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Die Glocken von Lenangeh

Spätherbst 1500

Iveirdne erwachte vom Fauchen des Ostwindes in den Bäumen, kurz bevor das durchdringende Quäken des Horns von der Mauer herab den Antritt der Morgenwache verkündete. Das Strohdach des Hauses raschelte und zischte, als sei es lebendig, und am Ziegenstall im Innenhof klapperte ein Brett. Eine vom Wind geschlagene Fackel warf ein zuckendes Licht durch das braune, schlierige Glas des Fensters. Sie streckte die Nase nach draußen und zog sie rasch wieder zurück. In der kalten Luft ihres Hauses stand ihr Atem wie eine Nebelwolke über dem Bett.

Eine Weile blieb sie noch liegen, während sie den dämmernden Tag an sich heranließ. Draußen trampelten die Soldaten über die Stadtmauer. Jemand bellte einen Befehl. Iveirdne kuschelte sich tiefer in ihre Decke und schloß wieder die Augen.
Nach dem Wachwechsel trat wieder Ruhe ein. Das zuckende Licht verschwand. Iveirdne schlug die Decke zurück, stand auf und zog ihren Schafspelz aus, und die Kälte jagte ihr endgültig den Schlaf aus den Knochen. Rasch band sie ihr Gürteltuch um, darüber zog sie eine unförmige Hose aus graubrauner Wolle, darüber den knöchellangen Rock und zwei grobe braune Hemden; dann schlang sie den Pelz hastig wieder um sich. Sie band ihn mit einem geflochtenen Ledergürtel zusammen, flocht ihre strohblonden Haare zu einem langen, festen Zopf, zog zwei grobe Wollsocken an, schob die Füße in ihre eiskalten Holzschuhe und ging aus ihrer Schlafkammer in den Nebenraum.

Über Nacht war das Feuer im Ofen zu einem Häufchen glimmender Asche niedergebrannt. Der zugedeckte Tonkrug, den Iveirdne am Abend auf die Steinplatte gestellt hatte, war kalt geworden, aber noch nicht gefroren. Sie hob den Krug auf und ging damit durch die Dunkelheit des kleinen Raumes zu einer Nische in der Hauswand neben der Eingangstür. Dort stand Meriels Schale, ein kleines Gefäß aus weißem Ton. Iveirdne goß ein wenig Wasser in die Schale, dann stellte sie den Krug auf den Boden und trank einen Schluck aus der Schale. Das kalte Wasser schmerzte an ihren Zähnen. Sie setzte die Schale behutsam wieder auf ihren Platz und trat einen Schritt zurück. "Meriel", sagte sie, "im Namen des -khy-, das zerbrochen ist, bitte ich für diesen Tag um deinen Schutz." Ihre Stimme war noch heiser und rauh, aber seit elf Jahren war dies der erste Satz, den sie morgens sprach, ganz gleich, ob sie wach oder müde, krank oder gesund war. Am Tag ihrer ersten Frauenblutung hatte sie ihn zum erstenmal gesprochen und damit ihre Mutter von der Aufgabe befreit, für sie zu sprechen. Zu Beginn hatte sie ihn aufgeregt und mit zitternder Stimme aufgesagt, halb in der ängstlichen Erwartung einer Antwort. Mit den Jahren hatte sich die Aufregung gelegt, aber nie die Zuversicht. Die Bindung bestand noch immer... Meriel würde sein Volk nicht im Stich lassen.

Sie ging zum Küchentisch, goß das restliche Wasser in eine Schüssel und wusch sich zitternd Gesicht und Hände. Als sie die Hände an ihrem Pelz trockenrieb, hörte sie wieder das Horn: einen langgezogenen, durchdringenden Ruf, der das Öffnen des Nordtors ankündigte. Sie öffnete eine Holzkiste, holte ihren braunen Wollumhang heraus und legte ihn um die Schultern. Dann ging sie zur Haustür, schob den Riegel zurück und verließ das Haus. Der Wind fuhr ihr in die Kleider, riß an ihrem Rock und mischte den Geruch von Salzwasser und faulendem Tang in den Ziegengestank, der vom Stall kam.

Der Innenhof war eine schwarze Insel zwischen den fünf Häusern des Khyals, die ein geschlossenes Fünfeck bildeten. Im Fenster des Versammlungshauses flackerte das Licht des Kaminfeuers, die Fenster der vier Wohnhäuser waren dunkel. Iveirdne ging rasch zum Brunnen in der Mitte des Hofes. Die drei Ziegen, die sich unter dem alten Tonoe-Baum neben dem Brunnen zusammendrängten, beobachteten sie aus gelben Augen, kamen dann zu ihr und stießen mit den Köpfen gegen Iveirdnes Beine, während sie das Wasser heraufholte. Ein Kaninchen lugte aus seinem Bau und verschwand wieder. Iveirdne zog den Eimer aus dem Brunnen und goß das Wasser in den Ziegentrog, und die Tiere steckten sofort ihre Nasen hinein. Sie warf ihnen noch einige Bündel Heu hin und ging über den Hof zum Versammlungshaus.

Im Versammlungshaus trafen sich die Familien des Khyals zum gemeinsamen Frühstück oder Abendessen, um die Arbeit einzuteilen und über gemeinsame Entscheidungen abzustimmen, oder auch nur zum gemütlichen Zusammenhocken bei Bier und Honigwein, während die Kinder spielten oder auf den Decken vor dem Kaminfeuer schliefen. Hier wurden Kinder geboren, Feste gefeiert, Gäste empfangen und über Nacht auf den fellbespannten Bänken untergebracht, und wenn ein Bewohner der Khyals starb, wurde er über Nacht hier aufgebahrt, während die anderen die Totenwache hielten.

Iveirdne dachte nicht an Totenwachen, als sie das Haus betrat. Rava und Elil spielten am Fenster; sie hatten eins der Kaninchen hereingeholt und hielten es fest, während sie ihm ihre Lumpenpuppen auf den Rücken zu setzen versuchten. Ihre Mutter Marlil aus dem Zweiten Haus, die am Kamin hockte und heißen Tee aus einem Tonbecher schlürfte, hob den Kopf und begrüßte Iveirdne so munter, wie es einer leidenschaftlichen Langschläferin um diese Zeit nur möglich war. "Ich brauche einen Schlaftrunk, Iveirdne! Dringend! Setz dich her."

"Für dich oder für die Kinder?" fragte Iveirdne, hockte sich neben ihr auf die Bank und goß sich einen Becher Tee ein.

"Für die Kinder natürlich. Ich brauche keine Hilfe, um zu schlafen, ich könnte heute sogar im Kopfstand schlafen. Aber diese kleinen kiddûn waren heute schon vor dem Hornruf wach!" Das Kaninchen entkam und flüchtete unter die Bank, und die Kinder krochen ihm nach. "Nimmst du Rava und Elil mit auf den Markt, Iv?"

Iveirdne nickte. "Wo ist Iliane? Und was soll ich dir mitbringen?"

"Iliane schläft, Meriel sei Dank. Und ich brauche, warte mal - Mehl, Hirse, zwei Barsche und... ah ja, und ein paar Arranos - falls es noch welche gibt, die man bezahlen kann. Und getrocknete Trauben für die Kinder." Sie kramte in ihrer Rocktasche nach Geld und drückte Iveirdne einen skiim, eine dünne Muschelmünze, in die Hand. "Hier. Und laß dir nur viel Zeit! Wenn du wiederkommst und ich nirgends zu finden bin, liege ich wohl unter dem Tisch und schlafe."

"Was tust du eigentlich nachts, statt zu schlafen?"

Marlil blinzelte nur; der Scherz ging an ihr vorbei. "Ach... gestern abend hat mich der Wind wachgehalten, dann hat die ganze Nacht dieses elende Brett geklappert, und danach habe ich einen schrecklichen Unsinn geträumt..."

Iveirdne blickte rasch auf. "Was war es?"

"Weiß ich nicht mehr", murmelte Marlil, gab den aussichtslosen Kampf gegen die Müdigkeit auf und schloß die Augen. "Nichts Besonderes. Gute Nacht."

Iveirdne lächelte. "Gute Nacht." Sie trank ihren Tee aus, fing die beiden kleinen Mädchen ein, zog ihnen Mäntel aus dicker Wolle an und machte sich mit ihnen auf den Weg zum Markt.

Die fünf Khyals, die letzten von Lenangeh, standen auf einem Hügel außerhalb der Stadtmauer. Früher hatten alle iunischen Städte ausschließlich aus fünfeckigen Khyalgruppen bestanden, aber der starke Gemeinschaftssinn dieser Art des Wohnens hatte wohl der Königin des nahen Festlandes von Ryondar nicht gefallen. Sie hatte ihre Schiffe in den kleinen Hafen von Barundeh geschickt und nach der Zerschlagung des unbedeutenden, hastig aufgestellten iunischen Heeres einen Khyal nach dem anderen niederbrennen lassen, bis das Fischervolk sich ergab. Seither stand Iunis unter ryondrischer Herrschaft. Besonders hart hatte es Lenangeh getroffen, die Dritte Stadt, die ungeachtet jeder iunischen Tradition zur Hauptstadt der Insel erklärt worden war: ein im Jahr 1065 gelegter Brand hatte alle Khyals innerhalb der Mauer vernichtet. Die Iunier hatten sie nicht wieder aufbauen dürfen. Innerhalb der Stadt lebten sie jetzt in den viereckigen Häusern, die die Ryondari erbaut hatten. Iveirdne hatte gehört, daß die Khyals in den anderen drei überlebenden Städten - Malangita, Feyri und Barundeh - inzwischen nur noch als Lagerhäuser dienten und nach und nach abgerissen wurden. Alle Bittschriften an den Statthalter, die alten Häuser zu erhalten, waren unbeantwortet geblieben. Das -khy- war zerbrochen, und es gab nichts, was sie daran ändern konnten.

Sie überquerte die schmale Holzbrücke über den Bach, hinderte Rava und Elil daran, ins Wasser zu fallen, ließ sie aber ansonsten unbehelligt herumrennen und rief sie nur am Stadttor zur Seite, als ein vollbeladener Lieferkarren des Statthalters alDan an ihnen vorbeirumpelte. Gleich danach jagte eine mit kostbaren Beschlägen verzierte Kutsche die holprige Straße entlang und scheuchte die Leute rechts und links an die Häuser. Iveirdne wußte aus Erfahrung, daß diese Lieferkarren und Kutschen nicht wegen eines überfahrenen iunischen Kindes anhielten. Sie hielt Rava und Elil dicht bei sich und wartete, bis die Gefahr vorbei war, dann ließ sie sie wieder laufen.

Der Himmel war jetzt trüb und grau. Die schwarzen Dächer der Häuser ragten gegen eine zusammenfließende Decke aus sich allmählich heller färbenden Wolken, die vom Meer her nach Westen trieben. Iveirdne fror trotz des Pelzes. Sie dachte an die Händler, die auf dem Markt zwischen ihren wenigen Waren standen; in ein paar Tagen mußte sie ebenfalls dort stehen und mit Innouye, ihrer Nachbarin aus dem Vierten Haus, Wolle verkaufen. Vielleicht fiel ja bis dahin Schnee, und das trübe Grau, das immer wieder auf ihre Stimmung drückte, verschwand. Iveirdne verabscheute den Herbst, wenn alles um sie herum verblaßte und starb, doch sie mochte den Winter in den Khyals - wenn es genug Holz und Nahrung gab. Sie hatte auch schon Winter erlebt, in denen die Menschen in ihren kalten Häusern verhungerten, während die Ryondari ihre Essensreste den Schweinen vorwarfen und die Soldaten jeden erschlugen, der zu den Ställen zu gelangen versuchte, um wenigstens seine Kinder am Leben zu halten.

Doch auch darüber dachte sie jetzt nicht nach; das vergangene Jahr war freundlich zu ihnen gewesen. Sie schlenderte zum Marktplatz und verbrachte eine unterhaltsame Stunde damit, Mehl, Hirse, Wurzeln, Fische und Arranos abwiegen zu lassen, Preise miteinander zu vergleichen, hartnäckig mit den Händlern zu feilschen und zwischendurch nach den Kindern zu schauen, die mit abgebrochenen Zweigen und Fischköpfen spielten. Dann hatte sie ihre Vorräte für die kommende Woche zusammen, schleppte ihren Korb die Straße entlang und trieb Rava und Elil wie zwei fröhliche kleine Schafe vor sich her nach Hause.

Auf dem Platz zwischen den Khyals traf sie Darralyns Mutter Narveh aus dem Vierten Khyal.

"Ich wollte gerade zu dir", sagte die alte Frau und hielt ihr einen kleinen Tontopf hin. "Hier. Für die Behandlung vorgestern. Eingekochte Schwarzbeeren. Ist das genug?"

"Natürlich", sagte Iveirdne und nahm den Topf entgegen. "Möchtest du nachher mit uns essen?"

"Ah, nein", antwortete die Frau. "Wir haben schon gegessen. Mittags verträgt mein Magen das nicht mehr."

Iveirdne runzelte die Stirn. "Du hast den Kräutertee nicht getrunken. Ich habe Darralyn doch gesagt -"

Narveh hob mit einem zahnlosen Lächeln die Hand. "Ich habe es einfach vergessen. Gib dem Jungen nicht die Schuld; er achtet gut darauf, daß Gorev und ich alles trinken, was du uns verordnest."

"Das sollte er auch. Der letzte Winter war schlimm genug für euch beide. So etwas möchte ich nicht noch einmal erleben."

"Die Fischer sind heute sehr früh hinausgefahren", sagte Narveh ablenkend. "Er war schon fort, als wir aufstanden. War es denn gestern sehr spät?"

"Nein, nicht so sehr." Iveirdne biß sich auf die Lippen und schaute zu den Kindern hin, die zwischen den Häusern Fangen spielten. Gerade in diesem Moment stolperte Elil, fiel hin und fing an zu weinen. Rasch ging Iveirdne zu ihr, froh über die Unterbrechung und zugleich beschämt, weil sie Narvehs Frage ausgewichen war. Sie wollte nicht über Darralyn sprechen. Am vergangenen Abend hatte er wieder einmal beiläufig erwähnt, daß in der Stadt ein Haus freigeworden war, und sie hatte ihn hinausgeworfen. Nach all den Gesprächen hätte er es besser wissen müssen. Sie nahm die Kleine auf den Arm und tröstete sie. Narveh folgte ihr und strich dem Kind über die blonden Haare. "Wartet Marlil auf dich?"

"Ich glaube nicht; sie wollte sich hinlegen. Möchtest du wirklich nicht mit uns essen? Ein bißchen Brot? Es ist noch ganz frisch, ich habe es gestern von Dardon bekommen."

"Ach, nein", sagte Narveh. "Lieber nicht. Ich gehe wieder nach Hause, Gorev wartet, und mir ist kalt. Alte, morsche Knochen, aber so dreht sich eben das Rad, nicht?"

Iveirdne nickte und zögerte dann. Sie wußte, daß Narveh auf die übliche Frage wartete, ob die Fischer schon wieder vom Meer zurückgekehrt waren. Aber sie schwieg, und nach einer kurzen Pause seufzte Narveh leise. "Einen schönen Tag, Iveirdne. Komm doch gelegentlich wieder einmal herüber."

"Ja, natürlich."

Sie schaute der alten Frau nach, die zu ihrem Khyal hinüberhumpelte und in der Tür verschwand. Narveh wußte natürlich genau, daß etwas nicht stimmte. Aber da es keine Angelegenheit der Häuser war, würde sie sich nicht in den Streit einmischen. Was nicht hieß, daß sie keine versteckten Botschaften aussenden konnte.

Vertragt euch wieder. Macht euch um uns keine Gedanken.

Was natürlich vollkommen unmöglich war. Die Sorge um Darralyns Eltern hing wie eine Wolke über jeder Begegnung.

Elil zupfte an Iveirdnes Zopf und löste einzelne Strähnen heraus. "Laß das!" sagte sie scharf. Das Kind erschrak und verzog das Gesicht. Iveirdne seufzte. "Es tut mir leid. Kommt, ab nach Hause. Rava, nimm den Topf und bring ihn nach drinnen."

"Was ist da drin?" Die fünfjährige Rava schnupperte neugierig an dem Topf und strahlte. "Schwarzbeeren!"

"Die waren für mich", sagte Iveirdne grimmig. "Für mich ganz allein, verstehst du?"

Rava starrte sie aus großen Augen an. "Nein."

Gegen ihren Willen lachte Iveirdne. "Na los, kommt schon."

Marlil schlief dort, wo Iveirdne sie verlassen hatte: auf der Bank am Kaminfeuer. Aber sie wachte auf, als Iveirdne die Tür öffnete und die Kinder hereinstürzten. Gähnend setzte sie sich auf und rieb sich die Augen. "Was? Ihr seid schon wieder da?"

"Wenn ich noch länger gefeilscht hätte, hätte ich Marktverbot bekommen", sagte Iveirdne. "Schlaf weiter! Ich nehme sie mit nach drüben."

"Oh, nein", sagte Marlil. "Ich bin jetzt wach. Fangen wir an? Innouye muß auch gleich kommen."

"Und Kaan?"

"Er ist mit Iliane zum Hafen gegangen. Eigentlich ist er heute noch mit dem Kochen an der Reihe. Warum habe ich bloß den unzuverlässigsten Mann in ganz Iunis erwischt?"

"Weil du vier Khyals verrückt gemacht hast, um ihn zu bekommen. Und außerdem, liebe Marlil, irrst du dich wieder einmal im Zeitplan. Kaan hat seine drei Wochen hinter sich. Ab heute bist du dran."

Marlil warf ihr einen wehen, vorwurfsvollen Blick zu. "Du bist ja so grausam." Sie wälzte sich ächzend von der Bank und entdeckte sie Narvehs Topf. "Meriel sei gepriesen, sind das etwa Schwarzbeeren?"

Iveirdne grinste nur, gab ihr den Topf, stieß die Tür zum Hof auf und ging hinüber zu ihrem eigenen Haus, wo sie ihre Vorräte unter der Bank verstaute. Auf dem Rückweg öffnete sich die Tür zum Vierten Haus. Innouye, die Wollfärberin, winkte ihr zu, warf sich einen roten Schal um die Schultern und trat in die vorwinterliche Kälte hinaus. Gemeinsam gingen sie ins Versammlungshaus, wo Marlil zwei ihrer kostbaren Holzscheite ins Feuer schob und behutsam Glut aufhäufte.

Innouye warf ihr Tuch auf eine Bank, wo Rava es sich sofort um den Körper wickelte. "Lok kommt auch gleich. Valane beschwerte sich über ein unregelmäßiges Wagenrad, und er wollte es sich noch ansehen." Mit einem listigen Seitenblick auf Iveirdne fuhr sie fort: "Ich habe übrigens Darralyn in der Stadt getroffen, als ich zu Jalo dem Schneider ging. Er wollte zur Klippe."

"Ah?" sagte Marlil. "Dann wird er Kaan und Iliane treffen."

"Und wahrscheinlich auch das eine oder andere Bier bei Talien." Die Wollfärberin grinste. "Er läßt dich grüßen."

"Danke", sagte Iveirdne, nahm den Kohlkopf und begann die einzelnen Blätter abzuziehen. Innouye sah ihr zu und fragte dann ganz unschuldig: "Sag mal, Iv, bist du eigentlich schon einmal auf den Gedanken gekommen, für Darralyn einen Fisch zu schnitzen? So einen großen, starken? Er würde sich bestimmt freuen!"

"Rede nicht mit mir über Darralyn!" Die Worte kamen schärfer heraus, als sie es beabsichtigt hatte, aber Innouye hatte ein dickes Fell und kicherte nur. "Wieso? Bloß weil du ihn gestern rausgeworfen hast? Das hättest du nicht tun sollen, Iv. Er mag dich wirklich."

"Ach, halt doch den Mund!"

Innouye grinste, stichelte aber nicht weiter. Sie stand auf und ging in den Kaltraum an der Nordseite des Hauses. Marlil legte neues Holz ins Feuer, setzte sich an den Tisch und begann Wurzeln zu schaben. Iveirdne wusch den Kohl und hackte ihn heftig in Stücke. Es gab Augenblicke, in denen sie wünschte, daß Innouye in einem anderen Khyal lebte und genauso zur höflichen Zurückhaltung gezwungen wäre wie zum Beispiel Narveh. Aber als Khyal-Nachbarin konnte man sie leider nur zum Schweigen bringen, indem man sie knebelte und ihr eins über den Schädel gab.

Innouye kehrte mit einer Kanne Ziegenmilch zurückkehrte. "Noch was, Iv -"

Marlil schnitt ihr das Wort ab. "Ach, ich wollte euch übrigens unbedingt noch etwas erzählen; ich weiß gar nicht, warum ich es vergessen hatte -" Es kam selten vor, daß sie sich so deutlich einmischte, aber sie verstanden es beide. Innouye klappte den Mund zu, und Marlil fuhr fort: "Da war gestern ein Händler vom Festland auf dem Marktplatz, der verkaufte komische blaue Früchte. Sie waren rund und fast so groß wie Arranos, aber die Schale war ganz glatt und fest. Wir fragten ihn, was das für Früchte seien und ob man sie essen könnte, und er sagte, es seien Quen'Anyan-Früchte, die zwölf Helden unter Todesgefahr aus Xal-Kattra herausgeschmuggelt hätten, und, edle Damen, sie verleihen ewige Schönheit, so wahr ich hier stehe." Bei den letzten Worten wurde ihre Stimme tief und ein wenig quakend, und Innouye kicherte. Iveirdne schnitt den Kohl und hörte neugierig zu.

Mit ihrer gewöhnlichen Stimme fuhr Marlil fort: "Ildiune amTevrak kaufte daraufhin den halben Bestand auf und wollte wissen, wie man das Zeug anwenden sollte."

Innouye lachte, und Iveirdne grinste. Ildiune amTevrak gehörte zu den Kammerfrauen der Frau des Statthalters alDan und wünschte nichts sehnlicher, als anturisch oder doch wenigstens ryondrisch auszusehen.

"Der Händler war so ein hutzeliges ryondrisches Schlitzohr, wahrscheinlich aus Tair Fi. Nicht, daß er etwas für Iunier übrig hatte, aber daß er auf einen Scherz aus war, konnte man sehen. Er musterte Ildiune also von oben bis unten und verkündete endlich, die Anwendung sei ein Geheimnis, aber er würde es ihr - und nur ihr - für lumpige fünf skiim verraten, da er sehen könne, daß ihr die Früchte von größtem Nutzen sein könnten. Ich glaube nicht, daß sie begriff, was er wirklich sagte. Sie grinste blöde und warf stolze Blicke auf uns armseliges Bauernpack, das herumstand und gaffte und kicherte. Die fünf skiim taten ihr wohl kaum weh. Er strich das Geld ein, nahm sie beiseite, tat sehr geheimnisvoll, flüsterte ihr irgendwas ins Ohr und fuchtelte wichtig mit den Armen. Am Schluß sagte er noch so laut, daß alles es hören konnten, sie sollte nach Anwendung des Mittels innerhalb einer halben Stunde zurückkommen und über den Marktplatz gehen, sonst könnten die Früchte ihre Wirkung nicht voll entfalten. Dabei platzte er fast, aber sie war so aufgeregt und gierig, daß sie ihn kaum ansah und auch nicht auf uns hören wollte. Skerah sagte sogar noch: Paß auf, Ildiune, der will dich betrügen, aber sie sagte sehr böse, wir wären alle nur neidisch, weil sie sich die kostbaren Quen'Anyan- Früchte leisten konnte und wir nicht. Sie stolzierte nach Hause, und wir blieben natürlich alle auf dem Marktplatz, weil wir sehen wollten, was geschehen würde. Der Händler wollte sich aus dem Staub machen, aber Lerol hielt ihn fest - für den Fall, daß Ildiune vergiftet wurde; obwohl wir es nicht für wahrscheinlich hielten. Es war einfach zu offensichtlich."

"Nicht, daß es schade um sie wäre", sagte Innouye spöttisch. "Die färbt sich ja sogar die Haare braun, um endlich anders auszusehen als alle anderen."

"Solange sie sich nicht die Augen färben kann, wird ihr das wenig nützen", sagte Iveirdne. "Wie ging es weiter, Marlil?"

Marlil grinste. "Sie kam wenig später zurück, und wir konnten den Händler laufen lassen. Sie war nicht vergiftet. Sie war nur blau, von der Stirn bis zum Nacken so blau wie ein Kornblumenfeld, und ihr könnt euch vorstellen, was dann los war! Sie blickte in Skerahs Spiegel, schlug ihn krumm und blind und schrie den ganzen Markt zusammen. Eheron, Barra und ein paar Männer aus der Stadt retteten den Händler vor einem gräßlichen Tod und luden ihn zu einem Umtrunk bei Talien ein, und, Iv, ich möchte wetten, daß du Ildiune heute nicht auf dem Markt gesehen hast!"

Die kurze Verstimmung hatte sich gelöst. Dankbar spürte Iveirdne, wie sie sich entspannte, und sie stimmte in Innouyes Gelächter ein. "Nein, und ich hatte sie schon vermißt! Gewöhnlich läßt sie ja keine Gelegenheit aus, sich zu zeigen!"

Einträchtig arbeiteten sie weiter, unterhielten sich, während das Essen auf dem Feuer kochte und sie den Tisch deckten. Innouye überlegte, ob sich diese Früchte wohl auch zum Blaufärben von Wolle und Stoffen eigneten, und Iveirdne schlug vor, sie solle Ildiune fragen, die ja nun bestens Bescheid wüßte. Vor dem Feuer spielten die beiden Kinder mit Steinen und Zweigen, und als Lok, der Stellmacher, von einem Schwall Kälte begleitet hereinkam, war keine Spur von Spannung mehr übrig und das Essen fertig.

Nach einer ausgiebigen Mahlzeit räumten sie den Tisch ab. Lok und Innouye wuschen die Töpfe aus. Marlil verschwand mit den Kindern, und Iveirdne kehrte in ihr Haus zurück, um zu arbeiten.

Im Innenhof blieb sie kurz stehen und horchte auf den Wind, der seufzend durch die kahlen Äste des Apfelbaumes neben dem Brunnen strich. Ansonsten hörte sie nichts. Seit den Hungeraufständen von 1495 war es in den Khyals still geworden. Die Zahl der dort lebenden Menschen war von einhundertzwanzig auf knapp fünfzig zurückgegangen. Einige waren fortgezogen, um dem Hungertod zu entgehen. Viele waren ihm nicht entgangen, und zwanzig waren von den Soldaten erschlagen worden. Die restlichen waren geblieben. Wohin sollten sie auch gehen? Es gab vier Städte auf Iunis, und in keiner sah es besser aus.

So war es gekommen, daß in den kleinen Häusern der Khyals, wo sich früher zwölf- oder sechzehnköpfige Familien gedrängt hatten, heute einzelne Menschen lebten. Kein Haus stand ganz leer; in jedem wohnte wenigstens einer, um es instandzuhalten und seinen Namen weiterzutragen, aber einige Familien hatten sich dafür aufteilen müssen. In anderen Häusern war von der ganzen ursprünglichen Familie nur ein einziges Mitglied noch am Leben. Auch Iveirdnes Eltern, ihre Großmutter und ihre beiden jüngeren Schwestern waren damals verhungert, und Iveirdne selbst war während der Aufstände von den Soldaten halbtot geschlagen worden. Ihr einziger noch lebender Verwandter war Ralol, der Bruder ihrer Mutter, der mit seiner Frau Skerah im Ersten Haus des Ersten Khyals wohnte.

Still war es hier, wenn man selbst Rava, Elil und Iliane nicht mehr hörte, die einzigen Kinder dieses Khyals. Wo früher Rufe und Kindergeschrei ertönt waren, gab es jetzt meist nur noch das Klappern der Holzschuhe, das Knarren des alten Baumes, gelegentlich ein scharfes Klong von einem Eimer, der gegen den Brunnenschacht stieß. Die Menschen gingen durch die leeren Häuser wie Gespenster ihrer eigenen Vergangenheit. Die Hungeraufstände lagen erst fünf Jahre zurück. Seitdem waren wieder Kinder geboren worden, und freundlichere Winter und Sommer waren über die Insel hinweggegangen, doch der Schock jener schrecklichen Monate saß den Menschen noch immer in den Knochen. Sie sprachen niemals darüber. Sie unterhielten sich über Alltagsdinge, sie arbeiteten weiterhin für die Ryondari und Anturier, die Tod und Zerstörung über sie gebracht hatten, und sie sprachen die Namen der Toten nicht aus.

Auch Iveirdne lebte allein, aber daran waren die Fremden nicht schuld. Ihr Mann Necharda war einige Wochen vor den Hungeraufständen ertrunken, als er mit den Fischern einen Kutter untersuchte, der an der Steilküste auf die Felsen gelaufen war. Eine plötzliche Welle, die über das schrägliegende, geborstene Deck schlug, hatte ihn von den Füßen gerissen und ins Meer hinausgespült. So etwas kam vor; damit rechnete man, wenn man am Meer lebte. Meriel, der Wanderer in den Wassern, ging verschwenderisch mit seinen Gaben um, aber manchmal bezahlte man dafür einen Preis. Solche Dinge wurden hingenommen, und jeder Mann, der ein Boot bestieg, wußte, auf was er sich einließ.

Sie hatte nicht sehr lange um ihn getrauert. In ihrer Kindheit hatte sie den Geschichten der Alten zugehört, die von Meermenschen erzählten. Vielleicht war Necharda einer von ihnen geworden, schwamm jetzt irgendwo tief unten zwischen Perlenfischen und Algenwäldern herum und langweilte die anderen mit verrückten Geschichten über das Menschenvolk. Iveirdne hatte genug damit zu tun, selbst am Leben zu bleiben, und der Kummer über seinen Tod war im Grauen des folgenden Winters untergegangen. Wenigstens das war ihm erspart geblieben.

Sie setzte sich wieder in Bewegung und ging ins Haus. Der größere ihrer beiden Räume war Küche, Wohnraum und Werkstatt zugleich. Wie auf dem Dachboden und in der Küche hingen unzählige Bündel getrockneter Kräuter von den Deckenbalken; sie liebte den erfrischenden, angenehmen Duft von Minze, Salbei und Teshtolblättern, der nicht nur ihr Haus, sondern auch ihre Kleider durchzog. Auf den Wandbrettern drängten sich bizarre kiddûn aus Holz und Knochen: verschlagene Kobolde, finstere Gnome, stille alte Trolle und allerlei seltsame Tiere; auf dem Boden stapelten sich verzierte Schüsseln, Teller und Becher, und dann gab es noch mehrere Körbe voller Löffel und Amulette, die sie gewöhnlich am Markttag in der Stadt verkaufte.

Jetzt, am Nachmittag eines grauen Tages, lag der Raum im Schatten. Etwa zwanzig Schritte hinter dem Fenster ragte hinter den dürren Ästen von Rosensträuchern und Apfelbäumen die aus klobigen dunkelgrauen Steinen gefügte innere Stadtmauer gegen den Himmel. Im Frühjahr und Herbst wanderte morgens der Schatten des Wachsoldaten oben auf der Mauer über die knorrigen Figuren der kleinen Statuen. Necharda hatte behauptet, sie würden vor diesen Schatten zurückweichen, und Iveirdne hatte ihn dafür ausgelacht und sie dann heimlich beobachtet. Sie standen ganz still, Staub sank auf ihre Köpfe, die sie trotzig gegen die düstere Mauer hoben.

Sie setzte sich auf den Schemel, der am Tisch vor dem Kamin stand, und zog einen großen Korb zu sich heran, in dem sie zerbrochenes Holz und gebleichte Tierknochen aufbewahrte. Als sie gefunden hatte, was sie suchte - die angefangene Schnitzerei eines Seehundes, die ihr nicht gefiel -, richtete sie sich auf und nahm ihr Messer vom Tisch.

Sie arbeitete, bis es dunkel wurde, aber der Seehund gefiel ihr immer weniger, und ihre Hände wurden nach und nach störrisch. Schließlich gab sie auf. Offensichtlich steckte in diesem Holz kein Seehund, sondern etwas anderes; bis es bereit war, herauszukommen, mußte sie es in Ruhe lassen. Sie legte das Holzstück zurück in den Korb, stand auf und holte den Besen aus der Ecke, um die Späne zusammenzufegen, dann warf sie sie in den Kamin.

Ihr Abendessen aß sie allein. Es bestand aus kaltem Hirsebrei vom Vortag und einem Kanten Brot. Nicht jede Mahlzeit wurde im Fünften Haus eingenommen, und allen Khyalen stand es frei, daran teilzunehmen oder in ihren eigenen Häusern zu bleiben. Außerdem hatten sie alle zusammenlegen müssen, um sich dieses Mittagessen leisten zu können. Sie versuchten zwar, wenigstens einmal in der Woche zusammen zu essen, aber oft blieben sie doch für sich oder hatten einfach nicht genug Zeit.

Als sie den Tisch abräumte und das Brot in ein Tuch einschlug, dachte sie an Innouyes Bemerkung vorhin und ihren eigenen Ärger darüber. Warum war sie so wütend geworden? An Innouyes Sticheleien war sie doch wirklich schon seit Jahren gewöhnt. Also mußte es wohl der Gedanke an Darralyn gewesen sein. Sie hatte Marlil und Innouye nicht erzählt, worüber sie sich mit ihm gestritten hatte, aber es war ein offenes Geheimnis, daß er schon lange überlegte, in die Stadt zu ziehen. Dort würde ihm zwar die Gemeinschaft der Khyalen fehlen, aber er würde besser in der Lage sein, für seine Eltern zu sorgen, Iveirdne hatte diese Freiheit nicht. Sie war niBerlot: Bewohnerin des Erdhauses des Erdkhyals von Lenangeh. Der Name gab ihr ein Zuhause, gab ihr Aufgaben und Pflichten, gab ihr die einzige Sicherheit, die Iunier in dieser unsicheren Zeit haben konnten. Das konnte sie nicht aufgeben, auch nicht Darralyn zuliebe. Er wußte es, aber er sah auch, wie Narveh und Gorev in jedem Winter weiter verfielen, weil er keinen Heiler aus der Stadt bezahlen konnte und ohnehin niemand aus der Stadt zu ihnen in die Khyals kommen würde. Ihr eigener Heiler, Jorn, tat, was er konnte, aber das war nicht viel. Und Iveirdne selbst sammelte Kräuter, deren Wirkung sie erst erforschen mußte, weil die Kräuterfrau, bei der sie einst in die Lehre gegangen war, von einem ryondrischen Lieferkarren in den Straßengraben geschleudert worden und ein paar Stunden später an ihren Verletzungen gestorben war. So war ihnen Stück für Stück das Wissen und die Vergangenheit genommen worden. Und Narveh und Gorev würden einen weiteren Hungerwinter nicht überstehen.

Das Wasser in Meriels Schale war eiskalt und schmerzte an den Zähnen, als sie es trank. Sie stellte die Schale ab und sagte: "Im Namen des -khy-, Meriel, danke ich für deinen Schutz an diesem Tag." Auch dieser Satz begleitete sie seit elf Jahren. Einmal hatte sie gefragt, von wem sie eigentlich während der Nacht behütet wurde, aber darauf hatte ihre Mutter keine Antwort gewußt.

Sie schob den Riegel nicht vor. Vielleicht kam Darralyn ja doch noch, und sie konnten über den vergangenen Abend reden. Sie kletterte die Leiter hoch, zog das Band von ihrem Zopf ab und schüttelte die Haare aus, dann band sie sie zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammen und kroch unter ihre Decken. Sie schlief ein, sobald sie sich hingelegt hatte, und erwachte zu einem neuen dunklen Morgen in einem leeren Bett.

v

Taval war es, der zweite Tag der Woche. Keine Zeit, herumzustreifen und nach einem schmollenden Mann zu suchen; am Taval-Tag hatte sie in der Stadt zu tun. Sie zog sich an, flocht ihren Zopf, vollzog das Ritual und ging.

Schnitzerin, Kräuterfrau, Hebamme und einmal in der Woche Gärtnerin bei Celiphas amTarn: die meisten Khyalen hatten mehrere Berufe, weil einer allein sie nicht ernähren konnte. Marlil arbeitete als Küchenfrau in einem ryondrischen Haus, zog ihre Kinder auf, züchtete Ziegen und verkaufte Milch und Käse auf dem Markt. Innouye färbte Wolle, half Valane im Fuhrgeschäft und flickte zerrissene Segel für die Fischer. Alle Männer waren Fischer, Weinbauern und Handwerker, wenn auch jeder sein eigenes Fachgebiet hatte. Alle über vierjährigen Kinder halfen im Weinberg, und Iveirdne hatte mit Ralol und Skerah vereinbart, daß sie deren siebenjährige Tochter Inarne im nächsten Jahr in der Kräuterkunde unterweisen würde, wie sie es mit Eherons und Maljas Sohn Malron bereits vor drei Jahren getan hatte.

Das Haus amTarn, eins der wenigen zweistöckigen Häuser in Lenangeh, lag am anderen Ende der Stadt. Iveirdne erreichte es nach einem halbstündigen Fußmarsch, betrat den Garten durch das hintere Tor und blickte sich um. Seit Nechardas Tod kümmerte sie sich um diesen Garten. Sie hatte Glück gehabt, diese Arbeit zu bekommen; sie tat sie gern und gewissenhaft und war stolz darauf, daß "ihre" Pflanzen gut gediehen. Jetzt, in der Kälte des Spätherbstes, gab es nicht viel zu tun. Sie mußte nur die Zweige einsammeln, die der Wind in den vergangenen Tagen von den kahlen Obstbäumen gerissen hatte, und ein paar Beete mit Getreidesäcken zudecken, damit die Samen, die in der Erde auf den Frühling warteten, den Nachtfrost überstanden, der in der nächsten Zeit einsetzen würde.

Als sie die Säcke aus dem Schuppen holte und sich auf den Weg zu den Beeten machte, bemerkte sie, daß ihr Arbeitgeber aus dem Haus gekommen war und ihr zusah.

Celiphas amTarn war einer der reichsten Händler der Stadt. Seit den Tagen, in denen er als Zehnjähriger auf dem Markt selbstgeflochtene Körbe und geräucherte Stachelflossenfische verkauft hatte, waren fast vierzig Jahre harter Arbeit vergangen. Mittlerweile gingen zwei Fünftel aller Waren, die zwischen Iunis und dem Festland verschifft wurden, durch seine Lagerhäuser. Außer dem Statthalter Dichaneh alDan war er der einzige Iunier im Verwaltungsrat der Stadt, und er war nicht vom König dort hingesetzt worden, sondern hatte sich seinen Weg selbst geschaffen. Iveirdne hatte jedoch gehört, daß er bereits als möglicher Nachfolger für alDan im Gespräch war. Sie hoffte, daß es stimmte. Celiphas, so hieß es, hatte nicht vergessen, daß auch er khyalgeboren war. Sie hatte noch nie mit ihm gesprochen, aber Kireve in der Küche des großen Hauses sagte, daß er freundlich war, und er zahlte ehrliche Preise - sogar den Angehörigen seines eigenen Volkes.

Er war kleiner als der Statthalter, mager und sehnig von der jahrzehntelangen Arbeit in den Lagerhäusern und Weinbergen, von denen rund ein Viertel jetzt ihm gehörte. Die Augen waren helle Perlen in einem Netz von Falten; er hatte das verwitterte Gesicht eines Mannes, der sein ganzes Leben am gleißenden Meer und im scharfen Ostwind verbracht hatte. Seine Frau und zwei seiner drei Töchter waren im Wintersturm 1491 ins Meer gerissen worden, sein einziger Bruder war vier Jahre später ertrunken, als Meriel sein Schiff auf die Klippen vor Barundeh warf, und drei seiner Frachtschiffe waren mit ihrer ganzen Besatzung von einer tückischen Strömung ins unendliche Südmeer hinausgerissen worden und spurlos verschwunden, doch all die Schläge hatten in seinem Gesicht nichts hinterlassen als den Ausdruck hartnäckiger Geduld. Im Verwaltungsrat schlichtete er Streitereien zwischen ryondrischen und iunischen Händlern, und die verarmte einheimische Bevölkerung verdankte seiner Verhandlungskunst die Milderung einiger besonders harter Steuern. Wenn er in seinem schlichten grauen Kittel im Hafen oder auf dem Markt auftauchte, machten ihm die Leute respektvoll Platz. Im Gegensatz zu Dichaneh alDan hatte Celiphas amTarn noch niemals Leibwächter gebraucht, um unbesorgt durch die Straßen von Lenangeh zu gehen.

Jetzt stand er in der Tür und schaute zu Iveirdne herüber. Sie wußte nicht recht, wie sie sich verhalten sollte, also blieb sie mit den Getreidesäcken auf den Armen stehen und starrte ihn an. Er schüttelte leicht den Kopf. Seine Stimme trieb mit dem kalten Wind zu ihr hin. "Laß dich nicht stören, niBerlot. Ich sehe dir nur zu."

Also deckte sie sorgfältig die kahlen Beete ab, häufte schwarze Erde über die Ränder der Säcke, wischte die Hände an ihrem Rock ab und traute sich erst dann, wieder zu ihm hinzuschauen.

"Komm her", sagte er, und sie gehorchte.

Aus der Nähe sah er noch älter aus. Seine Haare waren vollkommen weiß, und tiefe Furchen zogen sich um seine Augen und seinen Mund. Unter seinem stillen, durchdringenden Blick fühlte sie sich verdreckt und schäbig; die Armut der Khyals klebte an ihr wie die Erde an ihren Fingern.

Dennoch war es ein freundlicher Blick. "Erilde und Kireve haben mir von dir erzählt", sagte der alte Mann. "Du arbeitest schon lange für mich, nicht wahr?"

"Vier Jahre, iské." Da er sie auf iunisch angesprochen hatte, wagte sie die höfliche Anrede der Khyalen zu benutzen, Meister, und nicht das steife ryondrische é dan, mit dem der Statthalter sich anreden ließ.

"Du arbeitest gut", sagte der Händler. "Früher hat mir das, was mein Garten hergab, weder gefallen noch geschmeckt. Man merkt, daß du die Pflanzen liebst. Du gehst freundlich mit ihnen um."

"Danke, iské." Sie konnte nicht verhindern, daß sie rot wurde.

"Was verdienst du bei mir?"

"Sechs skiim im Monat, iské."

Er zog die Brauen hoch. "Wie bitte? Sechs skiim? Nein, nein. Ich werde Kireve sagen, daß sie dir neun geben soll."

Neun skiim! Überwältigt stotterte sie: "Da- danke! Danke sehr!"

"Es ist eigentlich zu wenig", sagte er und musterte den Garten, der selbst jetzt in der Leere des Vorwinters ordentlich und gepflegt aussah. Ein abwesender Blick trat in seine Augen, als ob er kurz über etwas ganz anderes nachdachte. Dann wandte er den Kopf und nickte Iveirdne freundlich und ein wenig zerstreut zu. "Gute Arbeit, junge Khyalen. Wir müssen demnächst wieder einmal miteinander plaudern. Meriels Gunst mit dir, niBerlot."

"Und mit dir, iské", erwiderte sie, während ihr das Herz bis zum Hals hinauf klopfte. Der alte Mann drehte sich um und ging ins Haus zurück.

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Neun skiim! Drei mehr als bisher! Die Aussicht auf so viel Geld ließ Iveirdne alle Vorsicht vergessen, und auf dem Heimweg kaufte sie auf dem Markt nicht nur Brot und Käse und ein paar verschrumpelte Arranos, sondern auch noch eine Handvoll klebriger Süßigkeiten für die Kinder und einen kleinen Kamm aus rötlichem Horn, den sie sich eigentlich noch gar nicht leisten konnte. Dann warf sie einen Blick auf den dunkelgrauen Himmel und beeilte sich, nach Hause zu kommen.

Gerade als sie den Bach erreichte, begann es zu regnen. Es war ein dünner, mit Schnee vermischter Regen, und sie war froh, daß sie die Wintersaat jetzt abgedeckt hatte. Sie zog den Schafspelz bis zu den Ohren hoch, überquerte die schmale Holzbrücke und stieg den Hang hinauf; dann sah sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung, die nicht an diesen Ort gehörte.

Sie blieb stehen und drehte sich um.

Eine dünne Gestalt zog sich rasch in den Schatten der Häuser zurück.

Iveirdne runzelte die Stirn. Talien, der Gastwirt auf der Klippe an der Steilküste, erzählte ihr manchmal, was er von den Händlern über das Festland aufschnappte. In Tair Fi, sagte er, lebten Bettler auf den Straßen. Sie konnte sich so etwas nicht vorstellen. Die Leute hatten doch Namen, oder? Wer den Namen eines Hauses vorweisen konnte, wurde von den Bewohnern dieses Hauses wie ein Verwandter aufgenommen. Wozu betteln, wenn die anderen noch etwas zu essen übrig hatten? In Lenangeh gab es keinen Grund, sich auf der Straße herumzutreiben und sich zu verstecken, wenn man bemerkt wurde.

Sie stieg den Hang wieder hinunter, stapfte über die Brücke und näherte sich vorsichtig dem Schatten. Im Dämmerlicht des trüben Nachmittags entdeckte sie die zusammengekauerte Gestalt, die einen dreckstarrenden Sack an sich preßte, unter einem Treppenvorsprung. Strähnige blonde Haare hingen wirr über ein Gesicht, das unter Schmutz und Schmiere kaum zu erkennen war. Es war ein Mädchen, erbarmungswürdig dünn, das Alter war unmöglich zu schätzen. Zerfetzte Lumpen hingen um den mageren Körper. Iveirdne beugte sich vor. "He! Wer bist du?"

Das Mädchen hob den Kopf, und Iveirdne sah, daß sie älter war, als ihre zierliche Figur vermuten ließ, vielleicht fünfzehn oder sechzehn. Ihr Gesicht mit den ausgeprägten Wangenknochen und den schräggeschnittenen hellen Augen war unverkennbar iunisch, doch Kinn und Nase waren schmal, fast spitz, so daß sie fast füchsisch aussah. Die schmutzigen Haare fielen offen über ihre dünnen Schultern, als hätte sie keine Ahnung von den Gesetzen ihres Volkes. Ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos, der Mund stand ein wenig offen. Und sie hob zwar den Kopf, aber sie schien Iveirdne gar nicht zu sehen, schaute durch sie hindurch in eine unbestimmbare Ferne. Sie sah aus, als stehe sie unter Schock.

Iveirdne hockte sich neben ihr hin und versuchte, die unanständig offenen Haare nicht anzustarren. Das Mädchen war entweder krank oder verrückt. Und sie war eine Fremde. Lenangeh war keine große Stadt, und dieses schöne, fremdartige Gesicht wäre Iveirdne schon längst aufgefallen.

"Wer bist du?" fragte sie noch einmal. Und als das Mädchen nur stumm ins Nichts starrte, setzte sie hinzu: "Woher kommst du?"

Keine Antwort. Entweder war sie taub oder stumm oder schwachsinnig. Oder auch sehr krank. Aber wer oder was sie auch sein mochte, es konnte auf keinen Fall gut für sie sein, in diesem dünnen Fetzen von einem Kleid in der Winterkälte zu hocken. Dabei zitterte sie nicht einmal; vielleicht war sie darüber schon hinaus.

Iveirdne faßte sie am Arm und zuckte zusammen, als das Mädchen mit einem gurgelnden Schreckenslaut zurückfuhr und sich an die Wand drückte, als wollte sie mit dem Stein verschmelzen. Jetzt schien sie sie zu sehen; aus weit aufgerissenen Augen starrte sie ihr ins Gesicht.

"Hab keine Angst", sagte Iveirdne beruhigend. "Ich tue dir nichts. Ich bin von deinem Volk." Möglicherweise war die Kleine von Ryondari oder Anturiern mißhandelt worden. Vergewaltigt vielleicht; diese Menschen schreckten vor nichts zurück, und das Mädchen war unter all dem Dreck ungewöhnlich hübsch. Sie wischte sich das kalte Regenwasser von der Stirn. "Ich heiße Iveirdne niBerlot. Aus welchem Haus kommst du? Wie ist dein Name?"

"Rrrr -" Es klang wie ein Knurren, aber das schmale Gesicht blieb dabei völlig ausdruckslos. Es schien, als ob das Mädchen etwas zu sagen versuchte, aber ihre Stimme gehorchte ihr nicht. "Rrrr..." Sie verstummte und schaute Iveirdne nur an, und ihre Augen wurden seltsam still. Dann hob sie den Arm und zog mit einem schmutzigen Finger drei Linien auf Iveirdnes Handrücken.

Ein Hauszeichen - aber eins, das Iveirdne nicht kannte.

Unmöglich. Sie kannte die Hauszeichen aller Khyals der vier Städte. Sie hatte sie als Kind von ihrer Mutter zusammen mit den Namen der vierundsechzig Häuser gelernt; zu einer Zeit, als das Bestehen der Khyals von Iunis einzig und allein von der Erinnerung des Volkes abhing. Nächtelang hatte ihre Mutter sie im Arm gehalten, ihr die Namen vorgesungen und die Zeichen auf ihre Hand gemalt.

Aber dieses Zeichen kannte sie nicht.

"Mach das noch einmal", sagte sie.

Der Zeigefinger strich ganz leicht über ihre Haut. Das Mädchen senkte den Kopf, umfing die Knie und kauerte sich im eisigen Regen zusammen. Die schmierigen Haare verbargen ihr Gesicht.

Iveirdne starrte sie hilflos an. Sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt tun sollte. Das Mädchen war ganz ohne Zweifel verrückt, und solche Leute mußte man der Stadtwache melden, die sie dann einsperrte, damit sie nicht ins Hafenbecken fielen oder andere Leute angriffen.

Aber Iveirdne war Khyalen. Und Khyalen ließen sich eher auf offenem Feuer rösten, als freiwillig zur Stadtwache zu gehen. Und da war noch das -khy-, dessen Gesetze in einem solchen Fall etwas ganz anderes vorsahen als den Gang zur Stadtwache.

Sie seufzte und fuhr gleich darauf fröstelnd zusammen. "Komm", sagte sie. "Du kannst hier nicht bleiben. In den Khyals ist es warm." Aufmunternd - wenn auch noch zweifelnd - streckte sie die Hand aus. "Komm!"

Diesmal schrak die Fremde nicht zurück, als hätte die Weitergabe des Hauszeichens ihr Vertrauen geweckt. Sie ließ sich von Iveirdne auf die Füße ziehen, und sie war zwar nicht so klein, aber so leicht und feingliedrig wie ein Kind. Dann bückte sie sich noch einmal und hob den Sack auf. Etwas Großes, Unförmiges steckte darin. Sie drückte das verhüllte Ding an sich und schaute Iveirdne an, ohne Frage und jetzt auch ohne Furcht, und Iveirdnes Herz schlug plötzlich bis zum Hals. Einen solchen Blick hatte sie noch nie gesehen; es war ein Blick von der anderen Seite eines unüberbrückbaren Abgrunds.

Sie wünschte plötzlich, sie wäre an der anderen Seite des Hügels heraufgekommen und hätte dieses Mädchen nie gefunden.

Aber dann hätte jemand anderes sie gefunden. Sie war nun einmal hier, und die ältesten, einfachsten und heiligsten Gesetze des -khy- verlangten, daß man sich um sie kümmerte. Trotzdem konnte Iveirdne sich gut vorstellen, was die anderen zu diesem unerwarteten Zuwachs sagen würden.

"Also schön", sagte sie ohne große Begeisterung. "Wir werden schon einen Platz für dich finden."

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"Meriels Krätze!" sagte Innouye. "Was in aller Welt ist das?"

"Ist das ein Mensch unter all dem Dreck?" fragte Kaan, Marlils Mann.

"Da kann man ja nicht mal sehen, wo vorne ist", sagte Dywai.

"Und die Haare! Seht euch nur die Haare an!" Skerah schüttelte fassungslos den Kopf. "Iveirdne, was hast du dir bloß dabei gedacht?"

"Hättest du sie vielleicht da draußen gelassen?" gab Iveirdne zurück. "Bei dem Wetter?" Der Regen rauschte jetzt in Sturzbächen aus dem schwarzen Himmel. Die Khyalen hatten sich im Fünften Khyal versammelt und starrten das halbwilde, verdreckte Geschöpf an, das neben dem Kamin hockte, ins Feuer starrte und den Sack an sich preßte.

Skerah schnaubte. "Dann wäre sie vielleicht wenigstens ein bißchen sauberer geworden!"

"Jetzt hört schon auf", sagte Ralol, und weil er im Ersten Haus des Ersten Khyal wohnte, wurde das Murren und Lachen leiser. "Jetzt ist sie hier. Iveirdne, was hast du mit ihr vor?"

"Ich? Gar nichts. Ich finde nur, daß jemand sich um sie kümmern muß. Vielleicht sollten wir ihr erst mal etwas zum Anziehen geben. Und heiße Suppe. Und -"

"Was soll das?" fragte Skerah ärgerlich. "Willst du sie etwa hier aufnehmen? In dein Haus? Du wolltest doch bis jetzt nicht einmal Darralyn in deinem -"

"Das hat nichts mit Darralyn zu tun!" schnauzte Iveirdne sie an, und Marlil kam ihr sofort zu Hilfe. "Ich weiß nicht, warum du das hier herumtratschen mußt, Skerah. Im Augenblick geht es um dieses Kind da!"

"Es sind zu viele Leute hier", sagte Ralol. "Ich weiß auch nicht, warum wir alle hier herumstehen und sie anstarren. Tja, Iveirdne, da du sie hergebracht hast, schlage ich vor, daß du dich um sie kümmerst. Sie kann in eurem Fünften Haus schlafen. Und vielleicht gelingt es jemandem, sie zu waschen."

"Was!" begann Innouye empört. "Sie soll bei uns -"

Aber Marlil unterbrach sie sofort. "Natürlich kommt sie zu uns. Wir haben genug Platz." Sie näherte sich dem Mädchen - vorsichtig, weil sie nicht wußte, ob die Fremde fliehen oder angreifen würde wie ein wildes Tier. "Mädchen? Ich bin Marlil alTarut. Willst du zu uns kommen? In unseren Khyal?"

Das Mädchen blickte auf und drückte den Sack fest an sich.

"Wir nehmen ihn dir nicht weg", sagte Marlil beruhigend und streckte die Hand aus. "Komm, ja?"

Das Mädchen erhob sich mit einer anmutigen, fließenden Bewegung, die überhaupt nicht zu ihrer zerlumpten Erscheinung paßte, aber sie nahm Marlils Hand nicht. Ruhig blieb sie stehen, die hellen Augen auf das Gesicht der älteren Frau gerichtet, und wartete. Ein wenig ratlos blickte Marlil sich nach Iveirdne und Innouye um. Innouye zuckte nur die Achseln und sagte: "Wenigstens scheint sie die Hausnamen zu verstehen. Also ist sie nicht völlig schwachsinnig. Meriel sei gepriesen."

Da wandte das Mädchen plötzlich den Kopf und starrte sie an. Ihre Lippen bewegten sich, und dann sagte sie: "... Meriel." Ihre Stimme war hoch und klar, ein seltsam fremder Laut in diesem alten Haus.

Überrascht blickten die Leute sie an, und Skerah stellte zufrieden fest: "Na also, sie kann sprechen. Woher kommst du, Mädchen?"

Aber die Fremde schien sie nicht zu hören. Ihr Blick glitt von Innouyes Gesicht zurück ins Feuer. Leise, wie für sich selbst, wiederholte sie: "Meriel..."

"Komm!" sagte Marlil. "Es ist spät, ich muß nach Hause. Die Kinder müssen schlafen."

Das Mädchen drehte sich zu ihr um und folgte ihr sofort. Iveirdne empfand einen leisen Stich der Eifersucht und war darüber selbst verblüfft. Sie griff nach ihrem Umhang und warf ihn sich um die Schultern.

Als sie Innouye, Marlil und dem fremden Mädchen zur Tür folgte, hörte sie Dywai mißmutig sagen: "Na großartig. Willkommen in den Khyals, hausloses Lumpenkind."

Ralol sagte scharf: "Dywai, solange wir nicht wissen, ob sie hauslos ist, gehen wir davon aus, daß sie es nicht ist!"

"Sieh sie dir an!" gab Dywai zurück. "Ich wette, daß sie es ist. Wer weiß, was sie getan hat. Wir sollten sie rauswerfen."

Iveirdne drehte sich nicht um. Sie ging hinaus in den Regen und ließ die Khyalen und den ausbrechenden Streit zurück; ihr eigenes Unbehagen nahm sie jedoch mit.

"Hauslos?" zischte Innouye, während Marlil das fremde Mädchen auszog, in den Badezuber steckte und ihr vergeblich zuredete, den Sack loszulassen.

"Das glaube ich nicht. Sie ist zu jung."

"Iveirdne, wir können es nicht wissen! So, wie sie aussieht, ist alles möglich!"

"Unsinn! Sie ist ein Kind!"

"Sie ist kein Kind! Iveirdne, wenn sie hauslos ist -"

"Wir wissen es nicht!" schrie Iveirdne sie so laut an, daß Elil und Iliane zu weinen begannen.

"So", sagte Marlil, deren Geduld nun ebenfalls am Ende war, "da seht ihr, was ihr angerichtet habt. Schluß jetzt! Bringt die Kinder ins Bett, ich mache das hier schon!"

Bevor Iveirdne sich entschuldigen konnte, fauchte Innouye: "Ich mache das. Mir reicht es, ich habe für heute genug!" Sie nahm Iliane auf den Arm, faßte die heulende Elil an der Hand und sagte scharf: "Rava, komm!"

Rava, völlig eingeschüchtert, folgte ihr stumm.

Nachdem die Tür hinter ihnen zugeknallt war, waren Marlil und Iveirdne mit ihrer neuen Mitbewohnerin allein. Ratlos blickten sie einander an.

Dann sagte Marlil: "Sie wird sich schon beruhigen. Sie mag keine Veränderungen, das ist alles."

"Ja, schon", sagte Iveirdne müde. Vor Marlil konnte sie die Maske der Selbstsicherheit fallenlassen. "Aber ich weiß selbst nicht, was wir jetzt machen sollen. Vielleicht hat sie recht."

Schweigend betrachteten sie das fremde Mädchen, das tropfnaß im Badezuber hockte und den Sack an sich preßte.

"Nein, du konntest sie nicht allein da draußen lassen", sagte Marlil und seufzte. "Wenn wir nur wüßten, woher sie kommt. Ich hoffe nur, daß sie nicht wirklich hauslos ist."

Iveirdne erinnerte sich plötzlich an das seltsame Zeichen, das die Fremde auf ihre Hand gemalt hatte. Sie faßte nach Marlils Hand und zeichnete es auf den braunen Handrücken. Marlil sah ihr verwundert zu. "Was ist das?"

"Ich weiß nicht. Ich dachte, es könnte ein Hauszeichen sein."

Marlil schüttelte den Kopf. "Das kenne ich nicht. Vielleicht ein... fremdes Haus?" Dafür gab es in ihrer Sprache nicht einmal ein Wort; sie sagte yé kahat und schien sich dabei ebenso unbehaglich zu fühlen wie Iveirdne selbst. "Vom Festland?"

Iveirdne wußte keine Antwort. Sie blickten das Mädchen an, das den Blick still erwiderte. Wassertropfen hingen wie Tränen in ihren Wimpern. Leise sagte sie: "Meriel."

"Meriel", sagte Iveirdne. "Dwylan, Bran Dun, Levarna. Du kennst die Wanderer, nicht wahr?"

Das Mädchen starrte sie schweigend an, ausdruckslos wie eine Eule.

"Bist du hauslos?" fragte Iveirdne rundheraus. Marlil sog erschrocken die Luft ein. "Iv -"

"Laß! Wir müssen es wissen! Bist du hauslos, Mädchen?"

Das Mädchen preßte den Sack an sich wie einen Schutzschild und nickte. Dann schüttelte sie den Kopf. Dann zuckte sie die Achseln.

"Götter und Wanderer!" sagte Iveirdne. "Was für eine Antwort. Du bist hauslos, du bist nicht hauslos, es ist dir gleichgültig, oder du weißt es nicht? Das ist eine große Hilfe!"

Das Mädchen regte sich nicht.

Mit zwei Schritten war Iveirdne neben ihr und riß ihr den Sack aus den Armen.

Mit einem schrillen, möwenartigen Schrei fuhr das Mädchen in die Höhe. Marlil packte sie an den Schultern und hielt sie fest, obwohl sie wie wild um sich schlug. "Gut, Iveirdne! Sieh nach, was darin ist! Hör auf, Mädchen! Du bekommst ihn ja zurück! Hör auf!" Sie zwang das Mädchen in den Zuber zurück; Marlil hatte Bärenkräfte, wenn es darauf ankam. Sie packte den Schwamm und begann entschlossen den Dreck von der mageren Gestalt abzuschrubben. Das Mädchen wehrte sich heftig - dann gab sie plötzlich alle Gegenwehr auf und sackte zusammen. Aus weit aufgerissenen Augen starrte sie zu Iveirdne hin, die den Sack öffnete und hineinfaßte.

Ihre Finger schlossen sich um etwas Hartes, Kaltes, Rundes. Schwer. Sie griff fester zu und zog das Ding aus dem Sack. Als sie sah, was es war, ließ sie es beinahe fallen.

Es war ein schlankes, etwa fünfzehn Zoll hohes Gefäß aus schwarzem Stein, eine Schale auf einer schmalen Säule mit breitem Fuß. Sie starrte es an und sah, daß tief in der Schwärze Farben lagen: Dunkelrote, tiefblaue und gelbe Streifen durchzogen den Stein wie Nebelschwaden und bewegten sich in einem langsamen Tanz, gelbe, braune und goldene Flecken leuchteten wie winzige Sterne hinter den Schleiern. Im Fuß lag das Grün der Felder an einem Sommernachmittag, und in der inneren Wölbung der Schale glühte es rot und silbern.

Staunend betrachtete Iveirdne den Tanz der Farben. Als Marlil sprach, zuckte sie zusammen. "Alle Götter und Wanderer! Was ist das?"

Widerwillig kehrte sie in die Wirklichkeit zurück. "Ein - wie nennt man das - ein Kelch. Er ist wunderschön! Woher kann sie ihn haben?"

Marlil starrte sie nur an, das breite Gesicht ein Bild nackter Bestürzung. Das Wort hauslos hing plötzlich wie ein Schwert über ihnen. Beide betrachteten das Mädchen, das den Blick ruhig und leer erwiderte.

 

 


 

 

 

Endlich riß Marlil sich zusammen. Sie beugte sich vor und schrubbte den nackten Körper weiter ab. Dabei sagte sie leise und fest: "Pack ihn wieder ein, Iveirdne."

Iveirdne gehorchte mit zitternden Händen. Sie verfluchte sich selbst. Wanderer, was hatte sie sich dabei gedacht, dieses Mädchen in die Khyals zu holen? Sie konnte den Kelch nur gestohlen haben, und vielleicht durchkämmten die Soldaten des Statthalters jetzt schon die Stadt auf der Suche nach ihr. Und wenn sie in die Khyals kamen und sie hier fanden -

"Marlil", wisperte sie.

Marlil schrubbte verbissen den Rücken des Mädchens, das still unter ihren harten Händen kauerte, und blickte nicht auf.

"Morgen bringe ich sie sofort -"

"Dafür ist es zu spät", sagte Marlil. "Sie würden uns nie glauben, daß wir es nicht wußten. AlDan sucht ja nur nach einem Grund, um uns anzuklagen, daß wir das Gesetz des Königs gebrochen haben. Nein, du bringst sie nicht zur Wache. Sie bleibt bei uns. Als Hausgast aus... aus Malangita."

"Aber der Kelch -"

Jetzt blickte Marlil auf. "Was für ein Kelch?" fragte sie mit völlig ausdrucksloser Stimme. "Wir haben niemals einen Kelch gesehen. Wir können nur -"

"Aber -", begann Iveirdne erneut.

"König", sagte das fremde Mädchen, als ob sie sich durch das Zuhören ganz plötzlich an andere Worte erinnerte. "Der Ruf. Habt ihr nichts gehört?"

"Was?" fragte Marlil verblüfft, während Iveirdne nur einen unbestimmbaren Laut zustandebrachte. "Was meinst du damit?"

Das Mädchen drehte sich unter ihren plötzlich hart zufassenden Händen weg und drückte sich gegen den hölzernen Rand des Zubers. Sie bewegte die Hand, als versuche sie die Worte, die ihr fehlten, aus der Luft zu fassen. Aber obwohl sie deutlich beunruhigt war, blieb ihr Gesicht unverändert starr. Sie hatte, seit Iveirdne sie gefunden hatte, noch kein einziges Mal gelächelt oder auch nur den Mund verzogen. "Ich habe den Ruf gehört", sagte sie und schwieg, als sei damit alles gesagt.

Beide Frauen schauten sie hilflos an. Endlich schüttelte Marlil den Kopf. "Komm aus dem Wasser."

Das Mädchen stand auf und kletterte aus dem Zuber. Sie schien nicht zu frieren, als die kalte Luft sie traf. Ruhig blieb sie stehen, während Marlil sie von Kopf bis Fuß abtrocknete. Iveirdne schaute aus einiger Entfernung zu und hatte das beklemmende Gefühl, daß an diesem Mädchen etwas ganz und gar nicht stimmte. War es die Art, wie sie da stand: so reglos und glatt und makellos wie eine Statue? Denn sie war tatsächlich schön - unverkennbar iunisch mit den hellgrauen Augen, den schimmernden blonden Haaren, die glatt und dicht über ihren Rücken fielen, den stark ausgeprägten Wangenknochen und dem spitzen kleinen Kinn; Hände und Füße waren schmal und zart, ihr Körper war gedrungen und kräftig, wenn auch beängstigend dünn. Sie hatte eine Ausstrahlung, die Iveirdne abwechselnd abstieß und zu ihr hinzog; verletzlich wirkte sie und zugleich so fest und unverrückbar wie Fels. Für diese Art der Gelassenheit war sie eigentlich viel zu jung. Ihr fester, völlig ausdrucksloser Blick erinnerte Iveirdne an ein Tier, dessen Augen zum Sehen geschaffen waren, aber nicht unbedingt zum Verstehen. Sie hatte noch keinen Blick an das Innere des Hauses verschwendet, als sei alles außer den Menschen bedeutungslos.

Marlil gab ihr ein Gürteltuch, eine braune Hose und ein gelbliches Hemd. Sie zog sich an. Als sie fertig war, sah sie wenigstens aus wie eine von ihnen. Doch mit dem Band, das Marlil ihr dann hinhielt, schien sie nichts anfangen zu können. Sie nahm es, hielt es in der Hand und blickte zu der älteren Frau hoch.

"Für die Haare", sagte Marlil.

Das Mädchen schien sie nicht zu verstehen. Marlil schüttelte den Kopf, nahm ihr das Band ab, drehte sie um und begann, die feuchten Haare zu flechten. Als sie fertig war, wickelte sie das Band um den Zopf und knotete es zusammen. Das Mädchen hatte nicht versucht, sie abzuwehren. Jetzt hob sie die Hand, zog den Zopf über die Schulter nach vorne und betrachtete ihn, als sei ihr ein solches Gebilde fremd.

"So tragen wir Frauen in den Khyals unsere Haare", sagte Marlil mit einem warnenden Unterton, als die dünnen Finger sich dem Knoten näherten. "Wenn du bei uns bleiben willst, wirst auch du sie so tragen."

Das Mädchen ließ den Zopf los.

"Meriel!" sagte Iveirdne. "Woher kommst du, daß du so etwas nicht weißt?"

Das zarte, leere Gesicht wandte sich ihr zu. Die grauen Augen glänzten wie nasser Stein. "Aus Karyaldeh", sagte das Mädchen.

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Wann immer Iveirdne sich vor der Welt verstecken, nachdenken, nicht nachdenken oder jemanden zusammenschlagen wollte, ging sie - ganz gleich, wie spät es war - in ihre Werkstatt, um zu arbeiten. Das Haus war heilig: niemand würde sie hier stören, und sie konnte die Wut über ihre eigene Dummheit in etwas Größeres verwandeln, so daß wenigstens etwas Gutes dabei herauskam.

Zuerst allerdings nahm sie die Axt von der Wand und hackte den mißratenen Seehund in tausend Splitter.

"Närrin! Bescheuerte Idiotin! Iunischer Schwachkopf!" Bei jedem Wort schlug sie hart und gezielt zu, bis ein Splitter ihr ins Gesicht flog und ihr die Haut aufriß. Keuchend und zitternd vor Wut hielt sie inne und tastete nach ihrer Wange. "Meriels Krätze! Verdammt, verdammt, verdammt!" Sie packte die Axt mit beiden Händen und schlug sie mit ganzer Kraft in den Hauklotz; dann ging sie zu ihren Kräutersäcken in die Küche und rupfte ein wenig blutstillendes Moos heraus, das sie auf die Wunde klebte.

Anschließend stand sie eine Weile still. Draußen strömte noch immer der Regen vom Himmel; es war jetzt spät in der Nacht. Die Khyals waren endlich zur Ruhe gekommen.

Sie war aus dem Fünften Haus geflohen und hatte das fremde Mädchen Marlils erfahrenen Händen überlassen, obwohl sie wußte, daß Marlil nicht weniger entsetzt und hilflos war als sie selbst. Karyaldeh - das war ein Alptraum aus der iunischen Vergangenheit, dem sie nicht standhalten konnte. Es war eine Geschichte, die Eltern ihren Kindern erzählten, wenn sie alt genug waren, um zu verstehen, warum die iunische Kultur verloren und das -khy- zerbrochen war: die Geschichte der Fünften Stadt, die vor siebenhundert Jahren untergegangen war. Karyaldeh war eine Erinnerung des gesamten Volkes, die wie eine verwachsene Narbe schmerzte, sobald man daran rührte. Man ließ sie in Ruhe, weil es nichts gab, das man tun konnte, um die grausame Verletzung zu heilen.

Und jetzt das. Ein verrücktes Mädchen, das sich die Haare nicht flocht, einen Schatz mit sich herumtrug und mit dünnen Fingern genau in die Wunde stach. Und Iveirdne hatte noch geglaubt, daß hauslos das Schlimmste sein konnte, das sie traf.

Ihr war elend zumute. Sie hatte ein Gesetz des -khy- befolgt und damit ihrem Volk eine schreckliche Erinnerung zurückgebracht. Wie war das möglich? Welchen schlechten Scherz hatten sich die Wanderer mit ihr erlaubt? Und wie konnte sie es wieder gutmachen?

Ihre Wange schmerzte. Sie kehrte in ihre Werkstatt zurück und betrachtete die Splitter der zerstörten Arbeit. Mutlos hockte sie sich auf ihren Schemel, wischte das Moos ab und vergrub das Gesicht in den Händen; sie weinte nicht, aber sie fühlte sich schrecklich allein, und nicht einmal Darralyn war bei ihr. Sie konnte nur hoffen, daß er bald kam... vielleicht wußte er, was man tun konnte. Er fuhr jede Nacht aufs Meer hinaus; es gab nichts, das er fürchtete, und er hatte mehr Verständnis für eine verrückte Schnitzerin als die meisten anderen Männer, die nichts sahen als Fisch und Bier und die Armut ihrer Familien.

Nach einer Weile seufzte sie, nahm die Hände von den Augen und zwang ihre Gedanken von Darralyn und der Fremden weg. Es half nichts, hier zu sitzen und sich selbst leid zu tun. Es konnte noch lange dauern, bis Darralyn heimkam, und es war das Beste, ihren Händen etwas zu tun zu geben, während sie wartete. Sie zog den großen Korb zu sich heran und fing an, nach einem geeigneten Stück zu suchen. Mit jeder gewundenen Wurzel und jedem Knochen, den sie in die Hand nahm und betrachtete, wuchs die vertraute Spannung in Fingern und Schultern. In einem dieser Holzklötze oder in einem der Tierknochen steckte etwas, das heraus wollte, und das war ein Ruf, den sie niemals überhörte.

Endlich fand sie, was sie suchte: ein etwa handgroßes Stück helles Holz, das sie in einer stürmischen Winternacht am Strand gefunden und für besondere Zwecke verwahrt hatte. Sie untersuchte es sorgfältig auf Risse und fand nichts. Samtig und glatt lag es in ihrer Hand. Ursprünglich war es größer gewesen; dreimal hatte sie begonnen, daran zu arbeiten, und dreimal hatte sie die angefangene Schnitzerei in einem plötzlichen Zornausbruch von sich geschleudert. Doch nun, nachdem sie endlich ahnte, welcherart die im Holz verborgene Gestalt sein mußte, wußte sie, daß sie durchhalten würde. Sie zündete zwei Kerzen an, drehte das Holz, bis es ihr richtig in der Hand lag, betrachtete es noch einmal prüfend und setzte dann entschlossen das Messer an, und ihre Angst verging mit dem ersten Schnitt.

Eine Weile arbeitete sie ruhig und ungestört. Einmal stand sie auf und holte eine weitere Kerze, die sie entzündete und auf den Tisch stellte. Leise vor sich hinsummend setzte sie sich wieder und schnitzte weiter. Bald nahm die Form in ihrer Hand Gestalt an: eine Möwe, den Kopf erhoben, die Flügel halb geöffnet, bereit zu fliegen.

Als die erste Kerze halb heruntergebrannt war, hielt Iveirdne erneut inne und musterte die rohe Form. Bis jetzt lief es ganz gut, wenn man die Schwierigkeiten bedachte, die ihr dieses Holz zuvor bereitet hatte. Aber mit dieser Möwe würde es gelingen. Ihre Lippen zuckten in einem leichten Lächeln, als sie den Vogel ansah, dann verschloß sich ihr Gesicht wieder zu gespannter Aufmerksamkeit. Sie setzte das Messer wieder an, um die Flügel herauszuarbeiten, als sie plötzlich von der Stadt her ein dünnes, erschreckendes Geräusch hörte: den Klang läutender Glocken. Gleichzeitig klopfte es an ihrer Haustür; vier rasche Schläge, die sich nach kurzer Pause wiederholten. Sie zuckte zusammen, hob den Kopf und lauschte.

Das Klopfen wiederholte sich erneut, diesmal lauter. Eine Stimme rief: "Iveirdne!"

Sie sprang auf, stieß in ihrer Hast den Schemel um und rannte zur Tür. Sie riß sie auf und warf sich dem Mann in die Arme, der draußen im eisigen Regen stand. "Darralyn!"

Da sie ihn erst vor zwei Nächten aus ihrem Haus geworfen hatte, hatte er mit einer solchen Begrüßung möglicherweise nicht gerechnet. Verblüfft begann er: "Was -"

Sie zog ihn ins Haus. "Darralyn - ich bin eine solche Idiotin, aber ich wußte es doch nicht, ich dachte, sie kann nicht allein da draußen bleiben, also habe ich sie hereingeholt, und Dywai sagte, sie ist hauslos, aber ich wollte es nicht glauben -" Ihr Wortschwall brach abrupt ab, als er ihr die Hand auf den Mund legte.

"Iveirdne, wovon, in Meriels Namen, redest du eigentlich? Seid ihr alle verrückt geworden? Ralol hat mir schon wirren Unsinn erzählt -"

"Das Mädchen", stieß sie hervor, als er die Hand wegnahm. "Darralyn, ich habe -"

"Ein Mädchen?" wiederholte er fast zornig. "Iveirdne, was redet ihr bloß alle von einem Mädchen? Hörst du die Glocken nicht? Mir sind im Moment alle Mädchen der Welt gleichgültig, Iveirdne, der König ist tot!"

Einen Augenblick lang hatte sie das Gefühl, ein hölzerner Seehund zu sein, auf den eine Axt niedersauste. Im Ersten Haus hörte sie Loks und Sarvos laute Stimmen, aber sie konnte die Worte nicht verstehen. Im Zweiten Haus rief Kaan nach Marlil. Der ganze Khyal schien unter dem Läuten der Glocken in Aufruhr geraten zu sein; und die Glocken tosten in ihren Ohren und übertönten jeden anderen Laut auf der Welt. Jetzt fiel sogar das gewaltige Glockenspiel am Tempel der Tore ein, so daß es über die ganze Insel dröhnen mußte.

Dann begriff sie, was er gesagt hatte. Ihre Knie wurden weich. "Was?!"

Er griff hinter sich und schloß die Tür, schloß den Regen und die Glocken aus, obwohl sie auch im Inneren des Hauses noch immer zu hören waren. "Wir kamen am Hafen vorbei, als das Schiff aus Tair Fi anlegte, und wir brachten gerade unseren Fang an Land, als Talien vom Gasthaus zu uns herunterrannte. Er hatte mit den Boten gesprochen. Der König ist ermordet worden. Am Tharpaß, auf dem Rückweg von einer Reise nach Madheriant. Und alle seine Begleiter, Diener und Wachen mit ihm."

"Meriels Wahnsinn", flüsterte Iveirdne. Sie ging zu ihrem Hocker und ließ sich darauf fallen. Der Feuerschein brannte in ihren Augen. "Aber wie... ich verstehe nicht - und die Wachen? Und seine - was ist mit seinen Beratern?"

"Ich glaube, der Hohepriester war auf dieser Reise nicht bei ihm, aber der Waffenmeister und der Musikant sind tot. Sogar..." Er brach ab. Iveirdne starrte ihn nur an. Nach einer kurzen Pause fuhr er halblaut fort: "Sogar... die Teleni."

"Die Teleni? Aber wer -? Wer kann denn die Teleni töten? Hat es eine Schlacht gegeben?"

"Davon haben die Boten wohl nichts gesagt, aber dann hätten sie wohl nicht von Mord gesprochen. Ich weiß es nicht. Der Kronprinz kam jedenfalls mit einem tadarischen Friedensvertrag aus dem Norden zurück. Als er in Arithia ankam, ritt er zum Tharpaß, dem König entgegen. Und dort hat er die Toten gefunden."

Iveirdne schwieg. Sie hatte das deutliche Gefühl, daß rings um sie etwas in Scherben ging - ihr Leben, ihre Zukunft -, und sie kämpfte gegen die Lähmung an, die in ihrem Kopf aufstieg und sie zu überwältigen drohte. Aber zugleich spürte sie eine ungeheure Erleichterung - etwas, das sagte: Endlich.

"Es geht noch weiter", sagte Darralyn. "In Arithia ist es zu Kämpfen gekommen, als die Nachricht bekannt wurde. Anhänger des Kronprinzen gegen Anhänger des Herzogs von Cret. Die Händler sagen, es wird sicher Krieg geben."

Iveirdnes Verstand franste allmählich aus. "Ich dachte, der Herzog ist verbannt."

"Was weiß ich?" sagte Darralyn. "Die Händler sagen, er hat ein älteres Recht auf den Thron - " Er hielt einen Moment still und horchte auf das Dröhnen der Glocken, dann rieb er sich müde die Augen. "Ich muß gehen."

"Bleib", bat sie.

Aber er schüttelte den Kopf. "Es tut mir leid. Meine Eltern sind halb krank vor Angst." Er berührte sacht ihre Wange und fragte nicht einmal, woher der blutige Kratzer kam. "Wir sehen uns morgen."

"Aber Darralyn, das Mädchen - ich glaube, sie wußte -"

Er stand schon in der Tür. "Laß uns morgen darüber sprechen, ja?"

Iveirdne verstummte. Schweigend schaute sie ihm nach, als er den Hof überquerte und im Fünften Haus verschwand, um den Khyal durch die Haupttür zu verlassen. Dann ging sie ins Haus zurück und verriegelte die Tür.

Eine Weile stand sie vor Meriels Schale und starrte sie einfach nur an. Dann riß sie sich zusammen und trank das eisige Wasser aus. "Im Namen des -khy-, Meriel", sagte sie leise, "danke ich für deinen Schutz an diesem Tag..." ... was immer er heute auch wert gewesen sein mag. Zum ersten Mal seit langer Zeit ging sie danach nicht sofort weg. Sie blieb vor der Nische stehen, horchte auf die Glocken und den strömenden Regen und fragte sich, wann sie endlich aufhören würde, auf eine Antwort zu warten.

Endlich schüttelte sie wütend den Kopf, löschte die Kerzen im ganzen Haus und kletterte auf den Dachboden. Sie zog sich aus, kuschelte sich in die Decken und starrte dann hellwach in die Dunkelheit, bis das Läuten der Glocken im Morgengrauen endete.

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In dieser Nacht rauschte kalter Regen auf die naßglänzenden Dächer der Burg Thorandon in Arithia. Schwarz ragten die Türme gegen den Himmel; nur in zwei oder drei Fenstern hoch über der Stadt schimmerte noch Licht. Wie Nebel trieben die Regenschwaden über die leeren Innenhöfe, die Wohnhäuser, die Ställe und Soldatenhäuser. Unter dem Rauschen lag Stille. Gelegentlich klang der Ruf eines Wachsoldaten von der Mauer herunter; die Gleichförmigkeit dieser Rufe vertiefte das Schweigen.

In einem achteckigen Raum im Westturm lag eine Prinzessin von Ryondar in ihrem Bett und hörte dem Regen zu. Die Rufe der Soldaten drangen nur schwach bis zu ihr, und sie nahm sie nicht zur Kenntnis. Sie begleiteten sie seit siebzehn Jahren und waren ihr so vertraut wie die nächtlichen Umrisse der Truhen und Türen und die unheimlichen Schattenbilder auf den Wandteppichen.

Ihr Name war Semantha.

Die Chronik der ryondrischen Königsfamilie begnügt sich damit, Namen, Zeiten und Geschehnisse aufzuzählen. Erst die Lieder der Musikanten hüllen dieses Skelett in Schönheit und verwandeln trockene Worte in bunte Bilder. Aus dem Namen Semantha formen sie ein Bild von auffälligem, herbem Reiz. Sie zeichnen ein festes, kantiges Gesicht mit blasser Hautfarbe und wachen dunkelblauen Augen, die die Welt trotz ihrer Jugend eher mißtrauisch beobachteten, halb verborgen unter einer dichten Mähne von fedrigen krähenschwarzen Haaren; eine klare, eher tiefe Stimme, manchmal rauh, manchmal plötzlich schrill; einen schmalgliedrigen Körper voller Kraft und Anmut; lange und ausgreifende Schritte. Man hörte sie, wenn sie kam. Sie hatte kein Verständnis für Spiegel und schöngesetzte Worte ohne Inhalt. Sie war schroff und ungeduldig, aufbrausend und launisch und ganz sicher nicht lieblich; sie lachte häufig und lächelte selten. Sie hatte für Musikanten nicht viel übrig.

Dies war nicht die erste schlaflose Nacht, die sie erlebte. Seit einer Woche lag sie Nacht für Nacht hellwach in ihrem Bett und horchte: auf den Regen, auf das leise Knarren der alten Holzbalken, die die Zimmerdecke trugen, auf den Wind, der über die Zinnen wischte, oder einfach auf die Stille des Hauses. Gelegentlich richtete sie sich halb auf, strich sich die wirre schwarze Masse ihrer Haare aus den Augen und blickte über den Kopf des schlafenden jungen Mannes neben ihr durch das Südwestfenster ihres Turmzimmers hinüber zu den Schatten, Türmen, Nischen und Fenstern des Burgzwingers, in dem die Wohnräume ihrer Geschwister lagen. Inmitten der schwarzen Fläche leuchtete ein einzelnes Fenster hell in die Nacht. Dahinter bewegte sich ruhelos ein Schatten. Seit einer Woche brannte Nacht für Nacht hinter diesem Fenster ein Licht, und seit einer Woche schritt dort jemand jede Nacht stundenlang auf und ab, auf und ab...

Die Prinzessin seufzte leise. Sie wußte, wessen Räume das waren; sie wußte auch, wer dort keinen Schlaf fand, und das Wissen hielt sie wach. Sie lauschte dem fallenden Regen. Ein Ruf trieb zu ihr hin. Anders als alle vorigen Rufe hörte sie ihn bewußt, und als sei er eine Aufforderung gewesen, setzte sie sich plötzlich auf und schlug die Decken zurück. Der junge Mann im Bett unterbrach sein leises Schnarchen und wälzte sich auf die andere Seite, aber er erwachte nicht.

Semantha angelte mit den nackten Füßen nach den pelzbesetzten Lederschuhen vor dem Bett und stand auf. Auf dem Stuhl neben dem Bett lag ein weicher Nachtmantel. Sie legte ihn um die Schultern, während sie in der Kälte fröstelnd zusammenfuhr. Leise schritt sie zum Fenster und lehnte sich hinaus.

Ein kalter Wind pfiff um den Turm und fuhr in ihre Haare. Eine riesige Wasserlache verwandelte den Innenhof in einen See, aus dem nur wenige flache Inseln ragten. Der Regen tanzte über das Wasser. Ein Wachsoldat stapfte durch die Pfützen, den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen. Von ferne hörte sie die Stimmen der Soldaten auf Freiwache. Im Westflügel der Burg, in den Unterkünften der Ratsfürsten, herrschte Stille.

Semanthas Blick wanderte wieder zu dem beleuchteten Fenster hinüber. Dort stand ihr Bruder in einem Rahmen aus flackerndem Licht und schaute hinaus. Ihre Brust wurde plötzlich eng, und sie stand still, halb in der Erwartung, daß er sie bemerkte. Doch er blickte nur in den strömenden Regen, als lausche er einer fremden Stimme.

Drei Jahre lang hatte sie ihn nicht gesehen. Immerhin hatte er regelmäßig Berichte aus dem Norden geschickt, wo er gegen die Tadari kämpfte: kurze, nüchterne Berichte über Schlachten und Scharmützel; ausführlichere Aufzählungen von Dingen, die die Menschen im Grenzland brauchten: Waffen, Kleidung, Lebensmittel. Im vergangenen Sommer hatte er mitgeteilt, daß der Erbprinz von Tadar ihn um Friedensverhandlungen gebeten hatte und daß er diesen Vorschlag befürwortete. Der König hatte einen Tobsuchtsanfall bekommen und den unglückseligen Überbringer dieser Nachricht hängen lassen. Der Kronprinz hatte den scharfen Befehl bekommen, die tadarische Grenzstadt Sardak anzugreifen und niederzubrennen. Der nächste Bericht, der in Arithia eintraf, bestand aus drei Worten: Sardak wird belagert. Danach war ein halbes Jahr lang überhaupt nichts mehr gekommen: keine Anforderung, kein Bericht, nichts... nur die Berichte der Spione, die sich ausführlich über das ungewöhnliche Zögern des Kronprinzen ausließen und sogar geheime Treffen mit dem tadarischen Erbprinzen andeuteten. Semantha hatte beklommen zugesehen, wie sich der Zorn des Königs zu einer schwarzen Wolke zusammenzog, aber sie hatte gewußt, daß es nichts nützte, ihren Bruder zu warnen. Er wußte selbst, was ihn erwartete, wenn er einem Befehl nicht gehorchte, und die ungewöhnlich lange Zeit der Belagerung gab seinen Feinden in Thorandon die beste Gelegenheit, ihm Befehlsverweigerung, Aufsässigkeit, Rebellion und Verrat zu unterstellen.

Dann war er völlig unerwartet vor drei Wochen in Arithia aufgetaucht und sofort zum Tharpaß aufgebrochen, dem Vater entgegen, der sich auf der Heimreise von Madheriant befand. Er hatte keine Fragen beantwortet, und als er mit der Leiche zurückkam und ein Gerücht sich zu verbreiten begann, war aus den Fragen ein Rätsel geworden.

Argon hatte den Fürstenrat von Ryondar zusammengerufen. Und wie alle anderen Menschen in Thorandon hatte Semantha ihn seither beobachtet und sich gefragt, was sich nun alles ändern würde.

Noch während sie zu ihm hinschaute, verschwand er vom Fenster.

Sie wartete. Sie gab ihm Zeit, seine Räume zu verlassen und den langen, dunklen Gang entlangzugehen, die Treppe hinaufzusteigen, eine andere Tür zu öffnen. Dann schimmerte das Licht einer Kerze in einem anderen Fenster auf... dort, wo die Gemächer des Königs lagen. Ihres Vaters. Der nun tot war, seine laute, herrische Stimme plötzlich verstummt.

Sie preßte die Lippen fest zusammen. Ganz plötzlich war aus der Zukunft eine unsichere, schwere Last geworden, und ihr Bruder, der Erbe des Königs, mußte in der übernächsten Woche gegen den gesamten Rat der vierzehn Fürsten von Ryondar antreten und sie für sich gewinnen. Sie stellte sich vor, wie er jetzt dort drüben stand, die Kerze in der Hand, und sich in dem dunklen, feindseligen Raum umschaute: nachdenklich und allein.

Sie selbst würde die sharinès sein, Priesterin, Thronfolgerin und Mutter seiner Erben. Fröstelnd fuhr sie zusammen und warf einen Blick zum Bett, während sie versuchte, sich an den Namen des jungen Mannes zu erinnern, der dort schlief. Er bedeutete ihr nichts, er war nur ein Zeitvertreib, bis die Priester - und nun ihr Bruder - den Zeitpunkt für eine Ehe mit irgendeinem Fürstensohn festsetzten.

Sie kehrte zu ihrem Bett zurück, streifte die Schuhe ab, warf den Umhang beiseite und kroch unter die Decke.

Der Mann schnarchte leise. Bisher hatte es sie nicht gestört, aber nun schlug sie ihm mit der geballten Faust hart gegen die nackte Schulter. Schlaftrunken fuhr er hoch. "W-was?"

"Ich will allein sein", sagte sie schroff. "Verschwinde!"

Er blinzelte. "Was?"

"Verschwinde! Raus hier!"

Er hielt sich nicht damit auf, sie zu fragen, wo er dann schlafen sollte. Rasch sprang er aus dem Bett, suchte seine Kleider zusammen und verließ barfuß den Raum.

Bevor sich die Tür hinter ihm schloß, hatte Semantha ihn schon vergessen. Sie kuschelte sich in ihre Decke und horchte auf den Regen.

Irgendwann schlief sie ein.

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Ebenfalls in dieser Nacht reisten vier Musikanten in einem kleinen Planwagen die Küstenstraße entlang nach Norden. Das Land, durch das sie fuhren, war anturisches Drachenland. Sie hatten die Ebene nördlich des Tharpasses, die Stadt Elwa-ó-Cai und den Fluß Elwa hinter sich gelassen. Auch Kumar Barat, die in einem Erdbeben verwüstete Stadt, fiel jetzt zurück, als sie sich den Alten Bergen näherten. Sie rechneten mit nur fünf Tagen bis zur Brücke über den Afon Hen. Nach der Brücke waren es noch einmal drei Tage bis Cai Antur, doch Cai Antur war nicht ihr Ziel. Ihr Ziel lag noch weiter im Norden, nahe dem Versteinerten Wald, halb vergessen inmitten der Wildnis: eine Burg auf einem Felsen, hoch über dem schäumenden Wasser des Braigyi.

Die Burg hieß Cret. Dorthin sollten sie, wie an so viele andere Orte auch, die Nachricht vom Tod des Königs bringen.

Doch auf der Straße unter dem sinkenden Mond tastete Qedi, die Harfnerin, in ihrer Tasche nach einem auf Pergament geschriebenen, mit dem Siegel des zukünftigen Herrschers versehenen Brief, und sie wußte nicht, weshalb sie sich vor dem Tag fürchtete, an dem sie ihn überreichen mußte.

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