Geschichte

Ein Tag im Leben

Shani Tiasayar, anturische Hausschreiberin, Madheriant

Shani wacht kurz nach Sonnenaufgang auf, wenn der Torwächter des Hauses die Morgenglocke läutet. Da sie bereits vierzehn und damit seit zwei Jahren eine Frau ist, hat sie eine eigene Kammerfrau: Mesua, die Tochter eines Holzfällers, der für die Familie Tiasayar arbeitet. Mesua hat bereits alles zum Waschen vorbereitet und frische Kleider herausgelegt. Während Shani aufsteht, sich wäscht und anzieht, räumt Mesua den Nachttopf weg und erzählt ihrer Herrin den neuesten Klatsch aus Küche und Stall. Im Nebenraum gibt es Geschrei; dort zanken sich Shanis kleinere Brüder, aber die Kinderfrau hat sie gut im Griff, und bald ist wieder Ruhe.

Nachdem Shani fertig angezogen ist, verläßt sie ihre Kammer und geht zum Schrein. Dort sind bereits ihr älterer Bruder Irian und ihre Tante Shirava anwesend. Shani verbeugt sich vor beiden, die ihr kurz zunicken, dann tritt sie zum Schrein, kniet nieder, entzündet eine Kerze für die Ahnen und spricht leise ihr Gebet. Es ist eine Bitte um Schutz vor den Waldgeistern und den schrecklichen Wolfsmenschen, und aus eigenem Antrieb fügt Shani eine Bitte um Schutz vor den Sumpfgeistern hinzu. Vor denen hat sie nämlich mehr Angst als vor dem Waldvolk, das seit Jahrhunderten unter die Erde gebannt ist.

Nach dem Besuch bei den Ahnen klettert Shani in den Turm des Hauses hinauf. Dort residiert die madan, das Oberhaupt der Familie: die Großmutter Arina Tiasayar, vor der Shani noch mehr Angst hat als vor den Sumpfgeistern. Die alte Frau ist berühmt für ihre Bosheit und ihre scharfe, verletzende Zunge, und sie verschont niemanden, nicht einmal Onkel Jelan, der als Ratsherr des Königs eine der wichtigsten Persönlichkeiten im Land ist und nur selten zu Besuch kommt. Als Shani das Gemach ihrer Großmutter betritt, liegt die alte Frau noch im Bett. Shani verbeugt sich tief vor ihr und erledigt nun all die Dinge, die Mesua für sie tut: heißes Wasser holen, Kleidung zum Anziehen herauslegen, den Nachttopf ausleeren. Außerdem hilft sie der Großmutter beim Waschen und Ankleiden und erntet statt eines Morgengrußes nur einen Strom bissiger Bemerkungen über ihre Dummheit und Ungeschicklichkeit, bis sie den Tränen nahe ist.

Doch dann gibt es eine kurze Ruhepause. Eine Dienerin bringt das Frühstück, und die alte und die junge Frau setzen sich zusammen auf die Kissen am Fenster, trinken Tee, essen Brot und Käse und einen süßen Brei aus Mehl, Milch und Honig. Beim Frühstück ist die madan freundlicher und fragt Shani sogar nach den Träumen dieser Nacht. Am Ende des Frühstücks hat Shani ihre Großmutter beinahe gern.

In dieser Stimmung gehen sie nun beide an die Arbeit. Als Oberhaupt des Hauses Tiasayar entscheidet Arina über alle wichtigen und viele unwichtige Angelegenheiten des Hauses. Im Laufe des Vormittags kommen alle Familienmitglieder einmal herauf, begrüßen die madan und besprechen die Dinge, die erledigt werden müssen. Shanis Vater hat ein Problem mit einem Pächter, ihre Mutter bringt eine Liste mit den Pachteinnahmen des Frühjahrs, Irian will ein Ilyarswalder Zuchtpferd kaufen, Onkel Adyar wird heute nach Valnskell reiten und mit den Priestern über die Holzlieferungen verhandeln, Tante Shirava macht sich Sorgen um eine kranke Kuh, und Shanis ältere Schwester Ilana plant ihre Reise in die ferne Hauptstadt Arithia, wo sie als Hofdame der Kronprinzessin leben wird. Shanis Aufgabe ist es, alle Angelegenheiten und die Entscheidungen der madan in das große Familienbuch zu schreiben - und wehe, die alte Frau findet nachher einen Fehler oder einen Klecks verspritzter Tinte.

Gegen Mittag sind alle wichtigen Entscheidungen getroffen. Die Dienerin bringt das Mittagessen, und danach ist Shani entlassen. Erleichtert rennt sie die Treppe hinunter und hat nun zwei kostbare Stunden für sich. Oft reitet sie mit ihrem Bruder aus, aber weil Sommer ist, geht sie heute ins Badehaus, wo sie Ronan zu treffen hofft. Ronan ist der Sohn des Schmiedes, fünfzehn Jahre alt. Leider ist er heute nicht da; der Schmied hat ihn auf einen Botengang geschickt. Enttäuscht verbringt Shani ihre Zeit allein, später mit einigen Küchenmädchen und Dienerinnen.

Nach zwei Stunden ruft wieder die Pflicht. Shanis Mutter ist die Heilerin des Hauses. Im Hof finden sich Pächter, Holzfäller und ihre Kinder ein, und Shani hilft beim Austeilen der Kräutertränke gegen Fieber, Übelkeit, Magenschmerzen, unerwünschte Empfängnis und so weiter. Dabei lernt sie nicht nur, welches Mittel gegen welche Krankheit hilft, sondern sie lernt auch die Menschen kennen, die für ihre Familie arbeiten. Als alle versorgt sind, begleitet Shani die Mutter bei ihrem Ritt zu denjenigen, die zu krank sind, um selber laufen zu können. Das ist eine Arbeit, die sie fast noch mehr fürchtet als die erste Stunde morgens bei der madan, aber auch sie muß getan werden. Gebrochene Arme, ausgerenkte Schultern, Frauen im Kindbett, ein Mann, der sich mit der Axt in den Fuß gehauen hat - zum Glück gibt es keine Anzeichen von Wundbrand. Auch ist niemand von dem gefürchteten Sumpffieber befallen, und es gibt keine Hinweise auf Verbrennungen oder andere Ausbrüche der Magie. Gegen Abend kehren Shani und ihre Mutter nach Hause zurück, und die Familie findet sich zum Abendessen zusammen. Dazu kommt auch die madan aus ihrem Turm herunter. Sie wird von allen mit größtem Respekt begrüßt. Diesmal ist es die Aufgabe von Shanis Vater - dem Zweitältesten -, die madan zu bedienen. Shani unterhält sich mit Ilana über die Reise nach Arithia und das Leben am Königshof.

Nach dem Abendessen bringt die Kinderfrau die beiden jüngeren Brüder ins Bett. Die Familie unterhält sich noch eine Weile; einige nähen oder sticken, andere reden über den Holzhandel, von dem der Reichtum der Familie abhängt. Dann zieht sich die madan zurück. Eine Dienerin kümmert sich um sie. Shani bleibt noch eine Weile bei ihrer Schwester und geht dann auch ins Bett. Sie liegt noch eine Weile wach und überlegt, wie sie selber es schaffen kann, als Hofdame der Kronprinzessin an den Königshof zu gelangen. Mit bitterem Neid auf die Schwester im Herzen schläft sie ein.