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Über Gorodhûn ist noch weniger bekannt als über Sarath. Einige Seefahrer, Nachkommen der Menschen aus Taishon, segelten weiter nach Westen. Die meisten kehrten nicht zurück; einige jedoch taten es und erzählten von einem Land, das im Schatten liegt. Sie wagten nicht, näher heranzufahren, da das vorher ruhige Meer stürmisch und feindselig wurde, je näher sie kamen. Was sich dort verbirgt, weiß niemand. Es heißt, daß es einer Schiffsbesatzung gelungen sei, an Land zu gehen, doch es ist unbekannt, was aus ihnen wurde.

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Diese schmale Auskunft stammt erstaunlicherweise von den Zwergen in Kheliun. Wie sie da herangekommen sind, ist mir nicht ganz klar; es hat wohl etwas mit der Großen Zwergenwanderung zu tun. Ich selber suche noch immer nach dem Bericht von Inatan Roq Engende. Angeblich ist er nach Gorodhûn gelangt und konnte auch an Land geben, aber der Bericht - falls das alles nicht nur eine von Roqs Spinnereien ist - ist leider in den Tiefen dieser Hauses verschollen. Sehr unbefriedigend. Dabei ist das ein Thema, das mich wirklich interessiert.

Athol

Ich habe den Bericht! Meisterin Bisashe gab endlich meinen ständigen Bitten nach und erlaubte mir, ins Schwarze Gewölbe zu gehen. Natürlich war ich nicht halb so mutig, wie ich tat, und nahm heimlich meine beiden Leibwächter mit. Schließlich wusste ich nicht, was mich da unten erwartete - Ratten, Fellschlangen oder noch Schlimmeres. Also stiegen wir schwerbewaffnet und mit vier Lampen die Treppen hinunter, öffneten mit vereinten Kräften die uralte Tür, und dann musste ich leider alleine weitergehen, weil es Menschen ja bei Todesstrafe verboten ist, die SCHRIFTEN zu sehen. Immerhin hielten sie sich bereit, mir zu Hilfe zu kommen, falls ich sie brauchen sollte.

Wie soll ich das Schwarze Gewölbe beschreiben? Eine Halle von den Ausmaßen des Drachentempels, voller Säulen, Nischen, uralten Truhen und den Gebeinen früherer Wächter und kleinerer Aasfresser, und das alles in pechschwarzer, toter Finsternis,  verhängt unter Schwaden von Spinnweben, deren Schöpferinnen so groß wie meine Hand sind, in Nischen sitzen und ihre Augen funkeln lassen, wenn das schwache Licht einer Lampe sie trifft. Die Luft modrig und eisig kalt und erfüllt vom tödlichen Schweigen der seit Jahrhunderten verstummten Stimmen - also, es war ganz schön gruselig da unten. Und wie sollte ich in den Hunderten von Truhen ein einzelnes Blatt Pergament finden, das vielleicht, vielleicht aber auch nicht, schon lange zu Staub zerfallen war, falls es überhaupt je existiert hatte? Ich wühlte mich eine ganze Weile durch Moder und Staub, bis ich es spürte. Es war nur ein schwaches Ziehen, eine kaum hörbare Stimme eines seit Jahrhunderten verschollenen Mannes, der sagte: Hier bin ich. Suche mich. Nutze mein Wissen. Ich folgte der Stimme und fand das Pergament. Und eine Fellschlange gleich dazu.

Als sie mich biss, schrie ich so laut, dass alle Spinnen davonrannten und meine Leibwächter herbeistürzten. Sie hackten die Schlange in Stücke, verschlossen das Gewölbe und brachten mich zu den Heilern, die meine Hand retten konnten. Sie sieht aber trotzdem ziemlich scheußlich aus, und ich werde mir wohl irgendwann eine neue wachsen lassen. Aber zum Arbeiten taugt sie noch. Ich restaurierte das Pergament, machte die verblasste Schrift sichtbar, entzifferte die verlorenen Worte und konnte den letzten Bericht des Weltumseglers Inatan Roq Engende endlich den Meistern unter die Nase halten.

Hier ist er.

Er beweist, dass Gorodhûn kein toter Felsbrocken ist, wie wir geglaubt haben. Er ist irgend etwas anderes. Und jetzt haben wir Angst.

Athol