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Die Fahrt nach Ryondar

Spätherbst 1500

Die erste Stunde ihrer Reise verbrachten sie damit, sich das Schiff anzusehen, und Darralyn erklärte Iveirdne und Etis, was sie sahen. Die Sturmbezwingerin war trotz ihres beeindruckenden Namens lediglich ein dickbäuchiger, schwerfälliger Kahn mit lederfarbenen, vielfach geflickten Segeln, aber Iveirdne wußte, daß sie diese Fahrt nach Ryondar ihr Leben lang nicht vergessen würde, und so bestaunte sie alles - auch das, was sie schon kannte: die Schreie der Möwen, den scharfen Wind, die geblähten Segel, die kurzen Rufe der Seeleute und die endlose graue Fläche des Meeres, das schon vom Festland aus beängstigend war und nun auf einmal die ganze Welt zu beherrschen schien. Sie spürte die Bewegungen des Schiffes unter ihren Füßen und stellte sich vor, daß unter den Planken nichts war als hundert oder zweihundert Fuß tiefes Wasser. Sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Als sie zusah, wie Iunis hinter dem Horizont versank, durchfuhr sie unwillkürlich ein Frösteln, und sie hatte ein paar Herzschläge lang das beklemmende Gefühl, sich aufzulösen und hilflos in einem unendlichen Raum zu treiben. Das Atmen fiel ihr schwer, und sie schluckte hart. Es ist nicht für lange Zeit, sagte sie sich. Dann richtete sie entschlossen den Blick nach Osten, wo bald, wenn auch vorerst nur als blasses Schattenbild, die Küste von Tair Fi zu sehen sein würde.

Es war kalt, und der dunkelgraue Himmel verschmolz am Horizont mit dem schieferfarbenen Wasser. Die trübselige Stimmung des Morgens entsprach nicht dem großen Ereignis, war aber wohl bezeichnend für die tatsächliche Bedeutung dieser Reise. Iveirdne schaute sich nach Celiphas und seinem Gefolge um. Der alte Mann war nirgends zu sehen; später sagte ihr Darralyn, daß Celiphas amTarn, der seinen Reichtum aus dem Meer bezog, das Meer nicht befahren konnte, ohne seekrank zu werden, und deshalb die meiste Zeit sterbenselend unter Deck verbrachte. Im Ruderhaus stand die Schreiberin Erilde und unterhielt sich mit Lathar. Erildes Stimme war gegen den Wind nicht zu hören, aber das schallende Lachen der zierlichen Schiffsführerin war laut genug, um die Seehunde von den Klippen ins Wasser zu scheuchen. Weitere Angehörige des Hauses amTarn konnte Iveirdne nicht entdecken. Nur Aneurin, der weder ganz zu Celiphas noch zu ihnen gehörte, lehnte in ihrer Nähe an der Reling und starrte auf das graue Meer hinaus.

Stirnrunzelnd drehte sie sich zu ihren Gefährten um. "Wo sind denn alle anderen?"

"Welche anderen?" fragte Darralyn.

"Iské amTarn kann doch nicht nur mit seiner Schreiberin zur Krönung nach Arithia fahren."

"Ach so." Er zog die Brauen zusammen und schaute sich um. "Ich weiß nicht. Du hast recht, es müßten -"

Aneurin wandte sich halb zu ihnen um und sagte kurz: "Reblaus."

Iveirdne starrte ihn an. Was sollte das heißen? Wollte er sie beleidigen? Warum? "Was meinst du damit?"

Mit einer Kopfbewegung wies er zum Ruderhaus. "Lathar fährt uns bis Tair Fi. Dort nehmen wir noch ein paar Leute auf. Sie sind schon vor drei Tagen mit der Reblaus abgefahren. Die Reblaus ist eins der größeren Schiffe; sie befördert Wein, keinen Fisch." Zum ersten Mal merkte sie, wie deutlich und sorgfältig er sprach, als ob er genau darauf achtete, was er sagte und wie er es sagte.

"Vor drei Tagen? Und warum fährt iské amTarn dann erst jetzt?"

Er zuckte die Achseln und drehte sich wieder zum Meer hin.

"Hat jemand Hunger?" fragte Darralyn und kramte in seinem Schultersack. Ein Seemann eilte an ihnen vorbei und rempelte ihn unsanft an. "Also schön. Laßt uns irgendwo hingehen, wo wir niemandem im Weg sind."

Am Bug fanden sie einen windgeschützten Platz hinte der geschnitzten Gestalt einer nackten Frau, die die geballte Faust dem Meer entgegenhielt. Iveirdne blieb kurz stehen und betrachtete sie. Es war eine kunstlose Arbeit. Der Körper hatte keine Beine. Gesäß, Rumpf, Arme und Kopf waren mit groben Schlägen aus dem Holz gehauen und nur ansatzweise geglättet worden, und der unbekannte Schnitzer hatte den Schwerpunkt seiner Bemühungen deutlich eher auf Brüste und Hintern der Gestalt gelegt als auf ihr Gesicht, das nur eine angedeutete Nase besaß und dessen Mund und Augen einfach aufgemalt worden waren. Die Haare sahen aus, als hätte jemand einfach oberhalb des Kopfes ein Stück Holz stehengelassen und dann so oft kreuz und quer mit der Axt hineingeschlagen, bis nur noch ein Gewirr zerbrochener Splitter übrig war wie ein Hut aus Stacheln. Iveirdne berührte ihren eigenen fest geflochtenen Zopf und stellte sich vor, wie sie aussehen würde, wenn sie ihn löste. Wahrscheinlich würde der Wind über dem Meer ihre schweren, glatten Haare so sehr durcheinanderwirbeln, daß sie nachher genauso aussahen wie das zerhackte Chaos auf dem Kopf der Holzfrau.

Natürlich würde sie den Zopf nicht lösen. Es gab ein Gesetz, das den Frauen gebot, sich die Haare zu flechten, und den Männern, die Haare kurz zu tragen. Es war kein ryondrisches Gesetz. Es bestand schon länger, als Ryondari auf Iunis waren, und es würde bestehen, bis das -khy-, das zerbrochen war, geheilt wurde.

Die ganze Gestalt war häßlich und ungeschlacht, aber trotzdem ging eine deutlich spürbare Kraft von ihr aus, die vielleicht aus dem starren Blick kam oder aus der unmißverständlichen Drohgebärde ihres erhobenen Armes. Es war seltsam, eine kardische Frauengestalt zu sehen, die sich zum Kampf stellte. Gewöhnlich war Kampfbereitschaft das letzte, was man lernte, wenn man kardisch war. Man lernte, sich zu ducken; man lernte, den Mund zu halten und keine Fragen zu stellen, wenn Leute plötzlich nicht mehr da waren. Man nahm die Angst und das Wissen um die Zerbrechlichkeit des Lebens bereits mit der Muttermilch in sich auf, und man lernte, die eigenen Grenzen nicht zu überschreiten.

Die hölzerne Frau im Bug der Sturmbezwingerin jedoch, deren aufgemalte starre Lippen zu einem Grinsen verzogen waren, hob die geballte Faust gegen die ganze ungeheure Gewalt des Meeres und sagte: Ich fordere dich heraus.

Beunruhigend. Beängstigend. Iveirdne fragte sich zum ersten Mal, wie alt das Schiff wohl sein mochte. Und sie fragte sich, warum Dichaneh alDan und die ryondrischen Händler in Lenangeh dieses Schiff in ihrem Hafen duldeten.

Sie berührte den harten Rücken, als ob sie dadurch einen kleinen Teil der Verwegenheit in sich aufnehmen könnte - wenigstens so viel, daß es sie heil und gesund bis nach Arithia und wieder zurück brachte. Dann setzte sie sich zu ihren Gefährten in den Windschatten der Reling. Darralyn reichte ihr die Lederflasche und einen Kanten von Dardons bestem Schwarzbrot, bestrichen mit Butter und Salz. Sie spürte erst jetzt, wie hungrig sie war; vor dem Aufbruch hatte sie an Frühstück nicht einmal denken können. Sie biß in das Brot, kaute und spülte mit einem größeren Schluck Bier nach; dann reichte sie die Flasche an Etis weiter.

Niemand von ihnen, ausgenommen vielleicht Aneurin, hatte eine Vorstellung von dem, was sie auf dem Festland erwartete, von dem Ryondar nur einen kleinen Teil bildete. Was jenseits der fernen Außenländer Tadar und Xal-Kattra lag, ob die Welt dort aufhörte oder in einen Bereich aus Schatten und Sagen, Schrecken und Gespenstern überging, wußten sie nicht. Irgendwo hinter den Nebeln des Ostens lag vielleicht auch Kheliun, das Sagenland, eine fremde Welt, deren unheimliches schwarzes Blut in den Adern der Königsfamilie floß.

Iveirdne unterdrückte den Funken des Zweifels, der hartnäckig am Rande ihres Bewußtseins hing. Sie würde sich nicht beirren lassen und dem Druck von Fremdheit und überwältigender Pracht der großen Städte nicht nachgeben. Dabei wußte sie nicht einmal, was sie sich unter überwältigender Pracht vorzustellen hatte. Sie kam aus einem Land flacher, strohgedeckter Häuser und lehmiger Straßen, wo der dreigeschossige Bau des Statthalters alDan als Palast galt. Sie hoffte, daß sich die Häuser in Ryondar nicht zu sehr von diesem Palast unterschieden.

Eigentlich war es nicht einzusehen, warum ausgerechnet sie mit einer solchen Reise nicht fertigwerden sollten. Schließlich hätte Celiphas sie nicht eingeladen, wenn er mit Schwierigkeiten rechnen würde. Sie würden hinreisen, die Krönung aus der Ferne beobachten und wieder heimfahren. Andere Iunier hatten als Musikanten oder Flüchtlinge viel gefährlichere und weitere Reisen unternommen. "Barras Schwester zum Beispiel", sagte Darralyn. "Mircé. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, warum jemand Iunis freiwillig verläßt, aber sie hat es immerhin getan."

"Und du warst auch schon einmal auf dem Festland?" fragte Iveirdne Aneurin, der schweigend neben ihr saß. Dann fiel ihr der plötzliche Wechsel seiner Gesichtsfarbe auf. "He! Was ist? Bist du seekrank?"

"Nein", sagte er kurz.

"Vielleicht solltest du dich hinlegen", sagte Darralyn. "Oder geh an die Reling, wenn dir übel ist."

Aneurin warf ihm einen feindseligen Blick zu, stand auf und ging fort. Sie sahen ihm nach. Er ging langsam über das Deck zur Reling, umfaßte sie mit beiden Händen und blieb stehen, das Gesicht im kalten Wind.

"Kann ich sein Brot haben?" fragte Etis gierig.

Darralyn grinste und gab es ihm. "Er wird es wohl nicht mehr haben wollen. Du verträgst die Schaukelei, ja?"

"Ich? Ich bin der Enkel von Seefahrern und Abenteurern - ich werde nicht seekrank!"

"Iß nicht zuviel", mahnte Darralyn. "Seefahrer hin, Abenteurer her, du bist an so große Schiffe noch nicht gewöhnt."

Iveirdne blickte immer noch zu Aneurin hin. "Schade. Ich hätte ihn gern ein paar Dinge gefragt. Ich habe keine Ahnung, was uns erwartet."

"Fremde", sagte Darralyn. "Und vermutlich keine freundlichen Fremden. Erilde sagt, das ganze Land sei unruhig."

"Wir verschwinden ja bald wieder." Iveirdne nahm ihm den Sack ab und schob den groben Stoff zurück, bis sie im grauen Licht ein Funkeln in der staubigen Dunkelheit erkennen konnte. Sie strich mit dem Finger über die schwarze Kante; dann hielt sie ihn still und sah zu, wie einige schimmernde Flecken darunter hindurchzogen und verschwanden, als sei ein Schwarm goldener Fische plötzlich in die Tiefe des Meeres hinabgetaucht.

"Er ist wunderschön", sagte Etis neben ihr. "Ich frage mich, warum iské amTarn ihn einfach bei uns gelassen hat. Komisch, oder? Er ist doch sicher wahnsinnig viel Geld wert."

Der Junge war nicht dumm. Seine Frage gehörte zu den vielen unbeantworteten Fragen, die die Versammlung aufgeworfen hatte. Iveirdne warf Darralyn einen Blick zu, den er kurz erwiderte. Doch statt einer Antwort sagte er nur: "Mach den Sack lieber wieder zu, Iv."

Iveirdne nickte, wickelte den Kelch sorgfältig wieder in den grauen Stoff und schob ihn zur Seite. "Hoffentlich sind wir bald wieder zu Hause."

Der Fischer biß in sein Brot und kaute sorgfältig. "Bist du nicht neugierig?"

"Neugierig? Doch - schon. Hoffentlich kümmert sich Innouye um meine Pflanzen."

"Na", sagte Darralyn, "meine Fische kommen gut eine Weile ohne mich aus. Sie werden sich über meine Rückkehr kaum freuen."

"Und deine Eltern?"

Er lachte. "Na, ich will doch hoffen, daß die sich freuen."

Sie lachte mit, aber ihre Frage war ernstgemeint gewesen. "Nein - ich meine, waren sie denn damit
einverstanden, daß du fortgehst?"

"Glücklich waren sie nicht. Aber sie sind gut versorgt. Ich mache mir keine Sorgen um sie."

Sie wußte, daß das stimmte. Narveh und Gorev würden keinen Mangel leiden, solange es in den Khyals oder im Haus niVadron in der Stadt noch jemanden gab, der seine Vorräte mit ihnen teilen konnte. Und solange seine Eltern gut versorgt waren, war Darralyn zufrieden. Um seine eigene Sicherheit war er nicht im geringsten besorgt. Vielleicht war das einfach so, wenn man jede Nacht aufs Meer hinausfuhr und nicht wußte, ob man von der Fahrt heimkehren würde oder nicht.

Etis war schon wieder auf den Beinen. "Ich muß mir das Schiff ansehen!" Er lief über das Deck und stieß mit zwei Seeleuten zusammen, die ein mannslanges Brett trugen. Iveirdne hörte ihrem Gebrüll zu und sagte: "Davon wird er sein Leben lang zehren."

"Das hat er sich ja schließlich gewünscht, nicht?" Darralyn grinste und lehnte sich mit dem Rücken an die Reling. Plötzlich fragte er mit veränderter Stimme: "Warum bist du mitgekommen, Iv?"

Sie wandte den Kopf und betrachtete den Sack mit dem Kelch, vermied es, den forschenden Augen zu begegnen. "Hätte ich nicht mitkommen sollen?"

"Es war deine Entscheidung. Schließlich wird man nicht alle Tage zu einer Krönung eingeladen. Aber ich hatte nicht erwartet, daß du dich von deinem Haus und allem anderen trennen könntest. Mich hält die Erde nicht so fest - ich kenne das Meer und die Unruhe, die es weckt. Aber du... ich hätte geschworen, daß du wie ein Teshtolstrauch tief in die Erde reichst. Selbst jetzt denkst du mehr an deine Pflanzen als an die Welt draußen."

Sie hörte reglos zu; seine Worte verwandelten ein bisher eher beklemmendes Gefühl von Unbehagen in die rasende Sehnsucht, wieder zu Hause zu sein - aber trotzdem würde sie nicht umkehren. Ihre Hände tasteten über die weißgebleichten Decksplanken wie auf der Suche nach einer faßbaren Wirklichkeit in einer endlosen Leere. "Ich weiß nicht", sagte sie. "Vielleicht nur, um Skerah aufzuregen." Sie blickte auf und begegnete dem klaren Blick seiner grauen Augen. "Und du?"

Er lächelte ein wenig. "Deinetwegen. Und weil ich neugierig bin. Wenn ich schon nicht mehr bekommen kann als Unterwerfung und Armut, will ich wenigstens mehr sehen. Und Maljas Gedanke, daß alle vier Khyals vertreten sein sollten... wir hatten früher ein Muster, Iveirdne. Erinnerst du dich?"

"Das -khy-, ja. Und außer ein paar rituellen Gesten und Sprüchen ist nichts davon übriggeblieben. Es ist zerbrochen."

"Aber es war früher einmal nicht zerbrochen."

"Ich weiß."

Sie schwiegen eine Weile. Die Sturmbezwingerin segelte jetzt hart am Wind, und der ganze Rumpf krachte und ächzte unter den Schlägen der Wellen. Im Ruderhaus sang Lathar ein zotiges Lied.

Leise fragte Iveirdne: "Wer hat ihn ermordet, was glaubst du?"

"Den König?" Darralyn lehnte sich an die Reling. "Ich weiß nicht. Ich kann mir einfach keine Macht der Welt vorstellen, die an zwanzig Teleni vorbeikommen kann." Er verzog den Mund zu dem schiefen Grinsen, das sie an ihm liebte. "Aber ich bin ja auch bloß ein Fischer. Ich konnte mir bis vor ein paar Tagen ja nicht einmal vorstellen, daß ich nach Arithia reisen würde, um mir eine Krönung anzusehen."

"Ich auch nicht." Sie rutschte näher an ihn heran und kuschelte sich in seine Arme. Er zog sie an sich. Die Nähe zwischen ihnen, die sie in den vergangenen Tagen vermißt hatte, gab ihr plötzlich den Mut, ihre Gedanken auszusprechen. "Es ist alles so merkwürdig. Relaile. Dieser Kelch. Glaubst du, daß es stimmte, was Lok uns erzählt hat?"

Er seufzte leise. "Ich bin sicher, daß er uns nichts erzählt hat, was er nicht selbst glaubt."

Sie horchte den Worten nach... und dem, was in ihnen verborgen lag. Sie dachte an den zerstreuten alten Mann mit den gütigen Augen, der ihre Arbeit mit den Pflanzen gelobt hatte. Sie kannte alle Geschichten über ihn, die auf dem Markt erzählt wurden. Wenn es ein Mitglied des Stadtrates gab, dem sie vertrauen konnten, dann war er es. Und wenn er Lok - und damit den Khyalen - vielleicht nicht die ganze Wahrheit erzählt hatte, bedeutete das nur, daß es zu ihrem Besten war. Sie mußten nicht alles wissen. Immerhin hatte er ihre zwanzig valeral bezahlt und sie zum Mitfahren eingeladen.

Ich bin einfach nur aufgeregt, dachte sie. Ich habe einfach nur Angst. Ich sollte aufhören, herumzuspinnen.

Eine Weile schwiegen sie und lauschten den regelmäßigen Hammerschlägen, mit denen die beiden Seeleute das Brett befestigten. Dann kamen Etis und Aneurin zurück und setzten sich zu ihnen. Aneurins Gesicht war verschlossen, aber er sah nicht seekrank aus. "Wo ist mein Brot?" fragte er.

Etis wurde rot. "Ich dachte... ich habe gedacht, du... ich habe es gegessen."

Aneurins Augen wurden schmal, und der Junge sank in sich zusammen.

"Hör zu", sagte der Mann mit seiner weichen, klaren Aussprache. "Wenn ich möchte, daß du mein Brot ißt, sage ich es dir. Ich weiß nicht, wie ihr es in eurem Haus haltet. Bei mir ist es so, daß das Teilen vorher abgesprochen wird. Anderenfalls nenne ich es Diebstahl. Ist das klar?" Er benutzte das ryondrische Wort cresceth, da es im Kardischen kein Wort für Diebstahl gab, aber sie verstanden es alle drei. Etis wurde blaß.

"Warte", sagte Darralyn stirnrunzelnd. "Ich habe es ihm gegeben. Wir dachten, du willst es nicht mehr. Das heißt, ich dachte -"

Der Blick, der ihn traf, war schnell und sengend wie ein Funke, der aus einem brennenden Holz herausschoß. "So. Du bist also jetzt Erster Sprecher und kannst Dinge verteilen, die dir nicht gehören?"

Darralyns Gesicht verfinsterte sich. "Jetzt hör mal -"

"Was soll das?" sagte Iveirdne. "Es ist noch genug Brot da. Du brauchst dich nicht aufzuregen."

Aneurin blickte zu ihr hin und musterte sie vom Kopf bis zu den Füßen - so verächtlich und abschätzig, daß ihr ganz kalt wurde. Dann stand er auf. Aus seiner Höhe herab sagte er zu Darralyn: "Wenn selbst deine Unterlage mitredet, ist ja wohl alles gesagt. Teilt das Brot unter euch auf; mir ist der Appetit vergangen."

Iveirdne fuhr zurück. Darralyn wurde blaß und stand auf. Er war einen ganzen Kopf kleiner als Aneurin. Mit geballten Fäusten stand er vor ihm. "Das nimmst du zurück!"

Aneurin zog eine Augenbraue hoch. "Und wer bist du, daß du mir zu befehlen hättest, kardian?"

"Khyalen war das Wort, das du suchst." Darralyn ließ die Fäuste sinken. "Vielleicht sollten wir das mal gleich klarstellen. Wir sind hier nicht als kahat und kardian unterwegs, Aneurin cunDaigan. Was du persönlich in Arithia vorhast, geht mich nichts an und kümmert mich auch nicht. Iveirdne ist dir nicht untergeordnet, ganz gleich, was deine anturische Hälfte dazu meint. Und daß sie ihr Bett mit mir teilt, ist erstens für mich eine Ehre, und zweitens geht es dich einen Dreck an. Ob du sie magst oder nicht, ist mir vollkommen gleichgültig. Aber überlege dir, was du in meiner Gegenwart über sie sagst!"

"Weißt du", sagte Aneurin sachlich, "ich bin am See gewesen. Kardische Frauen machen für jeden Mann die Beine breit, richtig? Ich sehe da nicht allzuviel Ehre. Aber da du dich so ehrenhaft für sie einsetzt - es tut mir leid, daß ich sie eine Unterlage genannt habe. Obendrauf ist sie sicher auch nicht schlecht." Ohne auf eine Antwort oder einen Fausthieb zu warten, drehte er sich um und ging. Sprachlos starrten ihm die drei Khyalen nach. Iveirdne hatte das Gefühl, als sei die Welt plötzlich von ihr abgerückt. Die massige Gestalt der Holzfrau über ihr, die ihr eben noch Mut verliehen hatte, schien sie jetzt zu verhöhnen. Sie hatte gewußt, daß Aneurin das Volk nicht mochte, in dessen Mitte er lebte, aber auf einen so persönlichen Angriff war sie nicht vorbereitet gewesen, und sie verstand ihn auch nicht. Hatte sie ihm denn etwas getan? Und selbst wenn - was war falsch an den Bräuchen ihres Volkes? Wenn er am See gewesen war und an den Sommerfesten teilgenommen hatte, mußte er doch wissen, was die gemeinschaftliche Vereinigung bedeutete. Und dort gaben nicht nur die Frauen die Abgeschlossenheit ihrer Körper und Seelen für kurze Zeit auf, sondern auch die Männer. Was war daran denn ehrlos? Benommen schüttelte sie den Kopf. Undeutlich spürte sie, daß Aneurins Haß nicht ihr galt. Jedenfalls nicht Iveirdne, der Schnitzerin, die er kaum kannte. Aber es tat trotzdem weh.

"Meriels Krätze!" sagte Darralyn endlich. "Was ist denn in den gefahren?"

"Der ist ja verrückt", sagte Etis kläglich. "Iveirdne, es tut mir leid. Hätte ich doch das Brot nicht gegessen."

Das klang so unpassend, daß sie trotz ihrer Bestürzung grinsen mußte. "Das hatte damit nichts zu tun. Es war nicht deine Schuld. Es ist ja wirklich noch genug Brot da. Nein, er..." Sie brach ab und suchte nach den richtigen Worten. "Er wollte mich verletzen. Uns alle. Aber ich verstehe nicht, warum."

"Vielleicht bereut er einfach, daß er uns mitgeschleppt hat." Darralyn hielt seinen Blick stirnrunzelnd auf den Sack geheftet. "Ursprünglich wollte er ganz alleine fahren, sagte Barra." Er seufzte. "Seine Khyalen können ihn nicht leiden. Ergil sagte, es gibt ständig Streit. Und wenn das da eben eine Kostprobe war, wundert mich das überhaupt nicht. Der brennt ja einen Khyal nieder, weil ihn eine Mücke in seinem Haus stört."

"Wir hätten es wissen müssen, als er noch nicht einmal beim Abschied bei uns war. Und was tun wir jetzt?"

Er hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. Seine Hand lag auf dem verhüllten Rand des Kelches, als erhoffe er sich Kraft durch die Berührung. "Ich weiß nicht. Die anderen verlassen sich auf uns. Wir müssen wohl noch einmal mit ihm reden. Und wenn das nicht -"

"Ich rede nicht mit ihm", sagte Iveirdne. "So eine Ohrfeige hole ich mir nicht nochmal."

"Dann versuche ich es. Und wenn das nicht hilft, reden wir mit iské amTarn. Wir sind auf dieser Reise aufeinander angewiesen, und wir können uns Feindschaft nicht leisten."

Iveirdne setzte eben zu einer Antwort an, als Aneurin das Ruderhaus verließ. Sofort brach sie ab. Mißtrauisch und feindselig starrten die drei dem Mann entgegen, der quer über das Deck geradewegs auf sie zukam. Iveirdne versteifte sich, als er vor ihr stehenblieb und auf sie hinabsah. Die iunischen hellgrauen Augen schauten aus dem fremdartigen Gesicht wie aus einer Maske heraus. Sie wollte sich wegdrehen, aber etwas in seinem Blick nahm sie gefangen: ein seltsamer und unerklärlicher Ausdruck von Panik.

"Es tut mir leid", sagte er mit ganz flacher Stimme, als hielte er alle Gefühle gewaltsam zurück. "Ich hätte das nicht sagen sollen. Ihr seid ja nicht... es hat nichts mit euch zu tun. Es wird nicht wieder vorkommen."

Zum zweiten Mal verschlug es ihnen die Sprache. Mit einem so schnellen Umschwung konnten sie nicht mithalten; sie waren ja noch immer damit beschäftigt, den ersten Schlag zu verdauen. Sie starrten stumm zu ihm hoch, und offenbar konnte er in ihren Gesichtern ebensowenig lesen wie sie in seinem: er mißdeutete ihre Verblüffung als Ablehnung. "Was ist?" fuhr er sie an. "Soll ich mich vielleicht noch vor euch auf die Knie werfen? Es tut mir leid!"

Etis hielt den Mund. Iveirdne löste ihren Blick von Aneurins Gesicht und schaute Darralyn an. Der Fischer sagte in ruhigem Ton: "Wir sind nur überrascht, das ist alles." Er zögerte und setzte dann hinzu: "Was das Brot betrifft -"

"Laß das Brot!" sagte Aneurin barsch. "Es ist genug Brot da. Vergiß es!"

Darralyn lachte. Iveirdne verstand nicht, wie er lachen konnte, während dieser kahat sich benahm wie ein... eben wie ein kahat. Meriel, warum lebte dieser Mann ausgerechnet in ihren Khyals? Warum hatten ihn Götter und Wanderer nicht eine andere Stadt heimsuchen lassen?

"Wir sollten reden", sagte Darralyn. "Vergessen wir das Brot. Setz dich zu uns."

Aneurin musterte ihn mißtrauisch. Dann setzte er sich auf das Deck. Iveirdne und Etis rückten sofort von ihm ab. Selbstverständlich bemerkte er es, aber er sagte nichts dazu. Sein Gesicht war so verschlossen wie eine Muschel und so abweisend wie eine Steinmauer. Er sah aus, als könnte er jeden Moment wieder um sich schlagen, wenn nur ein falsches Wort fiel. Aber sie hatten keine Ahnung, welche Worte seinen Wutanfall vorhin ausgelöst hatten und welche vielleicht noch darauf lauerten, in ihm wie Feuerblasen zu platzen. Wie sollte man mit einem Menschen reden, dessen Worte sich in Dolche verwandelten, wenn er wütend wurde? Und wenn es auch ein Zeichen der Hoffnung war, daß er sich entschuldigte: glaubte er, eine Entschuldigung würde die Verletzung heilen?

"Aneurin", sagte Darralyn, "weißt du irgend etwas über diesen Kelch?"

Aneurin zuckte die Achseln. "Nur das, was amTarn mir gesagt hat. Und euch."

AmTarn. Nicht: iské amTarn. Nicht: Mein Onkel. Offenbar hielt dieser Mann nicht einmal die selbstverständliche Höflichkeit älteren Verwandten gegenüber für nötig. Darralyn runzelte die Stirn, aber bevor er etwas sagen konnte, fragte Etis: "Und Ryondar? Was weißt du über Ryondar?"

"Wenn ich jetzt anfange, dir zu erzählen, was ich über Ryondar weiß und du nicht, sitzen wir in zwei Jahren noch hier."

Das klang spöttisch - vielleich nicht unwillig, aber Iveirdne hatte genug. Schon die Nähe dieses Mannes verursachte ihr Übelkeit, und seine Arroganz und Verachtung gaben ihr den Rest. Abrupt stand sie auf und ging weg.

Eine Weile hielt sie sich beim Ruderhaus auf und beobachtete die zierliche Schiffsführerin, die zur Abwechslung nicht brüllte und das Steuerrad fest in den sehnigen braunen Händen hielt. Sie war allein, aber Iveirdne hatte nicht den Wunsch, mit ihr zu reden. Sie war nicht sicher, ob sie auch nur in die Nähe dieser Frau gehen wollte. Eine Wettermacherin, hatte Darralyn gesagt. Zu nahe an den Elementen, zu nahe an Meriel und Dwylan. Von solchen Leuten hielt man sich besser fern.

Gelegentlich warf sie einen Blick über das Deck, wo Darralyn und Aneurin saßen und redeten, während Etis stumm neben ihnen hockte. Der Anblick gefiel ihr nicht; ihre Nackenhaare richteten sich prickelnd auf. Sie wollte Darralyn nicht in Aneurins Nähe haben, obwohl sie selbst nicht wußte, warum. Ganz sicher drohte ihm doch durch den Mischling keine Gefahr? Aber wenn nicht durch ihn, woher kam dann die Bedrohung? Denn wenn sie sich auch nicht über alle ihre Gefühle im klaren war: das Gefühl von Angst kannte sie in allen seinen Formen, und was sie fühlte, war eindeutig Angst.

Endlich stand Aneurin auf und kletterte durch die Luke hinunter in den Laderaum, wo Lathar ihnen ihre Schlafplätze zugewiesen hatte. Iveirdne kehrte zu Darralyn und Etis zurück. "Was hat er gesagt?" fragte sie.

"Wenn du hiergeblieben wärst, hättest du es gehört. Warum bist du gegangen?" Das klang nicht besonders freundlich, und sie wurde rot. "Ich -"

"Schon gut." Darralyn sah erschöpft aus, vielleicht auch besorgt. "Er hat uns einen Haufen Verhaltensregeln aufgezählt, die man in Ryondar beachten muß. In Iunis ist es einfacher, zu überleben. Wir werden fast überhaupt nichts sagen dürfen; jeder Dahergelaufene wird mit é dan angesprochen, und wenn wir mit unseren schmierigen kardischen Pfoten irgendetwas anfassen, kann es sein, daß man uns dafür die Hand abhackt. Meriel!" Das klang jetzt nur noch angewidert. "Ich werde froh sein, wenn ich wieder zu Hause in meinem Boot bin!"

Iveirdne schüttelte den Kopf, setzte sich neben ihn und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Er legte den Arm um sie und öffnete mit der freien Hand den Vorratsbeutel. "Hat noch jemand Lust, etwas zu essen?"

Iveirdne schüttelte den Kopf. "Nein... jetzt nicht."

"Na schön. " Er holte ein Brot aus dem Beutel. "Etis?"

Etis warf einen kurzen, entsetzten Blick auf das dick mit Käse belegte Brot und schaute sofort wieder weg. "Ich glaube, ich habe... im Augenblick... keinen Hunger... glaube ich."

"Auch gut", sagte Darralyn und kramte in seinem Sack. "Ich habe noch einen Rest Bier. Wie ist es damit?"

Etis starrte ihn aus aufgerissenen Augen an, öffnete den Mund, wie um etwas zu sagen - dann schlug er sich plötzlich die Hand auf den Mund, sprang auf und rannte zur Reling.

"Grins nicht so!" sagte Iveirdne. "Das wird er sich nie verzeihen!"

Darralyn lachte. "Ich weiß noch, wie es mir ging, als mein Vater mich die erste Nacht mit hinausnahm. Am Morgen wollte ich nur noch sterben. Da muß man einfach durch. Was ist mit dir? Fühlst du dich auch komisch?"

"Ja, aber ich bin nicht seekrank. Es ist dieser riesige Himmel, der mir Angst macht. Ich bin nicht für das Meer geschaffen - nicht so wie du."

"Wir sind bald wieder zu Hause", sagte er. "Bis dahin hat Argane ihre Drillinge bekommen, und Innouye hat ihren Ärger vergessen, und Skerah wird sich auf wundersame Weise in eine sanfte, freundliche, schweigsame Khyalen verwandelt haben."

"Die? Niemals." Sie kicherte. "Und Argane kriegt keine Drillinge, und Innouye wird vor lauter Wut ihr ganzes Haus rot angemalt haben. Meriel, ich vermisse sie jetzt schon. Sind wir wirklich erst seit heute morgen unterwegs?"

"Noch nicht einmal einen Tag."

"Aber wir kommen bald wieder nach Hause?"

"Wir kommen bald wieder nach Hause."

"Gut", sagte sie. "Mehr will ich gar nicht hören."

Als es zu regnen begann, kletterten sie hinunter in den Laderaum und hockten sich auf die Getreidesäcke, hinter denen ihre Schlafmatten lagen. In Darralyns wetterbraunem Gesicht sah sie einen Widerschein des Heimwehs, das auch sie befallen hatte, aber auch die gleiche starrsinnige Weigerung, sich von bloßer Größe und Andersartigkeit beeindrucken zu lassen. Aneurin blickte an ihr vorbei in irgendeine dunkle Vergangenheit, während Etis sterbenskrank auf seiner Matte lag und keinen Gedanken an die Zukunft zustandebrachte.

Am Abend stahlen sie eine Schüssel voll Getreide aus einem der Säcke und malten ihre Hauszeichen in die körnige Masse. Sie brauchten Meriels Schutz nötiger denn je, nachdem sie sich schon in sein Herrschaftsgebiet gewagt hatten. Dann rollten sie sich in ihren Decken zusammen.

Sie würden heimkehren. Ryondar würde sie nicht halten können. Dennoch schlief Iveirdne wenig in dieser Nacht, und an den Atemzügen der anderen merkte sie, daß es ihnen genauso ging.

Am frühen Morgen erreichte die Sturmbezwingerin den Hafen von Tair Fi. Iveirdne und Darralyn standen schon geraume Zeit vorher an der Reling und bestaunten die steil aufragenden, dunkelgrauen Klippen, in die die weißen Würfelhäuser der Stadt wie Vogelnester hineingebaut waren. Erst bei der Einfahrt in den Hafen verschob sich das Bild, und sie erkannten, daß die einzelnen Häuser tatsächlich nicht übereinander gepackt, sondern ordentlich auf Fels gebaut und durch Straßen und Treppen voneinander getrennt waren. Es gab Platz in Tair Fi. Aber Iveirdne stellte sich diese zwischen Meer und Klippen gefangene Stadt vor, wenn die Stürme kamen; um nichts in der Welt wollte sie hier sein, wenn der Westwind durch die Straßen tobte und haushohe Wellen gegen die Hafenmauern donnerten.

Als das Schiff in den Hafen einlief, weckten sie Aneurin und Etis. Aneurin wirkte trotz der unbequem verbrachten Nacht so kühl und ordentlich wie immer, aber Etis blinzelte aus winzigen Augen gegen den grauen Himmel und sah mit seinem blassen, verquollenen Gesicht aus, als hätte er eine lange Krankheit knapp lebend überstanden. Sie lachten ihn herzlos aus, aber wenig später hatte er die matte Genugtuung, Celiphas amTarn in ähnlich jämmerlichem Zustand an Deck klettern zu sehen. Der alte Mann schlurfte zu ihnen herüber und murmelte heiser in einem Versuch, freundlich zu sein: "Tut mir leid... ich wollte euch Gesellschaft leisten... mit euch reden..."

"Danke, iské", antwortete Darralyn. Er sprach mit gedämpfter Stimme, dennoch zuckten der alte Mann und auch Etis gequält zusammen.

"Wir bleiben nicht lange... ich hoffe, es macht euch nichts aus... die lange Reise in diesem Schiff... Himmel, wie das schwankt!" Er taumelte und streckte haltsuchend die Arme aus. Iveirdne, die nichts außer einem kleinen Schaukeln spürte, fing ihn rasch auf und hielt ihn, bis er das Gleichgewicht wiedergefunden hatte.

Er blinzelte sie an. "Danke, junge Frau... oh... niBerlot? Du bist auch hier?"

"Ja, iské. Mit Eurer Erlaubnis."

"Mit meiner... ja, natürlich, sehr gut, ausgezeichnet... Neun skiim, nicht wahr? Das stimmt doch? Das habe ich doch gesagt?"

"Ja, iské. Danke."

Er versuchte zu nicken, hörte aber schnell wieder damit auf. Iveirdne hatte ihn eigentlich nach dem Kelch fragen wollen, aber der günstige Augenblick war schon vorbei. Erilde, die Schreiberin, die müde, aber nicht seekrank aussah, trat zu Celiphas hin und stützte ihn auf dem Weg hinunter auf den Pier, wo bereits der Hafenmeister mit drei Gehilfen wartete. Iveirdne schaute ihnen nach, als sie den kleinen alten Mann in die Mitte nahmen und mit ihm zu den Lagerhallen gingen. Es sah fast so aus, als ob sie einen Gefangenen wegbrachten. Erilde kam kurze Zeit später alleine zurück und ging sofort ins Ruderhaus zu Lathar.

Etis starrte sehnsüchtig auf die Stadt.

"Wie fühlst du dich?" fragte Iveirdne.

"Erbärmlich." Mit seiner kläglichen Stimme und den zerzausten Haaren wirkte er plötzlich viel jünger. "Und wenn ich einmal hier runter bin, setze ich in meinem ganzen Leben keinen Fuß mehr auf ein Schiff, das schwöre ich euch!"

"Wie bitte?" sagte Iveirdne. "Und wie willst du dann wieder nach Hause kommen?"

"Ich schwimme", antwortete der Junge. "Wenn es sein muß, schwimme ich sechs Wochen lang Tag und Nacht, aber ich gehe auf kein Schiff!"

Sie lachte, brach aber ab, als er gequält das Gesicht verzog. "Wir könnten an Land gehen", schlug sie vor. "Nur bis iské amTarn zurückkommt." Während sie sprach, tauchte ein neuer Gedanke auf. Celiphas hatte Lok erzählt, daß Relaile aus Tair Fi stammte und für seine Schwester gearbeitet hatte. Vielleicht konnten sie ihren Khyal finden - obwohl Tair Fi, vom Hafen aus betrachtet, keinen Platz für einen Khyal bot. Aber wenn sie jemanden finden konnten, der das Mädchen kannte... "Was meinst du?"

"Ja -", sagte Etis schwach. "Nur kurz. Nur - bis es besser ist."

Sie ging mit ihm zum Fallreep, und dort trat Tuor ihnen in den Weg. "Und was glaubt ihr, wo ihr hingeht, ha?"

"Laß uns durch", sagte Iveirdne ärgerlich. "Wir wollen uns nur die Füße vertreten."

Er musterte sie finster und streckte dann abrupt die Hand aus. Iveirdne warf einen verwirrten Blick darauf. "Was soll das?"

"Ich laß euch von Bord, wenn ihr mir eure Papiere zeigt, die euch erlauben, hier von Bord zu gehen."

"Was?" fragte sie bestürzt. "Was denn für Papiere? Ich - wir haben keine Papiere!"

Er zuckte die Achseln. "Keine Papiere, kein Landgang."

"Wo bekommen wir sie denn?"

"Solche Papiere werden vor der Abfahrt ausgefertigt. Vom Hafenmeister in Lenangeh. "

Sprachlos starrte sie ihn an. Als sie ihre Stimme wiederfand, sagte sie: "Und das sagst du mir jetzt? Und was machen wir dann in Arithia?"

Er zuckte wieder gleichgültig die Achseln. "Nicht meine Sache."

"Hör zu, laß uns doch nur kurz -"

Da zog er die Brauen zusammen, bis sie fast die Augen verdeckten. Er sah so wütend aus, daß Iveirdne hastig den Rückzug antrat und Etis mit sich zog.

Erbittert erzählte sie Darralyn von ihrem Mißerfolg. Er schüttelte den Kopf. "Das habe ich auch nicht gewußt."

Iveirdne schaute an ihm vorbei zu Aneurin, der im kalten Wind an der Reling stand und gelangweilt die zusammengewürfelte weiße Stadt betrachtete. "Ich wette, er wußte es! Und hat uns nichts gesagt!"

Aneurin tat, als hätte er nichts gehört.

Während Etis zurück in den Laderaum wankte, gingen Darralyn und Iveirdne ins Ruderhaus. Lathar war unter Deck gegangen, aber sie fanden die Schreiberin, die eine Seekarte auf dem Kartentisch ausgebreitet hatte und die verblaßten grauen Linien trotz des leichten Seegangs mit ruhiger Hand mit Feder und brauner Tinte nachzeichnete.

"Das ist schon richtig", sagte sie, ohne aufzublicken. "Eure Papiere sind für Arithia ausgestellt, aber nicht für Tair Fi."

"Also haben wir Papiere?" fragte Darralyn. "Ich hatte noch nie ein Papier. Wie sieht es aus?"

"Es ist ein Streifen Schilfblatt, auf dem eure Namen stehen, und daß ihr zur Mannschaft der Sturmbezwingerin gehört. Das Blatt wird dem Hafenmeister in Arithia vorgelegt. Sie nehmen diese Dinge hier sehr genau... vor allem bei Kardian. Ohne solche Papiere kommt man in keine größere ryondrische Stadt hinein."

"Und was kostet es, so ein Papier auszustellen?" fragte Darralyn.

"Macht euch darüber keine Gedanken. Es ist bezahlt. Ihr könnt doch nicht geglaubt haben, daß wir uns nicht um diese Dinge kümmern."

"Das ist sehr großzügig."

Sie zuckte die Achseln und lächelte - ein wenig unbehaglich, dachte Iveirdne, aber vielleicht bildete sie sich das nur ein. "Es gehört zum Geschäft. Genießt einfach die Reise! Zu einer Krönung kommt man nicht jeden Tag." Womit sie zweifellos recht hatte. "Und Arithia wird euch gefallen. Es ist eine große, schöne Stadt aus hellem Marmor und dunkelrotem Polanholz, und allein der Tempel der Neun Tore ist fünfmal so groß wie der Palast des Statthalters alDan. Es gibt weite Parkanlagen und so viele Bäume an den Straßen, daß man denken könnte, man lebt mitten im Wald. Und der Weiße Baum ist eins der größten Wunder von Ryondar."

Iveirdne vergaß sofort sämtliche Papiere der Welt. "Ein weißer Baum?"

"Der Weiße Baum", betonte Erilde. "Nach ihm ist ja die Stadt benannt: Cai Harai-Thia, Stadt des Weißen Baumes. Im Lauf der Jahrhunderte wurde daraus Arithia. Der Weiße Baum ist weit über tausend Jahre alt. Er steht auf dem Platz vor dem Tempel, und in seinem Schatten haben zweihundert Menschen Platz. Es heißt, daß der erste Schößling schon auf einem der Schiffe der Siedler herüberkam; jedenfalls gibt es in Ryondar kein Weißholz."

Weißholz? Iveirdne dachte an ihre Möwe. Sie hatte dieses Holz als Treibgut am Strand gefunden und geglaubt, daß es aus Ryondar herübergeschwemmt worden war. Aber wenn es kein solches Holz in Ryondar gab, woher kam es dann? "Ist es wertvoll?"

"Allerdings", sagte Erilde. "Der Baum steht unter strengstem Schutz, und er ist heilig. Er ist den Neun Toren, den Wanderern und den Göttern geweiht, und wer einen Ast absägt oder abbricht, wird mit dem Tod bestraft. Manchmal bricht ein Ast ab, weil er zu alt oder zu schwer geworden ist. Er wird dann in den Tempel getragen und zersägt, und das Holz kommt auf den Scheiterhaufen eines Königs." Sie hielt inne und dachte nach. Dann sagte sie: "Nun - jetzt ist es ja wieder soweit. Ihr werdet es ja dann sehen." Sie tauchte ihre Feder ins Tintenfaß und wandte sich wieder ihrer Karte zu. Iveirdne und Darralyn verstanden den Hinweis, bedankten sich und gingen hinaus.

v

Die nächsten vier Tage verliefen ruhig. Die Sturmbezwingerin segelte immer in Sichtweite der Küste, die über die ganzen Länge der Halbinsel Tair Fi steil und felsig blieb und sich erst kurz vor der Stadt Laer Calion in gelbliches Hügelland verwandelte.

Darralyn und Etis wurden zur Besatzung gesteckt, und schon bald turnte Etis in den Wanten herum, schrubbte das Deck, flickte Segel und maß Wassertiefen aus, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan. Einmal fragte Lathar ihn sogar, ob er bei ihr anheuern wollte, aber er schüttelte den Kopf. "Nein - ich suche etwas anderes."

Die Schiffsführerin musterte ihn forschend von Kopf bis zu den Zehen und nickte endlich. "Na gut. Wenn das dein Weg ist, mußt du ihn gehen."

Iveirdne ging der Schiffsführerin nach Möglichkeit aus dem Weg. Die Frau war ihr unheimlich, obwohl sie selbst nicht sagen konnte, warum. Sie half beim Segelnähen und Kochen, nahm Fische aus, die Darralyn morgens vom Beiboot aus gefangen hatte, und lauerte ansonsten auf eine Gelegenheit, Celiphas amTarn all die vielen Fragen zu stellen, die noch auf eine Antwort warteten. Aber der alte Mann wurde kaum je an Deck gesehen. Für jemanden, der so stark unter der Seekrankheit litt, mußte die Fahrt ein einziger Alptraum sein. Iveirdne selbst spürte das Schaukeln nur noch, wenn der Wind umsprang.

Abends saßen sie zusammen im Laderaum, und Erilde erzählte Geschichten und beantwortete dadurch wenigstens einige von Iveirdnes Fragen. Sie erzählte von den Drachen im Nordland, von der schwimmenden Stadt Caint, in der kein Feuer angezündet werden durfte, von Helden und Bösewichten der ryondrischen Vergangenheit, von Königen und Priestern, Drachenreiterinnen und Nomaden und von den Zunftmusikanten der Machoisanna, die frei und keinem Fürsten untertan durch das Land streiften und seine Geschichte in Musik verwandelten. Solche Geschichten wurden in den Khyals nicht erzählt: Khyalen erzählten von der Ernte und vom Fischfang, von Booten und Weinbergen. Iveirdne, Darralyn und Etis sogen jedes Wort in sich auf, und Iveirdne nahm sich fest vor, all diese Geschichten später im Fünften Haus an ihre Khyalen weiterzugeben.

In Laer Calion gingen sie vor Anker, um ein paar Fässer Trinkwasser zu kaufen. Auch hier blieben die Khyalen an Bord. Von Laer Calion sahen sie nicht viel: ein paar Hafenmauern, ein paar graue Dächer, die sich in eine Senke duckten. Aber es war die erste Festlandstadt, die sie überhaupt zu Gesicht bekamen, denn das Fürstentum Tair Fi war eher eine Landbrücke, ein langgezogener schmaler Felsbuckel, der wie ein Arm ins Meer hinausragte. Für Iveirdne verdichtete sich Ryondar erst beim Anblick dieser grauen Dächer aus einer nebelhaften Vorstellung zur Wirklichkeit.

Die Sturmbezwingerin legte wieder ab. Es ging jetzt nach Norden, noch immer an der Küste entlang, die hinter der Stadt bis zu den schneebedeckten Silberbergen anstieg. Iveirdne sah zum ersten Mal in ihrem Leben Berge, und das Bild der gewaltigen grauen Hänge, die bis in die Wolken ragten, folgte ihr noch lange nach.

Am Morgen des sechsten Tages, seit sie von Lenangeh aufgebrochen waren, tauchte weit hinter ihnen am Horizont ein Schiff auf. Iveirdne dachte sich nichts dabei; sie hatten unterwegs viele Fischerboote und einige Händler getroffen. Aber im Laufe des Vormittags merkte sie, daß die Besatzung immer häufiger nach hinten schaute; die Gesichter wurden finster. Lathar ließ ein weiteres Segel setzen, und die Sturmbezwingerin pflügte schneller durch die Wellen. Aber gegen Mittag war das fremde Schiff schon mit bloßem Auge zu erkennen.

Lathar schickte den Schiffsjungen zu Celiphas amTarn, und der Händler kletterte mühsam an Deck. Iveirdne erschrak, als sie ihn sah; er schien zwanzig Jahre älter zu sein als bei der Abfahrt. Erilde stützte ihn auf dem Weg zum Heck, und dann stand er schwankend da, das Fernrohr ans Auge gepreßt, und brauchte Lathars Hilfe, um das fremde Schiff zu finden. Mit einem Seufzer ließ er das Fernrohr wieder sinken und sagte, wie erschöpft von der Anstrengung. "Da ist wohl nichts zu machen. Er ist schneller als wir."

Iveirdne hatte sich den ganzen Morgen über ruhig verhalten und versucht, niemandem im Weg zu sein. Jetzt tastete sie sich ein paar Schritte vor. "Ich dachte - ich dachte, es gäbe hier keine Piraten." Ihre Stimme klang dünn.

Lathar, Celiphas und Erilde blickten zu ihr hin. Sie schienen so überrascht zu sein, als hätten sie vergessen, daß sie überhaupt an Bord war. "NiBerlot", sagte Celiphas, als müßte er sich erst an ihren Namen erinnern, bevor er ihr antworten konnte. "Nein, nein. Das sind keine Piraten. Es ist der Statthalter. AlDan." Warum er den Namen hinzufügte, war ihr nicht ganz klar; er konnte doch kaum annehmen, daß sie innerhalb von sechs Tagen vergaß, wer zu Hause mit seinem breiten Hintern auf den Reichtümern ihres Volkes hockte.

Ihr erstes Gefühl war Erleichterung. AlDan war in einem schnellen Schiff unterwegs zur Krönung, na und? Mit ihnen hatte das doch nichts zu tun. Aber die Schiffsführerin, der Händler und die Schreiberin sahen aus, als wäre ihnen ein Überfall durch bis an die Zähne bewaffnete Mörder lieber gewesen.

Sie wagte sich weiter vor. "Er kann doch nichts dagegen haben, daß du nach Arithia fährst, iské."

"Er hat sogar eine ganze Menge dagegen", sagte der Händler mit einem schwachen Lächeln. Er gab Lathar das Fernrohr zurück, und sie wandte sich abrupt ab und ging zurück ins Ruderhaus. Ihre Stimme war so laut und scharf wie immer. "Weg da, Taradas. Ich übernehme."

Taradas verließ das Ruderhaus. Iveirdne blickte nach Süden. Sie konnte jetzt einzelne teebraune Segel unterscheiden. Es mußte die Espe sein, die gewöhnlich wie ein riesiger Felsbrocken mitten im Hafen von Lenangeh lag und alle anderen Schiffe zwang, mühsam und mit äußerster Vorsicht um sie herumzusteuern. "Würde er uns denn etwas tun, iské?"

Celiphas antwortete nicht. An seiner Stelle sagte Erilde: "Sagen wir mal so: Es wäre nicht der erste Gegner im Stadtrat, um den er später in Lenangeh mit sehr großen Worten trauern würde."

Das ungleiche Rennen zog sich weiter hin. Mit jeder Stunde kam die Espe näher. Sie hatte sämtliche Segel aufgezogen. Gischt schäumte um den Bug, und sie schien über die Wellen zu fliegen, als hätte sie kein Gewicht. Plötzlich änderte Lathar den Kurs und steuerte die Sturmbezwin-gerin geradewegs nach Osten, auf die Küste zu. Die Espe folgte der Kursänderung und hielt in schräger Linie auf die Klippen zu, um dem kleineren Schiff den Weg abzuschneiden. Aber dann drehte sie ganz plötzlich ab, als hätte alDan auf einmal die Lust an der Verfolgung verloren, und als Iveirdne zur Küste hinschaute, begriff sie auch, warum.

Das Land war hier auf mehrere Meilen weggebrochen, als hätte ein Meeresungeheuer ein Stück herausgebissen. Die Steilküste war zerrissen und zersplittert, und unzählige Felsen ragten wie scharfe Zähne oder wie geborstene Knochen aus dem Wasser, das sich schäumend an ihnen brach. Nicht einmal ein Fischerboot konnte hier durchfahren, ohne sich den Kiel aufzureißen oder von den Wellen gegen die Felsen geschmettert zu werden, aber Lathar steuerte die Sturmbezwingerin mitten hinein.

Was jetzt folgte, würde Iveirdne ihr Leben lang nicht vergessen. Die Landratten - und dazu zählten in dieser Stunde auch Darralyn und Etis - wurden ans Heck gescheucht, und die Besatzung steuerte die Sturmbezwingerin unter vollen Segeln mitten durch einen schäumenden Kessel aus Felsen, Wirbeln und Untiefen. Mehr als einmal schabte der Rumpf des Schiffes über felsigen Grund oder kam den Felsen so nahe, daß man sie mit ausgestreckter Hand hätte berühren können. Lathar führte das Ruder wie die Zügel eines bockenden Pferdes, ihr silberschuppiger Umhang schlug im Wind, und während die Besatzung Blut und Wasser schwitzte und die Fahrgäste um ihr Leben zitterten, sah Iveirdne sie lächeln.

Dann war es plötzlich vorbei. Die Sturmbezwingerin schoß mit einem gräßlichen schabenden Geräusch zwischen zwei Felsen hindurch in ruhiges Wasser und drehte in den Wind. Die Segel fielen zusammen, und das Schiff verlor Fahrt und blieb endlich liegen. Iveirdne merkte, daß sie Darralyns Hand zerquetschte, und ließ ihn mit schmerzenden Fingern los. Selbst Aneurins Gesicht war weiß.

"Die... ist doch irre", sagte Kireve, die sich noch immer an der Reling festkrallte. "Die ist doch völlig wahnsinnig!"

"Aber es hat gewirkt." Mit zitternder Hand zeigte Erilde aufs offene Meer hinaus. Im Abendlicht war die Espe nur noch ein dunkler Fleck am nördlichen Horizont, und während sie noch hinschauten, verschwand sie.

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Eine Woche später segelte die Sturmbezwingerin unter einem günstigen Südwind um die Klippen von Gât, auf deren Höhe ein weißer Leuchtturm stand, und hielt auf die Hafeneinfahrt von Arithia zu. Die restliche Fahrt war friedlich gewesen. Darralyn, Etis und Iveirdne fühlten sich mittlerweile durchaus als Teil der Besatzung; sie hatten mit ihnen zusammen gearbeitet, gegessen, Karten gespielt und sich Geschichten über das Meer und über Meriel erzählen lassen, der dort draußen auf dem offenen Meer noch viel gefährlicher war als an der iunischen Ostküste. In Iunis kannte man ihn als launischen Kobold, der die Fische manchmal aus den besten Fanggründen vertrieb und manchmal geradewegs in die Netze jagte, der das ruhige Wasser zu tödlichen Strudeln rührte oder die schäumende Wut des Meeres ganz plötzlich beruhigte. Doch auf dem Meer hatte er schon ganze Schiffe in die Tiefe gezogen und Wogen aufgewühlt, die bis zum Himmel reichten.

"Er ist immer in deiner Nähe", sagte Tuor finster, und Kyahi fügte hinzu: "Tauch deine Hand nie von einer Bordwand ins Wasser - du kannst sicher sein, daß er dich packen und aus dem Boot zerren wird. Und dann war es das." Aber er grinste dabei so breit, daß Iveirdne nicht sicher war, ob er sich nun über sie lustig machte oder nicht.

In jedem Fall hatte Meriel sie in Ruhe gelassen, und sie vergaßen ihn, als sie Arithia erreichten. Während das Schiff gegen die Strömung der Flußmündung kreuzte, standen die Iunier im Bug und schauten nach vorne. Die Klippen versperrten ihnen die Sicht auf die Stadt, aber jenseits der Hafenmauer erkannten sie die Masten von großen Segelschiffen und dahinter dunkelrote Dächer. Der Hafen lag an der Südseite der Mündung. Auf der Nordseite erhob sich wie eine Mauer gegen das Meer ein einzelner Berg, eine schmale Kuppe wie eine aus der Pfote eines Sarb herausgeschobene Kralle. Dieser Berg war dicht mit Bäumen bestanden. Über den kahlen Stämmen auf der Kuppe ragte ein Gewirr von grauen Mauern und Türmen heraus.

"Schaut", sagte Erilde und streckte die Hand aus. "Da oben, auf dem Berg - das ist Thorandon. Die Burg der Könige."

"Sieht ja nicht besonders groß aus", mäkelte Etis.

"Findest du?" sagte Erilde. "Von hier aus sieht man nur den kleinsten Teil, ein paar Türme. Die Burg besteht aus einer Menge Gebäuden und setzt sich bis in den Berg hinein fort, habe ich gehört. In ihren Gängen und Kammern unter dem Stein kann sich ein Mensch verlaufen. Insgesamt soll sie unterirdisch fast so groß sein wie Lenangeh. Und darunter ist noch das Labyrinth."

Etis schaute sie aus geweiteten Augen an. "Wirklich?"

"Glaub es nur", erwiderte die Schreiberin. "Es gibt Geheimgänge, die nur die Priester kennen, und Räume, die größer sind als ein Khyal, und dunkle Gänge und Türme, in denen fremdartige Geschöpfe hausen, die sich nur nachts herauswagen -"

"Schon gut", sagte Darralyn. "Laßt uns nach Hause fahren."

Sie lachten. Aber Iveirdne schwieg. Der erste Blick auf die Burg hatte sie mit einer dumpfen, instinkthaften Furcht erfüllt, die sie bisher nicht gekannt hatte. Es war keine Furcht vor der Größe dieses Gebäudes, sondern eine Ahnung vom Wesen der Macht und, vielleicht, von der Zukunft.

Die Sturmbezwingerin umrundete die Hafenmauer, und die Segel wurden eingeholt, als sie in den geschützten Hafenbereich einlief. Iveirdne begriff jetzt, daß dieses Schiff tatsächlich recht klein war. In dem weitläufigen Hafen lagen drei Viermaster vor Anker, deren Bordwand so hoch war, daß man aus dem Ausguck der Sturmbezwingerin bequem hätte umsteigen können.

Erilde las ihnen die Namen vor, die auf polierten Messingplatten von der Größe eines Fuhrwagens am Bug der Schiffe befestigt waren. "Schwarzer Schwan aus Dylyn, Tänzer aus Cai De, Daura aus Enara - oh, und seht mal! Die Schwert von Anturien!" Das klang halb ehrfürchtig und halb erschrocken. Die Khyalen betrachteten neugierig das riesige Schiff, konnten aber außer Größe und Macht nichts Ungewöhnliches erkennen. "Was ist damit?" fragte Darralyn.

"Es ist das Schiff des Königs", sagte Erilde. "Es brachte vor fünfzehn Jahren Prinz Lose Meret in die Verbannung nach Cret - das ist eine Burg mitten in der Wildnis irgendwo in Anturien. Und außerdem -"

"Woher weißt du das alles?" fragte Iveirdne, von Erildes Wissen mehr beeindruckt als von dem Schiff. Die Schreiberin zuckte die Achseln. "Solche Dinge muß man wissen, wenn man mit anturischen und ryondrischen Händlern umgeht. Ryondar ist ein unruhiges Land - hier liegt dauernd jemand mit seinem Nachbarn in Fehde. Man muß aufpassen, was man sagt - und was man nicht sagt. Es kann sein, daß sogar einige Fürsten nicht zur Krönung kommen. Aber auch darüber solltet ihr besser nicht reden."

"Warum nicht?" fragte Etis neugierig.

"Weil der König ermordet wurde, darum", sagte Erilde knapp. "Jeder hier ist verdächtig. Es wird behauptet..." Ihr Blick glitt über Iveirdnes Schulter, und sie schluckte herunter, was sie noch hatte sagen wollen. "Da ist die Espe."

Sie drehten sich um. Das Schiff des Statthalters lag an der Ostseite des Hafens. Iveirdne fand, daß es selbst auf diese Entfernung böse und tückisch aussah, wie ein angeketteter Hund, der nur so tat, als ob er schlief, und darauf wartete, daß man in seine Reichweite kam.

"Hier kann er uns doch nichts tun", sagte Etis hoffnungsvoll. "Nicht mitten im Hafen!"

"Nicht im Hafen, nein. Aber Arithia ist groß." Erilde musterte die Espe mit finsterem Blick. "Ich werde froh sein, wenn wir wieder abfahren und ich iské amTarn heil und sicher wieder an Bord habe." Eindringlich schaute sie die drei Khyalen an. Etis war erschrocken, Darralyn nachdenklich, Iveirdne verärgert. "Hört zu", sagte die Schreiberin. "Wir müssen vorsichtig sein - nicht nur wegen alDan. Das Recht des Kronprinzen auf die Nachfolge ist umstritten - nach anturischem Recht ist eigentlich sein Onkel der nächste König. Der Kronprinz hat mächtige Feinde im Rat - Feinde seines Vaters, aber auch Freunde seines Vaters, die dem Sohn nicht über den Weg trauen. Es hat Gerüchte gegeben... jedenfalls muß man hier zur Zeit sehr vorsichtig sein. Der Prinz muß die Mörder sehr schnell finden, sonst wird es heißen -"

"Anker runter!!!" brüllte Lathar hinter ihnen so laut, daß die Iunier vor Schreck beinahe über Bord sprangen. Sie fuhren herum. Die Frau, ein urzeitliches Ungeheuer in ihrem Umhang aus silbernen Fischschuppen, winkte ihnen vom Dach des Ruderhauses zu, legte die Hände wie einen Trichter um den Mund und brüllte: "Los, ihr faulen Ratten! Hier kommt die Königin von Kardoi!"

Erilde wurde weiß um die Nase. Darralyn sagte: "Soviel zu deinem Rat, daß wir vorsichtig sein müssen. Jetzt weiß ganz Ryondar, daß wir da sind."

"Ich habe nie behauptet, daß Lathar besonders viel Verstand besitzt", sagte die Schreiberin säuerlich. "Aber sie geht ja auch nicht von Bord. Ich kann nur beten, daß sie wenigstens nicht versucht, im Hafen herumzukreuzen, wenn sie anfängt, sich zu langweilen. Ein Kratzer an einem dieser Schiffe, und wir sind alle tot. Wahrscheinlich bringt sie es fertig und läßt sich mitten in der Hafenausfahrt versenken."

"Ich finde sie großartig", sagte Etis mit leuchtenden Augen.

"Ja, sicher", sagte Erilde mürrisch. "Ich ja auch. Ich finde jeden großartig, der uns hier wieder rausbringt."

Iveirdne tippte ihr auf die Schulter. Als sie sich umdrehte, zeigte die Schnitzerin auf Aneurin, der ein Stück entfernt von ihnen an der Reling stand und sich nicht einmal bei Lathars Gebrüll gerührt hatte. "Was ist mit ihm los?" fragte sie. "Schau ihn dir an. Er redet nicht mit uns. Er kümmert sich nicht um die Rituale. Wenn er nachts glaubt, daß wir schlafen, schärft er sein Messer. Was ist das für ein Mann? Unseretwegen ist er doch nicht mitgekommen. Was will er hier?"

Erilde schob unbehaglich die Schultern hoch. "Danach darfst du mich nicht fragen. Ich gehe ihm aus dem Weg. Ich denke -"

Sie wurde wieder unterbrochen. Celiphas und Kireve traten zu ihnen. Kireve trug den Sack mit dem Kelch in den Armen wie ein schlafendes Kind.

"Ah", sagte Celiphas, "ihr seid alle zusammen. Das ist gut. Aneurin, würdest du bitte herkommen." Es klang nicht so zerstreut wie sonst. "So, junge Khyalen... da ist Arithia. Und Thorandon. Ist es nicht schön?"

Schön? Iveirdne drehte sich um und blickte zu der Burg hoch, die an der gegenüberliegenden Flußseite hoch über ihren Köpfen aufragte. Schön? Ja - wenn man es schön fand, durch schiere Größe auf die Bedeutung einer Laus zusammengeschrumpft zu werden, dann gefiel es ihr hier sehr gut. Und dabei waren sie noch nicht einmal gelandet.

Celiphas wartete, bis Aneurin bei ihnen stand, und fuhr dann fort: "Ich habe nachgedacht. Es wird besser sein, wenn wir uns trennen."

Sie starrten ihn alle an. "Warum?" fragte Darralyn. "Wir dachten -"

"Ich weiß, ich weiß. Aber ich habe nachgedacht, verstehst du, über diesen Versuch des Statthalters, uns den Weg abzuschneiden. Es ist so: alDan wird versuchen, mich von Thorandon fernzuhalten. Es gibt Dinge, über die ich mit dem Kronprinzen reden muß, die ihm - alDan - nicht gefallen werden..." Sein Blick wurde ein wenig verschwommen. "O nein, sie werden ihm gar nicht gefallen. Er wird versuchen, mich wegzudrängen. Deswegen ist es gut, daß ihr mitgekommen seid." Er nickte und sah sehr zufrieden aus. Iveirdne verstand kein Wort, und Aneurin runzelte die Stirn.

"Was sollen wir denn tun, iské?" fragte Darralyn. "Sollen wir ihn ablenken?"

"Wie? Oh, nein, nein. Euch würde er gar nicht beachten. Das ist ja das Gute, versteht ihr? Ihr müßt euch nur an Aneurin halten, er kennt sich hier aus und wird euch sicher hineinbringen. Und auch wieder hinaus."

"Wo hinein?" fragte Erilde. "Du meinst doch nicht -"

"Aber ja", sagte Celiphas. "Findest du nicht auch?"

Iveirdne schaute hilflos zu Darralyn hin. Er zuckte die Achseln und sah genauso ratlos aus wie sie.

"Ich gebe euch natürlich ein Schreiben mit", sagte Celiphas. "Sonst würdet ihr nicht weit kommen, nicht einmal mit Aneurins Hilfe."

"Aber was sollen wir denn tun?"

"Habe ich das nicht gesagt?" Der Händler wies auf die Burg, die wie ein sprungbereites Raubtier über dem Hafen kauerte. "Ihr nehmt den Kelch und liefert ihn da oben ab. Es ist ein Geschenk, versteht ihr, ich kann nicht zulassen, daß alDan mich daran hindert, es abzugeben. Es würde ihm einen Vorteil verschaffen, nicht wahr, und das geht nicht." Er wartete ihre Antwort nicht ab; vermutlich hätte er auch sehr lange darauf warten müssen, bis sie überhaupt wieder einen klaren Gedanken faßten. Er nickte Kireve zu, und sie drückte Darralyn den Sack und eine versiegelte Schriftrolle in die Hand. "Ja", sagte der Händler fröhlich, "ich glaube, es ist viel besser so."

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Iveirdne erinnerte sich noch recht gut daran, wie sie mit fünf Jahren schwimmen gelernt hatte. Am nördlichen Ende des Fischerhafens lag eine kleine, felsgesäumte Bucht. Hier blieb während der Ebbe ein Becken von vielleicht acht Fuß Tiefe stehen, und die Felsen waren niedrig genug, daß man bei nahender Flut rasch herausklettern konnte. Alle Kinder von Lenangeh lernten hier schwimmen, und im Sommer war das Becken immer belebt. Iveirdnes Vater führte seine Tochter über die Felsen und nahm sie mit ins Wasser. Es ging flach hinein, und sie war vertrauensvoll vorwärts gewatet - bis der Boden auf einmal weg war. Sie ging unter wie ein Stein.

Ihr Vater zog sie wieder heraus, und sie klammerte sich hustend, spuckend und schreiend an ihn und brauchte sehr lange, bis sie einen zweiten Versuch wagte. Und obwohl sie bald begriff, daß das Wasser sie trug, wenn sie sich nicht allzu ungeschickt anstellte, war doch das erste Entsetzen des plötzlichen Absackens nie ganz vergangen. In jedem Fall hatte sie gelernt, was sie lernen sollte: niemals dem Meer oder dem Boden unter ihren Füßen blind zu vertrauen.

Ein ähnliches Gefühl wie damals hatte sie jetzt, während sie zusah, wie sich Celiphas, Erilde und Kireve auf ihren Landgang vorbereiteten. Sie hatte erwartet, daß der Händler sich um sie kümmern und ihnen jederzeit sagen würde, was sie zu tun hatten; wie sie damals auf ihren Vater vertraut hatte. Stattdessen ließ er sie plötzlich im Stich - wie ihr Vater, der sie gezwungen hatte, selbst auf ihre Füße zu achten.

Zum Glück war Darralyn da. Darralyn war das Wasser, das sie trug. Solange sie bei ihm blieb, war sie in Sicherheit.

"Macht das Beiboot klar!" brüllte Lathar.

"Gut", sagte Erilde. "Es ist soweit. Iské amTarn, Kireve und ich gehen zuerst an Land. Ihr wartet bis heute abend und fahrt dann hinüber, und dann sucht ihr euch in der Stadt eine Unterkunft. Gebt nur acht, daß euch niemand folgt. Morgen früh geht ihr dann nach Thorandon. Die Übernahme findet am Nachmittag statt. Danach treffen wir uns hier wieder - wenn die Götter und Wanderer es so bestimmt haben. Meldet euch beim Hafenmeister, und er wird euch zur Sturmbezwingerin zurückbringen lassen." Sie schaute die Khyalen zweifelnd und unglücklich an. "Ich bete zu Meriel, daß alles glattgeht. Seid vorsichtig. Fordert niemanden heraus."

"Ganz sicher nicht" sagte Darralyn. Iveirdne brachte kein Wort heraus.

"Hört zu", sagte Erilde sehr ernst. "Fordert auch Aneurin nicht heraus. Ich weiß nicht, was er hier vorhat, aber was immer es ist - mischt euch nicht ein."

"Pah!" sagte Etis. "Er ist Khyalen. Er wird uns nichts tun!"

"Er liegt mit sich selbst im Krieg", sagte Erilde. "Und ein solcher Mann ist doppelt gefährlich. Paßt auf, was ihr zu ihm sagt."

Knarrend schwang der Ausleger das Beiboot über ihre Köpfe hinweg über die Reling und senkte es bis in ihre Höhe herab. Tuor trat neben den Händler. "Iské", sagte er viel höflicher als er je mit Iveirdne geredet hatte, "ich helfe Euch ins Boot." Und in gewohnt barschem Ton, so daß sie auch wußten, wer gemeint war: "Ihr da, geht aus dem Weg."

Sie wichen zurück und schauten besorgt zu, wie Tuor den alten Mann ins Boot hob. Kyahi nahm ihn behutsam in Empfang und setzte ihn so sorgfältig auf der Bank, als sei er aus Glas. "Danke", sagte der Händler schwach, aber würdevoll. "Es geht schon. Ich hätte doch auch klettern können."

"So ist es sicherer, iské", sagte Kyahi und dämpfte seinen polternden Baß zu einem respektvollen Grummeln. "Jetzt die Schreiberin."

"Ich komme schon." Erilde warf den Khyalen einen letzten besorgten Blick zu. "Viel Glück."

Sie nickten stumm.

Als endlich auch Erilde und Kireve sicher im Boot saßen, ließen die Männer am Ausleger es langsam ins Wasser hinab. Tuor warf eine Strickleiter über die Bordwand und kletterte hinunter. Er und Kyahi lösten die Taue des Auslegers und hielten das Boot mit eisernen Haken am Schiffsrumpf fest, dann stießen sie es ab.

Die Khyalen schauten dem Boot nach, als es zum Kai fuhr. Iveirdnes Magen hatte sich zu einem schmerzenden Klumpen verkrampft. Sie hatte sich diese Reise anders vorgestellt. "Seht mal", sagte Darralyn so leise, als befürchtete er, am Ufer gehört zu werden. "Sie werden schon erwartet."

An der Hafenmauer stand eine Gruppe von Leuten und schaute dem Boot entgegen. Iveirdne vergaß für kurze Zeit ihre Angst um sich selbst. "Ob das alDans Leute sind?"

"Keine Ahnung", sagte Darralyn. "Auf diese Entfernung -"

"Sie tragen Waffen", sagte Etis beklommen.

Das Boot legte an. Seine Fahrgäste stiegen aus und wurden sofort von der Gruppe umringt. Nach einer kurzen Pause, in der sie miteinander zu reden schienen, gingen sie weg und nahmen Celiphas, Kireve und Erilde mit.

Drei Stunden vergingen in unbehaglichem Abwarten. Das Beiboot kam zurück, aber weder Tuor noch Kyahi beantworteten irgendwelche Fragen und gingen nur mit finsteren Mienen weg. Darralyn, Etis und Iveirdne lungerten an der Reling herum und beobachteten den Hafen. Aneurin hielt sich von ihnen fern; eine Weile sprach er mit Lathar, danach ging er unter Deck.

Darralyn und Etis wußten genauso wenig, was sie von der Entwicklung halten sollten, wie Iveirdne selbst. Auch sie hatten erwartet, wie Schafe durch Arithia gescheucht zu werden, und daß sie plötzlich auf sich allein gestellt waren, gefiel ihnen überhaupt nicht. Noch schlimmer war, daß sie von Aneurin abhängig sein würden.

"Wie kommt man denn in die Burg eines Königs rein?" fragte Etis und starrte die grauen Mauern hoch über ihnen an. "Da gibt es doch sicher hunderte von Wachen!"

"Vielleicht mit diesem Schreiben." Ratlos betrachteten sie fremdartigen Zeichen auf der Schriftrolle, die Celiphas ihnen gegeben hatte. "Zum ersten Mal wünsche ich, ich könnte lesen", sagte Darralyn, und die beiden anderen nickten.

Über Celiphas, Erilde und Kireve redeten sie nicht. Sie wollten das Schicksal nicht herausfordern; wenn man einfach so tat, als sei alles in Ordnung, würden die drei vielleicht wohlbehalten wieder an Bord zurückkehren. Aber Iveirdne konnte den schrecklichen Gedanken nicht unterdrücken, daß sie sie vielleicht nie wiedersehen würden. Sie haßte Ryondar schon jetzt. Falls sie jemals neugierig auf Arithia gewesen war, hatte der erste Blick auf Thorandon ihr diese Neugier schleunigst ausgetrieben. Sie wollte nicht auf diesen Berg klettern und durch das Tor gehen. Sie wollte weder mit Kelchen noch mit Königen das geringste zu tun haben. Sie wollte nur noch nach Hause: zurück in die Welt, die sie kannte. Das war ein schäbiges Ende ihrer großartigen Reise, aber an ihren Gefühlen konnte sie nun einmal nichts ändern.

Endlich kroch die graue Dämmerung über den Hafen. Auf den Schiffen und in den Hafenhäusern wurden Leuchtschalen entzündet. Tuor und Kyahi kamen wieder an Deck, gefolgt von Aneurin.

"Ihr da", sagte Tuor, "macht euch fertig."

Er packte die wenigen Habseligkeiten der Reisenden ins Boot und schwenkte es wieder aufs Wasser hinaus. Dann kletterte Kyahi hinterher und verstaute die Packsäcke sorgfältig unter einer Plane. "Das da auch", sagte er zu Darralyn und streckte die Hand nach dem Sack aus, in dem der Kelch steckte. Darralyn zögerte und reichte den Sack dann widerwillig hinunter. "Sei vorsichtig damit", sagte er. Kyahi beachtete ihn nicht und stopfte den Sack zu den anderen unter die Plane.

"Steigt ein!" sagte er. "Wir haben nicht ewig Zeit!"

Iveirdne hielt sich an der Reling fest. Ihr Herz klopfte hart, als sie in das kleine Boot hinabschaute, das auf den Wellen tanzte. Zu ihrer Überraschung war es Aneurin, der als erster hinunterstieg. Ohne ein Wort schwang er sich über die Reling und kletterte gewandt die Strickleiter herunter. Er sprang ins Boot, fand mühelos sein Gleichgewicht und drehte sich um. "Los, kommt schon!"

"Was denkt der sich eigentlich?" murmelte Iveirdne. "Darralyn, geh vor, ja? Ich brauche da unten jemandem, dem ich in die Arme fallen kann, und das ist nicht Aneurin."

Darralyn grinste. "Damit wäre ich auch nicht einverstanden." Er stieg über die Reling, tastete mit dem Fuß nach der ersten Sprosse und kletterte nach unten. Er landete weniger anmutig im Boot als Aneurin, fing sich aber sofort. Aneurin hatte stehend gewartet; jetzt setzte er sich und starrte zu den Hafengebäuden hin.

"So", wisperte Etis in Iveirdnes Ohr, "wir brauchen ihn nicht! Und wir brauchen ihn auch in Arithia nicht!"

"Warten wir es ab", sagte sie. Sie hatte ihn kaum gehört, seine Worte waren nicht lauter als das Dröhnen ihres Herzschlages. Von hier aus schien ihr das Boot kaum größer als eine Nußschale zu sein. Es tanzte auf den Wellen wie ein losgerissenes Blatt, und sie war fest davon überzeugt, daß sie ins Wasser fallen und zwischen dem Rumpf der Sturmbezwingerin und dem Beiboot zermalmt werden würde. Aber Darralyn war schon unten. Es gab kein Zurück. Sie kletterte über die Reling, verhedderte sich in ihrem Rock und fand die oberste Sprosse nicht. Etis griff rasch nach ihren Armen. Jemand griff von unten nach ihrem Fuß und setzte ihn auf die Sprosse. Das mußte Darralyn sein. Meriel, vielleicht war es gar nicht so tief. Etis ließ sie los, und sie schob sich zollweise an der Bordwand nach unten, bis Darralyn sie um die Taille packte, ins Boot zog und rasch auf eine Bank setzte. Sie klammerte sich an ihn und schaute nach oben. Etis turnte bereits flink hinter ihr her; gut, nachdem er jetzt drei Wochen in den Wanten gewohnt hatte, war eine kaum sieben Fuß lange Strickleiter für ihn wohl keine größere Herausforderung mehr. Er sprang ins Boot und hockte sich vergnügt neben sie. Tuor und Kyahi stießen das Beiboot vom Schiffsrumpf weg, setzten sich auf die mittlere Sitzbank und begannen zu rudern. Rasch fiel die Sturmbezwingerin hinter ihnen zurück.

Während sie zwischen den riesigen Schiffen hindurch zum Kai fuhren, sprach keiner von ihnen. Aneurin maß die Stadt wie einen Feind. Etis schaute sich unentwegt um, so hungrig auf die Welt wie ein neugeborenes Kind. Iveirdne zog ihren Umhang enger um die Schultern und kuschelte sich an Darralyn.

Tuor und Kyahi steuerten das Beiboot zu einer Treppe an der Kaimauer. Mit einiger Mühe beförderten sie ihre seeungewohnten Fahrgäste und die Packsäcke aus dem Boot, die Treppe hinauf und auf den sicheren Kai. "So", sagte Kyahi. "Jetzt verschwindet. Und paßt auf, daß euch keiner verfolgt." Dann sprangen sie zurück ins Boot und ruderten so schnell davon, als ziehe sie eine unsichtbare Macht zur Sturmbezwingerin zurück.

Aneurin wartete nicht, bis seine Gefährten sich zum Abmarsch entschlossen hatten. Mit seinen langen Schritten ging er zur Treppe, die auf die Hafenstraße führte. Darralyn, Iveirdne und Etis wechselten Blicke, die deutlich verrieten, wie sie sich fühlten, und dann machten sie sich auf den Weg.

Sie stiegen die Treppe hinauf und standen auf der Hafenstraße, nur wenige Schritte entfernt von der Brücke, die sich in drei weiten Bögen über die Lethys spannte. Sie schauten nach links über die Brücke und sahen die Burg auf dem Berg liegen. Von hier wirkte sie riesig, wie eine Stadt für sich. Auf allen Türmen wehten Fahnen: die blaurote mit der strahlenden Krone in der Mitte und die königliche der Familie Meret, der rotäugige Rabe; und ein hundertfacher Schwarm von Raben und ein Reigen von Kronen auf den Giebeln der Stadthäuser empfing die Reisenden, als sie sich nach rechts wandten und in die Stadt wanderten. Eine Flut von Menschen und Wagen, ein ungeheurer Lärm nahm sie in sich auf und schwemmte sie in ein Gewirr von Straßen und Gassen, die von hohen Fachwerkhäusern, Bäumen, Türmen und sahneweißen Marmormauern gesäumt wurden; Bauten von solcher Vielfalt, daß Iveirdne kaum erkennen konnte, wo ein Gebäude aufhörte und das nächste anfing. Ein ganzer Markt hatte sich zu beiden Seiten der Straße aufgebaut. Die Iunier bahnten sich ihren Weg durch die schwatzende, streitende Menge, bestaunten die ausgebreiteten Kostbarkeiten und konnten einander nur mit Mühe davon abhalten, ihr gesamtes Geld bereits hier auszugeben. Sie konnten sich nur schreiend verständigen. Der tosende Krach von Menschen und Tieren erinnerte Iveirdne an den Großen Ruf des Jahrestreffens der Khyals am See Clealysaine, doch während er dort nur einmal kurz aufbrauste und wieder erstarb, war er hier ins Unendliche verlängert, ein ohrenbetäubender Lärm, der ihr die Gedanken aus dem Kopf drosch und nur den Gedanken an Flucht übrigließ. Nie zuvor hatte sie so viele Menschen gesehen. Darralyn faßte nach ihrer Hand, als wolle er sie - oder sich selbst - beruhigen, und Etis wirkte völlig verstört. Aneurin schritt rasch vor ihnen her, bahnte ihnen einen Weg durch die stoßende und schiebende Menge, und sie folgten ihm. Iveirdne beschloß, das Denken auf später zu verschieben, wenn sie sich erholt hatte. Aus einer unbestimmten Ferne beobachtete sie sich selbst, um sich ihr Verhalten und ihre Furcht einzuprägen. Später würde sie sich damit beschäftigen. Die Frau, die hier fast taub und halb besinnungslos durch Arithia stolperte, war nicht Iveirdne. Später würde sie es wieder sein.

Sie folgten der Brückenstraße etwa tausend Schritte weit in die Stadt. Dann sahen sie den Baum.

Er war gewaltig, der größte Baum, den Iveirdne jemals gesehen hatte. Er stand in der Mitte eines riesigen Platzes, den seine kahlen Äste vollständig überspannten. Im Sommer mußte dieser Platz in tiefstem grünem Schatten liegen; jetzt war der Schatten grau und unheimlich unter den dunklen Ästen. Der Stamm war so breit, daß zwanzig Männer ihn nicht hätten umfassen können. Als sie in ehrfürchtigem Staunen nähertraten, sahen die Iunier, daß seine Rinde, die aus der Ferne grau zu sein schien, in Wirklichkeit ein glattes, samtiges Weiß war.

Sie blieben stehen, von der ungeheuerlichen Größe und Schönheit dieses Baumes überwältigt. Sie starrten in die unendlich verzweigte Masse der Äste und sahen darin Schatten fliegen und springen... Vögel oder Eichhörnchen, vermutete Darralyn, nichts Unheimlicheres. Der Baum selber jedoch war fremd, ein eigenes, in sich geschlossenes Reich, das die Menschen nicht brauchte... vielleicht ein Gott oder wenigstens ein uralter mächtiger Geist, auf jeden Fall das einzige Wesen einzige seiner Art in diesem Teil der westlichen Welt.

Sie wären noch eine Weile stehengeblieben, aber Aneurin scheuchte sie weiter.

Der Platz war belebt, wenn auch nicht so verstopft wie die Straßen der Innenstadt. An der linken Seite führte eine säulenbestandene gerade Straße zu einem mächtigen, langgestreckten Gebäude aus weißem Stein. Priester in goldenen Gewändern fegten nasses Laub von der Straße, und vor den Toren standen Wachen in schwarzen Uniformen mit dem Stadtwappen auf der Brust.

"Das ist der Tempel", sagte Aneurin kurz, als Darralyn ihn fragte. "Dort findet morgen die Übernahme statt."

Sie folgten der Brückenstraße noch hundert Schritte weit. Dann bog Aneurin unvermittelt nach links ab, und zwischen den hohen, engstehenden Häusern, den vielen Menschen und den Tausenden Gerüchen traf sie plötzlich ein Geruch, den Iveirdne kannte: der Geruch nach frisch geschnittenem Holz, der so vertraut war wie ein unerwarteter Gruß von zu Hause. "Wohin gehen wir?" rief sie Aneurin zu. "Was ist das hier?"

"Das Handwerkerviertel", gab er knapp zurück. "Halt dich nicht auf."

Das war leicht gesagt. Mit neu erwachter Aufmerksamkeit trieb sie im Menschenstrom und bestaunte die Auslagen der Handwerker. Sie sah buntgewebte Bänder und Gürtel aus geflochtener Seide, Korbwaren, Reisigbesen, Lederstiefel, Ballen von Stoff in Farben, die sie nicht einmal benennen konnte. Ein leuchtendrotes Umschlagtuch erinnerte sie plötzlich an Innouye. Am Stand eines Holzschnitzers blieb sie stehen und starrte die Amulette, Halsketten und Schüsseln an, die ihr viel feiner und kunstvoller erschienen als ihre eigene Arbeit zu Hause. Das einzige, was es hier natürlich nicht gab, waren ihre kiddûn: ihre Gnome und Trolle und Zauberwesen aus der Welt Unter dem Stein.

Der Holzschnitzer, ein alter ryondrischer Mann, hatte sie schon eine Weile finster angestarrt, ohne daß sie sich darüber Gedanken gemacht hatte. Als sie jetzt die Hand nach einer gedrechselten rotbraunen Halskette ausstreckte, brüllte er sie plötzlich so laut an, daß sie die Hand zurückriß.

"Finger weg, diebisches Pack! Scher dich weg! Hau ab! Dreckiges kardisches Weibsbild!"

Entgeistert starrte sie ihn an - dann, als sich plötzlich alle Leute zu ihr umdrehten, ergriff sie die Flucht. Aber Aneurin, Darralyn und Etis waren in dem Gewühl verschwunden. Einige Leute folgten ihr, Hände griffen nach ihr, und sie geriet in Panik, schlug wild um sich. Dann packte sie eine harte Hand am Kragen und riß sie zurück, und eine laute Stimme brüllte: "Was ist hier los?"

"Gestohlen hat sie!" schrie jemand aus der Menge. "Kardisches Dreckspack!"

Iveirdne wand sich in dem harten Griff, aber der Mann ließ sie nicht los. Undeutlich erkannte sie eine breite Brust, ein kantiges Gesicht, die schwarzrote Uniform eines Soldaten der Stadtwache. Der Mann schüttelte sie wie eine Ratte. "Halt still, Weib! Ruhig, oder ich schlage dir die Zähne ein!"

Das wirkte. Sie wurde still. Benommen und im Schock stand sie neben dem Soldaten. Rings um sich sah sie lauter fremde, haßerfüllte Gesichter. Sie verstand überhaupt nichts. Was hatte sie denn getan?

"Was hat sie gestohlen?" fragte der Soldat laut. Niemand antwortete. "Ich sagte, was hat sie gestohlen? Und wo?"

"Ich habe sie von meinen Sachen verjagt, é paran." Der Holzschnitzer hatte seine Auslage zugeklappt und schob sich in den Kreis. "Sie wollte eine Halskette anfassen, da habe ich sie verjagt."

"Sie wollte sie anfassen? Also hat sie gar nichts gestohlen?"

"Seht sie doch an!" sagte der Mann böse. "Kardisches Dreckspack! Die stehlen doch, was sie kriegen können!"

Der Soldat verlor die Geduld. "Hat sie nun etwas gestohlen oder nicht?"

"Durchsucht sie doch!" sagte der Holzschnitzer frech. "Ihr werdet sicher etwas finden!"

Wieder versuchte Iveirdne sich loszureißen, aber der Soldat hielt sie in hartem Griff. "Ich habe nichts gestohlen!"

"Das werden wir sehen", sagte er barsch. "Jedenfalls hast du hier alles in Aufruhr gestürzt. Du kommst erstmal mit! Wie ist dein Name? Wem gehörst du?"

"Sie gehört zu mir", sagte eine kalte Stimme hinter ihnen.

Der Soldat drehte sich um und zog Iveirdne mit sich. Aneurin stand im Kreis der Zuschauer, aber sie erkannte ihn kaum wieder. Er hatte die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen - vermutlich nur, um seine iunisch hellen Augen zu verbergen, aber es wirkte ziemlich bedrohlich. In seinen rotgoldenen Kleidern und dem wehenden Umhang sah er aus wie ein anturischer Fürst, und die Leute machten ihm respektvoll Platz. Darralyn und Etis, deren Gesichter weiß waren vor Bestürzung, hielten sich dicht hinter ihm.

"Laßt sie los", befahl Aneurin. "Da sie nichts gestohlen hat, braucht sie nicht festgehalten zu werden. Und ein Holzschnitzer, der seine Käufer als Diebe verhaften läßt, sollte auf einem anständigen Markt nichts zu suchen haben."

Einige Leute lachten, und der Holzschnitzer sackte in sich zusammen. Der Soldat jedoch entspannte sich; er war sichtlich froh, daß ihm jemand die Entscheidung abnahm. Er ließ Iveirdne los, aber sie blieb stehen. Sie wagte nicht, sich zu rühren; jede Bewegung konnte falsch sein.

"Sie gehört zu Euch, é dan?" sagte der Soldat. "Ist sie Eure Sklavin? Sie hat hier den ganzen Markt in Aufruhr gebracht. Das wird teuer."

"Unsinn", sagte Aneurin scharf. "In Aufruhr gebracht hat ihn dieser herumbrüllende Idiot, und dafür zahle ich keinen skiim. Iveirdne, komm her. Wir gehen!"

"Das ist ja schön einfach!" zischte der Holzwerker. "Und wer seid Ihr, großer Herr? Wahrscheinlich habt Ihr sie doch zum Stehlen losgeschickt, sie und die beiden Kröten da hinter Eurem Rücken!"

"Halt´s Maul", sagte der Soldat grob. Dann jedoch wandte er sich an Aneurin. "Ich muß Euch bitten, mir Euren Namen zu sagen, é dan."

Iveirdne hielt den Atem an, aber Aneurin sagte sachlich: "Aneurin adar-Karan Jarvik."

Eine erstaunliche Wandlung ging plötzlich in dem Soldaten vor sich. "Jarvik! Es tut mir leid, é dan, das wußte ich nicht." Ein wütender Seitenblick verhieß dem schrumpfenden Holzschnitzer nichts Gutes. "Es tut mir leid, daß dieser Dummkopf Eure Dienerin belästigt hat. Fordert Ihr eine Entschädigung?"

"Um was ging es bei dem ganzen Geschrei?" fragte Aneurin gleichgültig.

"Um eine Halskette, soviel ich verstanden habe, é dan."

"Das wird genügen."

"Ihr seid sehr großmütig, é dan." Er stieß den Holzschnitzer grob zu seinem Ladenfenster hin und kam nach wenigen Augenblicken mit der Kette in der Hand wieder zurück. Er hielt sie Iveirdne hin. "Hier, iuina. Der Mann ist ein verdammter Dummkopf."

Iveirdne starrte die Kette nur stumm an, bis Aneurin in halb drohendem Ton sagte: "Nimm sie schon!" Da nahm sie sie entgegen. Der Soldat drehte sich um und scheuchte die gaffende Menge auseinander. "Weg da, Leute! Hier gibt es nichts zu sehen! Aus dem Weg!"

Aneurin fuhr mit wehendem Umhang herum und ging mit großen Schritten davon. Die Iunier hasteten hinter ihm her. Schnell ließen sie die Menge hinter sich, doch sie blieben erst stehen, als sie eine im Schatten liegende, menschenleere Gasse erreichten. Iveirdnes Hände zitterten so stark, daß sie die Kette fallen ließ. Sie sackte gegen die Mauer.

"Willkommen in Ryondar", sagte Darralyn mit rauher Stimme. Etis sagte nichts; er war blaß um die Nase.

Aneurin sagte: "Heb die Kette auf, Iveirdne."

Sie war ihm dankbar, sie haßte ihn, sie hatte Angst vor ihm, sie verabscheute ihn, sie war unfähig, sich zu rühren. Mit heiserer Stimme sagte sie: "Ich fasse sie nicht an. Und du hast mir nichts zu befehlen."

"Iveirdne!" sagte Darralyn empört. "Er hat dich da draußen gerettet!"

"Ich hatte dir gesagt, du sollst dich nicht aufhalten", zischte Aneurin. "Erilde hat dich doch gewarnt, oder nicht? Willst du die nächsten Jahre im Schuldturm von Arithia verbringen? Wenn der Soldat nach einem Beweis für meinen Namen gefragt hätte, wären wir geliefert gewesen!"

"Warum hast du dich dann eingemischt? Ich wäre auch allein -"

"Iveirdne, hast du den Verstand verloren?" fauchte Darralyn, der nun zum ersten Mal ernsthaft wütend wurde. "Wach endlich auf! Wir sind hier nicht zu Hause! Wir müssen vorsichtig sein!"

Sie sagte nichts. Wut und Beschämung quollen in ihr auf und verschlossen ihr die Kehle. Etis bückte sich nach der Kette und gab sie ihr. Ihre Hand krampfte sich darum.

"Laßt uns verschwinden", sagte Aneurin.

Vierzig schweigend zurückgelegte Schritte später fragte Etis: "Was war das für ein Name?"

"Meiner", sagte Aneurin kurz.

"Das scheint hier ein bekannter Name zu sein", bemerkte Darralyn.

Ein dünnes Lächeln kräuselte Aneurins Lippen. "Könnte man sagen."

"Woher kennen sie dich?" fragte Etis neugierig.

Aneurin antwortete nicht. Iveirdne hatte nichts anderes erwartet.

Sie folgten ihm weiter durch ein Gewirr von engen Straßen und hielten sich von den Auslagen fern, die jetzt alle Verlockung verloren hatten. Nach einiger Zeit hielt Aneurin plötzlich an und sagte: "Wir sind da."

Er zeigte auf ein Wirtshausschild, das über einem offenen Tor hing. Darauf war ein an einem Seil hängender Krug abgebildet, der seinen Inhalt in großem Bogen ausleerte, als werde er durch die Luft geschwenkt.

"Der Tanzende Krug", sagte Aneurin. "Hier bleiben wir."

Auch hier wirkte der Name Jarvik wie ein Schlüssel. Der Wirt, der nach dem ersten Blick auf seine neuen Gäste hartnäckig geleugnet hatte, auch nur eine freie Besenkammer zu besitzen, zauberte für den edlen Herrn Jarvik ganz plötzlich eine große Schlafkammer mit vier echten Betten hervor und überschlug sich vor Freundlichkeit, während er das Glück pries, das den edlen Herrn und seine... äh... Begleiter ausgerechnet zum Tanzenden Krug geführt hatte.

"Meine Diener", sagte Aneurin mit kaum mehr als einem leichten Heben der Augenbraue, das bei dem Wirt einen plötzlichen Schweißausbruch bewirkte, während Iveirdne vor Wut fast erstickte. Ihr Schweigen hielt genau bis zu dem Moment an, als sich die Tür der Schlafkammer hinter ihnen geschlossen hatte. Dann fuhr sie auf Aneurin los. "Verdammt, cunDaigan, wofür hältst du dich eigentlich? Deine Diener sind wir? Vielleicht sollen wir dich auch noch bedienen? Und vielleicht mache ich auch noch die Beine für dich breit, weil kardische Frauen ja jedem Mann zur Verfügung stehen?"

"Iveirdne!" rief Darralyn, aber sie hörte ihn gar nicht.

"Du hast mir da draußen geholfen - schön, vielen Dank, aber mir reicht es jetzt! Ich bin nicht deine Dienerin! Und du bist nicht irgendein Jarvik, sondern cunDaigan aus Lenangeh! Und wenn du das nicht bist, dann gehörst du auch nicht zu uns!"

"Iveirdne!" zischte Darralyn. "Hör auf!"

"Ich denke nicht daran! Ich will jetzt wissen, was du für ein Spiel treibst!"

Aneurin hatte während ihres Ausbruchs schweigend seinen Umhang abgenommen, zusammengefaltet und auf das Bett gelegt. Jetzt setzte er sich hin, dann streckte er sich lang aus und schloß die Augen. "Meriel", sagte er in gelangweiltem Ton, "kann mal jemand diese Frau zum Schweigen bringen?"

Im nächsten Augenblick schrie er wütend auf, als Iveirdne sich auf ihn stürzte und mit geballten Fäusten auf ihn eindrosch. Er fuhr hoch und fing ihre Arme ein, dann stieß er sie hart und mit erschreckender Kraft von sich. Sie taumelte rückwärts und landete in Darralyns Armen. Er fing sie auf und hielt sie fest. Aneurin richtete sich auf. Einer von Iveirdnes ungezielten Schlägen hatte ihn unter dem Auge getroffen, und die Haut schwoll bereits an. Er tastete danach und zuckte leicht zusammen, dann ließ er die Hand sinken und schaute Iveirdne an. Unwillkürlich fuhr sie zurück. Noch nie hatte sie einen solchen Haß gesehen. Und diesmal galt der Haß ganz unzweifelhaft ihr.

Auch Darralyn sah es, und er zog Iveirdne enger an sich. "Hör zu", sagte er zu Aneurin, "sie hat es nicht so gemeint. Wir sind alle aufgeregt. Wir brauchen hier keine Schlägereien!"

"Nicht?" sagte Aneurin mit gefährlich ruhiger Stimme. "Mir scheint, daß diese Frau eine ordentliche Tracht Prügel sehr gut brauchen könnte. Vielleicht erklärst du ihr mal, daß ihr drei hier in Arithia ohne mich keine zehn Schritte weit kommt, ohne verhaftet zu werden. Offenbar hat sie nicht begriffen, was da unten vorhin vor sich gegangen ist. Ihr seid hier nicht in Lenangeh, Weib, geht das nicht in deinen Schädel? Ihr habt hier keine Rechte! Du bist nur deshalb frei, weil der Soldat dich für meine Dienerin gehalten hat. Du stehst unter dem Schutz des Hauses Jarvik, und es wäre verdammt besser für uns alle, wenn du hier nicht herumschreien würdest, daß das Haus Jarvik nichts davon weiß!"

Weil sie wußte, daß sie im Unrecht war, wurde sie noch wütender. Vor fünf Jahren war sie von anturischen Soldaten beim Sturm auf die Kornspeicher beinahe umgebracht worden. Diese Männer hatten die gleichen Gesichter gehabt wie der Mann, der als ihr Reisegefährte nun vor ihr saß: goldhäutig, von beinahe schmerzhafter Schönheit, aber grausam und gefühllos. Sie wußte, daß es blanker Irrsinn war, ihn anzugreifen, aber sie konnte nicht aufhören. Die Anspannung der Reise, der erschreckende und bedrohliche Anblick der Burg Thorandon und die Angst der letzten zwei Stunden ballten sich in ihr zusammen, und dieser Mann, der nichts von dem war, was sie verstehen konnte, war nur eins mit Sicherheit: ihr Feind. "Ach ja? Und du glaubst, wir sind besser dran, wenn sie herausfinden, daß du deine Zugehörigkeit zu diesem großartigen Haus gar nicht beweisen kannst? Wir haben dich nicht um deinen Schutz gebeten!"

"Nein", sagte er in jäh aufflammender Wut, "und vermutlich wärst du auch lieber im Schuldturm gelandet, ja? Wie hätte ich dich da herausholen sollen, kannst du mir das sagen? Und wann? Ihr habt nur zwei Tage Zeit, und du willst morgen in die Burg, oder nicht? Ich will dir etwas sagen, niBerlot - wenn es nach mir ginge, hättest du im Schuldturm verrecken können!"

"Hört doch bitte auf", sagte Etis kläglich.

"Ich bin dir wirklich sehr dankbar", sagte Iveirdne in einem Ton, der nichts weniger als dankbar klang. "Erinnere mich nur daran, warum ich hier bin! Und vielleicht sagst du mir auch, für wen du auf der Sturmbezwingerin nächtelang dein Messer gewetzt hast. Wenn du nämlich vorhast, hier jemanden umzubringen, möchte ich mal wissen, was uns der Schutz des Hauses Jarvik dann noch nützt!"

Dieser Hieb saß. Sie spürte, wie Darralyn erstarrte. Etis riß Mund und Augen auf. Aneurin saß ganz still, und die Farbe wich aus seinem Gesicht, während die Schwellung unter seinem Auge sich bereits bläulich zu verfärben begann. Endlich sagte er tonlos: "Das hat nichts mit euch zu tun."

"Ah, nicht? Es hat nichts mit deinen Dienern zu tun? Glaubst du vielleicht, sie sperren dich ein und lassen uns laufen? Und wie weit würden wir dann kommen, ha?"

"Hört auf", sagte Darralyn heiser. "Hört auf damit!"

"Nein, ich höre nicht auf! Ich will wissen, was er vorhat!"

Aneurin starrte Iveirdne eine Weile stumm an. Der Haß war aus seinen Augen verschwunden, und er sah plötzlich nur noch müde und verdrossen aus. Endlich sagte er: "Ich habe dich wohl unterschätzt. Du hast Verstand - ich wünschte nur, du würdest ihn richtig benutzen. Was ich hier vorhabe, geht keinen von euch etwas an. Aber mein Onkel hat mich gebeten, für euch den Leibwächter zu spielen, und das werde ich tun. Ich bleibe im Hintergrund, aber ich bringe euch nach Thorandon. Wenn ich dafür einen Namen wieder annehmen muß, den ich vor Jahren abgelegt habe, dann tue ich das. Es hat dir eben schon genützt und nützt uns auch hier, und dein kardischer Stolz ist im Moment völlig unangebracht. Wenn du dich überwinden kannst, etwas aus der Hand eines kahat anzunehmen, solltest du es tun; ein zweites Mal biete ich es nicht an."

Sie stand regungslos, während ein unsinniges Gelächter in ihr aufstieg. Kardischer Stolz? Meriel - ihre panische Angst hielt er für für Stolz? Waren sie so weit voneinander entfernt, daß nicht einmal ihre Feindschaft klar und verständlich sein konnte? Sie schüttelte den Kopf, ihr fiel einfach nichts ein, das sie darauf hätte sagen können.

Aber dieses Kopfschütteln wurde nun auch von Darralyn mißverstanden, der rasch sagte: "Natürlich nehmen wir es an. Wir haben doch zugestimmt, iské amTarn zu helfen, oder nicht? Also finde ich, wir sollten jetzt versuchen, etwas zu essen zu bekommen. Und ein bißchen Bier für einen ruhigen Abend. Geht das?"

"Geht ihr", sagte Aneurin, und Iveirdne stimmte ihm von Herzen zu. Aber Darralyn schüttelte nun selbst entschieden den Kopf. "Nein. Wir sind zusammen unterwegs. Von mir aus spiele ich auch deinen ergebenen Diener, das ist mir gleich. Aber entweder kommen wir ab jetzt miteinander aus, oder wir kehren noch heute abend zur Sturmbezwingerin zurück. Und das meine ich ernst."

Er verschränkte die Arme und wartete. Aus dem Schankraum unter ihnen klang der Lärm der Gäste zu ihnen herauf. Auf der Straße rollte ein Fuhrwerk vorbei. Erst als das Klappern und Rollen in den anderen Geräuschen untergegangen war, sagte Aneurin: "Einverstanden."

Iveirdne verzog das Gesicht und nickte, und Etis, der den ganzen Streit erschrocken und bestürzt verfolgt hatte, nickte ebenfalls.

"Schön", sagte Darralyn. "Gehen wir. Ich sterbe vor Hunger."

Der Wirt verscheuchte ein paar bedeutungslose Gäste von ihrem Tisch, um Platz für den edlen Herrn Jarvik zu schaffen. Sie verzogen sich unter gedämpftem Schimpfen, wagten aber keinen Widerspruch. Die Khyalen hockten sich an den Tisch, und Aneurin winkte das Schankmädchen heran, eine unauffällige Person mit mausbraunen Haaren und gehetztem Blick. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und kam. "É dan?"

"Bring uns Wein", befahl er in herrischem Ton. "Eine Karaffe, vier Becher. Iunischen Wein - nicht die cardanische Jauche, die ihr sonst hier auftischt. Und schnell!"

Sie duckte sich wie zur Flucht und zwängte sich zwischen den Menschen hindurch.

"Cardanische Jauche", bemerkte Darralyn nachdenklich. "Freundlich ist das gerade nicht."

"Aber zutreffend." Aneurin schaute sich in der Schenke um. Einige neugierige Blicke trafen ihn und seine auffälligen Begleiter, aber er starrte die Leute so kalt an, daß sie sich rasch wieder um ihre eigenen Belange kümmerten. Iveirdne haßte ihn, aber sie mußte zugeben, daß sein Hochmut ihnen hier wirklich nützen konnte. Ohne ihn wären sie vermutlich weder hier noch in irgendeinem anderen Gasthaus aufgenommen worden. Trotzdem wünschte sie sich, mit Darralyn und Etis allein zu sein; dann hätten sie wenigstens reden können. Mit Aneurin am Tisch fiel ihr überhaupt nichts ein. Nach Darralyns vernünftigen Worten schämte sie sich für den Streit, den sie vom Zaun gebrochen hatte, aber sie wußte, daß sie ihm und Etis hätte erklären können, was in ihr vorgegangen war. Sie kannten und teilten ihre Angst. Aber Aneurin... was sollte sie zu einem Menschen sagen, der ihren Ausbruch als unsinnigen Stolz abgetan hatte?

Das Schankmädchen zwängte sich mit einem Tablett zu ihnen durch und stellte einen blauen, angeschlagenen Tonkrug auf den Tisch. Noch während sie die Becher verteilte, griff Aneurin danach, goß seinen Becher voll und kostete. Dann setzte er den Becher ab, nickte und griff in die Tasche. "Wieviel?"

"Fünf skiim, é dan."

Alle drei Iunier schnappten hörbar nach Luft. Aneurin runzelte die Stirn. "Das ist ein sehr hoher Preis."

Die Frau zuckte die Achseln. "Iunischer Wein. Und es ist ein Festtag."

"Wenn das iunischer Wein ist, bin ich Dichaneh alDan", sagte Aneurin beißend.

Die Frau verlor die Geduld. "Wollt Ihr ihn jetzt oder nicht?"

"Für zwei skiim, ja."

"Kommt nicht in Frage." Sie griff nach der Karaffe und schrie erschrocken auf, als Aneurins Hand sich hart um ihren dünnen Arm schloß. Sie tat Iveirdne leid - diesen Griff hatte sie ja selbst eben kennengelernt.

"Hol mir deinen Herrn her!" Aneurin hatte die Stimme kaum gehoben, aber die Frau duckte sich entsetzt und nickte. Als er sie losließ, flüchtete sie sofort in die Küche. Gleich darauf kam der Wirt.

"É dan? Seid Ihr nicht zufrieden, é dan? Ist der Wein nicht in Ordnung?"

"Der Wein schon", sagte Aneurin, "aber der Preis nicht."

Der Wirt schluckte. "Äh... was hat denn die dumme Gans gesagt, é dan?"

"Sie sagte, fünf skiim. Aber das muß ein Mißverständnis sein, é dan, und das würde auch der Stadtrat nicht gern hören. Das wäre ja Wucher."

"Ah, aber das - das ist natürlich blanker Unsinn. Der Wein kostet drei skiim, é dan."

Aneurin zog wieder die Braue hoch. "Drei?"

"Äh - zwei. Natürlich zwei." Er schluckte wieder. "É dan."

Aneurin lächelte freundlich. "Sehr gut. Und wir hätten gerne etwas zu essen. Braten, ein wenig Gemüse, Suppe und so weiter. Ihr werdet sicher das Richtige finden."

"Natürlich", sagte der Wirt und zog sich zurück. Gleich darauf hörten sie, wie sich in der Küche ein Unwetter über dem Schankmädchen entlud.

"Du spielst gut", sagte Iveirdne schroff zu Aneurin. "Hast du das schon öfter getan?"

"Oft genug, um am Leben zu bleiben." Das kurze Funkeln in seinen Augen warnte sie, und sie ging nicht näher darauf ein.

In unbehaglichem Schweigen tranken sie ihren Wein. Als der Wirt ihnen das Essen brachte, machten sie sich stumm darüber her. Iveirdne hatte in ihrem Leben selten Fleisch gegessen und fand den Geschmack zuerst unangenehm, doch schon beim dritten Bissen ertappte sie sich dabei, daß sie ihn geradezu hinunterschlang. Das Gemüse - Karotten und Erbsen - war zerkocht und fade, aber eßbar, und dazu gab es heiße Hühnerbrühe mit Ei und Brot. Sie schlürfte die Brühe gierig aus und war gerade dabei, die letzten Reste mit einem Stück Brot aus dem Napf zu wischen, als Etis plötzlich scharf einatmete und Darralyn sie anstieß. "Schau mal."

Sie blickte auf.

Ein kleiner, hagerer Mann in zerschlissenen Lumpen hatte die Schankstube betreten und sah sich mit raschem Blick argwöhnisch um. Offenbar stellte ihn der erste Überblick zufrieden, denn er schloß die Tür hinter sich und trat in den freien Raum vor dem Kamin. Dort stellte er ein seltsam unförmiges Bündel ab. Iveirdne verstand nicht, was an diesem komischen kleinen Wiesel so Besonderes sein sollte. Dann jedoch bemerkte sie die bunte kleine Kappe auf seinem Kopf. Sie drehte sich zu Darralyn um und wisperte: "Ein Gaukler?"

Er hob die Schultern und flüsterte zurück: "Scheint so... mal sehen, was er zu bieten hat."

Der Mann holte jetzt eine kleine, einfach gebaute und schmucklose Laute aus Buchenholz aus dem Bündel. Die Zuschauer drängten näher, als er das Instrument zu stimmen begann. Die Iunier hielten sich bescheiden im Hintergrund, reckten aber die Hälse, um nichts zu verpassen.

Er glitt mit der Hand über die Saiten und nickte zufrieden. Dann warf er einen raschen Blick um um sich, der Iveirdne gleichzeitig ängstlich und trotzig erschien, griff mit der linken Hand unter seinen flickenbesetzten Mantel und holte ein verkorktes Tonfläschchen heraus. Ein Raunen ging durch die Reihe der Zuschauer, als er den Korken herauszog, das Fläschchen an die Lippen setzte und es in drei Schlucken leerte. Gleich darauf verschwand es wieder unter dem Mantel. Die Bewegung war so eilig und verstohlen, daß er plötzlich den Eindruck eines Diebes erweckte. Die Leute drängten sich um ihn. Ihre Neugier war plötzlich in angespanntes Warten umgeschlagen. Iveirdne begriff noch immer nicht, was hier vorging. Sie hörte Aneurins scharfes Einatmen neben ihrem Ohr, als er zischte: "Ein falscher Musikant! Laßt uns verschwinden - das gibt Ärger!"

Sie starrte ihn verblüfft an. "Ärger? Wieso?"

Er stand auf, packte wortlos ihren Arm und wollte sie hochziehen, aber sie riß sich los. "Ich will ihn spielen hören!"

"Diese Leute sind es nicht wert, daß man ihnen zuhört", zischte er mit wutverzerrtem Gesicht. "Betrüger sind sie, weiter nichts!"

"Aber wieso -" Darralyn stieß ihr den Ellbogen in die Rippen, und sie brach ab. Der Lautenspieler zupfte mit seinen langen, knochigen Fingern an den Saiten. Er spielte eine Melodie, die sie nicht kannte, und es schien ihr, als sei sein Spiel holprig und ungelenk, aber die Leute starrten auf seine Finger, als sei er ein Meister der Zunft. Iveirdne wollte eben Aneurins Drängen nachgeben und aufstehen, als ein plötzliches Flimmern an den Fingern des Spielers sie innehalten ließ. Ein dünner blauer Nebel schwebte dort, entstieg den Fingern wie der Rauch einer Pfeife und ballte sich auf dem Boden zu einem blaßblauen Klumpen zusammen. Sie hörte die staunenden Ausrufe der Zuschauer, stand auf und drängelte sich nach vorne, um besser sehen zu können.

Der blaue Nebel floß weiter aus den Fingern des Mannes. Sein Gesicht war schweißnaß und vor Anstrengung verzerrt, und er starrte wie alle anderen auf das Wunder vor seinen Füßen, das nun langsam Gestalt annahm. Es war die Gestalt eines Reiters, doch verzerrt und unklar, ein flüchtiges Gebilde aus Wolken. Das Pferd war ein klobiger Koloß mit spinnenhaften Gliedern, der Mann ein dürres Gespenst mit überlangen Armen und Beinen. Doch der Lautenspieler, dessen Hände jetzt über die Saiten rasten, während ihm Schweiß in die starr aufgerissenen Augen lief, brachte es fertig, seiner Schöpfung Farben zu verleihen. Das blasse Blau veränderte sich, zog sich in dem Pferd zusammen und wurde zu Schwarz, während der Körper des Reiters sich rötlich zu färben begann. Bewundernde Ausrufe wurden laut. Dann verdunkelten sich die Haare der knapp kniehohen Gestalt, und die Leute stießen laute Pfiffe aus und klatschten wild.

"Der König!" rief jemand. "Der Prinz! Bravo, weiter, weiter!"

Iveirdne zuckte zusammen. Sie vergaß, daß dies hier nur ein Spiel war, die kümmerliche Darbietung eines mäßig begabten Spielers, der nicht der Zunft der Musikanten angehörte. Sie hatte nur Augen für die schwarzhaarige kleine Figur auf dem dunklen Pferd. Denn ganz genau so hatte sie ihn sich immer vorgestellt: gespenstisch, ohne Gesicht, in blutiges Rot und unirdisches Schwarz gehüllt, einem Dämon ähnlicher als einem Menschen. Ihre Knie wurden weich, und sie mußte darum kämpfen, stehenzubleiben und nicht vor diesem leblosen Zaubergeschöpf zu fliehen, wie jahrelange Unterdrückung und Furcht es von ihr forderten.

Doch dann geschah etwas Sonderbares. Pferd und Reiter verloren ihre Gestalt und lösten sich in einen weißlichen Nebel auf, der sich in Kopfhöhe zusammenballte. Der Lautenspieler riß die Augen noch weiter auf, und ein Ausdruck des Entsetzen verzerrte sein Gesicht; das schien er nicht geplant zu haben. Seine Hände fielen von den Saiten der Laute - doch die Musik brach nicht ab. Sie veränderte sich nur, wurde leiser und schneller, und obwohl Iveirdne keine Ahnung von ryondrischer Spielkunst hatte, begriff sie, daß sie jetzt jemanden hörte, der sein Instrument vollkommen beherrschte. Die Melodie war die gleiche, aber sie klang völlig anders, die Töne fielen wie eisige Hagelkörner auf ihr Herz und ließen sie erschauern. Der Lautenspieler ließ sein Instrument fallen und versuchte aufzuspringen, aber etwas wie eine große Hand schien ihn auf seinen Schemel zurückzudrücken, und er sackte in sich zusammen. Panik stand jetzt in seinen Augen. Sein Gesicht war grau vor Angst.

Iveirdne starrte um sich und entdeckte die Spielerin in einer Ecke am Fenster. Sie war eine kleine, schlanke Frau mit kurzgeschnittenen grauen Haaren, die sich in wirren Locken um ihr Gesicht ringelten. Sie trug ein dunkelgrünes, langärmeliges Hemd ohne jede Verzierung, einen schwarzen Gürtel und einen knöchellangen schwarzen Rock. Ihr grünschwarzer Umhang lag neben ihr auf der Bank. Sie hielt eine Harfe auf dem Schoß und spielte, und die Klänge perlten so klar und kalt von ihr, wie das eisige Wasser eines Gebirgsbaches zu Tal stürzt. Ihr Gesicht sah aus, als wäre es eher zum Lachen geschaffen als zu der zornigen Grimasse, zu der es jetzt verzogen war. Der unglückselige Lautenspieler ächzte und wand sich auf seinem Stuhl, unfähig zu fliehen oder sich zu wehren. Ein paar Frauen zogen ihre Tücher über den Kopf und verließen die Schenke, aber die meisten Zuschauer blieben sitzen, duckten sich und wagten kaum zu atmen.

Der Nebel schwebte auf den Lautenspieler zu. Er duckte sich, versuchte zurückzuweichen, aber es gelang ihm nicht. Vielleicht lähmte ihn der Schock oder das makellose, tödliche Harfenspiel, und er winselte nur, als der Nebel sich um seinen Kopf schloß.

Die Musik änderte sich wie ein schäumender Fluß, der aus den Bergen in flaches Land strömt; sie wurde ruhiger und langsamer, und sie endete, als die Harfnerin die Hand auf die Saiten legte. Der unheimliche Nebel verblaßte und löste sich auf. Die Musikantin stellte die Harfe ab. Ihre Stimme klang leise, aber schneidend scharf in der erschrockenen Stille. "Dies ist das Recht und das Urteil der Machoisanna. Vergeßt es nicht - und warnt diejenigen, die es zu vergessen versuchen, damit ihnen nicht das gleiche geschieht." Mit einer raschen, zornigen Bewegung griff sie nach ihrem Weinbecher und trank.

Noch einige Augenblicke herrschte beklommene Stille. Flüchtige Blicke streiften die zusammengesunkene Gestalt des Lautenspielers und glitten hastig weg. Jemand bestellte ein Bier. Gespräche setzten ein. Iveirdne starrte den kleinen, wieselgesichtigen Mann am Kamin an, und ihr Hals war wie zugeschnürt.

Irgendeine schreckliche Veränderung war mit ihm vorgegangen. Er saß vornübergebeugt auf seinem Hocker. Äußerlich schien er unversehrt, wenn auch sein ganzer Körper unbeherrscht zitterte. Die Veränderung lag in seinem Gesicht, in seinen Augen. Da fehlte etwas. Iveirdne konnte nicht benennen, was es war, aber als sie sah, wie Speichel aus seinem Mund tropfte, ohne daß er ihn wegwischte, begriff sie, daß der Nebel etwas mit seinem Verstand getan hatte.

Heftig wandte sie sich an Aneurin. "Er ist verletzt! Warum hilft ihm niemand?"

Der Weber zuckte die Schultern. "Ihm fehlt nichts... jedenfalls nicht allzuviel. Er wird bald zu sich kommen."

"Aber - was hat sie mit ihm gemacht?"

"Bestraft."

"Wofür? Was hat er getan?"

"Er hat ein Bildlied gespielt. Aber Bildlieder sind eine hohe Kunst der Musikantenzunft. Wer ihr nicht angehört, darf sie nicht spielen und wird bestraft. Das ist alles."

"Aber -"

"Er kannte den Preis", sagte Aneurin so kühl, als berühre ihn das Schicksal des Spielers nicht. Vielleicht gab es in ihm keinen Platz für Mitleid. Schroff fuhr er fort: "Er scheint einer von denen gewesen zu sein, deren Begabung für die Aufnahme in der Zunft nicht ausreichte. Aber sein Wunsch, Musikant zu sein - ein Bildspieler -, war stärker als die Angst vor der Gefahr. Dieser Trank in der Flasche wird irgendwo in Madheriant hergestellt und in den Dörfern verkauft. Damit konnte der Bursche wenigstens ein Zerrbild dessen herstellen, was er schaffen wollte. Aber er war unvorsichtig: er hätte in den kleinen Dörfern abseits der Handelsstraße bleiben sollen, wo die Zunftmusikanten nicht hingehen. In den großen Städten werden diese kleinen Stümper fast immer erwischt. Die Leute behaupten, daß die Musikanten es spüren, wenn jemand mit Hilfe dieses Trankes Bildlieder spielt. Sie spüren es wie die Hitze eines Feuers. Oder der Spieler ist unvorsichtig. Das Ergebnis hast du gesehen."

"Aber das ist unmenschlich!" rief sie aus.

Er zuckte die Achseln. "Es ist Gesetz. Zunftgesetz." Er sprach in gleichgültigem Tonfall, doch bei dem letzten Wort lag plötzlich ein Klang von Abscheu in seiner Stimme, der Iveirdne aufhorchen ließ. Sie blickte ihn aufmerksam an, aber er schaute an ihr vorbei zum Kamin. Sein helles, schönes Gesicht war unbewegt.

"Warum magst du die Machoisanna nicht?" fragte sie.

Seine Augen verengten sich. "Würdest du sie mögen, nach dem, was du gerade gesehen hast?"

Sie zögerte. "Nein... wohl nicht." Aber sie hatte das deutliche Gefühl, daß dies nicht die vollständige Antwort auf ihre Frage war. Sie hatte eine wunde Stelle in ihm getroffen, und sie fragte sich, was das für eine Stelle war.

"Mir ist schlecht", sagte Etis.

"Mir auch", sagte Darralyn. "Meriel, was gibt es hier noch?"

"Schaut", sagte Aneurin. Sie drehten sich um.

Der Lautenspieler richtete sich langsam auf und tastete nach seinem Kopf. Das Zittern hatte nachgelassen, Farbe kehrte in sein Gesicht und das Bewußtsein in die dunklen Augen zurück. Er stöhnte leise, wie im Schmerz, und schaute sich benommen um. Ein Mann trat zu ihm und reichte ihm einen Becher Bier. Er trank ihn in wenigen Zügen leer und gab ihn zurück. "Was... war denn?" Seine Stimme war dünn und zittrig. "Hatte ich... einen Anfall?"

Einen Moment lang antwortete niemand. Dann sagte der Mann, der ihm das Bier gegeben hatte: "Aye. Einen Anfall."

"Wo... ist mein..." Er stockte, schien die Worte nicht zu finden. Dann tastete er wieder nach seinem Kopf. "Wo..." Wieder verstummte er. Plötzlich drehte er sich um und schlurfte zur Tür. Seine Laute ließ er unbeachtet liegen.

Jemand rief ihm nach: "He! Vergiß deine Laute nicht!" Die Umstehenden zischten ihn sofort nieder. Der wieselgesichtige kleine Mann drehte sich an der Tür um. "Was?"

"Nichts", sagte eine Frau halblaut. "Geh schon."

Er tappte hinaus, und die Tür klappte hinter ihm zu.

Bald darauf verließen die Khyalen das Gasthaus. Bevor sie hinausging, warf Iveirdne noch einen Blick auf die Musikantin. Sie hockte auf ihrem Platz und starrte finster vor sich hin. Aber gleichzeitig sah sie traurig aus. In jedem Fall sah sie nicht aus wie ein Mitglied der Zunft, das einem Gesetz Genüge getan und dem gaffenden Volk seine Macht bewiesen hatte. Iveirdne hatte Angst vor ihr, aber die Erinnerung an das traurige Gesicht ging ihr noch eine Weile nicht aus dem Kopf. Offenbar waren auch hier die Dinge nicht so, wie sie auf den ersten Blick schienen. Sie fühlte sich verwirrt und bedrückt; es kam ihr vor, als sei sie in einen Wirbel von Geschichten geraten, deren Anfang und Ende sie nie erfahren würde.

Sie schlenderten über den Markt, durch eine überwältigende Vielfalt von Teppichen, Tüchern, Schmuck, Korbwaren, von Farben und Gerüchen und Menschen, und nach einiger Zeit löste sich der Schreck unter dem neuen Ansturm auf. Als Iveirdne unversehens eine Meriel-Schale entdeckte und darauf zustürzte, folgten ihr die anderen hastig, und nach einem kurzen Auftritt als "der edle Herr Jarvik und seine drei abergläubischen Diener" trugen sie die Schale im Triumph davon. Nach dem ersten Morgen an Bord der Sturmbezwingerin, als Lathar sie wegen des gestohlenen Getreides niedergemacht hatte, hatten sie am Meriel-Ritual der Besatzung teilgenommen, das darin bestand, daß Lathar morgens und abends einen Becher Bier ins Meer leerte, aber wohlgefühlt hatten sich die Khyalen damit nicht. Iveirdne neigte fast dazu, zu glauben, daß alle Widrigkeiten der vergangenen Tage und Wochen daher rührten, daß sie ihr Ritual nicht ordentlich ausgeführt hatte, und sie war heilfroh, daß sie die Schale gekauft hatten.

Sauberen Sand aufzutreiben, war weniger einfach. Schließlich kletterten sie zum Fluß hinunter, kratzten einige Hände voll Sand zusammen und kehrten mit beruhigtem Gewissen ins Gasthaus zurück.

In ihrer Schlafkammer versammelten sich Iveirdne, Darralyn und Etis vor der Schale, die sie auf einen Schemel am Fenster gestellt hatten. Aufmerksam sahen der Mann und der Junge zu, wie Iveirdne den Sand in die innere Schale füllte und glattstrich. Anschließend goß sie Wasser in die äußere Schale und malte sorgfältig ihr Hauszeichen in den Sand.

"Im Namen des -khy-, Meriel", sagte sie, "danke ich für deinen Schutz." Diesmal meinte sie es ernst. Inzwischen hatte sie begriffen, daß sie an diesem Morgen unten auf dem Markt nur haarscharf an einem Unglück vorbeigerutscht war, und wenn sie auch Aneurin nicht unbefangen dankbar sein konnte, gab es doch keinen Grund, sich nicht wenigstens bei Meriel zu bedanken. Der Wanderer im Wasser war ein boshafter, unsteter Geist, aber in seinem Schutz fühlte sie sich sicher.

Auch Darralyn und Etis zogen ihre Hauszeichen in den Sand, und nach kurzem Zögern malte Iveirdne auch das Zeichen cunDaigan daneben. Sie sagte nichts; es war nicht ihre Sache, Aneurins Gebet zu sprechen. Der Mischling hatte sich ohnehin nicht an dem Ritual beteiligt; wortlos lag er auf seinem Bett und starrte an die Decke. Aber nachdem alle vier Zeichen gezogen waren, fühlte Iveirdne sich besser. Es war richtig so.

Damit endete ihr erster Tag in Arithia. Sie nahmen sich noch die Zeit, ihre Betten zu bestaunen und sie mit ihren lumpigen Schlafnestern zu Hause zu vergleichen, dann zogen sie sich aus, kletterten in die hölzernen Gestelle und zogen die Decken über sich. Aneurin blies die Kerze aus.

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Die Harfnerin verließ den Tanzenden Krug erst spät in der Nacht. Sie hatte in düsterer Entschlossenheit einen Becher Wein nach dem anderen in sich hineingekippt, aber ihr an ausgiebige Zechereien gewöhnter Magen verarbeitete das Zeug mühelos. Ihr war nicht einmal schwindlig, als sie mit der Harfe auf dem Rücken und der schäbigen Laute in der Hand in die eisige Nacht hinaustrat und sich auf den Rückweg zu ihrer eigenen Unterkunft machte.

Auch in der Nacht war die Stadt noch lebendig. Seit einigen Jahren gab es Feuerlampen an den größeren Straßen. In ihrem Schein drängten sich noch immer Hunderte von Menschen: Fremde in bunten und abenteuerlichen Kleidern, Händler, Reisende und Priester, Stadtvolk und Taschendiebe, Gaukler, Lumpen und Bettler, Huren, Tänzer und Spieler, die feilschten, würfelten, schwatzten, einander bestahlen und betrogen, Körper und Gegenstände und nächtliche Spiele feilboten in einem unaufhörlichen Tanz. Zwischen ihnen schritten die Soldaten der Stadtwache ihre Runden ab, finster und gleichmäßig wie dumpfe Trommelschläge, die dem wirbelnden Durcheinander Gesetz und Ordnung gaben. In diesen Nächten des Übergangs, in der herrscherlosen Zwischenzeit des Machtwechsels, war in Arithia keine Ruhe zu erwarten.

Die Musikantin schlenderte durch die Gassen, warf gelegentlich einen Blick auf einige noch immer geöffnete Auslagen besonders hartnäckiger Händler, hielt sich aber nirgendwo auf. Ihre Musikantenkleidung war warm und schützte sie gegen die beißende Kälte, aber sie fror trotzdem, sie war müde und niedergeschlagen und sehr unzufrieden mit dem Abend, der hinter ihr lag. Sie betrachtete die Laute in ihrer Hand. Es war eine kunstlose Arbeit. Der Klangkörper war aus rohem Holz schief zusammengefügt, der Hals bestand aus einem einigermaßen gerade gewachsenen, entrindeten Ast, den der frühere Besitzer der Laute einfach an den Körper genagelt hatte. Die Saiten waren gut; vermutlich hatte er dafür sein gesamtes Geld ausgegeben. Sie strich mit der freien Hand über die Saiten und horchte auf den Klang. Sie waren sauber gestimmt, ein Wunder bei einem so jämmerlichen Instrument, das vermutlich bedenkenlos Kälte und Regen und dann wieder der stickigen Hitze von Gasthäusern ausgesetzt worden war. Aber sie hatte ja auch die Begabung des Spielers gespürt, bevor das Gesetz sie zum Eingreifen gezwungen hatte. Und jetzt... nichts mehr. Der Mann würde sich nicht einmal mehr daran erinnern, daß er je eine Laute besessen hatte. Die einzigen, die sich erinnern würden, waren die Leute im Tanzenden Krug, deren erschrockene Gesichter ihr noch vor den Augen standen. Und sie selbst natürlich. Sie seufzte und schritt schneller aus.

Das Gasthaus Zur Brücke lag an der Brücke, die vom Hafen aus über die Lethys in die Oberstadt von Arithia führte: in die Stadt der Reichen und Mächtigen am Fuß des Berges von Thorandon. Die Machoisanna hatte diese Stelle und den Namen für ihr Gasthaus bewußt gewählt. Die Musikanten waren die Mittler zwischen dem Volk und seinen Herrschern, und welches Bild konnte diese Vermittlung besser verdeutlichen als das einer Brücke? Aber an Abenden wie diesem fragte sich die Harfnerin, ob die Zunft, die sich als Brücke verstand, nicht vielleicht besser auf Vertrauen setzen sollte als nur auf das Gesetz. Denn obwohl die Gäste im Tanzenden Krug nicht aufbegehrt hatten, hatte sie deutlich gemerkt, daß sie sie fürchteten. Die Zunftmeisterin in ihr sah nur hochmütig darüber hinweg. Aber ihr eigener Verstand sagte, daß die Angst der Menschen jederzeit von ganz wesentlicher Bedeutung war.

Sie betrat das Gasthaus. Die Schankstube war leer und dunkel, nur an einem Tisch neben dem niederbrennenden Kaminfeuer saßen zwei Männer im flackernden Schein einer Kerze und würfelten. Der ältere der beiden war ein Xalesi: goldhäutig, mit einem dichten Schopf weißer Haare über einem zerfurchten, ebenmäßigen Gesicht. Als die Harfnerin zu ihnen trat, blickte er auf und lächelte. "Qedi."

"Hallo, Taornagh", sagte sie und nahm den Umhang ab.

"Na endlich", brummte Korred, der jüngere der beiden. Wie Taornagh stammte er aus dem Nachbarland Xal-Kattra, war aber von unbestimmterer Herkunft: er hatte eine bräunliche Hautfarbe, braune Augen und graudurchzogene braune Haare. Tiefe Falten hatten sich um seinen Mund gegraben, so daß er immer ein wenig mürrisch aussah, selbst wenn er es nicht war, und seine Augen huschten unstet durch den Raum, als erwarte er jeden Augenblick, angegriffen zu werden - obwohl Musikanten niemals angegriffen wurden.

Er schob seinen halbvollen Becher zu ihr hin. "Wo bist du gewesen?"

"In einer Spelunke." Sie nahm die Harfe in ihrem Futteral vom Rücken und lehnte sie an einen leeren Stuhl, dann legte sie die Laute auf die Sitzfläche, zog sich einen Schemel heran und setzte sich. Den Becher schob sie zu ihm zurück. "Habt ihr auf mich gewartet? Schläft Shôr?"

"Seit Stunden", sagte Korred und beantwortete damit beide Fragen. Stirnrunzelnd betrachtete er die Laute. "Das da - was ist das?"

Sie verzog das Gesicht. "Beute."

Beim Klang ihrer Stimme blickten beide Männer rasch auf. Taornagh runzelte die Stirn. "Ein Süchtiger?"

"Das verdammte Enhanol", sagte sie heftig. "Sie trinken es, obwohl sie wissen, was es in ihren Körpern anrichtet - obwohl sie wissen, was ihnen blüht, wenn wir sie erwischen. Warum geben wir ihnen nicht, was sie wollen? Warum öffnen wir die Zunft nicht?"

"Wenn die Aedan sagt, daß wir die Zunft jedem Dahergelaufenen öffnen sollen, tun wir es", sagte Korred spitz. "Solange sie es nicht sagt, tun wir es nicht."

Sie starrte ihn finster an. Dann langte sie nach seinem Becher und trank ihn aus. Mit einem Knall setzte sie ihn ab und stand auf. "Laßt uns schlafen gehen!"

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