, Schneiderin?"

"Ja, é dan." Die Schneiderin verneigte sich und trat zurück. Die Dienerinnen begannen verstreute Nadeln und Bänder einzusammeln.

"Dann komm, Semantha. Wir haben genug Zeit verloren. Ich weiß wirklich nicht, wie ich das alles noch schaffen soll..." Sie eilte zur Tür, und Semantha folgte ihr _ allerdings langsam. Zwar hatte sie es mindestens ebenso eilig, die Neuankömmlinge noch einmal genauer zu betrachten, aber befehlen ließ sie sich deshalb noch lange nicht.

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Hinter der Brücke führte eine breite, gerade Straße zwischen einige große, langgestreckte und verwinkelte Gebäude mit Türmen, Toren, Säulen und vergitterten Fenstern. Überall standen Wachposten in verschiedenfarbigen Uniformen. Dennoch waren diese Gebäude keine Gefängnisse, wie Iveirdne zunächst vermutete, sondern die Wohnhäuser des arithischen Hochadels und einiger reicher Händler, die einen ganzen Fluß zwischen sich und dem lärmenden Pöbel der Südstadt brauchten, um sich behaglich zu fühlen. Zur Erleichterung der drei Khyalen blieb Aneurin nicht auf dieser gleißenden und weitgehend leeren Straße, sondern bog in eine ebenso breite, aber mit Menschen, Wagen, Schaubuden und Marktständen vollgestopfte Straße ein, die in einigen großen Schleifen den Berg hinaufführte. Buntgekleidetes Volk aus ganz Ryondar schob sich an den Ständen der Händler entlang, schwatzte und feilschte. Schuhmacher, Schmuckverkäufer, Weinhändler und Gürtelmacher boten ihre Waren lautstark an, es gab bunte Broschen, scharfgeschliffene Steinmesser und Bänder aus geflochtenen Drachenhaaren. Zwischen zwei Bäumen hatten Seiltänzer ihr Seil gespannt und liefen darauf herum, als sei es eine feste Straße. Iveirdne kaufte einen Gürtel aus roten, geflochtenen Lederstreifen, zwei Paar Schuhe und einen Armreif aus bemaltem Holz (den sie genausogut - oder besser - selbst hätte herstellen können), bevor Darralyn sie weiterziehen konnte; dann hinderte sie ihn daran, seinen halben Monatsverdienst für eine Weste aus Seehundsfell auszugeben, die er nicht brauchte und die es in Lenangeh billiger gab. Etis blieb vor einem Stand mit kleinen Tonpfeifen stehen und kaufte gleich drei davon.

Ein Stück weiter den Berg hinauf gelangten sie an ein Tor. Dort endete das bunte Gauklertreiben abrupt; jenseits des Tores führte ein breiter weißer Kiesweg nach oben, auf dem nur wenige Menschen unterwegs waren. Einige zogen hinauf, der grauen Steinmasse entgegen, die die eine Häfte des Himmels über den Bäumen ausfüllte. Es waren wohl Bittsteller oder Abgesandte wie sie selbst.

Zwei Männer hielten vor dem geschlossenen Tor Wache. Sie trugen schwarze Lederstiefel, schwarze Hose und schwarze Tuniken und darüber knöchellange, weite schwarze Umhänge. Gürtel und Schwertscheiden waren ebenfalls schwarz, besetzt mit kleinen silbernen Verzierungen. Beide Männer hatten ihren Umhang mit einer eigenartigen silbernen Spange in Form eines Kreises, der von einer Feder durchschnitten wurde, festgesteckt. Einer von ihnen war ein Ryondari, der andere ein Anturier, aber durch den harten, gleichmütigen Blick des erfahrenen Soldaten sahen sie sich bemerkenswert ähnlich. Sie standen ganz entspannt vor dem Tor, aber die Khyalen hatten solche Männer schon früher gesehen: vor den Türen der Kornspeicher von Lenangeh, die sie gegen Hunderte von vor Hunger fast wahnsinnigen Menschen verschlossengehalten hatten. Iveirdne wurde unwillkürlich langsamer und faßte nach Darralyns Hand. Etis war blaß.

"Kein falsches Wort jetzt", murmelte Aneurin neben ihnen. "Das sind Soldaten der Grenzwacht - sie haben mit dem Kronprinzen an der Nordgrenze gegen die Tadari gekämpft. Sie sind so etwas wie seine persönliche Leibwache und verstehen im Moment vermutlich ganz und gar keinen Spaß. Laßt mich reden."

Das konnte er von Herzen gerne tun. Iveirdne hatte nicht die Absicht, auch nur zu piepsen. Sie sah zu, wie Aneurin die Schultern zurücknahm und gleich größer wirkte. Er hielt sich nicht damit auf, das Schwert zurechtzurücken _ woher hatte der Kerl eigentlich ein Schwert? - oder die Falten seines Umhangs zu ordnen, aber alles, was an ihm kardisch war, verblaßte unter kühler anturischer Selbstsicherheit. Ein Fremder stand vor ihnen: kahat. Er schritt auf das Tor zu. Die Khyalen folgten ihm.

Als sie sich dem Tor näherten, bewegte der anturische Soldat leicht die Hand. Offenbar hatte er es nicht nötig, Halt! Wer da? zu brüllen, mit Lanze und Schwert herumzufuchteln und den Reisenden in den Weg zu springen wie ein geifernder Hofhund. Die kleine, gelassene Bewegung genügte; die Khyalen hielten an. Aneurin ging noch zwei Schritte weiter und blieb dann ebenfalls stehen. Seine linke Hand ruhte locker auf dem Schwertgriff. In der rechten hielt er den Sack mit dem Kelch.

"Was ist Euer Begehr?" fragte der Soldat in einem eigentümlich gleichförmigen Tonfall, als sei diese Form der Worte vor Jahrhunderten festgelegt und seither niemals geändert worden.

Aneurin antwortete: "Ich begehre Einlaß in die Burg Thorandon."

"Wie ist Euer Name?"

"Mein Name ist Aneurin adar-Karan aus dem Hause Jarvik."

"Wer folgt Euch?"

"Darralyn, Etis und Iveirdne, Diener des Hauses Jarvik."

"Welchem Kreis gehört Ihr an?"

"Ich entstamme in zwölfter Generation dem Dritten Inneren Ring von Arithia."

"Nennt das Wort des Dritten Inneren Ringes, das Euch die Türen von Thorandon öffnet."

Ruhig und sehr sachlich antwortete Aneurin: "Das Wort lautet: Ehre und Treue bis in den Tod."

Der kalte Blick des Mannes ruhte eine kurze Weile unbewegt auf Aneurins Gesicht. Dann hob er wieder leicht die Hand. Sein Gefährte trat auf das Tor zu und schob einen Riegel zurück.

Der Soldat sagte: "Seid willkommen in Thorandon, é dan. Kommt in Frieden und geht in Frieden." Es klang fast wie eine Drohung.

Der ryondrische Soldat zog den linken Gitterflügel des Tores auf. Aneurin setzte sich mit unerschütterlicher Sicherheit in Bewegung. Die Khyalen folgten ihm benommen. Iveirdne erwartete noch immer, daß das Tor vor ihren Nasen zugeworfen wurde und die Wachen sich mit gezogenen Schwertern auf sie stürzten, aber nichts geschah; nur die Blicke spürte sie im Rücken wie einen eisigen Wind. Dann waren sie durch. Weißer Kies knirschte unter ihren Füßen.

"Dreht euch nicht um", zischte Aneurin, und Etis zog schuldbewußt den Kopf ein. Darralyn stapfte entschlossen geradeaus, ohne nach links und rechts zu schauen. Iveirdne aber betrachtete den winterlichen Wald, der die Hänge des Berges bedeckte. Zwischen den schwarzen Stämmen wucherte ein blattloses Gewirr von dornbesetzten Ranken; dieser Wald bot nicht die geringste Verlockung, vom Pfad abzuweichen und sich der Burg auf einem anderen als dem vorgesehenen Weg zu nähern. Dann wanderte ihr Blick höher. Schmale Fenster und Schießscharten, Mauervorsprünge und hölzerne Gitter ragten aus der grauen Steinmasse jenseits der Bäume. Aus der Nähe betrachtet, löste sich Thorandon in einzelne Türme und spitzdachige Gebäude mit roten Giebeln auf, die geradewegs aus der Grundmauer herauszuwachsen schienen, und während die Straße allmählich anstieg und die Einzelheiten besser erkennbar wurden, hatten die Reisenden viel Zeit, die mächtigen Steinquader der Mauer zu bestaunen.

"Das ist ja riesig", flüsterte Etis beklommen.

"Neunhundert Mann Besatzung in Kriegszeiten", warf Aneurin über die Schulter zurück. "Im Frieden immer noch dreihundert. Und außerdem etwa fünfhundert Bewohner: Verwalter, Aufseher, Stallknechte, Mägde, Köche, Diener, Sklaven, Kammerfrauen, Wäschebeschließer, Zimmerleute, Schmiede, Näherinnen, Schreiberinnen, Aufseher -"

"Aufseher hast du schon gesagt", bemerkte Etis.

"Wirklich?" Kaum zu glauben, aber zum ersten Mal, seit Iveirdne mit diesem Mann unterwegs war - seit sie ihn überhaupt kannte -, sah sie ihn grinsen. Offenbar war er mit seinem Auftritt unten am Tor äußerst zufrieden. Und sie mußte zugeben, daß er es gut gemacht hatte.

"Woher hast du eigentlich ein Schwert?" fragte sie.

Sein Grinsen verschwand wie weggewischt. "Geerbt", sagte er schroff, drehte er sich um und stieg weiter durch den knirschenden Kies nach oben. Wie üblich blieb den Khyalen nichts anderes übrig, als entnervte Blicke zu wechseln und wie drei kleine Hündchen hinter ihm herzutrotten.

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Ein langer Gang, ein Tanzsaal, eine Treppe, der Vorraum der Marmorhalle, noch eine Treppe. Semantha nahm sich Zeit. So neugierig sie auch war - sie hatte nicht die Absicht, wegen eines verurteilten Verbrechers japsend in der Großen Halle anzukommen. Spöttisch rief sie ihrer Pflegemutter nach: "Warum hast du es so eilig, Sal? So gut sah er nun auch wieder nicht aus."

"Semantha!" Salimna verlangsamte ihre Schritte und errötete vom Brustansatz bis zur Stirn. Tränen stiegen ihr in die Augen. "Wie kannst du so etwas sagen! Ich habe nie - ausgerechnet heute - das war grausam!"

"Schon gut", sagte Semantha überrascht und ein wenig beschämt. Sie hatte tatsächlich vergessen, was ihnen heute noch bevorstand. "Es tut mir leid. Aber wir brauchen ja wirklich nicht hinzurennen."

Salimna betupfte sich die Augen mit einem Seidentuch - vorsichtig, damit die Schminke nicht verlief. Semantha stand neben ihr und hatte ein schlechtes Gewissen. Ihr Vater lag aufgebahrt im Totenhaus, und sie alberte hier herum. Aber sie konnte sich nicht helfen - sein Tod erschien ihr weniger wichtig als das, was er ausgelöst hatte. Sie vermißte ihn nicht und hatte auch nach dem ersten Schock nicht um ihn geweint. Als Kind hatte sie ihn geliebt: soviel wußte sie noch. Aber das war lange her. Der letzte Funken Vaterliebe war erloschen, als sie miterlebt hatte, wie er Argon aus Thorandon fortschickte: den einzigen Menschen, der es je gewagt hatte, sich ihm zu widersetzen, und den er mit verzehrender Wut haßte, mochte er nun sein Erbe sein oder nicht. Schlimmer noch: nachdem Argon fort war, hatte Corellan seine Lieblingstochter auf den Gedanken vorbereitet, daß sie, nicht der aufsässige Sohn, seine Nachfolge antreten sollte. Ihre störrische Weigerung hatte das Verhältnis zwischen ihnen deutlich abgekühlt, und am Ende war er auf sie fast ebenso wütend gewesen wie auf Argon. Sein Tod bedeutete für sie nur, daß der ständige Zwang, die unerwünschten Liebkosungen, die Vorwürfe und Wutausbrüche endlich aufgehört hatten.

Für Salimna jedoch war eine Welt zusammengebrochen. Semantha machte sich Vorwürfe, daß sie es vergessen hatte, und wartete nun mit ungewohnter Geduld, bis die Frau sich wieder gefangen hatte. Dann setzten sie ihren Weg langsamer fort.

In der Eingangshalle wimmelte es von Menschen, die geschäftig hin und her eilten, Dinge hereintrugen, die uralten Rüstungen ein letztes Mal blankwischten, die Gemälde noch einmal abstaubten. Die Bewegungen erstarben, als die Tochter und die Geliebte des ermordeten Königs in ihren roten Trauergewändern auf der Treppe erschienen, und die Leute verbeugten sich tief. Semantha beachtete sie nicht. Sie wäre nur dann zutiefst überrascht gewesen, wenn irgend jemand in der Halle sie nicht angestarrt hätte. Sie stieg die Treppe hinunter und ging an den Leuten vorbei. Jetzt war es Salimna, die ihr in genauer Beachtung des Hofprotokolls folgte. Die Wachen öffneten ihnen das Tor zur Großen Halle, und sie traten ein.

Hier waren die Diener noch damit beschäftigt, den Boden zu kehren, Binsen auszustreuen und die Tische zu scheuern, aber Semantha merkte sofort, daß sie sich von den fünf Fremden fernhielten, die in der Mitte der Halle standen und zu warten schienen. Der Herzog war nicht bei ihnen. Argons übliches Gefolge aus Mitgliedern der Grenzwacht und einigen jüngeren Leuten aus der Stadt war nirgends zu sehen, also war er wohl noch nicht da. Auch Blaenor, Ratha und die restlichen Mitglieder des Hofstaates fehlten.

Die Wachen der Halle hatten ihre Posten bezogen. Alle waren bewaffnet, auch die Fremden. Semantha zögerte, als ihr die angespannte Stimmung der beiden Gruppen entgegenschlug. Es konnte doch niemand so wahnsinnig sein und am Tag der Übernahme mitten in Thorandon an einen Angriff denken! Aber dann erinnerte sie sich an den Tharpaß. Ihr Vater hatte so nahe an Arithia wohl auch nicht mit einem Angriff gerechnet und schon gar nicht damit, daß die Teleni ihn nicht verteidigen konnten. Und wie oft war es schon vorgekommen, daß das harmlose Treffen zweier Verbündeter in einer blutigen Fehde endete - wobei der Herzog nun auch beim besten Willen nicht als Verbündeter bezeichnet werden konnte.

Sie hatte nicht damit gerechnet, diesen Leuten allein gegenüberzutreten, und zögerte jetzt. Am liebsten wäre sie wieder umgekehrt, aber das war natürlich unmöglich. Die Fremden waren jetzt auf sie und Salimna aufmerksam geworden und verneigten sich.Sie wechselten ein paar leise Worte, und der junge Mann, der dem Herzog so ähnlich sah, kam auf die beiden Frauen zu. Er hatte auch Ähnlichkeit mit Argon, nur hatten seine schwarzen Haare einen rötlichen Schimmer, und sein hochwangiges Gesicht verriet das Nordlanderbe seiner Mutter. Vor ihnen blieb er stehen und verneigte sich erneut. Als er sich aufrichtete, begegnete Semantha einem forschenden und anerkennenden Blick.

"Meinen Gruß, é danyon", sagte er mit vollkommener Höflichkeit. "Ich bin Terrec von Cret. Ich vermute, ich habe die Ehre mit meiner Kusine Semantha? Und der danès Salimna ar-Vrin?"

Salimna neigte hochmütig den Kopf. Semantha musterte ihren Vetter vom Kopf bis zu den Stiefeln. Was sie sah, gefiel ihr ausnehmend gut. Sie überlegte, kam zu einem plötzlichen Entschluß und sagte sehr ernst: "Es ist mir schleierhaft, wie Ihr das erraten konntet, é dan."

Salimna schnappte hörbar nach Luft. Terrecs Augen blitzten kurz auf, dann fing er sich und erwiderte ebenso ernst: "Manchmal habe ich eben einfach Glück."

Sie lächelte.

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"Was ist Euer Begehr?"

"Einlaß zu finden in die Burg Thorandon."

"Wie ist Euer Name?"

"Aneurin adar-Karan aus dem Hause Jarvik."

"Wer folgt Euch?"

Iveirdne hörte dem Wechselspiel nicht so gebannt zu wie unten am ersten Tor. Tatsächlich bekam sie fast nichts davon mit. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, das klobige Gebäude des Torhauses anzustarren, dessen gewaltige Mauern turmhoch über ihr aufragten. All ihren tapferen Vorsätzen zum Trotz fühlte sie, wie sie angesichts der Wucht dieses von Menschen geschaffenen Berges immer kleiner wurde. Sie dachte an die niedrigen Dächer des Khyal, die ihr im Vergleich hierzu wie Maulwurfshügel erschienen, und wünschte sich, sie hätte Iunis nie verlassen. Wie hatte sie nur jemals wagen können, der Macht entgegenzutreten, die hier herrschte? Sie fühlte sich wie ein Kind, das gegen einen Baumstumpf tritt und dann entdeckt, daß es der Zeh eines Riesen ist. Nicht einmal in ihren verrücktesten Träumen hatte sie sich vorstellen können, daß es ein solches Bauwerk auf der Welt geben konnte. Die Soldaten, die das offene Tor bewachten, wirkten klein und zerbrechlich unter der hohen schwarzen Wölbung, und waren das da oben die eisernen Spitzen eines Fallgitters, jeder Pfahl so dick wie Iveirdnes Körper? Sie schaute nach oben und drängte sich unwillkürlich dicht an Darralyn.

"Meriel Wanderer", hörte sie ihn murmeln, "und ich dachte immer, der Palast des Statthalters wäre groß."

Etis sagte überhaupt nichts. Er stand nur klein und verloren neben seinen Gefährten und drückte sein Bündel an seine Brust, als hätte er seine ganze Sicherheit wie einen Gegenstand hineingepackt und fürchtete nun, man würde sie ihm entreißen.

"Nennt das Wort des Dritten Inneren Ringes, das Euch die Türen von Thorandon öffnet", sagte der Soldat.

Iveirdne bewegte lautlos die Lippen.

"Ehre und Treue bis in den Tod", sagte Aneurin so gleichgültig, daß sie sich beklommen fragte, was dieser Satz ihm eigentlich bedeutete. Es mußte ein mächtiger Satz sein: der Schlüssel zu dem Ort, von dem aus Ryondar beherrscht wurde.

Der Soldat nickte, aber statt dann beiseitezutreten und ihnen den Weg freizugeben, sagte er: "Wartet hier." Er drehte sich um und trat durch eine Tür in der hausbreiten Wölbung des Torbogens. Gleich darauf kam er wieder heraus. Eine Frau folgte ihm. Sie war klein und zierlich, hatte ein unscheinbares hageres Gesicht und trug ihre bräunlichen Haare zu einem Knoten hochgesteckt. Sie trug ein langes, weites Gewand aus grüner Seide: eine Yuun-Priesterin, Dienerin des Musikantentores.

Sie blieb vor ihnen stehen und musterte sie vom Kopf bis zu den Füßen. Es war kein freundlicher Blick; eher schien es, als hätte sie etwas Besseres erwartet und sei nun geradezu beleidigt über das, was ihr angeboten wurde. Unvermittelt sagte sie scharf: "Folgt mir!" Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und schritt in den Schatten des Torbogens.

Unsicher schauten die Khyalen Aneurin an, aber er zuckte nur stirnrunzelnd die Achseln und drückte Iveirdne unvermittelt den Sack mit dem Kelch in den Arm. So stolperten sie beklommen hinter der Frau her.

Innerhalb der großen Mauern war Thorandon eine Stadt, die sich wie ein Ring um einen weitläufigen Hof schloß. Sie sahen Wohnhäuser und Getreidespeicher, Ställe und einen umzäunten Sandplatz. Vor einer großen Scheune standen zehn schwarze Kutschen in gerader Reihe, die von einer ganzen Heerschar Bediensteter geputzt und blankgewischt wurden. Eine Soldatentruppe in schwarzen Uniformen marschierte quer über den Platz; ihre genagelten Stiefel knallten auf die Pflastersteine des Hofes. Auf den zwischen den Häusern sichtbaren Abschnitten des Wehrganges hielten schwarze Gestalten regungslos Wache.

In gerader Linie erhob sich vor den eingeschüchterten Besuchern ein zweites Torhaus, hinter dem weitere Türme und Dächer sich zum Himmel streckten. Aber die Priesterin führte sie nicht dorthin, sondern zu einem Wachturm, der in dem Winkel aufragte, wo die östliche und die südliche Mauer aufeinandertrafen. Dort öffnete sie eine Tür mit einem kleinen Schlüssel, ließ sie eintreten und zog dann unerwartet die schwere Eichentür hinter ihnen ins Schloß. Sie waren allein. Verwirrt blickten sie sich in dem dämmrigen, weißgekalkten Raum um. Bis auf einen massiven Steintisch, der in der Mitte auf einem runden, dunkelrot und gold gemusterten Teppich stand, war er leer. Es gab keine Winkel, keine Ecken. Der Raum war vollkommen rund, mit kahlen Wänden und einer einzigen Holztür mit schmiedeeisernen Verzierungen, die der Eingangstür gegenüberlag. Von der Decke hing an einer schweren, geflochtenen Lederschnur eine brennende Lampenschale.

Die Iunier blickten einander an. "Was jetzt?" flüsterte Etis.

"Ich weiß nicht", murmelte Iveirdne. "Ich weiß überhaupt nichts mehr."

"Wir müssen wohl warten", sagte Darralyn halblaut. "Vielleicht ist es hier Sitte -" Er brach ab. Jenseits der strahlenden Helligkeit der Lampe bewegte sich etwas, ein schwarzer Schatten löste sich scheinbar aus der Wand. Iveirdne umklammerte den Sack, in dem der Kelch steckte, wie einen Rettungsanker. Vor ihnen stand ein alter Mann, gekleidet in eine schwarze Robe, auf der einzelne Juwelen funkelten. Seine Haare und sein Bart waren schlohweiß und fielen wie ein Wasserfall über den glänzenden Stoff. Der Ausdruck seine Augen war nicht zu deuten; etwas funkelte in ihren Tiefen wie ein Feuer in der Nacht, aus großer Ferne betrachtet.

"Ihr seid also endlich gekommen", sagte er. Seine Stimme war tief und überraschte Iveirdne durch ihre Milde, denn sie hatte nicht gewußt, wie jemand Macht und Güte vereinen konnte. Die Macht spürte sie, die Luft war davon durchtränkt wie von dem Licht des Feuers, dem Ort wie dem Mann angemessen, aber die Milde schien ihr unpassend zu sein. Verstört starrte sie den Alten an, unfähig, ihre Gedanken zu ordnen. Auch ihre Gefährten waren stumm; selbst Aneurin hatte es die Sprache verschlagen.

Der alte Mann wartete nicht, bis sie wieder Mut zum Reden gefunden hatten. "Kardian", sagte er leise. "Kardian aus Iunis. Das ist ein weiter Weg... weit und gefährlich. Ihr habt Euch tief in fremdes Land gewagt."

Seine ruhige Stimme wob Iveirdne wie Spinnweben ein. Sie schluckte mühsam. "É _ dan _ wir sind _ Abgesandte. Von _ Celiphas amTarn aus Lenangeh. Er sendet Euch -"

"Still", sagte der alte Mann in so gütigem Ton, daß sie die Zurechtweisung erst gar nicht erkannte. "Ihr bringt einen Gegenstand, ein Geschenk aus den Tiefen der Zeit... ein Ding aus schimmerndem Stein Ich habe euch erwartet. Ich bin Blaenor adar-Blaenwyr, Hohepriester des Ersten Tores, der Berater des Königs. Gib mir den Kelch, Frau."

Der Hohepriester des Ersten Tores? Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Sie hatte einen Diener erwartet, einen Sklaven des Hofmeisters vielleicht _ Sie starrte ihn an wie ein Kaninchen die Schlange, und ihr Kopf war plötzlich ganz leer. Sie wußte nicht mehr, was sie hatte sagen wollen.

"Es ist ein Geschenk, é dan cirach", sagte endlich Darralyn an ihrer Stelle. Wenigstens kannte er die richtige Anrede. "Für den König. Wir haben auch ein Schreiben -"

"Ich werde ihm euer Geschenk überreichen", sagte der Hohepriester freundlich und streckte die Hand aus. Iveirdne fühlte sich plötzlich wie betäubt, so benommen und verloren wie nach einem besonders scheußlichen Traum, und ihr Blickfeld lief an den Rändern schwarz zu. Nicht ohnmächtig werden! Es gab doch überhaupt keinen Grund _ was war denn mit ihr los? Ihr Kopf fühlte sich an, als sei er zwischen zwei Mühlsteine geraten. Die Augen des Priesters schienen größer zu werden, schwarze Abgründe, in denen etwas Schreckliches lauerte, das ihr auf einmal entsetzliche Angst einjagte.

Sie spürte noch, wie alles in ihr plötzlich Nein schrie; sie wollte ihm den Kelch nicht geben, sie würden alles verlieren - und dann merkte sie, daß ihre Hände plötzlich leer waren, daß das Tuch vor ihren Füßen lag und der alte Mann den Kelch in beiden Händen hielt wie eine Opferschale. Er betrachtete den langsamen Tanz der Farben tief im Inneren des Steins, und ein Widerschein des Lichts zuckte in seinen Augen auf.

"Gut", sagte er, immer noch leise, als fürchtete er, jemanden - oder etwas - aufzuschrecken. "Ich danke euch im Namen des Königs. Geht jetzt."

Die schwere Tür hinter ihnen schwang auf, und Iveirdnes Füße setzten sich wie von selbst in Bewegung.

Sie fand sich vor dem Turm wieder, ein wenig taumelig und unsicher auf den Beinen. Darralyn nahm sie in den Arm und hielt sie fest, doch er sah ebenso verstört aus, wie sie sich fühlte.

"Was war das denn?" wisperte Etis.

"Macht", sagte Aneurin; auch er war blaß.

"Der Hohepriester des Ersten Tores", murmelte Darralyn. "Kommt, weg hier. Ich werde mich erst dann wohler fühlen, wenn ich wieder unter gewöhnlichen Menschen bin, mit einem Krug Bier in jeder Hand."

Iveirdne sagte nichts. Sie folgte den drei Männern über den Hof und versuchte zu begreifen, was da eben mit ihr geschehen war. Sie hatte dem Hohepriester den Kelch nicht geben wollen, und doch mußte sie es getan haben. Sie konnte sich nicht an die Bewegung der Übergabe erinnern. Etwas war mit ihr nicht in Ordnung gewesen - sie hatte ihren Körper nicht selbst beherrscht. Ein anderer hatte mit der gleichen Leichtigkeit, wie sie ein Stück Holz aus einem Korb holte, in ihren Geist gegriffen und ihre Bewegungen gelenkt, und sie hatte sich nicht dagegen wehren können. Und auch das Verlassen des Turms war nicht so bewußt geschehen wie jetzt der Gang über den Hof der Burg. Jetzt konnte sie stehenbleiben und sich umschauen, und ihr Körper gehorchte ihrem Willen. Sie blickte zurück zu dem Turm. Hinter den unteren Fenstern lag Dunkelheit, aber sie spürte, daß sie beobachtet wurde. Hastig drehte sie sich um und eilte hinter ihren Gefährten her.

Wenigstens konnte sie jetzt wieder klar denken. Woher hatte der Hohepriester gewußt, was sie bei sich trugen? Wieso hatte er sie erwartet? Hatte Celiphas ihm eine Nachricht geschickt? Und wo war Celiphas überhaupt? Je länger sie darüber nachdachte, umso unbehaglicher fühlte sie sich. Am liebsten wäre sie sofort auf die Sturmbezwingerin zurückgekehrt, die ihr jetzt als die einzig sichere Zuflucht in einer bedrohlichen und fremdartigen Welt erschien. Gut, die Übernahme würde sie noch abwarten. Aber dann würde sie nach Hause fahren und nie wieder - nie wieder! - auch nur an das Festland denken.

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Der ehrwürdige ardu-cirach dan Blaenor adar-Blaenwyr, Hohepriester der Ersten Tores, Hüter der Spiegel und einziger überlebender Berater des Königs im Fürstenrat, verließ wenig später den Turm, überquerte den Hof und ging achtlos an dem Durcheinander aus Menschen, Kutschen und Pferden vorbei, aus dem in einer Stunde ein königlicher Leichenzug werden sollte. Er betrat das Haupthaus und stieg die gewundene Freitreppe hinauf, die zur Bücherhalle von Thorandon führte. Er nahm sich Zeit; nach jeder dritten oder vierten Stufe blieb er kurz stehen und wartete, bis sich sein Atem beruhigt hatte, dann stieg er weiter, fröstelnd in der Winterkälte, die hier ungehindert durch die Mauern drang. Er war weit älter als jeder andere Mensch in Thorandon, vielleicht der älteste Mensch in ganz Ryondar, aber die Jahrzehnte hatten seinen Rücken nicht gebeugt. Er hatte nicht nur dem ermordeten König Corellan als Ratgeber zur Seite gestanden, sondern auch schon dessen Mutter, der Feuerkönigin Taliris. Feuerkönigin war sie nicht nur wegen ihrer flammendroten Haare genannt worden, sondern auch wegen ihres nicht minder flammenden Temperamentes; er erinnerte sich gut an ihre Wutausbrüche, die oft von der Halle bis hier hinauf zur Treppe zu hören gewesen waren. Er war schon nicht mehr jung gewesen, als er in ihre Dienste trat, und er wußte, daß die Leute im Land glaubten, er sei so ewig und unzerstörbar wie der Fels, aus dem Thorandon herausgeschlagen worden war.

Er wußte es besser. Sein Körper war hinfällig und verbraucht und ließ ihn immer häufiger im Stich. Corellan hatte dies widerwillig eingesehen und auf seine Begleitung bei der Reise nach Madheriant verzichtet.

Er stieg drei Stufen weiter, sein schwarzes, weites Gewand schleifte über den roten Läufer auf den grauen Stufen. Vor der Tür zur Bücherhalle blieb er wieder stehen. Er atmete tief durch und zwang seine Gedanken vom Turm fort, aber trotzdem schlug ihm das Herz noch immer bis zum Hals. Dann betrat er den Raum. Als er die Tür hinter sich schloß, war in seinem Gesicht weder Furcht noch Anspannung zu erkennen.

Der zukünftige König von Ryondar, der am Fenster gestanden und hinausgeschaut hatte, fuhr herum, die Hand schon am Schwertgriff, bevor er seinen Erzieher erkannte und die Bewegung stoppte. Blaenor blieb stehen und wartete. Im Hintergrund sah er Ratha Keroun, die Hofschreiberin, die an einem Stehtisch stand und Schriftstücke durchblätterte. Sie blickte auf und verneigte sich leicht; er beachtete sie nicht weiter. Mit einer Grimasse löste der Kronprinz die Hand vom Schwert. "Keine Angst. Ich bin noch nicht so weit, daß ich Euch angreife."

Blaenor zog eine Braue hoch. "Das beruhigt mich."

Argon stieß ein halbes Lachen aus, das mehr ein Schnauben war, und wandte sich abrupt wieder zum Fenster. "Nicht, daß sie nicht alle darauf warten."

Der Priester öffnete den Mund zu einer Erwiderung und überlegte es sich dann anders. Für einen Moment betrachtete er den Prinzen schweigend und verglich ihn mit dem halbwüchsigen Jungen, der vor drei Jahren Thorandon wutentbrannt verlassen hatte, um im Grenzland einen Kampf aufzunehmen, der ausichtslos war und ihm dennoch sinnvoller erschien als der schwärende Krieg gegen seinen Vater. Er war zu einem gutaussehenden, herrisch wirkenden jungen Mann herangewachsen, und das fremde Blut, das Elgerion, der Erste König, vor dreiundzwanzig Generationen in dieses Land gebracht hatte, war bei ihm ebenso deutlich ausgeprägt wie bei seinem Vater und seiner Großmutter. Seine Haut war trotz der drei Jahre in den Bergen noch immer bleich. Er hatte ein schmales Gesicht mit wachen dunkelblauen Augen, einer geraden Nase und einem festen Kinn. Wirre schwarze Locken fielen ihm immer wieder ins Gesicht, und er warf sie ebenso unbewußt wie ungeduldig immer wieder zurück. Wenn er sprach, schaute er die Leute gerade und fest an, und die meisten hielten dem Blick nicht lange stand.

Er trug die Trauerkleider, die ihm bis nach der Übernahme vorgeschrieben waren: ein hüftlanges blutrotes Seidenhemd, darüber eine schwarze, ärmellose Tunika, die mit einem roten Ledergürtel zusammengehalten wurde, eine schwarze Hose und schwarzglänzende Stiefel. Sein einziger Schmuck und der einzige Hinweis auf seine zukünftige Stellung war ein schwerer goldener Siegelring an der rechten Hand, der das Wappen der Königsfamilie zeigte.

Das Schwert an seinem Gürtel war eine derbe Soldatenwaffe in einer schmucklosen Scheide. Eigentlich war es für einen Edelmann nicht üblich, in Friedenszeiten in seinem eigenen Haus bewaffnet zu sein. Andererseits wußte Blaenor, daß dieser junge Mann seit frühester Kindheit keinen Frieden in Thorandon mehr gekannt hatte, und er hatte die Burg mit sechzehn Jahren verlassen, um an die Grenze zu ziehen, wo ein blutiger Krieg tobte. Vermutlich fühlte er sich ohne ein Schwert einfach nackt. Es war ein Verbrechen, daß Corellan seinen Sohn dort hingeschickt hatte, und es war ein Wunder, daß Argon es überlebt hatte.

Aber Argon hatte selbst darum gebeten, und der König hatte diesem Wunsch - anders als früheren Bitten - sofort nachgegeben und dabei unmißverständlich klargemacht, daß er seinen störrischen und anmaßenden Erben am liebsten noch viel weiter weggeschickt hätte als nur ins Grenzgebiet. Immerhin - so hatte der König zur allgemeinen Bestürzung gesagt - bestand ja die Hoffnung, daß der junge Hund sich dort oben einem tadarischen Speer in den Weg warf und überhaupt nicht mehr zurückkam.

Doch er war zurückgekommen. Härter vermutlich, als er aufgebrochen war. Erfahrener auf jeden Fall. An der Grenze war er mitten in ein Netz aus Verrat, Mord und tadarischer Hexerei geraten, hatte an der Belagerung von Kaddilin teilgenommen und nach der Vernichtung der Grenzwacht vor Sardak einen eigenen Trupp in die Berge geführt. Im vergangenen Jahr hatte er dann den Befehl über die Grenzwacht übernommen und ihren bisherigen Anführer, der sich als Verräter erwiesen hatte, eigenhändig erschlagen. Statt sich den Hals zu brechen, war er zum Volkshelden geworden und, schlimmer noch, zum Liebling der ryondrischen Heerführer. Selbst Draenog, der Waffenmeister und Berater des Königs, hatte dem König gegenüber lobend von ihm gesprochen und dadurch gleich wieder einen Wutanfall ausgelöst. Falls der König jemals stolz auf seinen ältesten Sohn gewesen war, hatte er es gut verborgen.

Blaenor hatte nie versucht, zwischen den beiden zu vermitteln. Das war nicht sein Bereich, und sowohl der Vater als auch der Sohn hätten sich eine Einmischung anderer zornig verbeten.

Der Kronprinz, der sich der genauen Beobachtung nicht bewußt war, blickte auf seine Hände, dann hob er den Kopf und schaute nach draußen in die grauen Wolken. Sein Gesicht war ernst; ein bitterer Zug lag um seine Lippen.

"Vermißt Ihr ihn?" fragte der alte Mann unvermittelt. Gleich darauf war ihm klar, daß er es besser nicht gefragt hätte, aber die Antwort bedeutete ihm nicht genug, um die Frage zurückzunehmen.

Jäh glühte ein Feuer in den blauen Augen auf, aber es erlosch sofort wieder. Argon blickte auf den Hohepriester hinab und sagte mit sehr ruhiger Stimme: "Nein. Mein königlicher Vater hat mich früh genug gelehrt, ihn nicht zu lieben. Ich habe ihn bis aufs Blut gehaßt und mir tausendmal gewünscht, ihn umzubringen. Er hat mich geschlagen, verhöhnt und gedemütigt und mir gedungene Mörder auf den Hals gehetzt, nur um zu sehen, ob es mir gelingt, sie auszuschalten, bevor sie mich erwischen, und das, ehe ich fünfzehn Jahre alt war. Und noch im Sterben spuckte er mir ins Gesicht. Nein, ich vermisse ihn nicht. Ich bedauere nur, daß er gestorben ist, ehe ich ihm zurückzahlen konnte, was ich ihm schuldig war. Ist es das, was Ihr wissen wolltet?"

Der Hohepriester hob die Augenbrauen, aber er sagte nur: "Es tut mir leid, daß ich Euch verärgert habe."

"Verärgert!" sagte Argon. "Ihr habt mich nicht verärgert. Schließlich habe ich jetzt, was ich wollte, oder nicht? In ein paar Stunden trage ich den shajin und die Krone, und alles, was von meinem mächtigen Vater übrigbleibt, ist Asche, ein Königreich voller verfeindeter Fürsten und ein Haufen häßlicher Erinnerungen." Er lachte hart auf. "Was könnte ich mir sonst noch wünschen?"

Blaenor kannte ihn gut genug, um darauf nicht zu antworten. Er sah, daß Ratha kurz aufblickte und den Prinzen ausdruckslos musterte. Dann schob sie die Papiere zusammen und verschwand mit ihnen zwischen den hohen Bücherborden. Ihre leisen, gemessenen Schritte verklangen im Raum.

"Nein, ich vermisse ihn nicht", sagte der Prinz nach kurzem Schweigen. Dann senkte er die Stimme. "Aber ich verfluche ihn für das, was er mir hinterlassen hat. Blaenor, dieses Land ist heruntergekommen und verrottet, die Gesetze begünstigen die Reichen und quälen die Armen, die Fürsten hetzen ihre Bauern aufeinander und nehmen dabei keine Rücksicht auf Erntezeiten, und überall bricht die Magie wie ein Waldfeuer aus. In jedem Dorf entlang der Handelsstraße erzählten mir die Priester von Steinigungen, und südlich von Selyra sind wir in einen Sturm geraten, der nicht natürlich war. Warum gelingt es den Priestern nicht, so etwas zu unterdrücken? Das Volk bezahlt teuer genug für Eure Dienste, und nicht einmal im Norden habe ich so viele Bettler gesehen wie hier vor den Toren der Stadt."

Der alte Mann hörte ihm zu, und nur seine funkelnden Augen verrieten seine Verärgerung. "É sharinor, wir können nur dort gegen das Böse kämpfen, wo wir stark sind. Euer königlicher Vater hat die Neun Tore nur wenig geachtet und kaum unterstützt. In den Dörfern - besonders nach Norden hin - gibt es meistens nur einen einzigen Priester, der die Magie niederhalten kann, und an vielen abgelegenen Orten gibt es überhaupt niemanden. Wenn in einer Köhlerhütte in Madheriant plötzlich ein Zauberfeuer ausbricht, können wir nichts tun, um die Menschen zu beschützen."

"Ich habe gesehen, wie sie in Tadar damit umgehen", sagte Argon. "Sie bilden Zauberer aus, die Feuer und Wind beherrschen, und schicken sie ins Land, um das Volk einfache Worte der Macht zu lehren." Sein Gesicht wurde finster. "Und dann schicken sie sie gegen uns in den Krieg, und wir haben nichts, was wir ihnen entgegensetzen können."

"Auch wir haben Worte der Macht", erwiderte Blaenor frostig. "Es sind die Bannsprüche, die Euer Vorfahr, der Erste König, uns gelehrt hat. Wir lehren das Volk nicht den Umgang mit der Zauberei, wir bekämpfen sie, wie er es tat. Und wie es richtig ist."

"Ich weiß", sagte Argon. Seine Hand lag leicht auf dem Schwertgriff, und er blickte an dem alten Mann vorbei auf eine dunkle Erinnerung, ein Schlachtfeld voller Asche.

Blaenor wartete und sagte endlich langsam, mit vorsichtiger Betonung: "Euer königlicher Vater wollte nichts davon hören, mehr Priester an die Grenze zu schicken."

Argon kehrte aus der Vergangenheit zurück. "Weil er dann das halbe Nordland gegen sich gehabt hätte. Die Drachenpriesterinnen würden sich eher mit dem tadarischen Zaubererpack verbünden, als die Priester der Neun Tore in ihren Ländern zu dulden. Götter - wenn ich schon über Ryondar herrschen muß, hätte ich gewünscht, daß seine beiden Völker und seine beiden mächtigsten Religionen wenigstens ansatzweise miteinander Frieden halten können." Er verzog die Mundwinkel zu einem häßlichen Grinsen. "Aber ich konnte ja nicht einmal mit meinem Vater in Frieden leben, also kann ich es wohl kaum von anderen verlangen. Wie dem auch sei - vielleicht brauchen wir dort oben keine Priester. Ich habe mit dem tadarischen Erbprinzen verhandelt, und er hat sein Heer aus dem Grenzland zurückgezogen. Deshalb bin ich ja zurückgekommen - ich wollte meinem Vater das Friedensangebot vorlegen. Ich weiß nicht, ob er es angenommen hätte, aber nun werde ich es annehmen."

Der alte Mann schaute ihn unter buschigen Augenbrauen schweigend an und sagte nach einer kurzen Pause scheinbar zusammenhanglos: "Der Herzog von Cret ist in Thorandon eingetroffen. Er wurde in die Ratshalle geführt, wie Ihr es befohlen habt."

Der Prinz blickte auf. "Dann war er es wohl, den ich eben im Hof habe brüllen hören." Er stand auf und stieg die drei Stufen des Fenstersitzes hinab. Er war ein wenig größer als sein alter Erzieher; dieser trat gerade so weit zurück, daß er nicht zu ihm aufsehen mußte.

"É sharinor", sagte Blaenor, "man fragt sich, warum Ihr ihn aus der Verbannung heimgerufen habt.Der Herzog ist Euch... nicht freundlich gesonnen."

"Todfeind ist das Wort, das Ihr sucht", sagte Argon kühl. "Ihr schreckt doch sonst nicht vor der Wahrheit zurück. Und man wird rechtzeitig erfahren, was ich mir dabei gedacht habe."

Diesmal war die Pause viel länger. Der alte Mann starrte den jüngeren an, und dieser hielt dem Blick gelassen stand. Irgendwo verborgen hinter den Bücherregalen hörten sie die Schreiberin herumgehen; Papier raschelte. Staub tanzte vor den Fenstern. Blaenor suchte in dem harten Gesicht nach einer Spur des Jungen, den er aufgezogen und unterrichtet hatte, und fand nichts; nur die Art, wie Argon den Kopf hob, bereit zum Kampf, war ihm noch vertraut.

"Gehen wir!" sagte der Kronprinz.

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Die Ratshalle schloß sich an die Große Halle zum Garten hin an. Da sie innerhalb schützender Mauern lag, hatte sie größere, mit buntem Glas ausgefüllte Fenster, durch die das Sonnenlicht fiel und bunte Muster auf den Ratstisch malte. An den Mauern hingen die Wappen der Fürstentümer in einer umlaufenden Reihe. Im Kamin brannte ein Feuer, aber es konnte die Winterkälte nicht aus den Mauern vertreiben. Zwei Teleni standen als Wachen an der Tür: schwarzgekleidete grazile Frauen mit Augen aus roter Glut.

Der Herzog stand am Fenster und blickte durch das schlierige Glas hinaus in den Garten, in dem die Bäume ihre kahlen Äste gegen den klaren Himmel reckten. Als Argon eintrat, drehte er sich um. Schweigend musterten sie einander; beide wogen Ähnlichkeiten und Unterschiede ab, gaben alten Erinnerungen ein neues Gesicht, schätzten einander ab wie Kämpfer, die ins Turnier gingen. Beide behielten ihre Überlegungen für sich. Argon trat zum Tisch und sagte höflich: "Willkommen in Thorandon, é dan."

Der Herzog verneigte sich knapp, seine Augen blieben so kalt wie der Winter. "Wozu die Teleni? Das ist eine verdammte Unverschämtheit, Neffe."

"Durchaus nicht. Ich fand es höflicher, die Teleni aufzustellen, als Euch Euer Schwert abnehmen zu lassen."

Für einen Moment herrschte Schweigen, dann lachte der Herzog böse auf. "Dann ist die Sache ja wohl klar. Wozu bin ich hier? Damit Ihr mich öffentlich vorführen könnt? Das Ungeheuer aus dem Norden an der Kette?"

"Ich dachte mir, daß Ihr es so sehen würdet", erwiderte Argon. "In gewisser Weise stimmt es. Ihr seid hier, um mir vor den Augen der Fürsten, der Priester und der Machoisanna Treue zu schwören. Und dafür -" Der Herzog fuhr auf, aber Argon sprach einfach weiter, "- biete ich Euch Eure Freiheit an und hebe die Verbannung auf."

Kälter konnte es in der Ratshalle gar nicht werden. "Was für eine Freiheit soll das wohl sein?" sagte der Herzog höhnisch. "Die Freiheit, hier in Thorandon am Gesindetisch zu sitzen und mir mit den Hunden die Brotstücke zu teilen, während ich zusehe, wie eine Bande halbwüchsiger Kinder am Königstisch speist? So ein Angebot habe ich schon einmal abgelehnt _ nur war es damals Euer Vater, der mir ein Almosen hinwarf!"

"Ich rede nicht von Almosen, é dan", sagte Argon kühl. "Ich gebe Euch Euer Haus zurück, Euren Platz in der Familie und, wenn Ihr es wünscht, einen Sitz im Rat. Wenn Ihr das ablehnt, steht es Euch frei, die Stadt zu verlassen und nach Cret zurückzukehren. In diesem Fall wünsche ich Euch eine gute Reise. Ansonsten sehen wir uns in zwei Stunden im Tempel." Er drehte sich um und ging zur Tür. Ohne auf eine Antwort des Herzogs zu warten, ging er hinaus.

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