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Die Versammlung

Spätherbst 1500

Drei Tage später stand Iveirdne, wie sie es versprochen hatte, neben ihrer Nachbarin Innouye aus dem Vierten Haus auf dem Markt hinter einem Berg von roter, brauner und gelber, nach Fett stinkender nasser Schafswolle und fror. Es war einer jener düsteren, regnerischen Tage, an denen die Kälte selbst die dicksten Umhänge und Stiefel durchdrang, ein Tag, an dem es schwerfiel, sich den Sommer auch nur vorzustellen. Dunkelgraue Wolken zogen von Westen her über die Insel, luden einen Teil ihrer Fracht über Iveirdnes Kopf ab und zogen dann, kaum heller, weiter zum Festland. Die Wirtshäuser waren geschlossen, alle Fahnen hingen auf halbmast. Es war ein schlechter Tag, um etwas zu verkaufen, die Stadtbewohner staksten naß und schlechtgelaunt über den schlammigen Marktplatz, und wenn Iveirdne an Darralyn dachte, der jetzt auf dem Meer mit den eisigen, vollgesogenen Netzen kämpfte, fror sie noch mehr.

Sie hatte ihn seit der Nacht, in der er zu ihr gekommen war, nicht mehr gesehen. Am nächsten Tag war die Bevölkerung der Stadt und der Khyals zum Marktplatz gerufen worden, und der Statthalter alDan, gänzlich ohne Schmuck und gekleidet in ein bodenlanges, besticktes Gewand im ryondrischen Blutrot der Trauer, das sich über seinem Bauch spannte, verkündete ihnen, was alle schon wußten: der König war tot, Soldaten marschierten durch die Stadt, und der Rat der Fürsten war zusammengerufen worden, um über die Zukunft des Reiches zu entscheiden. Einige Leute waren verhaftet worden; alDan kündigte strenge Untersuchungen und harte Strafen für jeden an, der mit ihnen in irgendeiner Weise zu tun hatte.

Die Soldaten mit ihren blutroten Schärpen waren überall, auch heute am Markttag auf dem Platz. Jemand hatte behauptet, der Statthalter habe sogar seine beiden Teleni eingesetzt, um die Stadt ruhig zu halten, aber Iveirdne hatte noch keine von ihnen gesehen und war froh darüber. Doch auch so war die Stadt still. Die Stimmen der Händler, die sonst weithin hörbar schallten, klangen gedämpft. Niemand wußte, welche Worte erlaubt waren und welche nicht, und alle waren jederzeit darauf gefaßt, ihre Ware an sich zu raffen und in den verwinkelten Gassen zu verschwinden. Die Stadtbewohner hasteten von einem Stand zum nächsten, und niemand hatte Lust, zu feilschen. Es war kein guter Tag für den Markt. Nur vier Käufer hatten sich bis zu Innouyes Karren verlaufen, und Iveirdne hatte viel Zeit gehabt, nutzlos herumzustehen und über den Platz dorthin zu spähen, wo sonst die Fischhändler ihre Stände hatten. Heute war dort niemand außer dem einarmigen Jeran, der geräucherte Trugfische anbot.

Innouye verabschiedete sich von ihrer Standnachbarin und duckte sich unter der Leinwand durch zu Iveirdne. Mit blaugefrorener Hand strich sie sich eine nasse Strähne aus der Stirn. "Es hat keinen Sinn, Iv. Laß uns zusammenpacken. Den halben Tag stehen wir schon hier und haben fast nichts verkauft, mir reicht´s."

Iveirdne nickte. Mit raschen Handgriffen packten sie die Wolle zusammen, schlugen die Plane zurück und deckten den Wagen damit ab. Als sie den Platz verließen, blickte Iveirdne sich noch einmal um. Einige andere Händler befolgten schon ihr Beispiel und räumten ihre Stände ab.

"Wenn dies ein gewöhnlicher Tag wäre, könnten sich die Wirtshäuser heute vor Kundschaft nicht retten", bemerkte sie.

Innouye zerrte den Wagen durch eine schlammige Pfütze. "Ist es aber nicht. Hast du gehört, was die Händler sagen - daß es Krieg geben wird?"

"Ich glaube nicht daran. Das sagen sie immer, nur um die Preise hochzutreiben."

Langsam zogen sie den Wagen die holprige Färberstraße entlang. Der Regen war eiskalt, und es wurde bereits dunkel. Sie stapften nebeneinander her, die Köpfe tief zwischen die Schultern gezogen. Ein kalter Wind wehte den Geruch von vergorenem Schwarzkrautsaft zu ihnen hin.

"He! Anhalten, da drüben! Weg von dem Wagen!"

Ein scharfer Ruf, eine ryondrische Stimme.

Sie zuckten beide zusammen, stemmten die Füße in den Schlamm und schauten sich erschrocken um. Ein Trupp Soldaten stapfte auf sie zu. Iveirdnes Magen krampfte sich zusammen. Sie warf Innouye einen Blick zu und fand ihre eigene Furcht gespiegelt. Sie ließen die Deichsel des Wagens los und wichen zurück an eine Hauswand. Die Leute auf der Straße waren plötzlich alle verschwunden.

Der Anführer des Trupps blieb neben ihnen stehen. "Was ist in dem Wagen?"

"Wolle", sagte Innouye.

"Ah ja?" Er wandte sich von ihnen ab. "Durchsuchen."

Innouye stieß einen Schrei aus. "Nein!"

Niemand beachtete sie. Die Soldaten zerrten die Plane zurück und begannen im Wagen herumzuwühlen. Ein Schwall bunter Knäuel ergoß sich auf die Straße, in den Schlamm. Innouye wollte zu ihnen hinstürzen, aber Iveirdne sah den Blick in den Augen des Hauptmanns und zerrte sie zurück. Sie waren schon öfter durchsucht worden, aber nie mit so tödlichem Ernst.

Endlich ließen die Soldaten von dem Wagen ab. "Nichts zu finden, é paran", sagte einer.

Der Hauptmann nickte. "Abziehen."

Ohne einen einzigen Blick auf die beiden Iunierinnen stapfte er davon. Der Trupp folgte ihm.

Die vorher sorgfältig aufgerollten und gestapelten Wollknäuel waren ein wirres Durcheinander im Schlamm. Iveirdne ließ Innouye los, und sie fingen an, die ruinierte Wolle einzusammeln. Innouye zischte kardische Flüche vor sich hin, Iveirdne schwieg. Es gab nichts zu sagen; sie konnten sich nicht einmal beschweren. Aber sie fragte sich, was die Soldaten zu finden gehofft hatten. Vielleicht hatte der paran ihnen nur wieder einmal beweisen wollen, daß sie keine Rechte hatten. Als ob sie das nicht schon wüßten.

Andererseits war der König ermordet worden. Iveirdne konnte sich nicht vorstellen, daß es dabei irgendeine Verbindung nach Iunis gab. Aber vielleicht versuchte jemand, eine solche Verbindung zu finden.

Stumm stopften sie die Plane wieder fest und zogen den Wagen weiter, die Straße hinunter und durch das Stadttor. Sie blickten sich nicht nach den Torwachen um, aber Iveirdne spürte die Blicke im Rücken, kälter als den Regen und lastender als das Gewicht, das sie zog.

Sie zerrten den Wagen über die Brücke, die zu den Khyals führte. Als Iveirdne den Hang hinaufspähte und im grauen Dämmerlicht die breiten, erdnahen, rietgedeckten Dächer vor sich sah, atmete sie tief ein vor Erleichterung. Hier waren sie sicher. Sie schleuderte die nassen blonden Strähnen nach hinten und schritt schneller aus.

Auf dem Platz zwischen den Khyals hielt Innouye den Wagen an. "Den Rest mach ich allein. Danke für deine Hilfe." Eine Pause. "Und daß du mich zurückgehalten hast."

"Soll ich dir nicht beim Waschen helfen?"

"Nein." Es klang ziemlich barsch, aber ungewöhnlich zurückhaltend für Innouye. Es klang, als sei sie kurz davor, in Tränen auszubrechen. "Ich schaffe das schon. Bis später."

"Also gut. Ich könnte dir einen Tee -"

"Nein! Ich brauche nichts!"

Iveirdne schwieg. Der Gedanke, Innouye jetzt alleinzulassen, gefiel ihr nicht. Aber ihre Nachbarin drehte sich von ihr weg und zog den Wagen unter das Vordach ihres Hauses, und dann stürzte sie ins Haus und warf die Tür hinter sich zu.

Iveirdne ging nach Hause und zog sich um. Sie steckte ihre schlammigen, verdreckten Kleider in den Zuber, weichte sie in kaltem Wasser ein, zündete das Feuer im Ofen an und setzte einen weiteren Topf Wasser auf. Dann trat sie zum Regal und nahm die Möwe herunter. Beim Anblick der offenen Schwingen hatte sie gestern noch gedacht, diese Schnitzerei sei ein Symbol für Iunis in diesen Tagen: bereit, die gewohnte schwere Erde zu verlassen und in eine unbekannte Welt, ein neues Leben aufzusteigen. Aber jetzt sah sie nur die für immer an den Boden gefesselten Füße. Sie hockte sich auf den Schemel, setzte ihr Messer an und begann die rauhen Linien des Kopfes zu glätten, während sie über den Vorfall nachdachte.

Es war schlimm genug, daß von der bunten Wolle am Ende nichts übriggeblieben war als schlammtriefendes Garn, das nun mühsam gewaschen, getrocknet und wieder aufgewickelt werden mußte. Aber wenigstens hatte man ihnen den Wagen gelassen, und sie waren auch nicht verhaftet worden. Aber der Gedanke an eine Verhaftung war das, was Iveirdne wirklich Angst machte, denn genau das hatte in den Augen des Hauptmanns gestanden, als Innouye aufbegehren wollte.

Nur zu. Beschwer dich. Fordere mich heraus, du kardisches Stück Dreck.

Es gab Momente, in denen man sich wehren konnte, in denen die Soldaten über Geschrei und Gezeter nur lachten. Dies war keiner davon gewesen. Auf dem Festland hatte jemand einen Stein in einen Teich geworfen, und die ersten Wellen hatten jetzt Iunis erreicht. Der brüchige Friede, der seit fünf Jahren über der Insel lag, zitterte und zeigte den ersten Riß.

Was hatten sie gesucht? Einen Beweis, daß die Mörder des Königs aus den Khyals von Lenangeh kamen? Waffen? Magische Waffen, die ein Heer von Teleni auslöschen konnten? Oder hatten sie einfach nur zu verstehen gegeben, daß die Zeit beiläufiger Belästigungen vorbei war und etwas viel Bösartigeres anfing?

Das Wasser auf dem Ofen kochte. Iveirdne legte die Möwe und ihr Schnitzmesser auf den Tisch, stand auf und goß das heiße Wasser in den Zuber. Sie holte ein Stück Seife und fing an, den Dreck aus ihren Kleidern zu schrubben.

Sie war eine Iunierin, die Tochter eines Korbflechters und einer Hebamme, die im Ersten Khyal gelebt hatte, einer Schwester von Ralol. Seit frühester Kindheit hatte sie gelernt, daß es verschiedene Arten von Menschen gab: solche, die befahlen, und andere, die gehorchten. Iveirdne und ihr Volk gehörten zu denen, die sich duckten. Die Soldaten, die meisten Händler und die ryondrischen Adligen, die in einzelnstehenden viereckigen Häusern lebten und mit einem Wort, einer Handbewegung über Leben und Tod von Menschen bestimmten, gehörten zu denjenigen, die das Glück hatten, auf dem Festland geboren zu sein und nicht auf einem Haufen Klippen im westlichen Meer.

Als kleines Mädchen hatte sie dieses Festland, von dem sie nicht mehr wußte, als daß es tausendmal größer war als Iunis und daß dort seltsame, herrliche Geschöpfe in immerwährendem Sommer wandelten, sehnlichst zu sehen gewünscht; mit den Jahren jedoch - und mit zunehmender Bitterkeit - hatte sie begriffen, daß diese Welt nicht für sie bestimmt war.

Als Iunierin unterschied sie sich schon äußerlich von den zierlichen, unauffälligen Ryondari und den hochgewachsenen Anturiern, da die Iunier einem anderen Volk angehörten: den Kardian, die schon vor Jahrtausenden von der Westküste aus das Meer befahren hatten. Sie waren gedrungen und breitschultrig, mit heller Haut und störrischen, fahlblonden Haaren, die sie kurzschnitten oder zu einem festen Zopf flochten; ihre schrägstehenden Augen waren von einem sehr hellen grünlichen oder bräunlichen Grau. Sie waren schweigsam und widerspenstig, mißtrauisch gegen Fremde, und ihr Mangel an Neugier wurde nur noch von der Sturheit übertroffen, mit der sie an Gesetzen und Traditionen festhielten, deren Sinn und Ursprung sie längst vergessen hatten. Ihre Sprache, das Kardoi, war seit hundert Jahren verboten, aber Eltern brachten sie ihren Kindern heimlich bei, und jeder wußte, daß in den Khyals nichts anderes gesprochen wurde. Um die Sprache auszurotten, hätte man die Hälfte der Bewohner der vier Städte mit ihr ausrotten müssen.

Mit sechs Jahren hatte Iveirdne ihren ersten Hungerwinter erlebt, in dem die Menschen wie die Fliegen starben. In jedem Haus der Stadt, in jedem Khyal hatte es Tote gegeben. Danach hatte sie nicht mehr vom Festland geträumt, sondern von ihrem unterdrückten Volk, das die grausamen Herrscher für alle Zeiten von der Insel vertrieb. Später hatte sie Necharda geheiratet und sich um ihre Arbeit gekümmert, aber nach seinem Tod hatte sie sich an ihren Traum erinnert und begonnen, den leisen, zornigen Gesprächen in der Schenke "Zum Hafen" zuzuhören, die sie vorher nicht beachtet hatte. Diese Schenke stand nicht am Hafen, sondern ein gutes Stück darüber auf der grasbewachsenen Steilküste, von wo aus man nicht nur weit über das Meer schauen konnte, sondern auch einen guten Blick auf die Stadt hatte und rechtzeitig verschwinden konnte, wenn unten auf der Straße Soldaten in Sicht kamen.

Dort hatte ihr der Gastwirt Talien amAlkeh die Geschichte der Unterwerfung durch die ryondrische Königin Maratha erzählt und so ihren bis dahin blind tastenden Geist auf eine klare Spur gesetzt. Sie kannte jetzt ihren wahren Feind. Es waren nicht die entsetzlichen Teleni, auch nicht die Soldaten, so brutal sie auch sein mochten; es war nicht einmal der Statthalter, der sein eigenes Volk quälte und bestahl, und es waren nicht die goldgeschmückten Adligen in ihren Palästen, gegen die sie kämpfen mußte - es war einzig und allein der König im fernen Arithia, der für sie nicht mehr war als ein Name, ein gesichtsloser Schatten auf einem edelsteinverzierten Thron. Es war der König, der Iunis in der Hand hielt, er allein.

Sie wußte wenig von der Geschichte der ryondrischen Könige, kannte nur einige Namen aus Liedern und Erzählungen: Elgerion Meret, den ersten der Könige, den Fremden aus einem fremden Land, der die Drachen aus der Gedankensklaverei befreit und die Fürstentümer unterworfen hatte. Ivor, den Gesetzgeber. Maratha, die vor vierhundert Jahren mit ihrer Flotte über Iunis hergefallen war wie eine wütende Wölfin mit ihrem Rudel. Taliris, die Feuerkönigin. Deren Sohn Corellan, der Hunderte Iunier wahllos zum Hungertod oder zur Sklavenarbeit in den Steinbrüchen verurteilt hatte. Aber jetzt war Corellan tot, ermordet nach elfjähriger Herrschaft, und sein ältester Sohn Argon würde seine Nachfolge antreten. Selbst in Iunis hatte man das Gerücht gehört, daß zwischen Vater und Sohn Todfeindschaft geherrscht hatte. Konnten sie daraus nicht irgendeinen Nutzen ziehen? Irgend etwas tun, das die Dinge veränderte ? Um Gnade würden sie nicht bitten können, aber vielleicht um Gerechtigkeit?

Dämliche Kuh, dachte sie. Die Gerechtigkeit des Kronprinzen hast du doch heute schon am eigenen Leib erlebt.

Ein Klopfen riß sie aus ihren Gedanken. Sie trocknete ihre Hände am Rock ab und ging zur Tür.

Draußen stand Barra niPlent, der Schuhmacher aus dem dritten Haus des zweiten Khyal. Er war ein gedrungener, häßlicher Mann mit sanften, traurigen Augen, langen Armen und krummen Beinen, der allein in seinem Haus lebte, seit seine Schwester die Insel verlassen hatte, um Musikantin zu werden. Einmal hatte er versucht, ihr nachzureisen, um sie nach Hause zu holen. Am Hafen hatten ihn die Wachen des Statthalters festgenommen und ins Gefängnis gebracht. Dort zerschlugen sie ihm beide Hände und die Nase und rieten ihm, sich nie wieder in der Nähe der Schiffe blicken zu lassen. Er hielt sich an das Verbot, obwohl er es nicht begriff, aber von da an war er in den Wirtshäusern an den Tischen zu finden, wo die leisen Gespräche geführt wurden.

"Innouye sagte, daß der Tag schlecht war. Ich gehe zu Talien. Kommst du mit?"

Iveirdne zögerte, dann nickte sie. "Laß mich nur gerade die Wäsche aufhängen." Talien bekam sein Bier und seine Neuigkeiten von den Händlern jede Woche aus Tair Fi. Wenn sich Veränderungen ankündigten, war er immer der erste, der davon erfuhr. Rasch wrang sie ihre Kleider aus, hängte sie auf, holte ihren Umhang und verließ mit Barra das Haus.

Auf dem Weg in die Stadt sprachen sie wenig. Barra war nie besonders gesprächig gewesen, und seit seinem Aufenthalt im Stadtgefängnis war er noch wortkarger geworden. Iveirdne fragte sich, ob Darralyn schon vom Meer zurückgekommen war. Vielleicht traf sie ihn am Hafen.

Der Fischerhafen von Lenangeh war nur ein schmaler Einschnitt zwischen den Felsen. Ein Buckel aus grasbewachsenem Fels trennte ihn vom Handelshafen der Stadt, wo die großen Schiffe in tiefem Wasser ankerten. Die Fischerboote lagen auf dem Schlamm, den die Ebbe zurückgelassen hatte. Darralyns Boot, die Gischt, lag an ihrem Ankerplatz dicht neben der südlichen Hafenmauer, aber er selber war nicht zu sehen. Ein paar Möwen trippelten über den Schlamm und hackten nach Würmern; hin und wieder flog eine dicht über den Grund dahin und landete ein Stück weiter, wo sie die Flügel faltete und sich so erwartungsvoll umschaute, als hoffte sie, beobachtet worden zu sein.

Iveirdne mochte die Möwen. Sie waren laut und dreist; es gab nichts, das sie einschüchterte. Nicht einmal der Sturm konnte sie am Boden halten. Sie hoffte, daß ihre hölzerne Möwe diesen wilden Geist spiegelte, aber sie war noch nicht sicher, ob es ihr gelingen würde.

"Schlechte Fahrt heute", sagte Barra unvermittelt.

Sie drehte sich um. Er wies mit der Hand auf ein kleines Boot, das auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens auf den flachen Kiesstrand gezogen worden war. Im Bug klaffte ein großes, gesplittertes Loch.

"Die Möwe", sagte Barra. "Gehört dem Haus niDolan. Ist wohl auf die Klippen gelaufen. Hatte Glück, daß sie nicht gesunken ist."

Iveirdne zog ihr Tuch enger um die Schultern. Der Name des kleinen Unglücksbootes schien ihre Gedanken zu verhöhnen. Abrupt wandte sie sich ab und stieg den schmalen Steinweg hinauf, der zwischen windzerzaustem, scharfkantigem Gras zur Schenke führte. Barra folgte ihr.

Die Tür des niedrigen grauen Hauses war geschlossen. Der Wind pfiff um die Ecke und schlug Iveirdnes Rock um ihre Beine. Sie schaute sich nach Barra um, dann drückte sie die Tür auf und trat ein. Gleich darauf riß der Wind ihr die Tür aus der Hand und schmetterte sie gegen die Mauer. Sie zerrte sie hinter sich und dem stämmigen Schuhmacher ins Schloß und sperrte den Wind aus.

Eigentlich erwartete sie eine spöttische Bemerkung, aber die Leute in dem finsteren Raum blieben still. Iveirdne drehte sich um und erkannte im Halbdunkel die Gesichter der Fischer aus der Stadt: Ralak, Dolron, Darev und ein paar andere. Auch ein paar Khyalen waren da: Ronard amAlkeh, der Korbflechter, Laron alChevrat, Loks Gehilfe in der Stellmacherei, und Jorn cunMalkeh, der Heiler aus dem Vierten Khyal. Nur eine Frau hockte in der Runde: Kireve, Taliens Schwester, eine Küchenfrau im Dienst des Händlers Celiphas amTarn. Darralyn stand am Tresen und ließ sich gerade von Talien ein Bier schöpfen. Er drehte sich um, als er Iveirdne eintreten hörte, und lächelte ihr zu. Neben ihm standen zwei Soldaten der Stadtwache... das erklärte das Schweigen. Sie lehnten ruhig am Tresen und betrachteten die Iunier; jetzt schauten sie zur Tür und musterten die Neuankömmlinge. Iveirdne zögerte; am liebsten hätte sie gleich wieder kehrtgemacht. Aber Barra stapfte zu den Khyalen hin, und so folgte sie ihm.

Ronard und Jorn rückten zur Seite, und sie zwängten sich auf die Bank. Darralyn kam zum Tisch und brachte drei Becher Bier mit. Barra griff danach, als hätte er eine Woche ohne Vorräte auf dem Meer zugebracht. Iveirdne trank langsamer und horchte auf die leise Unterhaltung an den Tischen. Offenbar waren die Fischer erst vor kurzer Zeit vom Meer gekommen; die Gespräche drehten sich um den Unfall der Möwe, den man verdammen konnte, ohne sich verdächtig zu machen.

"... hatte ihm gesagt, er soll mit dem Wind aufpassen. Weiß doch jeder, daß der an den Klippen dauernd umspringt."

"Vergiß es. Der hört dir nicht zu, wenn du was sagst. Weiß alles besser."

"Ja, Meriels Scheiße, bloß der Fang ist weg, und das Boot fällt für mindestens eine Woche aus. Wie sollen wir das schaffen?"

"Wird schon gehen. Wir nehmen eben ein paar von den Jungen mit raus. He, Laron! Du fährst morgen mit, aye?"

Der Junge zögerte. "Lok braucht mich bei den Wagen."

"Vergiß die Wagen!" grunzte einer der Fischer. "Wir müssen die halbe Stadt versorgen, Befehl des Statthalters -" Er brach ab, aber die in iunischen Erwähnungen des Statthalters übliche Ergänzung "- möge Meriel ihn verrotten lassen!" schwang dennoch in seinem Ton mit.

"Was war denn?" fragte Iveirdne Darralyn.

Er zuckte die Achseln. "Tuvo niDolan hat sein Boot geradewegs in die Klippen gesegelt und seinen Fang verloren, und wir müssen bis zum Ende der Woche noch zwei Tonnen für die Trockenspeicher fangen. Das wird knapp. Tuvo ist ein Idiot. Und wie war es auf dem Markt?"

Sie senkte die Stimme. "Sie haben unseren Wagen durchsucht und die ganze Wolle in den Schlamm geworfen."

Er zog eine Augenbraue hoch. "Warum das denn?"

"Vielleicht dachen sie, wir hätten irgendwelche Mörder vom Tharpaß unter der Wolle versteckt."

Er verzog den Mund. "Also ein rundum erfolgreicher Tag. Willst du lange hierbleiben?"

Sie blickte zu den Soldaten hin. "Ganz sicher nicht."

Er folgte ihrem Blick. Die beiden Männer, ein hochgewachsener Anturier und ein kleinerer, schlanker Ryondari, redeten leise miteinander. Hin und wieder streiften ihre Blicke die Gäste der Schenke, drückten jedoch nicht mehr als das übliche Mißtrauen aus. Also stand eine Verhaftung nicht unmittelbar bevor. Als der Ryondari zu Iveirdne hinschaute, blickte sie rasch zur Seite. Eine unerfreuliche Begegnung am Tag reichte ihr.

Eine Weile hockten sie schweigend am Tisch und horchten auf den Wind, der an den Fensterläden rüttelte. Als die Fischer am Nebentisch darüber zu streiten begannen, welcher dämliche Idiot diesem Trottel Tuvo niDolan gesagt hatte, er solle auf die verdammten Felsen fahren, warf Talien sie hinaus. Schimpfend und murrend zogen sie ab und dämpften ihre Stimmen nur, als sie an den beiden Soldaten vorbeistapften; draußen wurden sie lauter. Die Soldaten wechselten einen kurzen Blick, musterten kurz die übriggebliebenen Khyalen und gingen den Fischern nach.

Als sie die Tür hinter sich schlossen, gab jemand ein leises Seufzen von sich, und alle atmeten erst einmal auf. "Bastarde!" zischte Ronard leise.

Talien begann die leeren Bierkrüge abzuräumen. "Kahat", sagte er mürrisch. "Den halben Tag haben sie hier herumgelungert und mir das Geschäft verdorben. Als gäb´s hier irgendwas zu beobachten... möchte nur wissen, wer mir die auf den Hals gehetzt hat." Er ging in die Küche und kam mit einer Schüssel getrockneter Weintrauben zurück, die er vor seine Gäste auf den Tisch stellte. "Hier, bedient euch."

Iveirdne lehnte sich an Darralyn, und er legte seinen Arm um sie. "Gibt es schon etwas Neues aus Ryondar?" fragte sie.

"Worüber?" fragte Ronard.

"Meriel Wanderer, Ronard!" Kireve schüttelte den Kopf. "Hast du vielleicht vergessen, daß der König ermordet worden ist?"

"Überhaupt nicht", sagte er. "Deswegen hocken wir ja hier im Dunkeln und frieren uns den Arsch ab, und auf meinem Bier ist Eis."

"Das ist Schaum, du Schilfkopp", sagte Talien und setzte sich zu ihnen. "Was soll ich machen? Und könnt ihr vielleicht ein bißchen leiser reden? So weit weg sind sie noch nicht, daß ihr hier sofort anfangen könnt, lästerliche Reden zu führen."

Schuldbewußt dämpften sie ihre Stimmen. "Hast du denn irgend etwas erfahren?" fragte Iveirdne.

Talien zuckte die Achseln. "Nicht viel. Die Übernahme ist in vier Wochen, Anfang Mutas. Aus dem ganzen Land kommen Fürsten und Barone und Herzöge in die Hauptstadt. Meriel, das wird ein Geschäft! Was gäbe ich darum, in Arithia zu leben! Warum hocke ich bloß in diesem elenden Fischerkaff am Ende der Welt!"

"Weil du kardian bist und deshalb nichts Besseres erwarten kannst", sagte Kireve bissig. "Unsereins bekommt ein Leben lang keine Fürsten und Herzöge zu Gesicht, das kannst du mir glauben."

"Danke", sagte Talien mürrisch. "Genau das, was ich hören wollte. Sag mal, Iveirdne", fragte er unvermittelt, "was ist das eigentlich für eine Geschichte über ein Mädchen, das du in die Khyals gebracht hast?"

Iveirdne zögerte. Sie hatte den Gedanken an die Fremde verdrängt und gehofft, daß ihre Ankunft in der Aufregung über den Tod des Königs unterging. Aber leider war es unmöglich, irgend etwas vor Talien geheimzuhalten. Sie antwortete ausweichend: "Was soll mit ihr sein? Ich habe sie im strömenden Regen draußen unter einer Treppe gefunden; ich konnte sie ja kaum dort lassen. Sie redet kaum. Wir denken, sie ist verrückt."

"Du hättest sie zur Stadtwache bringen müssen."

Sie biß sich auf die Lippen. "Ich bringe nicht einmal einen toten Hund zur Stadtwache."

"Ah. Was willst du denn mit ihr anfangen? Ist sie bei Marlil? Oder bei Innouye?"

"Nein. Die Kinder hatten Angst vor ihr, und Innouye wollte sie nicht haben. Sie ist bei Lok."

"Da ist sie gut aufgehoben." Kireve nahm sich eine Handvoll Trauben aus der Schüssel und nickte beifällig. "Lok sammelt ja alles, was streunt."

"Er sagt, sie heißt Relaile", warf Barra plötzlich ein.

Die anderen blickten auf. "Ach?" sagte Talien. "Und woher will er das wissen? Ich dachte, sie spricht nicht?"

Barra zuckte die Achseln. "Du kennst doch Lok. Ich wette, er hat sich vor ihr aufgebaut und so lange sämtliche Namen aufgezählt, die ihm einfielen, bis sie endlich bei irgendeinem genickt hat, bloß damit er endlich Ruhe gibt."

"Also Relaile", sagte Darralyn. "Ein hübscher Name, nicht? Selten und alt. Doch, gefällt mir. Jetzt fehlt nur noch das Haus."

"Das kann doch nicht weiter schwer sein", sagte Talien. "Macht es genauso - malt ihr einfach die Hauszeichen auf. Irgendeins wird sie schon wiedererkennen."

Iveirdne sagte nichts. Sie und Marlil hatten den anderen bisher verschwiegen, was das Mädchen gesagt hatte, und ihr war mit jedem Tag unbehaglicher dabei zumute. Aber sie wußte nicht, was sie tun sollte.

"Was habt ihr mit ihr vor?" fragte Kireve neugierig.

Iveirdne zögerte. Zu ihrer Überraschung sprang Jorn, der sich bisher zurückgehalten hatte, in die Bresche. "Wir behalten sie bei uns, bis wir wissen, woher sie kommt. Wir füttern sie ein bißchen heraus, sie ist knochendünn. Danach bringen wir sie nach Hause... wo immer das ist."

"Wie alt ist sie?" fragte Talien.

"Keine Ahnung", sagte Jorn. "Vielleicht sechzehn, siebzehn... weiß es wohl selbst nicht."

"Sie ist hübsch", warf Laron scheu ein und wurde rot, als die anderen sich nach ihm umdrehten. Aber Barra schüttelte ernst den Kopf. "Hübsch oder nicht hübsch, jung oder alt - völlig gleich. Sie ist verrückt. Ich weiß nicht, was ihr zugestoßen ist, aber bei uns ist sie besser aufgehoben als irgendwo in der Wildnis. Oder in der Stadt."

"Und wenn sie irgendwo weggelaufen ist?" sagte Talien. "Dann müßt ihr sie zurückbringen, und zwar schnell. Oder wenn sie etwas gestohlen hat? Ihr könnt mächtigen Ärger bekommen; alDan mag euch noch weniger als mich."

Sie schwiegen. Iveirdne starrte in ihren leeren Bierkrug. Laron aß, ohne es zu bemerken, alle Trauben auf. Nach einer Weile sagte Darralyn ruhig: "Ich denke nicht, daß wir sie zurückbringen werden."

"Und wenn sie -", begann Kireve, aber Iveirdne blickte auf und unterbrach sie. "Wir werden schon herausfinden, was sie ist. Jetzt würde ich lieber wissen, ob du noch etwas über den König gehört hast, Talien."

Talien seufzte. "Gerüchte. Gerüchte wie Möwendreck, sonst nichts. Und ich hab´ mich gehütet, zu neugierig herumzufragen. Ich habe keine Lust, die Soldaten von morgens bis nachts hier zu haben."

"Über zweihundert haben sie uns hergeschickt, habe ich gehört", sagte Ronard.

"Quatsch!" sagte Kireve. "Fünfzig oder sechzig, nicht mehr!"

"Ganz gleich, wie viele es sind", sagte Jorn bedächtig. "Besser ist es, ihnen aus dem Weg zu gehen."

Ronard spuckte aus und knurrte: "Und was haben sie hier zu suchen? Das stinkt, sage ich euch! Was haben wir denn mit dem Mord zu schaffen? Warum fragt sich keiner, warum der Kronprinz überhaupt nach Hause gekommen ist; gerade rechtzeitig, um -"

"Still, du Narr!" zischte Kireve.

Auch Talien knurrte. "Hör auf damit! In meinem Haus dulde ich kein solches Gerede!"

Ronard lehnte sich zurück, stellte den Becher auf sein linkes Knie und versuchte, ihn im Gleichgewicht zu halten. "Bah, die Soldaten sind weit weg."

"Gerade eben waren noch zwei hier, die dich gerne mitgenommen hätten, du verdammter Dummkopf", gab der Gastwirt zurück, "und sie können jederzeit zurückkommen und es auch tun. Wenn du das, was du zu sagen hast, nicht auch öffentlich auf dem Marktplatz sagen kannst, dann halt lieber den Mund!"

Ronard starrte ihn wütend an, wandte dann den Kopf ab und murmelte finster: "Lang lebe der Kronprinz." Im nächsten Moment fiel der Becher auf seinem Knie um, und das Bier ergoß sich über seine Hose und seinen Kittel. Mit einem wüsten Fluch sprang er auf, und der Becher fiel herunter und zerplatzte auf dem Steinboden.

Die Männer lachten ihn aus, tranken ihr Bier und rissen Witze über seine nasse Hose. Iveirdne lachte ebenfalls, aber das Gespräch hatte ein unbehagliches Gefühl bei ihr hinterlassen, eine Mischung aus Furcht und Verärgerung, die sie sich nicht recht erklären konnte. Was konnten sie schon unternehmen? Jede noch so geringe Veränderung des Machtgefüges erschütterte das Reich, und der Tod eines Königs zerschlug alles, was gewesen war - aber die Bewohner der heiligen Insel Iunis taten nichts anderes, als zu reden, zu streiten und Bier zu trinken. Aber was sonst konnten sie tun?

Sie stellte ihren Becher ab und stand auf. "Ich gehe", sagte sie und nickte Talien zu. "Bis bald."

"Was?" rief Ronard, der gerade dabei war, seine Hose auszuziehen. "Gerade jetzt, wo es spannend wird?"

Sie nahm ihr Tuch von der Bank und schlang es sich um die Schultern. "Du hast nichts, was andere Männer nicht auch haben und was ich nicht schon am See gesehen hätte."

Darralyn stellte seinen Becher ab und stand ebenfalls auf.

"Na", sagte Talien anzüglich, "auf schöne Anblicke mußt du dann heute nacht wohl auch nicht verzichten."

"Nur kein Neid", sagte Darralyn behaglich. Im Gelächter der Männer gingen sie zur Tür.

Kireve folgte ihnen. "Ich lasse euch raus. Die werden jetzt ohnehin nur noch saufen."

Sie sperrte die Tür auf, ließ Iveirdne und Darralyn hindurch und zog die Tür hinter sich ins Schloß. Das Grölen blieb hinter ihnen zurück, als der Wind sie ansprang.

"Schöne Helden sind wir", sagte Kireve, und der Wind wischte ihr die leisen Worte vom Mund. "Saufen und reden, aber vorhin, als die Soldaten da waren, haben wir nicht einmal zu piepsen gewagt."

"So etwas Ähnliches habe ich auch eben gedacht." Iveirdne zog den Umhang um sich zusammen und hielt sich in Darralyns Windschatten. "Da ändert sich rings um uns die Welt, aber wir tun einfach überhaupt nichts."

Darralyn legte seinen Arm um sie, blickte über die graue Bucht aufs Meer hinaus und schwieg.

"Was können wir schon tun?" fragte Kireve. "Besser, wenigstens von Widerstand zu reden, als einem Dichaneh alDan einzugestehen, daß er gesiegt hat." In der Dämmerung waren ihre Augen blaß und traurig. "Laß uns den Traum."

"Hat iské amTarn etwas über den König gesagt?" fragte Iveirdne. Dann fiel ihr etwas anderes ein. "Hat er dir gesagt, daß er mir jetzt neun skiim im Monat bezahlen will? Hast du ihm von mir erzählt?"

Kireve lächelte. "Er ist ein guter Mensch. Ich bin froh, daß er dir mehr gibt, du hast es schon lange verdient."

"Hast du gehört?" Iveirdne blickte zu Darralyn hin. "Neun skiim!"

"Ich habe es gehört." Auch er lächelte jetzt. "Reiche Frau. Du wirst noch in den Stadtrat gewählt."

Sie lachten. Dann fuhr Kireve fröstelnd zusammen. "Ist das kalt! Ich gehe lieber wieder rein. Guten Heimweg euch beiden!"

Sie verabschiedeten sich und stiegen gemeinsam den Steinweg hinunter zum Hafen. Erst auf halbem Weg merkte Iveirdne, daß Kireve ihre Frage nicht beantwortet hatte.

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"Sie ist wieder da", sagte Kireve.

Celiphas amTarn und Erilde blickten von den Schriftrollen auf, deren Einträge sie verglichen hatten. "Wer?" fragte Erilde.

"Relaile."

Der Händler und die Schreiberin tauschten einen raschen Blick.

"Damit war ja zu rechnen", sagte Erilde.

"Wo ist sie?" fragte Celiphas.

"Bei den Khyalen. Iveirdne niBerlot hat sie gefunden. Lok cunKavrin hat sie aufgenommen, aber sie sind alle nicht glücklich darüber. Sie halten sie für verrückt."

Der alte Mann nickte. "Woher sollen sie es auch wissen? Selbst für uns war es schwierig, die Wahrheit zu glauben."

"Hat sie den Kelch?" fragte Erilde gespannt.

"Sie haben nichts über einen Kelch gesagt. Aber sie muß ihn haben, sonst wäre sie nicht hier."

Eine Weile herrschte Stille, während Celiphas überlegte. Die beiden Frauen warteten.

"Also gut", sagte der alte Mann endlich. "Wir haben lange genug abseits gestanden. Diesmal werden wir uns einmischen. Bitte sagt Lathar Bescheid, daß ich sie heute abend zusammen mit meinem Neffen an Bord der Sturmbezwingerin besuchen werde."

v

Gegen Morgen erwachte Iveirdne von einer plötzlichen Kälte. Sie öffnete halb die Augen und sah, daß Darralyn neben dem Lager stand und sich anzog. Schlaftrunken richtete sie sich halb auf und erschauerte, als die Luft ihre nackte Haut traf. Sie zog die Decken um sich zusammen. "Ist es... schon so spät?"

"Schlaf weiter", sagte er halblaut. "Ich muß los. Sie warten auf mich."

"Geh nicht", murmelte sie, aber die Müdigkeit griff bereits wieder nach ihr und zog sie in die Tiefe.

Als sie wieder aufwachte, war er fort, und das graue Tageslicht sickerte durch die Fensterschlitze, während von draußen der Hornruf die fünfte Stunde ankündigte.

Steif und schlechtgelaunt stand sie auf und zog sich an. Sie haßte solche Tage, an denen von der Wärme der Nacht nichts blieb als eine Erinnerung. Lustlos nagte sie an einem Rest Brot und trank heißen, salzigen Tee, dann fütterte sie die Kaninchen, räumte ihr Haus auf und untersuchte ihre Kräutervorräte. Das Eiskraut, mit dem sie Schmerzen bei der Frauenblutung linderte, war fast aufgebraucht. Sie hüllte sich in ihren räudigen Winterpelz und ging in ihren Garten. An der Mauer stand das Eiskraut mannshoch. Sie schnitt einige Büschel ab, sie splitterten unter ihren Händen.

"Iveirdne?"

Sie richtete sich auf und drehte sich um.

An der Ostseite ihres Gartens, der an Marlils Ziegenwiese grenzte, stand Kaan, Marlils Mann. Er war nur ein wenig älter als Marlil, aber seine Haare waren schon fast weiß. Er war freundlich und umgänglich und hatte früher häufig einen Streit zwischen Iveirdne und Necharda schlichten müssen. Er war der einzige, auf den Necharda gehört hatte, und vielleicht war er sein einziger Freund gewesen.

"Möchtest du ein bißchen herüberkommen?" fragte er.

Es klang wie eine ganz gewöhnliche Einladung, aber in seiner Stimme lag noch mehr. Iveirdne zog die Brauen zusammen und betrachtete ihn forschend. Er wirkte eindeutig besorgt.

"Was ist los?" fragte sie.

"Wir sind bei Lok", sagte er. "Wir dachten uns... du würdest gern dabeisein."

Also war es soweit. Sie wischte die kalten Hände an ihrem Rock ab und versuchte Zeit zu gewinnen. "Irgendwas Besonderes?"

"Nein, das heißt... ja, eigentlich doch. Marlil hat etwas geträumt."

Sie verschwendete keine weitere Zeit mit Fragen. "Ich komme."

Er kehrte in sein eigenes Haus zurück. Iveirdne brachte das Eiskraut in die Küche und hängte die Büschel zum Trocknen auf. Als sie den Innenhof betrat, wartete Kaan bereits auf sie.

Gemeinsam gingen sie zum ersten Haus hinüber. Iveirdne war neugierig und beunruhigt. Es war etwas Seltsames an Marlils Träumen. Gewöhnlich träumte sie nichts Besonderes. Aber manchmal waren ihre Träume... anders. Manchmal schienen sie Geschehnisse anzukündigen. In Marlils Kindheit hatte niemand weiter darauf geachtet, doch als sie erwachsen wurde, waren die Träume stärker und klarer geworden, und die Khyalen hatten gelernt, darauf zu hören. Wenn sie von Stürmen träumte, war es besser für die Fischer, nicht hinauszufahren; wenn sie von Maden und Fäulnis träumte, wußten die Arbeiter, daß die Weinlese in diesem Jahr keinen Anlaß für ein Fest geben würde; und sie hatte von den Hungerwintern geträumt. Manchmal träumte sie auch von guten Dingen: wo die Fischer einen besonders reichen Fang machen konnten oder wann die beste Zeit zur Aussaat war; viel häufiger jedoch waren die Träume düster und jagten allen Leuten Angst ein, wenn sie etwas vorhersagten, das wirklich geschehen konnte. Und sie waren anstrengend und ungesund.

Kaan öffnete die Tür des Hauses und ließ Iveirdne eintreten. Marlil, Sarvo und Lok hockten in der gemütlichen Küche am Tisch und tranken Tee. Relaile saß auf dem Boden vor der Feuerstelle, kehrte dem Tisch den Rücken zu und schaute in die Flammen, während sie Loks weiße Katze auf dem Schoß hielt und streichelte.

Als Marlil den Kopf hob, um sie zu begrüßen, erkannte Iveirdne sofort die Spuren des Traums in ihrem rundlichen Gesicht. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen, und ihre Lippen waren fest zusammengepreßt. "Hallo", sagte sie halblaut. Sie war blaß und müde und hatte ihre Haare nachlässig geflochten. In ihren Armen lag Iliane und schlief, Elil stand neben ihr auf der Bank und hielt sich an ihrer Schulter fest, und Rava, die alt genug war, um sich vor den Träumen zu fürchten, hockte still neben ihr.

Lok rückte zur Seite, und Iveirdne setzte sich neben ihn auf die Bank. Fast gegen ihren Willen glitt ihr Blick zu dem Mädchen vor dem Kamin. Sie hatte sich geweigert, weiter über sie nachzudenken, hatte sich einzureden versucht, daß sie verrückt war... daß der Satz Ich habe den Ruf gehört nichts bedeutete, auch nicht, wenn unmittelbar davor ein König ermordet worden war... Sicher war das Mädchen bei Lok in guten Händen. Der Stellmacher war jung und freundlich und von endloser Geduld, wenn es darum ging, etwas Wildes zu zähmen. Er würde nicht versuchen, sich etwas zu nehmen, was sie ihm nicht geben wollte.

Relaile. Ein seltener, alter Name. In Lenangeh gab es keine weitere Frau, die so hieß. Es gab mehrere Iveirdnes, Marlils und Innouyes, aber keine Relaile. Lok hatte dieses Mädchen dazu gebracht, ihm ihren Namen zu sagen - hatte sie ihm auch gesagt, aus welchem Haus sie stammte?

Innouye kam herein, beide Arme bis über die Ellbogen farbverschmiert, mit der Hüfte stieß sie die Tür auf und wieder zu. Unter ihrer lauten Stimme zuckte Marlil gequält zusammen. "Also? Was ist los? Was hast du geträumt?"

"Ich wollte zuerst mit euch reden", sagte Marlil leise. Sie schaute zu Relaile hin und rasch wieder weg. "Lok, ich weiß noch immer nicht, ob es richtig ist, daß sie es hört."

"Aber sie muß es hören", sagte der Stellmacher. "Es geht doch um sie, oder nicht? Also -"

Iveirdne runzelte die Stirn, aber Kaan kam ihr zuvor. "Ich glaube, es geht hier um uns. Erzähl ihnen den Traum, Liebes."

Marlil schloß die Augen und erschauerte. "Der Traum... Meriel, ich wünschte, diese Träume würden aufhören. Ich... bin durch eine Wildnis gelaufen, auf der Flucht vor... ich weiß nicht. Dem Wind? Einem Sturm? Und ich hatte solchen Hunger... Ich rannte und rannte, und die Dornen kratzten mir die Beine blutig, und jemand schrie... das war ein entsetzlicher, unmenschlicher Schrei, und ich flüchtete in eine Höhle unter der Erde und verbarg mich tausend Jahre lang in der Dunkelheit, aber dann spürte mich der Sturm wieder auf, und ich rannte weiter... und dann stürzte ich über die Klippen ins Meer, und das Meer warf mich zurück auf den Stein, so sehr ich auch versuchte, hinauszuschwimmen. Ich schwamm und schwamm und fand mich trotzdem immer wieder hier..." Sie fuhr sich mit einer zitternden Hand über die Stirn. "Ich konnte und konnte nicht weg -" Sie drückte das schlafende Kind an sich, die Augen weit vor Furcht. "Meriel... ich hasse diese Träume."

"Scheußlich", sagte Innouye nicht ohne Mitgefühl. "Aber ich verstehe nicht, was das mit dem hauslo- mit dem Mädchen zu tun hat."

"Sie ist nicht -", begann Lok heftig.

"Wartet, bitte", sagte Marlil. "Ich bin noch nicht fertig." Sie holte tief Luft und blickte starr an Relaile vorbei, die ein Wollknäuel heranzog und es der Katze vor die Nase hielt. "Während der ganzen Zeit - tausend Jahre lang - hielt ich einen schwarzen Kelch in den Händen."

Die Katze sprang hoch in die Luft, schlug nach dem Wollknäuel und landete sicher auf vier Pfoten. Relailes Gesicht war still, sanft und arglos wie das eines Kindes.

Iveirdne saß sehr still auf ihrem Platz und wagte nicht, Marlil anzusehen. Sie beide hatten ihren Khyalen nach langem Zögern wenigstens von dem Kelch erzählt, und alle sechs waren sich einig gewesen, das seltsame Ding in Loks Holzschuppen zu vergraben. Zu ihrer Verblüffung hatte Relaile nicht versucht, sie daran zu hindern; sie hatte nur still hinter Lok gestanden, als er die Holzscheite beiseiteräumte und den schäbigen alten Sack mit seinem kostbaren Inhalt in der Erde versenkte.

"Tja", sagte Lok, räusperte sich und setzte neu an. "Tja..." Er verstummte und kratzte sich am Schädel. "Tja."

Sturm und Hunger... Sie alle wußten, was das bedeutete. Sturm und Hunger waren seit Jahrhunderten ihre gefährlichsten Feinde, gegen die es keinen Schutz gab.

"Wir müssen es den anderen sagen", sagte Sarvo. "Wenn uns wirklich Gefahr droht, dürfen wir es den anderen nicht verschweigen."

"Aber es war doch nur ein Traum", sagte Lok unbehaglich. "Wir können nicht wissen -"

Kaan blickte hoch. "Bei jedem anderen würde ich auch sagen, es ist nur ein Traum. Aber bei Marlil nicht. Oder siehst du das anders?"

Lok biß sich auf die Lippen und schüttelte den Kopf.

"Da war noch mehr", sagte Marlil jetzt und warf Iveirdne einen unsicheren Blick zu. "Kein Traum. Wir wußten nicht... wir haben euch das nicht erzählt, weil wir dachten... und es tut mir leid, Lok, wir hätten es dir sagen müssen - jedenfalls, am ersten Abend, als wir sie mitnahmen, da sagte sie, sie käme -", sie schluckte, "- aus Karyaldeh."

Merkwürdigerweise sagte Lok gar nichts, aber die anderen starrten sie fassungslos an. "Wie bitte?" fragte Sarvo endlich. "Karyaldeh? Das hat sie gesagt? Und ihr habt uns nichts davon erzählt?"

Sie bewegte hilflos die Hände. "Wir dachten - ich dachte -"

"Verstehe ich das richtig", begann Innouye mit einer sehr beunruhigenden Ruhe, "ihr lauft seit vier Tagen mit Karyaldeh im Kopf herum und habt uns kein Wort davon gesagt?"

"Wir dachten doch, sie ist verrückt", sagte Iveirdne schuldbewußt.

"Verrückt?" schrie Innouye so laut, daß alle zusammenzuckten, Iliane schlagartig aufwachte, alle Kinder zu schreien begannen und die Katze wie ein weißer Blitz unter den Küchenschrank schoß. "Ihr habt ja wohl den Verstand verloren! Ihr holt uns Karyaldeh ins Haus, ihr haltet es nicht einmal für nötig, uns zu warnen, und dann wundert ihr euch noch über diesen Traum? Seid ihr völlig übergeschnappt?"

Zum Glück brüllten Iliane und Elil so laut, daß es unmöglich war, ihr sofort zu antworten. Eine Weile herrschte nur ein größeres Durcheinander, während Marlil die Kinder zu beruhigen versuchte, Iveirdne ihren verschütteten Tee aufwischte, Kaan die schluchzende Rava tröstete und Lok in seiner gesamten Breite unter den Küchenschrank kroch, um die Katze herauszuholen. Innouye selbst hockte wütend auf der Bank, Sarvo hielt sich die Ohren zu, und Relaile saß wie eine Statue vor dem Kamin und starrte in die Flammen, als sei sie taub.

Als die Kinder endlich zu weinen aufhörten und Lok mit der zitternden Katze auf dem Schoß am Tisch saß, sagte Innouye: "Tut mir leid. Aber ich meine, was ich sage. Ich verlange, daß dieses Mädchen die Khyals verläßt! Ich will so etwas nicht im Haus haben!"

"So etwas?" Marlil hielt Iliane im Arm und streichelte ihr sanft den blonden Schopf. "Was heißt das: so etwas? Ganz gleich, was sie ist und wo sie herkommt, sie ist kardian. Wir können sie nicht einfach wegjagen!"

"Außerdem glaube ich es gar nicht", sagte Kaan. "Überlegt doch mal. Karyaldeh gibt es nicht mehr. Es ist vor siebenhundert Jahren untergegangen. Sie ist vielleicht geisteskrank. Vielleicht hat sie das Wort irgendwann einmal aufgeschnappt. Vielleicht hat sie -"

"Fragt sie doch selbst!" dröhnte Lok dazwischen. "Hört auf, über sie zu reden wie über ein Stück Holz! Relaile, komm an den Tisch und rede mit uns!"

Das Mädchen wandte langsam den Kopf und schaute zu der Gruppe am Tisch hin. Ihr Gesicht war still und ohne Neugier. Iveirdne erwartete eigentlich, daß sie bleiben würde, wo sie war, aber sie hatte sich getäuscht. Mit einer anmutigen Bewegung stand Relaile auf und kam zu ihnen. Rava flüchtete sofort zu ihrem Vater, und Relaile setzte sich auf Ravas Platz neben Marlil.

Einen Moment lang sprach niemand. Selbst Innouye schwieg, wischte die farbverschmierten Hände an ihrem ohnehin schon verfärbten Hemd ab, verschränkte die Arme vor der Brust und und lehnte sich mit abweisender Miene zurück.

Dann sagte Kaan: "Also gut. Offenbar verstehst du ja, was wir sagen. Warum bist du hier?"

Relaile hob den Kopf und schaute ihn gerade an. Sie blinzelte nicht einmal, als sie leise sagte: "Ich habe den Ruf gehört. Ich bin gekommen."

"Was denn für einen Ruf?" fragte Kaan verwirrt.

"So etwas hat sie uns auch schon gesagt", sagte Marlil. "Wir wußten nicht, was es heißen soll."

"Und was hat sie euch noch alles gesagt?" Innouye begann schon wieder zu qualmen. "Ich will sie hier nicht haben!"

Relaile wandte sich zu ihr um. "Jagt mich nicht weg", sagte sie. "Alle anderen haben mich weggejagt. In Barundeh haben sie mich mit Steinen beworfen. Ich gebe euch den Kelch. Laßt mich bleiben."

Sprachlos starrten die Khyalen sie an. Noch keiner hatte sie so viel reden hören. Doch was Iveirdne mehr verblüffte und erschreckte als die Worte selbst, war der gleichförmige Tonfall, in dem Relaile sie gesprochen hatte. Da war kein Bitten, kein Flehen, nicht die geringste Schwankung zu hören gewesen, als sei dieses kaum sechzehnjährige Mädchen innerlich völlig abgestorben. Als hätte sie die Fähigkeit verloren, etwas zu empfinden.

Aber Innouye brach in diesen Gedanken ein. "Nein! Das kommt nicht in Frage! Ich verlange, daß sie geht, und wenn ich bis in die Versammlung dafür gehen muß!"

"Innouye -"

"Nein!" schrie sie. "Ich will sie nicht hier haben! Schluß!"

Es war unmöglich, mit ihr zu reden. Iveirdne versuchte es gar nicht erst. Denn obwohl sie über das Ausmaß von Innouyes Wut erschrocken war, stimmte sie ihr im Grundsatz zu. Auch sie wollte, daß dieses Mädchen wieder aus den Khyals und ihrem Leben verschwand. Marlil, die freundlicher war als sie beide, versuchte zu widersprechen, und Lok bekam einen Tobsuchtsanfall, während Sarvo und Kaan sich bestürzt im Hintergrund hielten. Am Schluß waren sie sich wenigstens einig, daß schon eine solche Uneinigkeit sie zwang, etwas zu unternehmen. Alles Weitere würde sich dann zeigen.

Stumm grub Lok den Kelch wieder aus. Stumm standen die fünf anderen Bewohner des Dritten Khyal mit ihren Kindern hinter ihm, als er mit dem Sack in den Händen vor Ralol stand. Der Erste Sprecher saß in seinem Arbeitsraum an der Töpferscheibe, Hände, Kleider und Wangen verschmiert von Ton.

"Was ist los?" Ralol blickte seine Besucher an und runzelte die Stirn. "Ihr seht so finster aus. Gibt es Schwierigkeiten? Laßt mich raten. Es ist dieses Mädchen, ja? Sie ist noch keine Woche hier und macht schon Ärger?"

"Wir wissen nicht, ob sie daran schuld ist", sagte Lok geduldig. "Sie ist weit weg - manchmal taucht sie beinahe auf, aber dann rutscht sie weg, ehe ich sie fassen kann. Aber ich glaube nicht, daß sie böse ist. Sie ist... ich glaube, sie hat Schlimmes hinter sich. War lange allein. Aber -"

"Aber ich bin der Feind in diesem Spiel", fuhr Innouye dazwischen. "Ich will, daß sie geht. Ich will eine Versammlung!"

"Ich will nicht, daß sie geht", sagte Lok hartnäckig. "Sie kann bei mir wohnen. Und sie hat uns das hier angeboten, Ralol." Er öffnete den Sack und holte den Kelch heraus.

Ralol hielt den Atem an und stieß ihn pfeifend wieder aus. "Meriel! Was ist das? Woher hat sie das?"

"Wissen wir nicht", sagte Kaan. "Aber Marlil hat geträumt -"

"Geträumt? Was geträumt? Hat es mit Relaile zu tun?"

Sie erklärten es ihm, so gut sie konnten.

"Tja", sagte Ralol, als sie fertig waren. Er legte die verschmierten Hände um den Klumpen auf seiner Töpferscheibe und begann ihn wieder zu formen. "Das ist eine merkwürdige Sache. Ein häßlicher Traum, und Karyaldeh. Aber ich sehe nicht..."

Skerah, Ralols Frau, hatte sich bisher im Hintergrund am Feuer gehalten und Wollfäden in ein Schälchen mit flüssigem Bienenwachs getaucht. Jetzt sagte sie: "Ihr müßt sie zur Wache bringen. Es ist nicht gut, daß sie hier ist. Ich habe doch gleich gesagt, wir hätten sie hinbringen sollen."

Iveirdne biß sich auf die Lippen. "Ich weiß, es ist meine Schuld. Aber die Wache hätte sie -"

"Wir bringen sie nicht zur Wache!" schnauzte Lok, rot vor plötzlicher Wut. "Wir haben sie aufgenommen, oder nicht? Und sie ist ein Kind! Willst du ein Kind an die Wache ausliefern? Hast du vergessen, was sie im Frühjahr mit Nidve alTiriel gemacht haben?"

"Das war etwas ganz anderes! Das war Hexerei, und -"

"Ruhe!" bellte Ralol. Alle verstummten.

"Ich weiß nicht, was wir machen sollen", sagte Ralol. "Ich weiß nicht, was das für ein Kelch ist. Ich schlage vor, daß du sie danach fragst, Lok. Ein solches Ding sollte nicht in deinem Holzschuppen herumliegen. Es ist sicher viel Geld wert. Jedenfalls -"

"Wir bringen sie nicht zur Wache!" sagte Lok.

"Lok", sagte Ralol, "Karyaldeh oder nicht, wenn sie eine Gefahr für die Khyals bedeutet, bringen wir sie zur Wache. Wir können es nicht wagen, den Statthalter gegen uns aufzubringen - noch mehr als sowieso schon, meine ich." Als er Loks Gesicht sah, fügte er versöhnlich hinzu: "Aber ich glaube nicht, daß sie uns in Gefahr bringt. Ich glaube auch nicht, daß es Ärger geben wird. Solange alle Häuser bewohnt sind, kümmert sich kein Mensch darum, wer in welchem Haus wohnt. Ein Mädchen mehr wird der Wache nicht weiter auffallen."

"Aber wenn sie doch verrückt ist -", begann Skerah, und Innouye sagte gleichzeitig: "Aber Karyaldeh -"

"Aber das -khy-", sagte Ralol mit Nachdruck. "Sie ist kardian. Das bedeutet, sie ist eine von uns."

v

In den fünf Jahren, seit Iveirdne für Celiphas amTarn arbeitete, hatte sie sein Haus erst einmal betreten, und auch da war sie durch den Garten gekommen. Kireve, die ihr wöchentlich an der Küchentür ihren Lohn auszahlte, hatte zugesehen, wie Iveirdne sich am Rübenbeet plagte, und nach der Arbeit hatte sie sie hereingeholt und ihr wortlos einen Becher mit heißem Tee in die Hand gedrückt. Auf einem dreibeinigen Schemel am Feuer hockend, hatte Iveirdne sich in dem großen, dunklen Raum umgesehen und die riesigen schwarzen Töpfe, die Spieße und Beile, Messer und Schöpfkellen bestaunt, und als der Gehilfe des Schlachters ein halbes Schwein hereintrug und auf den Tisch warf, war sie vor dem Reichtum dieses Hauses geflohen, zurück in die Armut der Khyals, an die sie gewöhnt war. Später hatte sie manchmal, wenn sie ihr Geld an der Küchentür abholte, an Kireve vorbei in die Küche gespäht wie in einen verbotenen Garten; hineingewagt hatte sie sich nicht mehr. Kireve und Celiphas waren ihresgleichen, beide waren kardian und sprachen iunisch, doch der schmale Bach zwischen den Khyals und der Stadt trennte zwei verschiedene Welten. Nur in Taliens Gasthaus lösten sich die Grenzen auf.

Um so unbehaglicher war es ihr zumute, als Kireve sie am nächsten Taval ins Haus holte, nachdem sie im Garten losgerissene Zweige eingesammelt und modriges Laub zusammengekehrt hatte. Sie stand in der Küche, hielt ihren Becher fest umklammert und wußte nicht, was das zu bedeuten hatte. Kireve machte sich am Feuer zu schaffen, legte Holz nach, stocherte mit dem Schürhaken darin herum, schob die Scheite zusammen, hängte den Schürhaken weg und richtete sich auf, wobei sie sich umdrehte und ihre Hände an der Schürze abwischte.

"Schmeckt dir der Tee?" fragte sie.

Iveirdne nickte hastig, obwohl sie noch keinen Schluck getrunken hatte. Sie nippte an ihrem Becher und verbrannte sich die Lippen.

"Das Wetter ist scheußlich, nicht? Was meinst du, wird es bald schneien? Was sagt Gorev?"

Darralyns Vater Gorev niVadron war in Lenangeh für seine genauen Vorhersagen berühmt. Er spürte es in den Beinen, sagte er und pflegte hinzuzufügen: Wenn sie ihn geradewegs zum Kamin führten, könne man sicher sein, daß es draußen schon bald verdammt kalt werden würde. Trotz dieser etwas zweifelhaften Quelle seines Wissens irrte er sich jedoch nie.

"Er sagt, es wird noch eine Weile dauern." Iveirdne blies vorsichtig über ihren Tee, beobachtete die Köchin aus den Augenwinkeln und fragte sich, was die Frau von ihr wollte.

"Der Schnee ist spät dran, findest du nicht? Im letzten Jahr steckten wir um diese Zeit schon bis zu den Ohren im Schnee. Hoffentlich gibt es in diesem Jahr keine Stürme."

Iveirdne nickte.

"Bei euch oben ist aber alles in Ordnung?"

Die Frage klang seltsam. Drängend, neugierig, ein wenig zweifelnd. War denn irgend etwas nicht in Ordnung? Abgesehen davon, daß Iunis unterworfen und versklavt war und kein Mensch den Mund aufzumachen wagte und ein Hornissenschwarm von Soldaten in jede neuentdeckte Öffnung stach, war doch alles in bester Ordnung.

"Alles bestens", sagte Iveirdne. "Argane ist fest davon überzeugt, daß sie Drillinge bekommt. Sie paßt kaum mehr durch die Tür. Dywai hat noch immer keine Arbeit. Kaan hat endlich das Dunkelblau gefunden, nach dem er seit Jahren gesucht hat. Er nimmt Blaubeeren und Schwarzbeeren und mischt Birkenblätter dazu. Jetzt kann er endlich Ildiune amTevrak malen... leider wird sich die Farbe nicht lange halten."

Kireve lachte; natürlich kannte sie die Geschichte von Ildiunes Blaufärbung. Sie schien sich zu entspannen. Sie ging zur Feuerstelle und schöpfte sich Tee in einen Becher. "Quen´Anyan-Früchte, von zwölf Helden unter Todesgefahr aus Xal-Kattra herausgeschmuggelt. Diese Frau ist doch wirklich zu dumm. Sie hat sich seitdem nicht mehr auf dem Markt blicken lassen. Und Relaile - dieses Mädchen, das du gefunden hast? Hat sie sich erholt?"

Es klang erstaunlich beiläufig, als sei dieses Mädchen für Kireve nur ein weiterer Anlaß für Klatsch und Tratsch. Aber Iveirdne war in den letzten Tagen hellhöriger als sonst, und so hörte sie einen Unterton, der sagte: Ich hole dich nicht ohne Grund in meine Küche. Sie trank einen Schluck Tee, bevor sie vorsichtig antwortete: "Es geht ihr gut. Lok kümmert sich um sie."

Kireve nickte. "Wißt ihr schon etwas über sie?"

Iveirdne zuckte die Achseln. Sie behauptet, aus einer Stadt zu kommen, die es seit siebenhundert Jahren nicht mehr gibt. Sie hat ein Gesicht, für das Männer in vergangenen Zeiten in den Tod gegangen wären, und Lok ist jetzt schon verrückt nach ihr. Sie lächelt nie. "Sie spielt gern mit Katzen."

"Das ist ja nicht gerade viel." Wenn Kireve über die karge Auskunft verärgert oder enttäuscht war, ließ sie es sich nicht anmerken. Sie stellte ihren Teebecher ab, ging zum Ofen und nahm die Brotschaufel. Sie öffnete die Ofenklappe, und eine Dampfwolke quoll hervor und verströmte den Duft von frischgebackenem Brot in der Küche, so daß es Iveirdne vor plötzlichem Hunger beinahe übel wurde. Kireve schob die Schaufel in den Ofen und zog sie wieder heraus. Zwei dampfende Laibe Brot lagen darauf. Kireve musterte sie prüfend, schob sie dann wieder in den Ofen und schloß die Klappe.

"Iské amTarn möchte sie gerne sehen", sagte sie und stellte die Schaufel zur Seite.

Iveirdne vergaß ihre Vorsicht. "Wen? Relaile? Warum?"

Die Frau hob die Schultern. "Er sagte nur, er möchte sie sehen. Morgen früh, bevor er in die Stadtratssitzung geht. Er möchte, daß einer von euch sie herbringt."

Der Becher wurde Iveirdne plötzlich zu schwer. Sie stellte ihn auf den Tisch. Hatte Ralol nicht behauptet, niemand würde sich darum kümmern, ob Relaile bei ihnen war oder nicht? Woher kam die plötzliche Neugier des zweitmächtigsten Iuniers im Stadtrat?

"Was will er von ihr?" Sie war selber erstaunt, wie feindselig sie plötzlich klang. Fast wie Lok. Als ob es darum ginge, das seltsame Mädchen vor allen fremden Augen zu schützen - obwohl die Leute sie doch bemerkt haben mußten, als sie sich in den Gassen der Stadt herumgetrieben hatte. Und Iveirdne hatte keinen Grund, Relaile vor irgend jemandem zu beschützen oder sie gar zu verteidigen.

Sie ist eine von uns, hatte Ralol gesagt.

"Ich weiß nur, was er mir gesagt hat", sagte Kireve kühl. "Bring sie bitte morgen früh her. In Ordnung?"

... oder möchtest du lieber weiterhin sechs skiim verdienen? Oder vielleicht noch weniger?

Iveirdne biß sich auf die Lippen. "In Ordnung."

In düstere Gedanken versunken, kehrte sie nach Hause zurück und ging geradewegs zu Ralol. Sie fand ihn im Innenhof, wo er Holzscheite in die Brennhöhlung unter seinem Ofen schob. Der Ofen war ein gemauerter kleiner Turm mit einer steinharten Lehmummantelung, die im Laufe der Jahrzehnte schwarz geworden war. Einige kleine Löcher sorgten für Luftzufuhr. Der Lehm hielt die Hitze so gut im Inneren fest, daß Iveirdne unmittelbar neben dem Feuer in der schneidenden Kälte des Tages fror. Sie erzählte Ralol von der ungewöhnlichen Neugier, die Relailes Ankunft in den verschiedenen Leuten geweckt hatte: Talien, Kireve und jetzt Celiphas amTarn. Ralol hörte ihr mit gerunzelter Stirn zu und sagte dann: "Ich bin auch schon ein paarmal auf sie angesprochen worden. Und Innouye verlangt, daß wir das Mädchen hinauswerfen. Ich habe sie noch nie über etwas so aufgebracht gesehen."

"Ich weiß. Und Lok stellt alle Stacheln auf, sobald jemand auch nur in ihre Nähe kommt. Seit sie da ist, sind alle verrückt geworden."

Ralol schob das letzte Holzscheit in die Brennhöhlung und richtete sich ächzend auf. "Und das ist das letzte, was wir gebrauchen können. Wir treffen uns morgen abend im Fünften Khyal zur Versammlung. Die meisten anderen wissen schon Bescheid." Mit schmerzverzerrtem Gesicht tastete er unter seinem dicken Umhang nach seinem Rücken. "Es geht übrigens nicht nur um Relaile, sondern auch um die Krönung. Der Statthalter alDan hat uns einen üblen Streich gespielt, und wir müssen besprechen, was wir tun."

"Was will er denn?" fragte sie angewidert.

"Komm zur Versammlung", sagte Ralol. "Dann wirst du es erfahren."

v

"Schnecken", sagte Dywai am nächsten Abend im Fünften Haus des Vierten Khyal. "Hunderte von fetten, braunen, schleimigen Schnecken. Du konntest sie gar nicht so schnell ablesen, wie sie zurückkamen. Bei jedem Schritt hattest du eine - ach, was sag ich, zehn Schnecken unter den Füßen, und -"

"Uh", sagte Kord und schmatzte mit den Lippen, während Ela und Silvane nur angeekelt die Gesichter verzogen. "Hab´ jetzt gehört, im Haus alDan ißt man die Dinger. Hättest ein Vermögen damit machen können."

Dywai ging nicht darauf ein. "Ich will Trauben lesen und greife in eine Schnecke. Ich kratz mich am Kopf und hab´ ´ne verdammte Schnecke zwischen den Fingern. Schnecken im Hemd, Schnecken in den Schuhen, und Meriel verdamm´ mich, wenn in der Mittagspause nicht eine Schnecke auf meinem Brot lag! Ich sag´ euch, auf dem Berg arbeite ich nie wieder! Soll Torem alTarut doch sehen, wo er seine Arbeiter hernimmt - soll er doch Schneckenschleim keltern, ist mir gleich, aber ohne mich, und das hab´ ich ihm auch gesagt, so, gerade ins Gesicht."

"Und dann hat er dich rausgeworfen", sagte Kord behaglich, verschränkte die Arme über seinem zerschlissenen braunen Kittel und lehnte sich zurück.

"Gegangen bin ich", beharrte Dywai. "Rausgeworfen? Der? Ein verdammter Schneckenzüchter ist er, und das hab´ ich ihm gesagt, das könnt ihr mir glauben, der hat mich nicht rausgeworfen, der nicht! Angefleht hat er mich, daß ich bleiben soll, aber ich hab´ gesagt -"

"Ach, hör doch auf." Silvane warf einen schrägen Blick auf Ela, die neben ihr auf der Bank hockte, den vier Monate alten Elno stillte und gleichzeitig ihrer Tochter Ista Haferbrei einzuflößen versuchte, während sie gebannt den Heldentaten ihres Ehemannes lauschte. "Wie oft hast du das jetzt schon erzählt? Und es wird nicht besser dadurch, daß du es immer größer ausmalst. An Torems Stelle hätte ich dich auch rausgeworfen, so."

"Was?" sagte Dywai empört. "So einen guten Arbeiter wie mich kriegt der nicht wieder, und das weiß er auch!"

"Hat er denn versucht, dich zurückzuholen?"

"Na, sicher, aber ich hab´gesagt -"

"Zwei Monate", sagte sie kühl. "Seit zwei Monaten hast du keine Arbeit. Die Schnecken wären beim ersten Frost weg gewesen, du hättest es gut noch so lange aushalten können. Dywai, wie stellst du dir das eigentlich vor? Du hast zwei Kinder -"

"Ach was!" Verächtlich wedelte er mit der Hand. "Ich brauch´ nur zu schnipsen - so -, und schon hab´ ich neue Arbeit."

"Dann fang allmählich an zu schnipsen!" sagte Silvane. "Dywai, hör zu, so geht das nicht - oh, hallo, Iveirdne. Willst du zu Darralyn? Der ist noch nicht zu Hause."

"Nicht?" Iveirdne hatte ihnen nur zugenickt und eigentlich geradewegs durch das Haus zum Innenhof gehen wollen, aber jetzt blieb sie stehen. "Wann sind sie denn rausgefahren? Ich dachte, sie wären längst wieder hier."

"Sie wollten zum Schlund", sagte Silvane. "Gestern stand dort ein großer Schwarm Rotflossen. AlDan sitzt ihnen im Nacken - den Fischern, meine ich, nicht den Rotflossen -; sie müssen noch eine halbe Tonne abliefern."

"Wenn nur nichts geschehen ist", sagte Ela und fügte sofort hinzu: "Aber was sollte schon geschehen? Sie sind alle erfahrene Seeleute." Unsicher blickte sie zu Iveirdne hoch, die immerhin schon einen Mann an das Meer verloren hatte. Aber Iveirdne sagte nur: "Ich denke, er wird vor allem völlig durchgefroren sein, wenn er heimkommt."

"Sicher", sagte Dywai. "Willst du hier warten? Wir haben gestern abend den ersten Frostwein gekostet, und es ist noch etwas übrig - allerdings nicht sehr viel, weil Lok und Dardon auch hier waren."

Iveirdne zögerte, dann zuckte sie die Achseln und hockte sich zu ihnen. Kord schob ihr einen Becher hin und goß aus einem Krug eine rötliche, trübe Flüssigkeit ein. "Geradewegs von Torem alTaruts bestem Weinberg", sagte er mit einem breiten Grinsen und quiekte auf, als Silvane ihm den Ellbogen in die Rippen hieb. Iveirdne, die das schneckendurchsetzte Gespräch nicht mitbekommen hatte, achtete nicht darauf. Sie hob den Becher an die Lippen und kostete. Eigentlich mochte sie den säuerlichen Wein nicht besonders; sie zog Taliens dunkles, bitteres Bier vor. Aber im Vierten Khyal gab es grundsätzlich kein Bier. Bier war ein Fischergetränk, und Darralyn war der einzige Mann dieses Khyals, der aufs Meer fuhr. Kord, Jorn und eigentlich auch Dywai arbeiteten täglich zehn Stunden im Weinberg, und der Frostwein war ein Teil ihres Lohns.

"Sag mal", sagte Silvane, als Iveirdne den Becher absetzte, "was soll das eigentlich für eine Versammlung sein heute abend? Ralol wollte nicht mit der Sprache heraus. Was ist los bei euch da drüben? Innouye fängt ja an zu toben, sobald man sie danach fragt. Es geht um dieses Mädchen, oder?"

"Kann schon sein", sagte Iveirdne widerwillig. "Aber das ist nicht der Grund... nicht der einzige jedenfalls. Ralol sagte etwas über alDan und de Krönung. Ich wollte Darralyn abholen, aber wenn er nicht da ist -"

"Nun, du kannst auch mit uns gehen, sobald wir hier fertig sind", sagte Ela und wischte Istas verschmierten Mund mit einem Zipfel ihres Hemdes ab. "Argane und Jorn haben schon Feuer hinübergebracht und zünden das Holz an, es ist wie in einer Eishöhle, und kein Mensch möchte doch bei einer Versammlung frieren, besonders die Kinder nicht."

Dywai hob seine Tochter vom Stuhl, ließ das Kind laufen und wischte rasch die Fläche ab. "Hast du schon gegessen?"

"Ja, doch, Suppe und einen Kanten Brot."

Dywai leckte seinen Teller aus und stapelte das Geschirr auf dem Tisch. Es waren Holzteller aus Iveirdnes Werkstatt, die er gegen zwei große Stücke Ziegenkäse eingetauscht hatte. "Stimmt es, daß Marlil von dieser Relaile geträumt hat?"

"Sie hat etwas geträumt, ja. Aber nicht -"

"Träume!" sagte Ela. "Für eine Versammlung brauchen wir schon einen besseren Grund als einen Traum. Wir haben alle zu arbeiten." Sie nahm ihren schlafenden kleinen Sohn von der Brust und schnürte ihr Kleid zu.

Iveirdne stand verärgert auf. "Ich gehe jetzt hinüber. Kommt ihr mit?"

Sie waren ein wenig überrascht, doch sie nickten. Dywai und Ela fingen Ista ein und zogen sie warm an; dann verließen sie alle gemeinsam das Haus.

Der Fünfte Khyal war hell erleuchtet. Durch die Fenster strömte Licht und zog die Gesichter der Ankommenden aus der Dunkelheit. Von drinnen hörten sie Stimmen und Gelächter, und dazwischen sang eine Frau mit heiserer, fröhlicher Stimme:

"Ildiune, schöne Ildiune,
wie blau ist deine Haut,
so blau, daß es uns graut.
Ildiune, schöne Ildiune,
dein Kopf ist voller Stroh,
das war schon immer so.
Ach, Ildiune, glaub doch nicht,
was ein Händler dir verspricht!"

Es war natürlich Argane, die da sang; sie war immer schnell darin, Spottlieder zu erfinden, und Ildiune amTevrak war ihr liebstes Ziel. Lautes Gelächter belohnte sie, und sie sang das Lied noch einmal. Mehrere Stimmen fielen ein. Dywai öffnete die Tür, und Ista stürzte in den Raum. Die fünf Erwachsenen traten langsamer ein.

Hier war es warm. Der Fünfte Khyal war im Grundriß ebenso aufgebaut wie die anderen Khyals, doch die Unterteilung der einzelnen Häuser fehlte, der ganze Khyal bestand aus einem großen Raum und dem einzigen Keller, den es innerhalb einer Khyalgruppe gab. Bunte Teppiche, Strohmatten und Felle schützten den Versammlungsraum gegen die Kälte der steinernen, unregelmäßig gebrochenen Bodenplatten. Wie ein fünfkantiger Ring schloß sich das Gebäude um den Innenhof mit dem Verbrennungsplatz. In der Innenmauer des großen Raumes befand sich ein großer überdachter Kamin, in dem jetzt ein helles Feuer aus Buchenscheiten brannte. Zwei kleinere, freistehende Feuerstellen brannten rechts und links. Holzbänke standen in einem Halbkreis um den großen Kamin, und vor ihnen lagen riesige, mit Stroh gefüllte Sitzkissen in Gelb- und Brauntönen. Auf der freien Fläche davor lag ein großer Berg nasser Binsen. Die Frauen der Khyals hockten auf den Kissen und zogen einzelne Binsen heraus, um sie mit raschen, geübten Fingern zu Matten zu knüpfen.

"Ach, Ildiune", sang Argane inmitten der Kissen, die ihren riesigen Bauch stützten, und dann lachte sie so, daß sie nicht weitersingen konnte. Ela und Dywai strebten sofort zum rechten Kamin. Silvane entdeckte ihren Mann Jorn an der Treppe zum Keller und schob sich zu ihm durch, und Kord setzte sich hinter Argane, die sich japsend und lachend an ihn lehnte. Iveirdne blieb stehen, wartete, bis ihre Augen sich an das helle Licht der Feuer gewöhnt hatten, und stellte fest, daß beinahe alle Khyalen außer den Fischern versammelt waren. Auch Relaile fehlte noch. Das Licht färbte die hellen, blassen Haare der Menschen zu warmem Gold. Marlil stand vor dem mittleren Kamin und unterhielt sich mit Ralol. Sie winkte Iveirdne eifrig zu sich. Die Schnitzerin stieg über fellbezogene Holzbänke und Sitzkissen und blieb bei ihnen stehen. "Hallo!" sagte Ralol. "Ich dachte, du bringst Darralyn mit."

Iveirdne nahm den Umhang ab und legte ihn zusammen. "Er war noch nicht zu Hause. Silvane sagte, sie sind zum Schlund gefahren."

Er runzelte die Stirn. "Trotzdem müßten sie jetzt schon zurück sein. Vielleicht ist er noch im Hafen. Hoffentlich hat es sich wenigstens gelohnt. Ich mag es nicht, daß sie immer wieder dort hinfahren. Der Schlund ist gefährlich."

"Sie kommen sicher gleich." Marlil lächelte Ralol zu, nahm Iveirdne am Arm und zog sie mit sich zu den Kissen. "Komm, setzen wir uns. Möchtest du heißen Tee? Es gibt nichts Besseres, als gemütlich und warm in einem Berg von Kissen zu sitzen, um sich herum eine Menge Nachbarn und in der Hand einen Becher Kräutertee mit Honig! Argane, Skerah, macht euch nicht so breit! Platz da!"

"Platz?" jammerte Argane. "Was meinst du mit Platz? Ich passe kaum mehr durch meine eigene Tür! Iveirdne, wann habe ich das endlich hinter mir?"

"In ein paar Wochen, das habe ich dir doch schon gesagt." Iveirdne ließ sich auf die Kissen fallen und zog ein Bündel Binsen zu sich heran. "Wo ist denn Relaile?"

Marlil blickte sich um. "Da kommt sie gerade."

Relaile trat durch die Tür ins Licht, gefolgt von Lok. Iveirdne blinzelte; das Mädchen wirkte verändert, aber sie konnte nicht genau benennen, worin die Veränderung bestand. Es war etwas in der geraden Haltung der Schultern und des Kopfes, ein besonderer Ausdruck in den hellen Augen; jedenfalls sah Relaile älter und wirklicher aus, als hätte eine flüchtige, rastlose Seele unerwartet einen Platz gefunden, an dem sie sich niederlassen konnte. Die unverhohlenen Blicke der anderen schien sie nicht zu bemerken. Sie setzte sich neben Marlil und blickte zu Boden. Lok hockte sich neben sie und sagte leise etwas zu ihr, und sie nickte, blickte aber nicht auf.

Ein kalter Luftzug wehte in den Raum. Skerah stieß Iveirdne an, und die Schnitzerin löste ihren Blick von dem fremden Mädchen. In der Tür standen Darralyn, Barra, Eheron und Laron in Umhang, gefüttertem Lederzeug und nassen Stiefeln und blinzelten gegen das Licht. Eheron und Laron schleppten ein Netz. Als Darralyn die Kapuze zurückschob, standen seine blonden Haare in alle Richtungen ab. Im Nu war er von Leuten umringt, die ihn mit Fragen bestürmten. "Wie war der Fang? Habt ihr etwas gefangen? Sind die Schwärme gekommen? Wieviel bekommen wir? So rede doch!"

Darralyn wehrte müde ab. "Laßt mich doch zu Wort kommen!" Allmählich ließen sie von ihm ab, und er blickte sich unter den hoffnungsvollen Gesichtern um. Die Männer hinter ihm schlossen die Tür, warfen das Netz auf den Boden und begannen sich aus ihren nassen Kleidern zu schälen. "Ja", sagte Darralyn, "ein Schwarm Rotflossen ist gekommen, aber -" Seine Stimme ging im allgemeinen Jubel unter, und er wartete, bis wieder Ruhe eintrat. "Es ist nicht so gut, wie es klingt", sagte er dann. "Uns fehlte ein Boot, und ein Netz ist gerissen." Er wies kurz auf den wirren Haufen auf dem Boden, und Rava huschte sofort zur Tür, um Nadeln und Netzgarn zu holen. "Ein Junge aus der Stadt ist über Bord gegangen, und bis wir ihn herausgefischt hatten, war der halbe Schwarm weg. Wir bekommen ein Faß, das ist alles."

Mit steifen Fingern nestelte er an seinem Umhang. Iveirdne stand auf, stieg über Marlil und Argane hinweg, trat von der Seite zu ihm und löste den widerspenstigen Knoten. Darralyn warf ihr einen raschen, dankbaren Blick zu und nahm den schweren Umhang ab. Eins der Kinder schleppte das nasse Kleidungsstück zum Feuer. Ein durchdringender Geruch nach Fisch und Meerwasser durchzog die Luft.

"Ein Faß für fünfzig Leute?" fragte Dywai ärgerlich. "Was sollen wir damit anfangen? Das ist ja nichts!"

"Und welcher Idiot ist da ins Wasser gefallen?" fragte Skerah. "Sollen sie doch sein Haus bestrafen! Nicht uns!"

Murren und leises Schimpfen unterstrich ihre Worte. Darralyn zuckte nur die Achseln. Ralol gab Becher mit heißem Tee aus, und Barra, Eheron und Laron hockten sich in die Nähe der Feuerstellen. Darralyn schloß die Hände um den Becher und nippte an dem heißen Tee, während er wartete.

"Bah", sagte Kaan endlich, "ein Faß wird wohl für uns reichen. Rotflossen sind doch groß genug."

"Solange der Statthalter nicht auch welche will", bemerkte Argane höhnisch. "Der frißt ein Faß ganz allein."

Einige Leute lachten. "Wir fahren morgen früh wieder raus", sagte Darralyn. Sein Gesicht war zerfurcht und müde. "Wir können Meriel danken, daß er überhaupt etwas geschickt hat. Unter dem Meer herrscht Unruhe - die Wellen sind hart und wild, in der Nähe der Küste sind fast überhaupt keine Fische, und die Meermenschen kreischen in den Klippen."

"Gut", sagte Ralol, "wir schränken uns eben ein bißchen ein. Wir haben alle noch getrocknete und eingemachte Früchte, wir haben ein paar Schafe, Kaninchen, Ziegen und Hühner und ein bißchen getrocknetes Fleisch. Außerdem können wir eine Bitte an den Statthalter schicken. Die Kornspeicher -" Aber er unterbrach sich, als er den jähen Schrecken in den Augen der anderen sah.

"Nein", sagte Kord. "Nein!"

"Nicht die Kornspeicher!" sagte Malja mit weißem Gesicht.

Eine unangenehme Pause trat ein. Dann sagte Ralol: "Tut mir leid."

Darralyn nippte an seinem Tee. "Lassen wir das besser. Aber was ich fragen wollte - wozu die Versammlung?"

"Ach ja", sagte Ralol, sichtbar erleichtert. "Hätte ich fast vergessen. Ruhe! Los, alle hinsetzen, sonst fangen wir überhaupt nicht mehr an!"

Rava kehrte zurück und verteilte Nadeln und Garn, und einige der Frauen legten die Matten beiseite und begannen das Netz zu flicken. Die anderen nahmen ihre Plätze ein, und die Kinder hörten auf, herumzutoben. Sie setzten sich dicht zusammengedrängt, kichernd und schubsend vor den Kamin. Iveirdne hockte sich in die Kissen, und Darralyn folgte ihr. Sie hörte sein leises Ächzen, als er sich niederließ, und schaute ihn an. Sein Gesicht war bleich.

"Was ist?" flüsterte sie erschrocken.

"Nichts." Er streckte die Beine aus; die Bewegung war langsam und sehr vorsichtig. Seine Stimme war kaum zu hören. "Ich bin einem zerreißenden Tau in die Quere gekommen. Es ist nicht schlimm."

"Ich sehe mir das nachher an", erwiderte sie bestimmt. Er schaute halb zu ihr herüber. Licht fing sich in seinen hellgrauen Augen, als er lächelte. Leise fragte er: "Was hat iské amTarn zu Relaile gesagt?"

Sie verzog ein wenig den Mund. "Ich weiß nicht. Lok war mit ihr da, und als er zurückkam, wollte er nichts sagen und sah aus wie -"

Sie wurde von Ralol unterbrochen, der am Kamin stehengeblieben war. "Wanderer, behütet uns", sagte er mit lauter Stimme.

"Behütet uns", wiederholten die anderen im Chor.

"Und gebt uns Weisheit..."

"Gebt uns Weisheit..."

"Damit wir das -khy- erfüllen."

"Damit wir das -khy- erfüllen."

Er wartete, bis das letzte Murmeln verstummt war. Dann begann er: "Unter anderem geht es heute abend um Relaile. Und um einen Traum."

Ela schnaubte verächtlich. Ralol warf ihr einen ärgerlichen Blick zu und fuhr fort: "Unter anderem geht es aber auch um etwas Wichtigeres, nämlich um die Krönung des Thronfolgers. Alle Sprecher der Stadt sind vorgestern abend in den Palast befohlen worden. Berteved amTevrak, der Schreiber des Statthalters, hat uns eine längere Rede über heilige Pflichten gegenüber König und Vaterland gehalten, und - um es kurz zu sagen, der Statthalter von Iunis wünscht dem Thronfolger zur Krönung ein besonderes Geschenk zu machen, und da er dafür ungern in seine eigenen Truhen greifen will, verlangt er von seinen treuen Untertanen hundert mescal, also zweitausend valeral, als Beitrag."

Totenstille trat ein.

Dann sagte Eheron: "Ist der Mann wahnsinnig geworden? Wo, in Meriels Namen, sollen wir hundert mescal hernehmen? Soviel Gold gibt es in ganz Iunis nicht!"

"Zwanzig hat er schon von Celiphas amTarn bekommen", sagte Ralol. "Und es ist nicht so, daß die Khyals den Rest aufbringen sollen; so dumm ist nicht einmal alDan. Nein. Von uns will er nur zwanzig valeral."

"Nur zwanzig!" schrie Dywai. "Wir alle zusammen verdienen lumpige fünfzig skiim im Monat, und der Mann will zwanzig valeral?"

"Wenn er sie nicht bekommt", sagte Ralol, "schickt er aus jedem Khyal einen arbeitsfähigen Mann in die Steinbrüche."

Jorn lachte bitter auf. "Das ist ja nichts Neues. Der schickt einen doch schon wegen einem Furz in die Steinbrüche."

"Und deswegen werden wir auch sehr gehorsam sein und versuchen, diese zwanzig valeral zusammenzubekommen", sagte Ralol. "Wir haben ausgerechnet -"

"Ich habe ausgerechnet", sagte Skerah nachdrücklich.

"- Skerah hat ausgerechnet", sagte Ralol, "daß jedes Haus einen valeral und fünf skiim aufbringen müßte. Das ist aber ungerecht gegenüber denen, die allein leben. Also schlage ich vor, daß jeder Erwachsene unter uns - natürlich außer Narveh, Gorev und Tarol - vierzehn skiim bezahlt. Dreizehn, wenn Malron, Derl, Inarne und Niane mitmachen wollen." Er blickte zu den Kindern hin. Der dreizehnjährige Malron nickte eifrig, ebenso Derl und Niane. Die siebenjährige Inarne sah nur verängstigt aus. Wahrscheinlich konnte sie sich eine solche Menge Geld nicht einmal vorstellen. Iveirdne ging es ähnlich.

"Wenn ihr mitmacht", sagte Skerah, "braucht ihr nicht soviel heranzuschaffen. Acht skiim genügen." Sie schürzte die Lippen. "Wenn ich auch nicht weiß, wo irgendwer von uns das Geld hernehmen soll."

"Es sieht alDan ähnlich, daß er es von uns haben will", sagte Malja und blickte von dem Netz auf. "Was will er denn dem Kronprinzen schenken, Ralol? Gibt es etwas auf der Welt, das hundert mescal kostet?"

Ralol zuckte die Achseln. "Vielleicht behält er die Hälfte davon für sich; was weiß ich."

"Soll er ihm doch Schneckenwein schenken", murmelte Dywai und erntete dafür einen Rippenstoß von Kord.

"Bis wann will er denn das Geld haben?" fragte Argane stirnrunzelnd. "Ich habe gehört, daß die Krönung schon Anfang Mutas stattfinden soll. Das sind nur noch ein paar Wochen. So schnell schaffen wir es nicht!"

Ralol zuckte die Achseln. "Er ist großzügig und legt es aus. Wir haben Zeit bis zum Frühling. Nur... mit jedem Monat, den wir warten, erhöht sich die Summe um zehn skiim."

"Das ist wirklich großzügig", sagte Dardon ätzend. "Verdammt, Ralol, wir haben nicht soviel Geld! Wir müssen auch noch von etwas leben!"

"Das weiß ich!" gab Ralol scharf zurück. "Dann sag mir doch, was wir tun sollen! Ich weiß es jedenfalls nicht!"

Eine Weile herrschte bestürztes Schweigen. Iveirdne versuchte auszurechnen, wieviele Holzteller sie verkaufen mußte, um innerhalb von drei Wochen dreizehn skiim zusammenzubekommen, aber sie wußte, daß ihnen damit nicht geholfen war. Darralyn neben ihr lehnte sich mit verschlossenem Gesicht zurück, und sie fragte sich, ob er über den Marktpreis von einem Faß Rotflossen nachdachte... Ihre Gedanken glitten zu dem zukünftigen König hin, der in Arithia in Prunk und Glanz lebte. Ob er wohl wußte, daß seine Krönung eine ganze Insel ins Chaos stürzte? Und wenn er es wußte, kümmerte es ihn überhaupt?

Wir sagen es ihm einfach, dachte sie in einem bitteren Anflug von Humor. Wir gehen hin und sagen ihm, daß er sich nach dem nächsten Hungerwinter neue Bewohner für die Insel Iunis suchen muß, damit sie ihm seinen Wein anbauen und keltern. Uns wird es dann nämlich nicht mehr geben.

Und vermutlich kümmert ihn das genausosehr wie seinen Vater, nämlich überhaupt nicht.

Zwanzig valeral. Das waren vierhundert skiim. Für einen solchen Betrag mußte eine Iveirdne niBerlot bei sechs - nein, neun skiim im Monat viereinhalb Jahre lang arbeiten und durfte keinen einzigen skiim für sich zurückbehalten. Wenn sie dabei überleben wollte, verlängerte sich die Zeit auf rund zehn Jahre. Dann, nach zehn Jahren, hatte sie zwanzig valeral zusammen: einen mescal. Sie versuchte, sich die Zeitspanne vorzustellen, in der sie hundert mescal verdienen konnte, gab den Versuch aber rasch auf. Und der Statthalter wollte hundert mescal von seinem Volk haben. Für ein Geschenk. Was, in Meriels Namen, wollte er dem zukünftigen König von Ryondar schenken? Für hundert mescal konnte man, wenn man wollte, ganz Iunis kaufen. Aber vielleicht verschwand ja die Hälfte des Geldes sowieso in seiner persönlichen Schatzkammer.

Sie zwang ihre Gedanken von dem Geld weg, bevor sie einen Tobsuchtsanfall bekam. Sie waren Kardian. Sie waren machtlos. Wenn die Mächtigen ihnen alles wegnahmen, was sie zum Leben brauchten, hatten sie keine Möglichkeit, sich zu wehren. Und wenn der Statthalter erst einmal zornig auf sie geworden war, gab es keinen Ort, an den sie fliehen konnten.

Da sagte Kaan plötzlich: "Und was ist mit dem Kelch? Wenn wir ihn verkaufen - vielleicht ist er zwanzig valeral wert."

Iveirdne zuckte zusammen, und Marlil warf einen raschen Blick auf Relaile und Lok und sagte sofort: "Das geht nun wirklich nicht, Kaan!"

Aber die anderen waren schon aufmerksam geworden.

"Was denn für ein Kelch?" fragte Dywai.

Kaan wich Marlils verärgertem Blick aus und zuckte die Achseln. "Wir wollten doch sowieso darüber sprechen, oder? Und jetzt - Innouye will, daß wir Relaile wegschicken, aber ich halte das für falsch, ganz gleich, woher sie kommt. Ich glaube, daß wir gar keine andere Wahl haben, als den Kelch zu verkaufen. Und sie hat ihn uns ja schließlich angeboten."

"Und dafür kauft sie sich dann hier ein?" fragte Innouye böse. "Außerdem glaubst du doch wohl selbst nicht, daß ein Schatz, mit dem ein hausloses Lumpenkind durch die Gegend läuft, wirklich ihr gehört!"

"Sie ist nicht hauslos!" schnauzte Lok.

"Und wir werfen sie auch nicht hinaus!" sagte Marlil kampfbereit.

Die anderen folgten dem Wortwechsel mit völligem Unverständnis. "Moment!" sagte Valane endlich. "Wir sind nur arme, ungebildete Khyalen. Kann uns vielleicht mal jemand erklären, wovon ihr redet?"

Lok öffnete den Mund, aber Innouye war jetzt - vielleicht aus Verlegenheit - in Fahrt gekommen. "Ich werde es euch sagen! Dieses Mädchen da, das Iveirdne uns hergebracht hat, ist nicht nur verrückt und schweigsam - sie hat uns auch noch etwas eingeschleppt, das uns nichts als Ärger bringen wird!" Sie stand unvermittelt auf, stieg über Jorn und Silvane hinweg und ging zum Kamin, wo Ralol den Kelch, unter einem Tuch verborgen, abgestellt hatte. Jäh riß sie das Tuch weg und hob den Kelch hoch, so daß alle ihn sehen konnten. "Und zwar das hier!"

Sie konnte sich nicht über die Wirkung beklagen. Ein Raunen der Verblüffung ging durch den Raum, und selbst Iveirdne, die den Kelch schon gesehen hatte, konnte ihren Blick nicht davon lösen. Er schien alles Licht und alle Wärme in sich aufzusaugen. Dunkelheit ging von ihm aus, und die langsame, ferne Bewegung der glühenden Farben verwandelte einen massiven, schweren Gegenstand plötzlich in ein Fenster, hinter dem die unendliche Tiefe des Nachthimmels lag. Er wirkte kalt, fremdartig und bedrohlich, wenn Iveirdne auch nicht wußte, woher die Drohung kommen mochte. Die Khyalen starrten ihn bestürzt und verständnislos an.

"Das hat sie uns mitgebracht", sagte Innouye. Ihre Arme zitterten vor Anstrengung. "Und jetzt sag mir noch einmal, Kaan, daß du glaubst, daß er ihr gehört!"

"Stell ihn wieder hin", sagte Ralol ärgerlich. "Solange wir nicht genau wissen, wer sie ist, können wir auch nicht behaupten, daß er ihr nicht gehört!"

Krachend landete der Kelch auf dem Boden, und alle zuckten zusammen. Innouye richtete sich auf und fuhr Ralol an: "Genau davon rede ich doch die ganze Zeit! Wer ist sie? Wo kommt sie her? Was soll das Geschwätz, daß sie aus Karyaldeh kommt? Und was will sie bei uns?"

"Innouye, in Meriels Namen!" schrie Eheron. "Ich dachte, wir reden darüber, wie wir zwanzig valeral zusammenbekommen! Bin ich denn verrückt geworden? Wieso Karyaldeh? Was geht hier eigentlich vor?"

"Ruhe!" brüllte Lok so laut, daß ihnen allen in der abrupt folgenden Stille die Ohren klangen. Selbst Relaile blickte auf, als ob sie aus einem Schlaf erwachte. Sie schaute Lok an; wahrscheinlich hatte sie ihn bisher noch nicht brüllen gehört. Dennoch wirkte sie nicht erschrocken. Sie wirkte gänzlich unbeteiligt. Den Kelch, den sie bei ihrer Ankunft noch so besitzergreifend an sich gepreßt hatte, schien sie überhaupt nicht zu sehen.

Etwas stimmt nicht, dachte Iveirdne, als sie sie beobachtete. Ein unbehagliches Gefühl machte sich in ihrem Magen breit. Irgend etwas ist hier nicht in Ordnung. Sie warf Darralyn einen Blick zu. Er beobachtete das Mädchen ebenfalls. Seine Stirn war nachdenklich gefurcht, und er hatte sich bisher weder an dem Streit noch an den Unterhaltungen beteiligt. Er schien abzuwarten, wie ein Jäger, der noch nicht sicher war, welche Beute sich vor ihm im Dickicht verbarg.

"Bevor wir uns hier alle gegenseitig anbrüllen", sagte Lok, "möchte ich euch darauf hinweisen, daß Relaile nicht hauslos ist und auch kein Lumpenkind. Sie ist ebenso kardian wie wir, geboren und aufgewachsen unter dem Gesetz des -khy-. Und Karyaldeh..." Er hielt inne und suchte nach Worten. "Nun ja -"

"Entschuldige mal, Lok", sagte Argane ungeduldig. "Hat sie das gesagt? Das ist Unsinn! Sie kann nicht aus Karyaldeh kommen! Karyaldeh ist vor undenklichen Zeiten untergegangen! Niemand hat überlebt!"

"Stell dir vor, das weiß ich auch", sagte Lok. "Aber was den Kelch angeht -" Er brach wieder ab.

Alle schauten jetzt das fremde Mädchen an. Sie hingegen blickte ins Kaminfeuer. Das schöne, blasse Gesicht war so reglos, als hätte sie kein einziges Wort gehört. Iveirdne verwünschte den Augenblick, als sie sie zum ersten Mal gesehen hatte.

"Relaile?" sagte Ralol vorsichtig.

Sie wandte langsam den Kopf und schaute zu ihm hin. Ihr geflochtener Zopf löste sich auf; das blonde Haar fiel wie ein Schleier über ihr Gesicht. Jemand sollte ihr beibringen, wie man das macht, dachte Iveirdne und vergaß den Gedanken im nächsten Moment.

"Ist das wahr, was Innouye sagt? Kommst du aus... aus Karyaldeh?"

Der leere Ausdruck ihrer Augen änderte sich nicht. Ihre Lippen bewegten sich und formten ein leises Wort, kaum mehr als ein Hauch. "Karyaldeh..."

"Bist du hauslos?" fragte Ralol. Lok fuhr wieder auf, aber Kord faßte ihn am Arm. "Warte!"

"Hauslos..."

Sie warteten mit angehaltenem Atem - aber mehr sagte sie nicht.

"Großartig", sagte Sinye spitz. "Jetzt haben wir unser eigenes Echo in den Khyals. Vielleicht können wir zwanzig valeral damit verdienen, daß wir sie auf dem Markt zur Schau stellen und jeden Blödsinn wiederholen lassen, den Ildiune amTevrak von sich gibt."

Das brachte ihr Gelächter und einige entrüstete Blicke ein. Die Kinder am Kamin kicherten so ausdauernd, daß Ela sie schließlich anzischte, sie sollten sich gefälligst anständig benehmen. Sie wurden wieder still, aber hin und wieder hörte man aus dieser Richtung ein unterdrücktes Quieken.

Ralol bemühte sich, wieder einigen Ernst in die Versammlung zu bringen. "Also wirklich, Sinye, bitte! Relaile - falls das wirklich dein Name ist - aus Karyaldeh - was ich nicht glaube -: du kannst doch sprechen, nicht wahr? Du verstehst, was wir sagen. Gehört dieser Kelch dir? Und wenn ja, wo hast du ihn her?"

Ihre grauen Augen waren groß und weit und schienen geradewegs durch ihn hindurchzublicken. Sie antwortete nicht.

"Wir verschwenden bloß unsere Zeit", sagte Dywai wütend. "Ich habe keine Lust, hier mit verrückten Fremden Rätselraten zu spielen! Bringt sie zur Stadtwache, und aus! Wenn es für sie eine Belohnung gibt, kriegen wir vielleicht wenigstens diese verdammten zwanzig valeral zusammen!"

"Wir bringen sie nicht zur Stadtwache!" rief Valane aufgebracht.

"Aber ich will, daß sie verschwindet!" schrie Innouye. "Marlil hat geträumt, daß sie Tod und Zerstörung über die Khyals bringen wird! Und ihr wißt, daß Marlils Träume immer wahr sind!"

"Halt!" sagte Marlil scharf. "Es ist wahr, ich habe von Sturm und Hunger geträumt. Aber nicht, daß sie daran schuld ist! Es gab auch Sturm und Hunger, bevor sie zu uns kam!"

"Außerdem ist sie fast noch ein Kind!" fuhr Laron dazwischen, der selber kaum älter war. "Sie hat ein Recht auf Schutz!"

Mehrere andere meldeten sich zu Wort, und eine Weile tobte ein Streit, in dem niemand genau zu wissen schien, was er oder sie eigentlich verteidigte. Iveirdne beteiligte sich nicht. Sie merkte, daß auch ohne ihren Beitrag heute abend nicht so sehr viel von der Weisheit des -khy- in ihnen war. Ob es nun der Schock der Geldforderung, die Verwirrung über den seltsamen Kelch, das Unbehagen angesichts des schönen und verrückten Mädchens oder das Mitleid mit einem heimatlosen Geschöpf war: sie alle waren in einem Maß aufgewühlt, das Iveirdne noch bei keiner Versammlung erlebt hatte. Und sie selber mischte sich zwar nicht ein, aber sie erinnerte sich noch an die erste Begegnung mit diesem Mädchen, als sie etwas unverrückbar Fremdes und Fernes in ihr gespürt hatte. Sie, Iveirdne, hatte diese Fremdheit in die Khyals gebracht. In gewisser Weise war sie für den Streit verantwortlich.

Was konnte sie tun? Was wollte sie tun? Ein Teil von ihr stimmte Innouye zu: sie würde froh sein, wenn Relaile und ihr Kelch wieder dorthin verschwanden, woher sie gekommen waren. Andererseits war es gegen das -khy-, jemanden fortzuschicken, der kein Verbrechen begangen hatte. Und ein Teil von ihr fühlte sich unwiderstehlich zu diesem halbwüchsigen Mädchen hingezogen, gefesselt von der vollkommenen Stille, in der sie sich bewegte, von ihrem Geheimnis, von der Gefahr, die sie mitgebracht hatte. Diese merkwürdige Fremde war vielleicht verrückt, aber sie war eine Möglichkeit. Etwas Neues.

Abgesehen davon war sie ein Mensch, jung und allein und Kardian. Und Kardian sollten nicht allein sein. So etwas war gegen das -khy-.

Sie schaute zu Relaile hin. Das Mädchen saß völlig reglos neben Lok und starrte ins Nichts. Iveirdne wollte eben wieder an ihrem Becher nippen, als ihr etwas auffiel. Lok sah schrecklich aus. Seine Haut war fahl, der Mund verzerrt. Auf seiner Stirn stand Schweiß. Sein ganzer Körper war verkrampft, die großen Hände zu Fäusten geballt, während er dem Streit zuhörte. Genauso hatte er am Morgen ausgesehen, als er mit Relaile vom Besuch bei Celiphas amTarn zurückgekehrt war.

Wenn sie nicht gewußt hätte, daß Lok sich vor nichts auf der Welt fürchtete, hätte sie geglaubt, er habe Todesangst.

Sie berührte ganz leicht Darralyns Arm. Als er sich zu ihr umdrehte, sagte sie sehr leise: "Schau dir Lok an."

Er tat es und murmelte: "Meriels Scheiße. Was ist denn mit dem los?"

Sie erfuhren es rasch genug. Lok stand plötzlich auf, setzte zweimal zum Sprechen an und sagte dann mühsam: "Haltet mal die Klappe, alle miteinander. Ich hab euch was zu sagen."

Es dauerte einen Moment, bis das Stimmengewirr verebbte und alle ihn anstarrten.

"Ist dir nicht gut, Lok?" fragte Silvane besorgt.

Er grinste ein wenig, es sah gespenstisch aus. "Doch, alles in Ordnung. Magenschmerzen, sonst nichts." Sein Grinsen verschwand wieder. "Also, jedenfalls ist es so. Relaile und ich... also, ich war heute morgen mit ihr bei Celiphas amTarn. Er wollte sie sehen. Relaile, meine ich. Er hatte gehört, daß sie bei uns ist.Er wollte herausfinden... also, er sagte..." Er brach ab und suchte ganz offensichtlich nach Worten. Die Khyalen starrten ihn an.

Endlich setzte er wieder an. "Also, sie ist nicht hauslos. Jedenfalls nicht richtig. Er kennt sie, hat er gesagt. Sie hat für Celiphas´ Schwester gearbeitet, Nadiz amTarn. In Tair Fi."

Verblüfftes Schweigen, dann allgemeines Gemurmel. Iveirdne spürte, wie ihr ein Stein vom Herzen fiel. Deswegen kannte sie hier niemand. Aber wieso sah Lok dann so aus, als würden ihn seine nächsten Worte an den Galgen bringen?

Darralyn streckte sein verletztes Bein aus und fragte ruhig: "Wie kommt sie dann in Lumpen nach Lenangeh? Ist sie weggelaufen?"

"Nun ja", sagte Lok widerstrebend. "Er sagte, sie wäre verhaftet worden. Wegen nichts. Als sie sie zurückbekamen, war sie... so. Nadiz hat sie nach Iunis geschickt, damit sie sich erholen kann. Sagte er."

"Sagte er", wiederholte Skerah. Es klang lauernd. "Und der Kelch?"

"Nun ja", sagte Lok und schien nicht zu merken, daß er sich wiederholte. Die nächsten Worte schienen ihn mehr Überwindung zu kosten als alles andere. "Der gehört, sozusagen, also, Celiphas amTarn."

"Ich hab´s doch gewußt!" sagte Innouye.

"Eine Diebin!" rief Ela. "Eine schäbige, gemeine Diebin! Und so etwas bringt man uns hierher!"

"Raus mit ihr!" rief Dywai.

Empörte Ausrufe wurden laut. Marlil war weiß im Gesicht. Iveirdne zog den Kopf ein. Meine Schuld, dachte sie. Es ist alles meine Schuld. Hätte ich doch nie -

Darralyn legte den Arm um sie und drückte sie an sich. Aber er sagte nichts, beobachtete nur Lok und das verrückte Mädchen, das den Aufruhr nicht zu bemerken schien.

"Ruhe!" schrie Ralol. "Ruhe!" Es dauerte eine ganze Weile, bis er damit endlich durchkam. Aber dann legte er los. "Habt ihr den Verstand verloren? Seht euch dieses Mädchen doch an! Das ist doch keine Diebin! Sie ist krank! Wer weiß, was diese Bastarde ihr angetan haben! Sie ist überhaupt nicht für das verantwortlich, was sie tut!"

"Kann uns doch gleich sein!" sagte Dywai. "Wir wollen jedenfalls keinen Ärger haben!"

"Nicht gerade jetzt", stimmte Valane zu. "Habt ihr gehört, daß die Soldaten Innouyes Wagen durchsucht haben? Vielleicht haben sie nach diesem Kelch gesucht! Habt ihr euch das mal überlegt?"

Iveirdnes Magen drehte sich um.

Aber Lok sagte: "Haben sie nicht. Die Soldaten wissen überhaupt nichts von einem Kelch. Celiphas hat den... also, er hat es nicht gemeldet. Das ist keine Angelegenheit für die Soldaten, hat er gesagt. Es bleibt zwischen uns."

"Ach ja?" sagte Skerah spitz. "Schön, dann ist ja alles in Ordnung. Nimm sie, bring sie zu ihm, dann sind wir sie los und können uns vielleicht über diese zwanzig valeral Gedanken machen, um die es hier eigentlich geht."

"Ja", sagte Lok, "darum geht es ja gerade. Er will den Kelch natürlich wiederhaben, aber Relaile... es würde ihr in der Stadt nicht gutgehen. Er hat mich gebeten, daß wir uns um sie kümmern." Die schlimmste Hürde schien überwunden zu sein, obwohl er noch immer todunglücklich aussah. "Ich mache das; sie kann bei mir wohnen. Ihr werdet keinen Ärger mit ihr haben. Und dafür -"

"Warum schickt er sie nicht zurück nach Tair Fi?" fragte Ronard.

"Hast du nicht zugehört?" sagte Silvane. "Weil sie ihr da etwas Scheußliches angetan haben. Natürlich kann sie hierbleiben. Mit dem Kelch ist ja dann alles in Ordnung."

War es das wirklich? Iveirdnes Kopf schwirrte von dem, was sie gerade erfahren hatte, und gleichzeitig hatte sie das häßliche, nagende Gefühl, daß trotz Loks Erklärung irgend etwas ganz und gar nicht stimmte.

Der Kelch zog ihren Blick wieder auf sich. Es war ein wunderschöner Gegenstand, vollkommen gearbeitet, und in diesem langsamen, kaum wahrnehmbaren Tanz der glühenden Farben war etwas, das sie fesselte: etwas, das mit Schönheit nicht das geringste zu tun hatte. Der Kelch griff nach ihr, es war ein Wort, das sie hörte, aber nicht verstand, ein sanftes, unablässiges Ziehen, das sie ängstigte und zugleich lockte... Es berührte jenen Teil in ihr, der älter war als das ganze ryondrische Königreich.

Sie schüttelte den Kopf und riß ihren Blick von dem schimmernden Gefäß los. Einen Moment lang hatte sie das Gefühl, in einen bodenlosen schwarzen Schacht zu blicken und zu fallen. Eine Hand berührte ihren Arm. Sie blickte auf und sah Darralyns Gesicht dicht vor ihrem eigenen. Er sah besorgt aus, und jetzt fiel ihr auf, daß auch alle anderen sie anstarrten. Sie blinzelte bestürzt. "Was... ist denn?"

"Was ist los mit dir?" fragte Darralyn. "Ralol hat dich gefragt, ob du auch einverstanden bist, aber du hast überhaupt nicht zugehört. Wo bist du gewesen?"

Sie blinzelte wieder und rieb sich die Augen. Der Feuerschein im Kamin schien ihr nach der abgrundschwarzen Dunkelheit grell zu sein. Mit unsicherer Hand zeigte sie auf den Kelch. "Ich war... da drin. Glaube ich. Das -khy-..." Sie brach ab, hilflos unter den vielen verständnislosen Blicken; sie begriff ja selbst nicht, was sie da sagte. "Einverstanden... womit?"

"Daß Relaile bei uns bleibt."

"Ja", sagte sie, "natürlich." Erst danach merkte sie, was sie gesagt hatte. Was sollte das denn? Sie wollte doch, daß dieses Mädchen wieder verschwand! Zurück nach Tair Fi oder woher auch immer sie gekommen -

Das war es. Das komische Gefühl. Lok - genauer gesagt, Celiphas amTarn - hatte ihnen eine wahrscheinliche und überzeugende Geschichte erzählt. Und sie glaubte kein einziges Wort davon.

"Schön", sagte Ralol. "Was also diese zwanzig valeral angeht -"

"- wird Celiphas amTarn sie für uns bezahlen", sagte Lok. Er sah überhaupt nicht mehr gequält und unglücklich aus, sondern sehr zufrieden.

Ralol brach ab und starrte ihn an. "Was?"

"Nun ja", sagte Lok. "Sozusagen als Dank. Ich wollte es bloß nicht sofort sagen, damit es nicht so aussieht, als hätte er Relaile bei uns eingekauft."

Die Khyalen waren sprachlos.

"Und außerdem", fuhr Lok fort, "wird er zur Krönung nach Arithia reisen und fragt, ob einige von uns vielleicht Lust haben, mitzufahren und sich das anzusehen. Als Vertreter der Khyals. Weil dieser Kelch -", hier stockte er noch einmal, fing sich aber sofort, "- nämlich sein Krönungsgeschenk für den König ist.Und er ist ziemlich froh, ihn wiederzubekommen."

"Na", sagte Argane trocken in das entgeisterte Schweigen hinein, "dann ist er wohl mehr als zwanzig valeral wert."

v

Lok setzte sich wieder. Sein großer Auftritt war vorbei. Er berührte Relaile nicht, und sie starrte noch immer ins Leere, als hätte sie nichts von dem mitbekommen, was um sie herum gerade vorgegangen war.

Die Khyalen schauten erst ihn an, dann Relaile, dann wanderten ihre Blicke langsam zu Ralol hin, der genauso verblüfft war wie sie alle.

"Äh", sagte er. "Also -"

Skerah schnitt ihm das Wort ab, noch bevor irgendjemand auch nur vermuten konnte, was er sagen würde. "Das kommt überhaupt nicht in Frage."

"Liebes", begann er, "ich wollte doch nur -"

"Und ich habe nein gesagt."

"Aber davon war doch überhaupt nicht -"

"Nein, habe ich gesagt."

Er seufzte schicksalsergeben und schwieg.

Iveirdne schaute Darralyn an, aber er war damit beschäftigt, sein schmerzendes Bein zu reiben, und blickte nicht auf. "Ich hole dir die Salbe", sagte sie - froh, überhaupt etwas sagen oder tun zu können. Bevor er zustimmen oder widersprechen konnte, sprang sie auf, kletterte über Bänke, Kissen, Binsen, Netze und Leute hinweg zur Tür und ging hinaus. Die Dunkelheit empfing sie mit scharfem Wind, der ihr den kalten Regen ins Gesicht peitschte. Sie zog den Kopf zwischen die Schultern und lief zum Dritten Khyal hinüber.

Sie durchquerte das dunkle Fünfte Haus und den Innenhof und stieß die Tür zu ihrem eigenen Haus auf. Die Salbe war rasch gefunden, und sie machte sich auf den Rückweg. Aber im Fünften Haus ging sie nicht sofort zur Tür. Stattdessen blieb sie stehen und versuchte, nachzudenken.

An Loks Geschichte - Celiphas´ Geschichte - stimmte etwas nicht. Vielleicht war sie nicht gelogen. Lok würde seinen Khyalen auf einer Versammlung keine Lügen erzählen, und außerdem war er einer der ehrlichsten Menschen, die sie kannte. Seine Anspannung war damit zu erklären, daß er - nach all seinen wütenden Verteidigungsreden - doch hatte zugeben müssen, daß Relaile etwas gestohlen hatte. Ein solches Eingeständnis konnte ihm nicht leichtfallen, besonders nicht gegenüber Leuten wie Skerah, Dywai, Ela und Innouye, die ihm seinen Irrtum noch lange unter die Nase reiben würden.

Die Geschichte selbst war einfach und wohl auch glaubhaft genug. Aber sie erklärte nicht, warum Lok und Relaile den Kelch nicht sofort zu Celiphas zurückgebracht hatten. Sie erklärte nicht, warum Relaile keine Ahnung hatte, daß iunische Frauen sich die Haare flochten - was sie, soweit Iveirdne wußte - auch auf dem Festland taten. Und sie erklärte nicht Karyaldeh.

Sie ist verrückt, dachte sie. Über was denke ich hier eigentlich nach? Das andere ist doch viel wichtiger. Wenn wirklich einige von uns nach Arithia zur Krönung fahren könnten -

Plötzlich hatte sie es sehr eilig, zurück in den Fünften Khyal zu kommen. Sie eilte hinaus.

Als sie die Tür öffnete und eintrat, redeten schon wieder alle durcheinander, und Dywai sagte gerade: "- völlig übergeschnappt. Das kommt von all dem Bier. Ich hab´s ja immer gewußt."

"Wieso?" fragte Silvane kampflustig. "Was kann schon passieren? Wenn iské amTarn es uns doch anbietet -"

"Was passieren kann?" Das war Ela. "Alles Mögliche kann passieren. Das Schiff kann in einen Sturm geraten. Es kann von Piraten überfallen werden. Es -"

"Unfug", sagte Ronard. "Wann hätte es das letzte Mal einen Piratenangriff auf ein kardisches Schiff gegeben? Die hat Meriel längst alle versenkt. Es besteht also nicht die geringste -"

"Aber vor Stürmen bewahrt er euch nicht!"

"Dann dürften wir auch nicht mehr mit den Fischerbooten hinausfahren", sagte Laron.

Iveirdne kletterte wieder über alle Hindernisse hinweg, ließ sich neben Darralyn auf die Bank fallen und hielt ihm den Tiegel hin. "Hier. Wer will gehen?" Wer ist so verrückt, daß er auch nur daran denkt, Iunis zu verlassen?

"Ich", sagte er und fing den Tiegel auf, als sie ihn fallenließ.

"Was? Du? Götter und Wanderer, warum denn?"

Er lächelte. "Weil ich neugierig bin." Dann hob er ein wenig die Stimme, damit ihn auch die anderen hörten. "Und weil ich glaube, daß es ein Zeichen ist. Ich glaube, daß hier das -khy- am Werk ist. Und sollen wir etwa dem -khy- nicht gehorchen? Hört ihr den Ruf nicht?"

Iveirdne zuckte heftig zusammen und schaute zu Marlil hin. Marlil erwiderte den Blick. Sie erinnerten sich beide.

Ich wurde gerufen. Habt ihr den Ruf nicht gehört?

"Ist es wirklich das -khy-?" fragte Malja zweifelnd. "Ich höre gar nichts. Willst du damit sagen, Darralyn, daß du Iunis verlassen und nach Ryondar gehen willst?"

"Warum nicht?"

"Aber es ist zu gefährlich! Wer weiß, was dort drüben vor sich geht! Wo der König doch ermordet wurde und alles!"

"Außerdem ist es viel zu weit", sagte Elarda.

"Weit, ja", sagte Darralyn. "Und vielleicht auch gefährlich. Aber sollen wir deshalb hier sitzen bleiben und uns vor jedem Schatten fürchten?" Er richtete sich auf, und seine hellen Augen schimmerten im Feuerschein. "Ich gehe auf jeden Fall."

"Aber doch nicht allein!" sagte Ralol, entsetzt über eine solche mögliche Ungeheuerlichkeit. "Jemand muß mitgehen!"

Darralyn grinste flüchtig. "Das will ich doch hoffen." Er sah sich in der Runde um. "Na los, Abenteurer vor. Wer geht mit?"

Tiefes Schweigen folgte. Die Khyalen saßen still auf ihren Plätzen. Niane, Elardas und Dardons zehnjährige Tochter, schaute aus großen Augen von einem zum anderen, ihr Kindergesicht war ernst und von einer beklemmenden, flüchtigen Schönheit. Iveirdne lauschte dem Knacken des Feuers und den Atemzügen ihrer Nachbarn und Freunde und versuchte, sich über ihre Gedanken klarzuwerden. Nagende Unruhe breitete sich in ihr aus. Ihr Magen schien sich zu einem einzigen Klumpen zusammenzuziehen. Es war Furcht, das wußte sie, aber es war auch noch mehr. War es wichtig, wer von ihnen ging? Sie wurde hier gebraucht, und sie wollte nicht gehen. Sie erinnerte sich, wie unzufrieden, hilflos und angebunden sie noch vor wenigen Tagen gewesen war, während sie doch deutlich gespürt hatte, daß etwas Neues begann. Sie hatte etwas tun wollen, das war sicher. Aber niemals hatte sie daran gedacht, daß sie dafür vielleicht fortgehen mußte.

Feigling, dachte sie dann. Du bist ja nicht einmal allein. Celiphas und all seine Leute werden dabeisein. Und Darralyn.

In das Schweigen hinein sagte sie, so ruhig sie konnte: "Ich komme mit."

"Hast du keine Angst?" fragte Kord zweifelnd.

"Doch, habe ich. Aber ich gehe trotzdem. Ich will... ich möchte das sehen."

Wieder herrschte Schweigen. Dann meldete sich aus dem Hintergrund die Stimme von Etis, Nianes sechzehnjährigem Bruder. "Ich würde auch gerne mitkommen."

Alle Blicke richteten sich auf ihn. "Warum?" fragte Dardon.

Etis hob den Kopf und schaute seinen Vater an. "Du weißt, daß ich zum Bäcker oder Gewürzhändler nicht tauge. Ich will etwas anderes - etwas, das es hier nicht gibt. Vielleicht finde ich es in Ryondar."

"Etis", sagte seine Mutter Elarda, "du bist Kardian. Was du suchst, wirst du bei den kahat nicht finden. Die Musikantenzunft nimmt Leute wie uns nicht auf."

"Ich kann es immerhin versuchen", sagte Etis eigensinnig mit einem Seitenblick zu Darralyn.

"Dann geh", sagte Elarda, "aber versprich mir, daß du zurückkommst, wenn sie dich nicht haben wollen."

"Moment", sagte Skerah. "Du willst ihn doch nicht gehen lassen, Elarda!"

Elarda maß sie mit einem festen Blick. "Er ist mein Sohn", sagte sie ruhig. "Wenn ich entscheide, ihn nicht gegen seinen Willen festzuhalten, geht das nur ihn, seinen Vater und mich etwas an."

Es war nicht leicht, Skerah zum Schweigen zu bringen, aber jetzt hielt sie tatsächlich den Mund.

"Außerdem", sagte Dardon und grinste plötzlich, "hat er als einziger von uns Iunis schon einmal verlassen. Du kannst den anderen mit deiner Erfahrung nützlich sein, Etis."

Eheron und Liverne lachten, und die Spannung löste sich ein wenig. Als fünfjähriges Kind hatte Etis sich auf ein im Hafen liegendes Schiff geschlichen und war erst in Tair Fi entdeckt worden. Die Geschichte lief ihm immer noch nach, und er errötete unter dem Lachen der anderen - dann lachte er auch.

"Moment", sagte Malja. "Also, wenn - falls überhaupt -, dann sollte doch Ralol gehen. Als unser Erster Sprecher. Oder -"

Ralol zuckte heftig zusammen. "Wohin? Wer, ich? Nach Ryondar? Warum denn, in Meriels Namen?"

"Weil es passen würde. Vierter Khyal: Darralyn. Dritter Khyal: Iveirdne. Dann sollte jemand aus dem Ersten und dem Zweiten Khyal mitkommen. Aber kein halbwüchsiger Junge, sondern ein Erwachsener. Du zum Beispiel."

"Niemals!" zischte Skerah, und diesmal war Ralol ihr ganz offensichtlich dankbar für ein Verbot. Offenbar hatte er sich vorhin nicht freiwillig melden wollen. Unbehaglich begann er: "Weißt du, Malja - sieh mal, ich bin nicht gerade der Jüngste, und es wäre... also..."

"Verrückt wäre es", sagte Skerah. "Er geht jedenfalls nicht. Und ihr solltet euch das aus dem Kopf schlagen."

Aber niemand hörte ihr zu. "Was ist denn mit dem Zweiten Khyal?" fragte Jorn. "Barra - was ist mit dir?"

Der Schuhmacher blickte kurz auf und sagte schroff: "Nein. Mir reicht eine gebrochene Nase."

Iveirdne war enttäuscht. Sie hatte gehofft, er würde zustimmen. Mit Barra und Darralyn zusammen hätte sie sich sicher gefühlt.

"Tanarol?"

Der Glasmacher runzelte die Stirn. "Ich kann nicht weg. Muß mich um meinen Vater kümmern. Und Laron muß mir helfen - mir und den Fischern, wenn schon Darralyn ausfällt."

Laron zog ein Gesicht, sagte aber nichts.

"Na gut. Dann Valane und Ergil."

Aber auch die beiden Fuhrleute lehnten sofort ab. "Ich habe in der nächsten Woche einen Fuhrauftrag nach Barundeh", sagte Valane bedauernd. "Sonst wäre ich gerne mitgekommen."

"Ich nicht", sagte Ergil. "Ich habe hier schon genug Ryondari um mich. Ich muß nicht auch noch mitten in ihr Nest hineingehen."

Einige Leute lachten.

"Na gut", sagte Sarvo, Innouyes Mann. "Dann sind eben nur drei Khyals vertreten."

"Wieso?" fragte Ergil und setzte eine eigensinnige Miene auf, weil er genau wußte, was er auslöste. "Aneurin ist ja auch noch da!"

Sofort kehrte die allgemeine Anspannung zurück.

"Aneurin?" wiederholte Ralol verblüfft. Dann hob er den Kopf, und sein Blick suchte den Mann, der erst seit kurzer Zeit in den Khyals lebte, auf keiner Versammlung das Wort ergriff, auch diesmal ganz hinten saß und bisher geschwiegen hatte, so daß ihn die anderen schon mehr oder weniger vergessen hatten. "Aneurin - würdest du als Vertreter der Khyals nach Arithia gehen wollen?"

Der Mann blickte auf, ebenso überrascht wie alle anderen, daß er plötzlich in die Besprechung einbezogen wurde. Er war ein Mischling, halb iunisch, halb anturisch, größer und schmaler als die anderen, mit regelmäßigen, schönen Gesichtszügen und lockigem, weich über die Schultern fallendem Haar von einem warmen Honigton. Manchmal flocht er sich keinen Zopf, aber er schnitt die Haare auch nicht ab. Iveirdne runzelte die Stirn, und in ihre Spannung mischte sich eine Unterströmung von Feindseligkeit. Sie war - wie die meisten anderen - der Meinung, daß es ihm nicht zukam, hier zu reden oder überhaupt hier zu sein. Aber wenn Ralol ihn fragte... gut, Aneurin war mit Celiphas amTarn verwandt; Celiphas´ verstorbene Frau war eine Schwester von Aneurins Mutter gewesen, und so konnte man hoffen, daß der Mischling etwas Nützliches beizutragen hatte. Fraglich war nur, ob er Ergil und Ralol dafür dankbar war.

Er zögerte, schaute an allen Gesichtern vorbei erst zu Relaile, dann zu Ralol. Zur allgemeinen Verblüffung sagte er dann kühl: "Ich fahre sowieso nach Arithia. Ich kann euch mitnehmen." Sein leichter anturischer Akzent gab den kardischen Worten einen weichen, halb singenden Tonfall, der nicht zu ihnen paßte und in den versammelten Menschen nur üble Erinnerungen weckte. Iveirdne hoffte, daß ihr Gesicht nicht zu deutlich spiegelte, was sie empfand. Da hätte sie selbst Dywai lieber mitgenommen.

Aber sie war nicht die einzige, die diesen Begleiter mißbilligte. "Nein!" sagte Eheron. "Von dem will ich nicht vertreten werden! Seit er bei uns ist, gibt es immer nur Ärger!"

"Und er ist kahat!" sagte Ela empört. "Er ist ein Fremder hier, Ralol! Wir lassen uns nur von Kardian vertreten!"

"Und wieso mitnehmen?" rief Malja. "Was soll das? Wir brauchen ihn nicht, um nach Arithia zu fahren!"

"Moment -", begann Ralol in peinlich berührtem Ton, aber Marlil unterbrach ihn mit einer Schärfe, die ihr kaum jemand zugetraut hatte. "Hört auf damit! Aneurin ist kein kahat. Oder jedenfalls nur zur Hälfte. Zur Hälfte gehört er zu uns und hat jedes Recht, das wir auch haben!"

Die Khyalen schauten überrascht zu ihr hin. Aneurin sagte kalt: "Danke, Marlil, aber ich brauche deine Hilfe nicht, und es ist mir auch gleich, ob alle Khyals vertreten sind oder nicht. Ich habe in Arithia etwas zu erledigen, also komme ich mit."

"Na, danke", sagte Darralyn. "Dann wissen wir wenigstens Bescheid. Wir können uns also auf dich verlassen?"

"Ihr könnt mich in Ruhe lassen", sagte Aneurin grob, stand auf, bahnte sich einen Weg zur Tür und ging hinaus. "Bastard", sagte jemand so laut hinter ihm her, daß er es noch hören mußte. Die Tür knallte zu.

"Meriel", sagte Ronard, "womit haben wir diesen Kerl verdient? Wer hat ihn überhaupt in die Khyals geholt? Was will er hier?"

"Leben", sagte Barra und klappte gleich darauf den Mund wieder zu, als hätte er schon zuviel gesagt.

"Leben!" Ela spuckte aus. "Ärger machen, sonst nichts!"

"Schluß jetzt!" sagte Ralol. "Auch wenn er die Khyals nicht vertreten will, wird er uns helfen, ein Schiff zu bekommen. Also werden wir demnächst gefälligst ein bißchen freundlicher zu ihm sein. Klar? Gut." Er atmete tief durch. "Was bin ich froh, daß das mit dem Geld geklärt ist. Dann sollten wir jetzt Marlils Traum -"

"Nein", sagte Marlil brüsk.

Er runzelte die Stirn. "Nicht? Warum nicht?"

Sie hob die Hände in einer unsicheren Geste und ließ sie wieder sinken; sie sah müde und besorgt aus, aber nicht mehr so gequält wie zu Beginn der Versammlung. "Ich weiß nicht. Er hat keine Bedeutung mehr. Es ist, als hätte ich ihn nie geträumt."

"Sehr schön", sagte Ela sofort und reckte sich. "Dann können wir ja schlafen gehen." Sie stand auf und beugte sich zu ihrem schlafenden kleinen Sohn nieder. "Gute Nacht."

Die anderen zögerten, dann standen einige von ihnen auf und blickten Ralol fragend an. Der Erste Sprecher nickte, wenn er auch nicht zufrieden aussah. "Also gut", sagte er, "dann war es das. Gute Nacht."

Die Leute verabschiedeten sich und gingen. Iveirdne wartete, während Darralyn sein Hosenbein hochkrempelte und die Salbe auf sein blutiges Schienbein schmierte. Marlil und Kaan nahmen Elil und Iliane, die fest schliefen, auf den Arm und verließen das Haus, und Rava stolperte schlaftrunken hinter ihnen her. Lok stand auf und drehte sich zu Relaile um. "Das wäre geschafft", hörte Iveirdne ihn sagen. "Hoffentlich muß ich so etwas nie wieder machen. Bist du in Ordnung?"

Sie nickte nur und stand mit einer anmutigen Bewegung auf. Dann ging sie an ihm vorbei zum Kamin und hob den Kelch auf. Aber statt ihn mitzunehmen, trat sie zu Darralyn und stellte den Kelch vor ihn hin. Leise sagte sie etwas zu ihm, das Iveirdne nicht verstand. Einen kurzen Moment hielten ihre Blicke einander fest. Dann richtete sich das Mädchen auf, kehrte zu Lok zurück und ging mit ihm nach draußen.

Als Darralyn aufstehen wollte, stieß er unwillkürlich einen leisen Schmerzenslaut aus. Iveirdne drehte sich um. "Was ist?"

"Dieses verdammte Tau." Er stemmte sich hoch; sein Gesicht war plötzlich bleich. "Kannst du -"

"Natürlich. Komm." Sie wollte ihn stützen, aber er winkte ab.

"Nein, das geht schon. Aber du könntest den Kelch nehmen."

Etwas in ihr widerstrebte dem Gedanken, den Kelch anzufassen; etwas anderes griff hastig zu. Sie hob das schwere Gefäß auf, und ihr Blick wurde sofort von dem langsamen Tanz der Farben gefangen. Darralyn stieß gegen sie, und sie zuckte zusammen. Sie standen dicht nebeneinander und schauten die Farben an. Ein Blau glühte auf und verging. Ein goldener Nebel zog sich durch die innere Wölbung und verdunkelte sich.

"Er ist wunderschön", sagte Iveirdne. "So etwas habe ich noch nie gesehen."

Darralyn nickte, aber er sagte nichts. Einen Augenblick stand er völlig still, so versunken, wie Iveirdne ihn noch nie erlebt hatte. Er hob die Hand und strich vorsichtig über den schwarzen Rand des Kelches.

"Was hat sie zu dir gesagt?" fragte Iveirdne.

Darralyn blickte auf. Sein Blick wanderte zur Tür und wieder zurück; er sah aus, als fragte er sich, was da eben eigentlich zwischen ihm und Relaile vorgegangen war. "Sie hat gesagt: Es tut mir leid."

Auf dem Weg zu ihrem Khyal fegte Innouye an ihnen vorbei, verschwand im Fünften Haus und knallte die Tür hinter sich zu. Iveirdne dachte ein wenig beunruhigt darüber nach, daß ausgerechnet die Frau, die Relaile am wenigsten mochte, von nun an ihre unmittelbare Nachbarin sein würde. Sie kannte Innouye und wußte, daß ihnen ein Haufen Ärger bevorstand. Sie wünschte, daß nicht ausgerechnet Lok einen Narren an diesem Mädchen gefressen hätte. Aber der junge Laron war ja ebenfalls bereits in Relaile vernarrt; vielleicht würde sie eines Tages zu ihm ziehen.

Zunächst jedoch kam diese Reise zum Festland. War sie verrückt gewesen, sich darauf einzulassen? Selbst in Celiphas´ Begleitung konnten ihnen schreckliche Dinge zustoßen.

Das Feuer im Fünften Haus war zu einem Häufchen schwelender Glut zusammengebrannt. Innouye war nicht da, sie hatte sich sofort in ihr eigenes Haus verzogen. Sarvo ergab sich in sein Schicksal und folgte ihr. Die anderen setzten sich noch eine Weile vor den Kamin. Sie sprachen kaum. Iveirdne sah zu, wie das Feuer starb, und versuchte, sich vorzustellen, daß sie Iunis verlassen würde. Es gelang ihr nicht.

v

"Vorsichtig!" rief Lok. "Paß auf, Valane!"

Die Fuhrfrau, die mit dem breiten Rücken zu ihm in äußerst unbequemer Stellung auf ihrem Wagen hockte, zog den Kopf unter der Plane hervor und blitzte ihn wütend an. "Vorsichtig? Du willst mir sagen, daß ich vorsichtig sein soll? Meriels Blut, ich habe schon wertvolle Dinge in meinem Wagen verstaut, als du noch nicht wußtest, wie eine Radspeiche aussieht! Vorsichtig! Glaubst du, ich fahre sonst nur Mehlsäcke durch das Land?"

"Ich weiß nicht, was du gewöhnlich durch die Gegend fährst, aber ich weiß, was das ist, das du wie eine Keule herumschwingst! Wenn du auch nur einen Splitter herausschlägst -"

Valane stellte den schweren, in eine Decke gehüllten Kelch so behutsam auf die Wagenbank, wie sie ihn die ganze Zeit über schon behandelt hatte - als könnte er bei der leisesten Erschütterung zerbrechen. Seltsamerweise hatte Celiphas amTarn auch nach der Versammlung nicht darauf bestanden, das kostbare Stück sofort zurückzubekommen. "Ach", hatte er mit unbestimmtem Lächeln gesagt, "bei euch wird er schon in guten Händen sein. Vergeßt ihn nur nicht, wenn ihr an Bord kommt."

Über diese Entscheidung waren sie alle nicht glücklich gewesen, aber sie hatten sich gefügt.Doch selbst die an wertwolle Waren gewöhnte Fuhrfrau war froh, daß ihre Verantwortung jetzt zu Ende ging. "Ich schlage gleich Splitter aus deinem Kopf, wenn du nicht aufhörst, um meinen Wagen herumzutanzen und mich verrückt zu machen! Geh nach Hause und baue Weinfässer! Hier kann ich dich nicht gebrauchen!"

"Ich bin kein Küfer, sondern Stellmacher!" polterte Lok. "Vielleicht erinnerst du dich mal daran, daß ich den Wagen gebaut habe, auf dem du da herumkletterst und dich aufspielst!"

"Ich weiß, daß du den Wagen gebaut hast, du hast ja auch fast meinen ganzen Monatsverdienst dafür bekommen. Vermutlich bist du auch noch stolz auf das unregelmäßige rechte Hinterrad, das du mir angedreht hast, ja? Ich kann dir sagen, Lok -"

"Schluß damit!" rief Ralol zwischen Lachen und Ärger. "Lok, halt doch den Mund! Valane, bist du fertig?"

"Augenblick noch." Die Fuhrfrau nahm den Kelch hoch, als sei er leicht wie Holz, und kroch wieder unter die Plane. Kurz darauf erschien sie wieder und kletterte behende auf den Boden. "So. Wo sind nun unsere Reisenden?"

Ralol reckte den Hals und äugte über die schwatzende Menge hinweg, die sich versammelt hatte, um die Abfahrt mitzuerleben. "Sie müßten eigentlich gleich kommen."

"Ich bin schon da." Etis, ein unförmiges Bündel unter dem Arm, drängte sich zwischen den Khyalen durch. Valane nahm ihm das Bündel ab und kletterte wieder auf den Wagen. Als sie erneut zum Vorschein kam, sagte sie: "Ich würde zu gerne mitfahren! Wenn ich nicht nach Barundeh müßte! Aber bis zum Hafen kann ich euch wenigstens bringen. Steig ein, Junge."

"Sofort." Er drehte sich zu seinen Eltern um und umarmte sie fest. Dann turnte er wie ein Eichhörnchen auf den Wagen und verschwand unter der Plane. Die Umstehenden hörten ihn rumoren, dann streckte er den Kopf heraus. "Valane! Hier ist aber kein Platz für vier!"

"Wie du meinst", sagte sie friedfertig. "Dann steig wieder herunter und bleib hier."

Sein empörtes Gesicht brachte die anderen zum Lachen. Sogar Lok verzog sein brummiges Gesicht zu einem Grinsen: in den letzten Tagen hatte Etis sie mit seiner Begeisterung und Ungeduld allesamt zur Raserei getrieben.

Als Iveirdne und Darralyn mit ihren Reisesäcken herankamen, wurden sie von lautem Johlen, Pfeifen und Händeklatschen empfangen. "Seid ihr alle verrückt geworden?" schimpfte Iveirdne, aber Darralyn lachte. "Laß sie doch! Wir unternehmen eine Weltreise, ist das vielleicht nichts?"

"Wo ist denn Aneurin?" Laron reckte suchend den Kopf.

"Müßte auch gleich kommen." Darralyn warf seinen Sack in den Wagen und kletterte selbst hinein. "Uff! Ist das dunkel! Etis, wo -"

"Aua!"

"Ah, da bist du. War das etwa dein Fuß?"

"Nein, nur mein Kopf", schrie Etis. "Tritt also ruhig nochmal drauf!"

Darralyn lachte und steckte den Kopf ins Freie. "Gib mir deinen Sack, Iveirdne. Das ist enger als in einem von Kords Weinfässern. Valane, hast du keinen kleineren Wagen finden können?"

"Nein, das war der kleinste", erwiderte sie gutgelaunt. "Paßt dir irgend etwas nicht?"

"So ziemlich alles", sagte er, nahm Iveirdnes Sack entgegen und verschwand wieder. Sie hörten ihn drinnen räumen und schieben, und Etis quiekte erneut auf. Iveirdne stellte sich auf die Zehenspitzen und hielt nach Aneurin Ausschau. Es war recht einfach, festzustellen, ob er da war oder nicht: falls irgendwo in der Menge ein Paar feindseliger grauer Augen unter einem honigblonden Haarschopf verächtlich über die vielen strohblonden Köpfe hinwegstarrte, dann war er da.

Er war nicht da.

"Also", sagte Sinye, nachdem sie ein paar Momente gewartet hatten, "nicht, daß er mir fehlt, aber wo ist er?"

Derl rannte schon den Hang hinauf zum Zweiten Khyal. Nach kurzer Zeit tauchte er wieder auf, kam so schnell herunter, daß er sich beinahe überschlug, und landete Eherons hastig ausgestreckten Armen.

"Sein Haus ist leer", berichtete er, als Eheron ihn wieder auf die Füße stellte. "Sauber und aufgeräumt und leer."

"Wie bitte?" Iveirdne runzelte die Stirn. "Was soll denn das? Wo ist er?"

"Er muß schon alleine losgegangen sein." Ralol schüttelte den Kopf. "Der macht es sich aber auch wirklich selbst schwer."

"Und?" rief Etis aus dem Wagen. "Dann haben wir hier drinnen wenigstens mehr Platz!"

Iveirdne drehte sich ratlos zu Darralyn um; er zuckte die Schultern. "Dann treffen wir ihn wohl am Hafen. Ich weiß nicht, was er sich dabei gedacht hat."

"Kahat", sagte Dywai und spuckte aus. Ein paar Leute stimmten grollend zu, einige begannen zu schimpfen. Iveirdnes Mut sank. Das war kein guter Anfang.

"Also los!" überschrie Valane den allgemeinen Lärm. "Auf den Wagen! Das Schiff wartet nicht!" Sie sah zu, wie Iveirdne und Darralyn in den Wagen kletterten, schwang sich dann auf den Fahrersitz und knallte mit der Peitsche. Die beiden kräftigen Pferde zogen an, und der Wagen rumpelte über den Platz. Die Leute, Erwachsene und Kinder, liefen neben ihm her und winkten den drei Reisenden zu; diese steckten die Köpfe unter der Plane hervor und winkten zurück. Bis zum Bach liefen die Menschen dem Wagen nach, aber als er über die Planken der Brücke polterte, blieben sie stehen. "Elani Kardoi! Kardoi anai-ochát!" schrie Dywai, und die Menschen nahmen den Ruf jubelnd auf. "Kardoi soll leben! Lebt wohl! Gute Fahrt!"

Iveirdne ballte die Hand zur Faust und stieß sie in die Luft. Erst jetzt begriff sie wirklich, daß sie Iunis heute verlassen würde. Sie waren unterwegs.

Aber als der Wagen die Brücke überquert hatte und die jenseitige Straße zur Stadt hinaufrumpelte, blickte sie noch einmal zurück, und da sah sie Relaile. Sie stand oben vor den Khyals, ein Stück entfernt von den anderen Khyalen, und bewegte sich nicht. Erst, als der Wagen in die Straße zur Stadtmitte einbog, hob sie die Hand in einem langsamen, feierlichen und traurigen Gruß, als hätte sie die Reisenden ausgeschickt... auf eine Fahrt ohne Ende.

Im Osten glomm es rötlich über dem Meer, als sie nach einer halben Wegstunde den Stadthafen erreichten. Die Luft roch nach Salz und Fisch und Seetang. Die Fahrt war zu Beginn noch lebhaft gewesen, getrieben von der Aufregung, aber jetzt, als sie das Meer vor sich sahen und die großen, dunklen Schiffe, die mit gerefften Segeln an der Kaimauer lagen, versickerte die Unterhaltung in Schweigen. Iveirdne saß steif auf ihrem unbequemen Sitz, und auch die anderen beiden schienen sich nicht sonderlich wohl zu fühlen. Nur Valane blieb unbekümmert - sie fuhr ja auch nicht mit.

"Da sind wir", sagte sie über die Schulter nach hinten. "Wie heißt das Schiff, Darralyn?"

"Sturmbezwingerin", antwortete er. "Ein kleines Handelsschiff."

Die Pferde verließen die Straße; unter ihren Hufen knirschten Steine und Muschelschalen. Iveirdne spähte an Darralyns Schulter vorbei zum Kai, der von Seeleuten, Zimmerern, Segelmachern, Packern und Hafenarbeitern wimmelte. Dazwischen lag abfahrbereit ein Schiff, das ihr auf den ersten Blick riesenhaft erschien: die Sturmbezwingerin, mächtig und unerschütterlich wie ein Felsblock. Hoch oben in den Wanten kletterten Matrosen herum, und vor dem Ruderhaus stand eine zierliche, silberhaarige Frau und brüllte mit unglaublich lauter Stimme ihre Befehle.

"Wer ist das?" fragte Etis mit großen Augen.

"Das ist Lathar niPerrès", sagte Darralyn. "Die Schiffsführerin von Celiphas amTarn. Es heißt, sie sei eine Wettermacherin, und sie setzt niemals einen Fuß an Land. Halt an, Valane!"

Die Fuhrfrau brachte mit leichter Hand die Pferde zum Stehen und drehte sich zu den Gefährten um. "Steigt hinten aus. Ich gebe euch den Kelch." Sie kletterten mehr oder weniger geschickt aus dem Wagen. Iveirdne sprang zu Boden und hob das Gesicht dem Meerwind entgegen. Ihr Herz klopfte schmerzhaft gegen ihre Rippen, als hätte sie eine große Anstrengung hinter sich.

Ich habe Angst, dachte sie, und: Wie groß das Schiff ist.

"Hier", sagte Valane. "Vorsichtig. Er ist wirklich sehr schwer." Darralyn streckte die Hände aus, und seine Muskeln spannten sich, als er den verhüllten Schatz entgegennahm. Wie ein Kind barg er den Kelch an der Brust, und einen Moment lang dachte Iveirdne an Relaile, die im strömenden Regen unter einer Treppe hockte. Es war eine ähnliche Haltung, ein ähnlich verschwommener Ausdruck in Darralyns Augen, der sie wieder dazu brachte, sich zu fragen, was sie an jenem Tag in die Khyals geholt hatte.

"Seht mal!" sagte Etis. "Da ist er ja."

Sie blickte auf. Ein hochgewachsener Mann stand auf dem Deck der Sturmbezwingerin und schaute zu ihnen hinunter. Er hatte sich nicht gerade Mühe gegeben, seine Andersartigkeit zu verbergen: seine schulterlangen Haare flatterten offen im Wind, und er trug ein buntgewebtes Hemd und einen leuchtendroten Umhang mit weißen Pelzbesätzen. Anturier liebten starke und leuchtende Farben, und im Gegensatz zu seinen iunischen Gefährten in ihren klobigen Holzschuhen, den erdfarbenen, geflickten und ausgeblichenen Hosen und Umhängen sah er wie ein Prinz aus. Iveirdne fragte sich, ob er sie überhaupt in seiner Nähe dulden würde, dann schüttelte sie trotzig den Kopf. Pah!

"Pah!" sagte auch Etis, aber er klang plötzlich kleinlaut. "Protzig!"

"Na schön", sagte Valane. Sie schwang die Beine nach draußen und sprang auf den Boden. "Dann bleibt mir nur noch, euch Lebewohl zu sagen. Die Wanderer mögen euch behüten und heil nach Hause zurückbringen!" Sie umarmte erst Iveirdne, dann Darralyn und Etis, warf einen kurzen Blick zu Aneurin hoch und wandte ihm dann entschlossen den Rücken zu. Mit heiterem Gesicht musterte sie die Reisenden. "Ihr werdet Ryondar im Sturm überrollen", sagte sie fröhlich. "Falls ihr jetzt an Bord geht, denn sonst fährt das Schiff ohne euch ab, und ihr müßt mit Schmach und Schande bedeckt nach Hause zurückkehren."

Iveirdne lächelte. Valane bemühte sich wirklich, ihnen den Abschied zu erleichtern. "Grüß die Khyals von uns, Val."

Sie nahmen ihre Bündel auf und schwangen sie über die Schultern. Etis nahm Darralyns Packen, damit der Fischer nur den Kelch zu tragen hatte. Sie wandten sich ab und gingen auf das Schiff zu.

An der Laufplanke stand ein glatzköpfiger Mann mit einer Schiefertafel in der Hand. Sein finsteres Gesicht wurde noch finsterer, als er die Khyalen herankommen sah. "Hallo, Tuor", sagte Darralyn. "Hat Aneurin dir Bescheid gesagt, daß wir mitfahren?"

"Wie sind die Namen?" brummte der Mann. "Wir nehmen nur Leute mit, die auf der Liste stehen."

"Darralyn Cairn, wie du weißt", sagte Darralyn. "Iveirdne niBerlot und Etis niDolan. Und der da oben."

"Cairn", brummte Tuor und beäugte mißtrauisch seine Liste. "NiBerlot. NiDolan. In Ordnung. Ihr könnt an Bord."

Darralyn setzte sich in Bewegung und stieg die Laufplanke hinauf, als habe er so etwas schon unzählige Male getan. Etis stolperte dicht neben ihm nach oben. Für Iveirdne war es ein überwältigender Moment, als sie den Fuß von der Erde löste, zu der sie gehörte, und auf die hölzerne Planke zwischen Wasser und Himmel setzte. Sie ging fort. Noch ein Schritt, und sie war schon fort. Sie befand sich noch im Hafen, umgeben von Häusern und Steinen und Erde, aber sie war schon unterwegs. Eine Woge von Angst ging über sie hinweg, und sie überließ sich ihr widerstandslos, ließ sich von ihr vorwärtsspülen - die Planke hinauf auf das Schiff. Als sie zu sich zurückfand, stand sie neben Darralyn, umklammerte mit beiden Händen die Reling und zitterte am ganzen Körper. "Schon gut", sagte er leise. "Mir geht es genauso."

"Alles an Bord?" fragte Tuor, der plötzlich neben ihnen stand. "Gut. Dann geht es los." Er wandte sich um und winkte jemandem zu, den Iveirdne nicht sehen konnte.

Die Planke wurde eingezogen, die Pforte geschlossen. Hafenarbeiter lösten die Taue, die das Schiff noch ans Land fesselten, und Lathar brüllte einen Befehl. Über den Köpfen der Reisenden kletterten Männer über Taue, die Iveirdne kaum haltbarer als Spinnweben erschienen. Die Segel wurden gelöst, fielen schwer herab und füllten sich mit Wind. Die Sturmbezwingerin geriet träge in Bewegung, löste sich vom Kai und schwang herum.

Langsam steuerte das Schiff die Hafenausfahrt an. Iunis, ein im Morgenlicht und Frühnebel formloser grauer Schatten, glitt an ihnen vorbei und fiel zurück, als das Schiff Kurs auf das offene Meer nahm.

"Also, Ryondar", sagte Iveirdne und atmete tief die kalte, salzige Luft des neuen Tages ein, "wir kommen."

vvv

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