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Geschichte - Erzählungen aus Ryondar

Kardath

Ursprünglich hieß Ryondar Kardath und wurde von einem Bauern- und Fischervolk, den Kardian, bewohnt. Erst nach der Eroberung durch Ryondari und Anturier wurde es umbenannt.

Es wird vermutet, daß die Kardian schon seit sechs- bis siebentausend Jahren im Südwesten von Araun ansässig sind. Ob sie friedlich einwanderten, ob sie vom Meer oder vom Festland kamen, läßt sich heute nicht mehr sagen. Ihre eigenen Legenden behaupten, die ersten Kardian seien Kinder der Meermenschen gewesen, die unter Wasser nicht atmen konnten und daher von ihrem Volk an Land gebracht wurden. Fest steht, daß die Grenzen des damaligen Kardath zur Zeit der Landung von Thebat bis zu den Mondbergen und von dort bis etwa zum heutigen Sherivar reichten. Innerhalb dieser Grenzen lebten die Kardian als Bauern und Fischer entlang der Küste in ihren traditionellen Wohnhausgruppen, den Khyals, und den alten Erzählungen zufolge lebten sie mit den weiteren Bewohnern des Landes in Frieden: den Zwergen (khelari) in den Gebirgen im Norden und dem Hügelvolk (kiddûn) in den endlosen Wäldern. Dabei kam ihnen sicherlich die räumliche Trennung der Völker zugute; aber auch bei Grenzüberschneidungen schien es keine Konflikte zu geben, im Gegenteil: viele der traditionellen Fertigkeiten der heutigen Kardian gehen in ihrem Ursprung offenbar auf khelari wie auf kiddûn zurück.

Diese friedliche Zeit endete, wie so viele, vor viertausend Jahren. Sturmfluten, Erdbeben, Feuersbrünste und Vulkanausbrüche verwüsteten die Oberfläche der Welt. Ganze Kontinente zerbrachen, wurden zusammengeschoben, Gebirge stürzten ein. Drei riesige Abgründe rissen auf und füllten sich mit kochendem Dampf, der Norden von Kardath wurde zusammengepreßt und nach oben gedrückt, und die Klippe entstand. Tausende von Menschen, khelari und kiddûn kamen in Kardath ums Leben, und aus den Tiefen des Himmels kamen die Drachen und ließen sich in der allgemeinen Verwüstung nieder. Zur gleichen Zeit begann der Südkontinent zu zerbrechen. Es sollte aber noch einmal eine Zeitspanne von fast zweitausend Jahren vergehen, ehe er im Meer versank. In dieser Zeit bauten die Völker von Kardath ihre Kultur noch einmal auf. Aus der Erinnerung an die Katastrophe bildete sich der Glaube an die vier Wanderer, die die zerstörerische Gewalt der Elemente bändigten und die Welt beschützten.

Im dritten Jahrhundert vor der Landung wurde dieser Glaube auf eine harte Probe gestellt. Erneut brachen Stürme los, die Erde bebte und barst: offenbar waren die Wanderer ihrer ungeheuren Aufgabe nicht gewachsen, oder sie mißbrauchten ihre Macht. Überall in Kardath entstanden Tempel, in denen zur Beschwichtigung Blut-und Getreideopfer gebracht wurden. Gleichzeitig drangen von Norden und Osten her Fremde ins Land: Flüchtlinge auf der Suche nach einer neuen Heimat, die den Frieden niicht achteten, die Städte der Zwerge plünderten und die kiddûn als “Dämonen” verfolgten und töteten. Nach anfänglicher Duldung brachen immer häufiger bewaffnete Streitigkeiten aus. Aus den alten kardischen Kasten von Fischern und Bauern bildeten sich zwei neue: die kriegerischen Windjäger, die die Fremden bekämpften und die meist wehrlosen kiddûn zu schützen versuchten, und die Hüter, die Tempelpriester und Zauberer waren und den Zorn der Wanderer gleichzeitig beschwichtigten und auf die Fremden herabbeschworen. Dennoch wurden die Kardian nach und nach zurückgedrängt. Sie verloren das Gebiet nördlich der Mondberge sowie das Grenzland zu Xal-Kattra und zogen sich hinter die natürliche Grenze der Mondberge auf das Gebiet des heutigen Ryondar zurück. Die Zwerge flohen aus ihren oberirdischen Städten der Mondberge in die Alten Berge und bauten sich dort Städte im Inneren der Erde: unendlich verzweigte Straßen im Dunkeln, die von Tausenden von Fackeln beleuchtet wurden, Paläste und Häuser wurden aus dem Stein gemeißelt. Bewachte Tore schützten die Städte vor Besuchern und Feinden aus der Außenwelt.

Gleichzeitig flüchteten auch die kiddûn aus den leicht zugänglichen Gebieten in die Tiefen der Wälder und verbargen sich vor den Menschen in Bäumen, Seen und in Höhlen unter der Erde. Nur wenige wagten es, gemeinsam mit Kardian und khelari gegen die Fremden zu kämpfen; diese wenigen begründeten aber den Ruf des kardischen Volkes als Dämonenbeschwörer und Schwarzmagier.

In dieser unruhigen und dunklen Zeit zerbarst der Südkontinent Taishon durch eine Kette von Vulkanexplosionen. Die wenigen Überlebenden der anturischen und ryondrischen Völker flohen in Schiffen über das aufgewühlte Meer und landeten nach langer Irrfahrt im Süden von Kardath.

Die Kardian wurden davon völlig überrascht. Von der Existenz eines Südkontinents hatten sie keine Ahnung gehabt. Niemals hatte das Meer etwas anderes an ihre Küsten geworfen als Stürme und Fische, und nun kam hinter ihrem Rücken plötzlich eine riesige Flottte (Forscher vermuten, daß etwa sechshundert Schiffe dem Untergang entkamen) angesegelt und spie eine Flut von halb verhungerten, völlig verstörten Menschen aus, die sich sofort an der Südküste festsetzten und alles angriffen, was in der Nähe lebte. Da die Windjäger sich nur im Norden aufhielten, hatten die kampfunerfahrenen Bauern und Fischer im Süden keine Möglichkeit, sich zu wehren. Sie ließen ihre Khyals, ihre Boote und ihre Felder im Stich und flohen ins Landesinnere. Bis die Windjäger im Norden auch nur davon erfuhren, hatten sich die Fremden bereits ein befestigtes Lager gebaut, das sie nach einer ryondrischen Sagenheldin Arienn nannten.

Die Ältesten Sprecher (neh´skarim), der Kardian mußten sich nun entscheiden, was sie tun wollten. Das kardische Volk saß plötzlich zwischen zwei Gefahren fest, und es war klar, daß keiner der ungebetenen Besucher jemals dorthin zurückkehren würde, wo er hergekommen war. Die Windjäger waren nicht zahlreich genug, an zwei Fronten erfolgreich zu kämpfen; sie hielten die Feinde im Norden nur mit Hilfe der unbezwingbaren Berge fern, und die Flüchtlinge von den Schiffen hätte man nur durch einen Völkermord wieder loswerden können. So entschlossen sie sich, die Grenzen des Landes zu verteidigen und Arienn in Ruhe zu lassen. Kardath war groß genug für drei Völker über und unter der Erde: für eine einzelne fremde Stadt im Süden des Landes war noch Platz genug. Da sie an Frieden und Gesprächsbereitschaft glaubten, unterschätzten sie die Aggressivität der Südländer, deren beide Völker seit Jahrhunderten miteinander im Krieg lagen. Nur die Katastrophe des Unterganges hatte Anturier und Ryondari zu einer gemeinsamen Flucht bewegen können, und eine gemeinsame Stadt erwies sich rasch als viel zu klein für ein Zusammenleben. Schon nach zwei Jahren zog eine größere Gruppe Anturier von Arienn aus an der Küste entlang nach Südosten und ließ sich nach einer langen Wanderung im äußersten Süden nieder, wo sie die Stadt Cai De gründeten.

Nach und nach erweiterten beide Volksgruppen ihr Gebiet nach Norden, wobei sie einander zwar bekämpften, aber in völliger Gemeinsamkeit die kardische Bevölkerung erschlugen. Sie rotteten ganze Dörfer aus, zündeten Felder und Khyals an und setzten sich in den fruchtbaren Gebieten des Landes fest. Zwölf Jahre nach der Landung gründeten sie die Stadt Cai Harai-Thia (Stadt des Weißen Baumes), elf Jahre später gründeten sie Madheriant am Ufer der Lethys, weitere sechsundzwanzig Jahre später Selyra am Zusammenfluß von Ternanar und Chapaldyé. Die Kardian hatten ihnen nicht viel entgegenzusetzen. Die Windjäger kämpften jetzt nicht mehr nur im Norden und auch nicht an zwei Fronten, sondern überall im Land, aber sie konnten weder die offenen Khyaldörfer verteidigen noch die befestigten Mauern der neuen Städte einreißen. Immer mehr Kardian wurden nach Norden in die Berge abgedrängt, flohen zu den kiddûn in die Wälder und auf die kleinen Inseln vor den Küsten des Landes. 

Im Jahr 377 nach der Landung beschloß der ryondrische Fürst Merenya Pahadd die völlige Vernichtung des kardischen Volkes. Bis dahin waren weder Anturier noch Ryondari besonders geplant vorgegangen: sie lebten zusammen, bis es ihnen zu eng wurde, dann rückten sie aus, zerstörten alles, was ihnen in die Quere kam, und setzten sich an einer günstigen Stelle wieder fest, sie ließen jedoch die kardischen Dörfer abseits ihres Weges weitgehend in Ruhe. Merenya Pahadd war der erste, der den Kardian offen den Krieg erklärte und systematisch mit der Ausrottung begann. Er erklärte die Kardian zu Nichtmenschen, setzte Kopfpreise aus und schickte bewaffnete Truppen in die Wälder, die keine andere Aufgabe hatten, als Dörfer niederzubrennen und sämtliche Bewohner zu töten oder in die Sklaverei zu verschleppen. Die Kardian flohen immer weiter nach Norden, und die Ältesten Sprecher zogen endlich die Windjäger aus allen Teilen des Landes zusammen und stellten ein Heer gegen Pahadd auf, das wenigstens den Rückzug der Kardian decken sollte. Die Zwerge kamen ihnen zu Hilfe, kämpften gegen die Eroberer, öffneten den Flüchtlingen die Tore zu den Städten unter dem Berg und schlugen einen Weg für sie frei, der sie bis in die Mondberge und in die unfruchtbaren Ebenen des Grenzlandes führte. Weiter kamen sie nicht: jenseits der Mondberge gab es nur die früheren Flüchtlinge aus den Ostländern, ihre alten Erbfeinde, und im Westen gab es nur das Meer. Tausende waren bereits im Krieg und auf der Flucht gestorben; jetzt starben Unzählige an Hunger und Entkräftung. Dann ließen auch die Wanderer ihr Volk im Stich. Ein verheerendes Erdbeben erschütterte den Norden. Über 12.000 Menschen kamen ums Leben. In der Folge breiteten sich Seuchen aus. Um 416 waren von der ursprünglichen kardischen Bevölkerung des Landes, deren Zahl zum Zeitpunkt der Landung etwa 300.000 betrug, kaum noch 15.000 Menschen am Leben. Rund 10.000 davon lebten in Sklaverei, auf der Insel Kardoi  und verstreut auf den vielen kleinen Inseln vor der Küste. Fünftausend verängstigte Flüchtlinge drängten sich in der unwirtlichen Einöde nördlich der Alten Berge zusammen. Merenya Pahadd ließ jedoch nicht von ihnen ab. Er verbündete sich mit den Herrschern von Madheriant und Selyra und zog zu einer letzten großen Schlacht aus.

Diese Schlacht fand im Jahr 419 am Ufer des Braigyi statt. Sie dauerte drei Tage und drei Nächte. Alle noch lebenden Windjäger - kaum mehr als zweitausend Männer und Frauen - stellten sich einer erdrückenden Übermacht von sechstausend anturischen und ryondrischen Soldaten. Sie hatten keinerlei Hoffnung, diese Schlacht zu überleben, und Merenya Pahadd war an ihrer Kapitulation nicht interessiert. Am Morgen des vierten Tages war kein einziger Windjäger mehr am Leben, und die letzten Ältesten Sprecher flohen nach Xal-Kattra. Damit war der letzte Widerstand gebrochen. Die kärglichen Überreste des kardischen Volkes wurden versklavt, und die Ryondari und Anturier teilten das Land unter sich auf - erst durch weitere blutige Schlachten, später durch Verhandlungen und  Verträge. 451 wurde die kardische Enklave auf der Insel Adela vor der Ostküste, wohin sich die letzten Nachkommen der Hüter geflüchtet hatten, von dem ryondrischen Söldner Cardan und der anturischen Schwertkämpferin Tibora zerstört. Die kardische Stimme in Kardath war verstummt. Die khelari zogen sich unter die Berge zurück und verschlossen die Tore zur Außenwelt. Die kiddûn verbargen sich unter der Erde und wagten sich nur noch nachts aus ihren Verstecken; dadurch wurden sie in der abergläubischen Vorstellung der ryondrischen Siedler zu nachtgeborenen Dämonen und Ungeheuern, so daß jeder Waldgeist, jeder Kobold, jedes Erdweib, das am Tag von Menschen überrascht wurde, grausam gefoltert und verbrannt wurde, “um das Böse fernzuhalten”.

Kaum hundert Jahre später (um 560) kam der anturische Fürst Vannorian auf den Gedanken, gegen die khelari auszuziehen, ihre Städte unter dem Berg zu erobern und ihre legendären Schätze an sich zu bringen. Die Zwerge hatten jeden Kontakt zum Menschenvolk abgebrochen und dadurch die menschliche Vorstellungskraft in erstaunliche Höhen getrieben. Es war die Rede von goldgepflasterten Straßen, von Häusern aus Edelsteinen und Kleidern aus gesponnenem Silber.
Vannorian war noch recht jung, hatte sich jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits den Beinamen Drachentöter erworben. Die Drachen, die seit der Zerstörung von Kaalye über die Welt verstreut lebten, hatten sich in Kardath (jetzt Ryondar) in den weißen Kalksteinhängen des Versteinerten Waldes (Khel-Adûn) niedergelassen. Die flügellosen Männchen hockten auf dem Stein in der Sonne und bewachten die blaugrauen Eier der Weibchen, die auf der Suche nach Nahrung über das Land flogen. Während die Weibchen wilde, mörderische Bestien zu sein schienen, die auch Menschenfleisch nicht verschmähten und gelegentlich Viehhirten mitsamt dem Vieh fraßen, waren die Männchen langsam und träge. Sie konnten kein Feuer speien, Zähne hatten sie auch nicht, ihre einzigen Waffen waren die langen, scharfen Krallen und der stachelbewehrte Schwanz, den sie wie eine Keule schwingen konnten. Immerhin war dieser Schwanz stark genug, um einem erwachsenen Mann die Eingeweide herauszureißen. War der Schwanz jedoch erst einmal abgeschlagen, verloren die Tiere eine ungeheure Menge Blut, erlahmten rasch und konnten dann recht einfach abgeschlachtet werden. Vannorian hatte das Drachentöten so lange betrieben, bis die Drachenweibchen ihr Jagdverhalten änderten und nicht mehr alle gleichzeitig ausflogen, sondern mindestens drei ausgewachsene Weibchen als Wache in der Brutstätte zurückblieben. Nachdem dieser Sport also keinen Spaß mehr machte, wandte Vannorian sich neuen Gebieten zu und zog gegen die Zwerge in den Krieg.

Eine Weile belagerte er die Tore, dann gelang es ihm, eins davon aufzubrechen. Mitsamt seinem Heer zog er in die Dunkelheit des Berges. Was dann geschah, weiß niemand, denn Stille fiel über die Städte des Zwergenvolkes. Weder Vannorian noch ein einziger seiner Soldaten kehrte jemals zurück, aber auch die Zwerge verschwanden spurlos und wurden nie wieder gesehen. Die Tore blieben verschlossen; das eine, das er aufgebrochen hatte, blieb offen. Ein paar wagemutige Abenteurer wagten sich hinein, und auch sie kamen nicht wieder, bis es niemand mehr versuchte.

Die Zeit der Fürsten und Priester

Als es keine Kardian und auch keine Zwerge mehr zu bekämpfen gab, wandten sich die anturischen und ryondrischen Völker gegeneinander. In unzähligen Schlachten kämpften sie um die Vorherrschaft im Land, und mit der Zeit wurden die Anturier von den an Zahl überlegenen und auch anpassungsfähigeren Ryondari aus den fruchtbaren Ebenen in die Berge und an die Küste zurückgedrängt; dort setzten sie sich fest. Das einzige Gebiet im Inneren des Landes, das sie behielten, war der riesige Wald von Madheriant, in dessen dunklen Tiefen Geister und Dämonen hausten; diesen Wald  wollten die Ryondari gar nicht haben. 

Als die Anturier durch die Berge von Lethys-Nord zogen, trafen sie auf vordringende Tadari und schlugen sie zurück. Und im Versteinerten Wald an der Küste von Anturien trafen sie wieder auf die Drachen.

vorläufiges Ende der Aufzeichnungen