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Eine unbekannte Stadt

Bericht eines unbekannten Besatzungsmitglieds von Inatan Roq Engende. Entstehungszeit: unbekannt.

Dieser Text war mein Wichtelgeschenk (Januar 2008) von Mara aus dem Weltenbastlerforum. Vielen Dank!

Am siebenundzwanzigsten Tag der Reise war ich der Glückliche, der als erstes etwas Außergewöhnliches an der Küste ausmachen konnte. Ich hatte Wachdienst und in den ersten Momenten der Dämmerung sah ich es bereits, dunkle Flecken an der Linie, wo das Meer so plötzlich und etwas erschrocken in das Land übergeht. Das eigentliche Land, das liegt weit unter unserem Kiel und ich weiß genau, dass ich nicht der einzige bin, der bei dem Gedanken etwas fröstelt. Wieviele Dinge mögen da unter den Wellen noch verborgen sein, die wir einfach nicht sehen können?

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Was man nicht alles da findet, wo irgendwann irgendjemand etwas nur beiläufig beiseite gelegt hat. Diese Schrift fand ich nicht in, sondern oben auf einem Regal, kaum sichtbar nach hinten geschoben und offenbar gründlich vergessen. Wie genau der Text da hin kam, wo ich ihn gefunden habe,  lässt sich wohl nicht rekonstruieren - aber immerhin ist es eindeutig, worum es sich handelt.

Auf jeden Fall war das, was ich da an dem neuen Ufer ausmachen konnte, einmal eine Stadt oder wenigstens Siedlung in einer Bergregion gewesen. Jetzt: eine Uferruine. Inatan Roq Engende, unser aller verehrter Kapitän, hatte an diesem siebenundzwanzigsten Reisetag schon seit drei Tagen ein leichtes Fieber und war allgemein missgestimmt, so dass er schlecht gelaunt aber großzügig mir Pflicht und Vergnügen des Landganges und der Aufzeichnung desselben überließ.

Womit wohl erklärt wäre, warum dieser Text von einem mir unbekannten Autor stammt. Wenn er denn keine Fälschung ist, aber selbst das wäre interessant.

Wir änderten Kurs und näherten uns der Küste auf zweihundert Schritt, bevor wir den Anker auswarfen, der sich vermutlich irgendwo in den Ruinen unter uns verfing. Denn hie und da sahen wir unnatürliche Untiefen aus alten Dächern und Turmspitzen der Wasseroberfläche entgegenstreben und vor uns ragten sie schon auf und bildeten ein verwirrendes Labyrinth aus dunkelgrauen Mauern. Das galt es zu durchqueren und mit einer Gruppe von fünfzehn Mann, die wir auf die beiden Landungsboote verteilten, machte ich mich daran, den Zeichenstift immer bereit.

Schnell stellte sich heraus: durch Zufall und etwas Glück hatte ich eine Stadt entdeckt. Oder was einmal eine Stadt gewesen war. Reste eines Verputzes verrieten uns, dass früher einmal all der depressive dunkle Stein hinter einer hellen Fassade verborgen war, in manchen Fensterhöhlungen fanden sich sogar noch nicht von Wind und See zernagte Spuren von Malerei. Ich kann nicht sagen, ob sich diese einmal über die gesamten Gebäude zog oder nur Öffnungen umrahmte, aber selbst die verblassten Farben verrieten eine Freude an leuchtenden geometrischen Mustern, die den Bewohnern wohl einmal zu eigen gewesen war.

Der beste Zugang zu dem Teil der Stadt, der gänzlich trocken verblieben war, schien einmal eine breite Prozessions- oder einfach Hauptstraße gewesen zu sein, mit zwei geteilten gepflasterten Flächen, die sich kurz vor einem weitläufige Platz aus der Meeresbrandung hoben. Wir vertäuten die Landungsboote an zwei Unterschenkeln, die wohl mal zu einer Statue in der ungepflasterten Mitte gehört hatten, und betraten den Boden der Ruinen. Salziger Algenschleim bedeckte die ersten Meter, dann hob sich der Platz in drei Terrassen über die Flutmarke hinaus und bescherte uns einen beeindruckenden Rundumblick auf Fassade um Fassade. Fast ein bisschen wie Ranken zogen sich Reste des Verputzes hinauf, aber jeder konnte sehen, wie breite Risse durch die einmal stabilen Mauern den Schmuck von dem grauen Stein gesprengt hatte - Untergang ist vielleicht ein harmloses Wort für das Ende dieser Stadt. Sie muss gebebt und gewankt haben, um solche Sprünge in festestes Mauerwerk und das Pflaster des Platzes getrieben zu haben.

Uns direkt gegenüber erhob sich so etwas wie ein Hauptgebäude, das die ganze Front des Platzes mit fast hundertundzwanzig Schritten einnahm. Ein breites Tor gähnte und ringsum färbten Splitterteile des Verputzes das Gesicht des Hauses teils karmesinrot, teils türkisblau - aber der desolate Zustand ließ auch hier wieder keinen Rückschluss auf die Weitläufigkeit der Verzierung zu. Begeistert übernahm ich das bisschen mir anvertraute Befehlsgewalt und schickte die Seeleute in Dreiergruppen hierhin und dorthin, aber mir selber teilte ich zusammen mit zwei anderen das Hauptgebäude zu. Ich muss zugeben, dass mein Puls arg stieg, während ich mich dem Eingang näherte.

Das Erdgeschoss erhob sich sieben Stufen aus demselben dunkelgrauen Stein über den gepflasterten Platz und in der Mitte waren sie ein wenig abgenutzt und niedergetreten - unzählige Füße mussten hier hinauf und hinab getreten sein. Ich setzte meinen Fuß auf die gleichen abgenutzten Stellen und stand wohl einen Moment erst nur da. Die erste Person seit einer ganzen Weile, die hier hineinging. Einer meiner Begleiter räusperte sich und peinlich berührt stieg ich die Stufen hinauf, als wäre nichts geschehen. Die schwer patinierten bronzenen Flügel des Tores waren nach innen gekippt und ermöglichten so einen problemlosen Zugang.

Innen erwartete uns eine Halle. Sie reichte hinauf bis zum Dach des Gebäudes und war von Galerien umgeben, deren Geländer teils herabgestürzt, teils halb vermodert waren, aber hier stießen wir das erste Mal auf Holz, auch wenn es krümelig und wurmstichig war. Wir wanderten über den schlichten Fliesenboden voller Risse und stiegen über die Reste von Holz, um ein kleineres Tor uns gegenüber zu erreichen. Zahlreiche weitere Türöffnungen, in ordentlichen Paaren rechts und links von uns verteilt, ignorierten wir fürs erste. Das Tor hier war zusammengebrochen und mühelos schoben wir uns durch die entstandene dreieckige Öffnung.

Was auch immer wir erwartet hatten, den Raum hinter der Halle hatten wir uns nicht ausgemalt. Wir standen in einem Garten, der vollkommen außer Rand und Band war, über uns Reste von Metallstreben, an denen noch Splitter von Glas hingen. Solche Mengen an Glas musste diese Kuppel einmal gestemmt haben, wenn sie gänzlich daraus bestand, dass uns die Augen und der Mund weit offen standen. Fieberhaft wühlten wir uns durch Ranken und Gebüsch durch den Raum, wobei immer wieder nach unten blickten, und tatsächlich staken allenorts Splitter des einstigen Daches aus dem leicht fauligen Boden.

Ich frage mich: wer legt einen solchen Garten in einem solchen Gebäude an? Und zu welchem Zweck? Zumal der Raum eine so unpassende Form für den Rest des Gebäudes hatte: ein langgezogenes Oval in einem rechteckigen Bau. Mit sicherer Autorität gab ich Anweisung, den Raum auszumessen und genauer zu untersuchen, um vielleicht diesem einen Rätsel ein bisschen näher auf den Grund zu gehen. Zu meinem Bedauern musste dazu manche Pflanze gekappt und mancher Busch gestutzt werden, aber wir sammelten von denen mit reifen Samenständen genug Proben, um sie vielleicht andernorts wieder auszusähen. Besonders eine würzig süß riechende rotbraune Blume hatte es mir angetan und ich pflückte gar mehrere davon, um sie mit auf Schiff zu nehmen für die vielleicht eine Handvoll Tage, die sie frisch bleiben würden. Meine Begleiter schüttelten den Kopf, aber taten folgsam wie angewiesen.

Der Raum maß an der längsten Achse zweiunddreißigeinhalb Schritt und an der kürzesten siebzehn und zu unserer Verblüffung entdeckten wir Reste unterschiedlichster Bauschritte, die so gar nicht zu dem Gesamtentwurf des Gebäudes und der Stadt mit ihrer Symmetrie und Größe aus einem flüssigen Entwurf zu passen schienen. Das wuchernde Pflanzenleben nährte sich aus einem in den Boden eingetieften Becken voll Erde, das wohl einmal durch eine Rinne bewässert worden war. Ein Glück für die Bepflanzung, dass bei der Zerstörung der Stadt auch die Kuppel zusammengebrochen war und den Regen eingelassen hatte. Rings um dieses Becken stiegen vier Stufen aus Fels empor, die ein Steinmetz aus dem kahlen Boden gehauen haben musste. Dann folgten weitere, die aber aufgemauert waren und trotz der rechteckigen Form der Steine in einem komplizierten System der geschwungenen Gesamtform folgten. Und darauf, größtenteils zersetzt und kaum zu erahnen unter Ranken von Schattenpflanzen, fanden sich Reste eines Holzkontruktes. Bänke vielleicht? Das Gesamte erweckte den Eindruck eines Ortes, der über lange Zeit immer weiter ausgebaut wurde, bis er schließlich das riesige umhüllende Gebäude erhielt. Wenn ich raten müsste, würde ich sogar sagen, dass lange Zeit zwischen dem ursprünglichen ovalen Entwurf und dem massigen rechteckigen Haus lag, in der offenbar die Anzahl derjenigen, die auf diesen Stufen zu welchem Zweck auch immer saßen oder standen, stetig zunahm und neue Baumaßnahmen erforderte. Die unteren Stufen aus Fels waren auf jeden Fall weit mehr abgetreten und geschliffen als die gemauerten obenauf. Aber warum sollten sich Menschen hier versammeln um ausgerechnet einen Garten zu betrachten?

Weitere Suche und das Kappen zahlloser Ranken mit fleischigen, dunkelgrünen Blättern förderte noch ein Rätsel zu Tage. Auf dem Putz der Wand kam in Brocken ein einzelner, vielleicht einmal dunkelroter Streifen zu Tage, der an den meisten Stücken jedoch nur noch ein blasses Rosa war. Dafür stand von ihm immer noch deutlich eine Reihe von schwarzen Symbolen ab, die in einem gleichmäßigen Fluss rings um den Raum liefen. Einige wiederholten sich immer wieder auf den verbliebenen Stücken und so bin ich mir fast absolut sicher, dass es sich um eine Schrift handelte und wohl eine Reihe Sätze. Die Zeichengruppe, die am häufigsten immer wieder erschien, versuche ich hier so genau wie möglich wiederzugeben:

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Ein Name? Ein fester Begriff? Oder vielleicht nur eine simple häufig genutzte Konjunktion? Ich kann nicht einmal genau identifizieren, wo hier einzelne Zeichen exakt enden, ob es sich um vier oder nur zwei handelt.

Was ich auch nicht sagen kann. Die Zeichen sind mir vollkommen unbekannt. Ich könnte sicherlich Meister Yilath fragen, wenn er mal einen Moment Zeit für mich hat. Dementsprechend wird das Rätsel wohl ungelöst bleiben.

Zu meinem allergrößten Bedauern hatte diese Arbeit jedoch mehr Zeit in Anspruch genommen, als ich dabei einschätzte, und ein Ruf von außerhalb holte uns zurück auf den Hauptplatz. Ein Signal war vom Schiff gekommen, offenbar kam schlechtes Wetter auf und wir wollten die unsicheren künstlichen Untiefen der Vorstadt verlassen. In dem Moment gab es keinen Widerspruch, aber trotzdem ärgerte es mich zutiefst, bei diesem einen eigenen Kommando mittendrin alles abbrechen zu müssen.

Wir ruderten durch die unruhiger werdende See wieder hinaus und noch in den Vorbereitungen, den ablandigen Wind zu nutzen, drückte mir eine der Expeditionsgruppen nach der anderen ihre Aufzeichnungen in die Hand. An einem etwas ruhigeren Tag werde ich sie zusammenstellen und so hoffentlich ein runderes Gesamtbild der Stadt entwickeln können, vielleicht sogar eine Vermutung, um was es sich einmal gehandelt haben könnte.

Entweder gab es so einen ruhigeren Tag nicht mehr oder diese weiteren Aufzeichnungen sind nie hier gelandet. Mit den Angaben aus dem Text komme ich jedoch nicht weit, siebenundzwanzigster Tag der Reise und dann gibt der Schreiber nicht mal an, ob er die Stadt steuerbord oder backbord entdeckt hat? Meine selbst zusammengestellte Karte von Sarath - denn Sarath, genau das 'Oh Sarath!' Sarath, muss es sein - bringt mich da auch nicht weiter, da obendrein auch noch spätere Angaben die Lage der Städte auf meinem Pergament im Vergleich zum Verlauf der Mauer schwer in Frage stellt. Am Ende hat er nicht einmal unterschrieben.
Ich vermerke mir den Text aber, falls ich später noch auf Material mit Vergleichbarem stoßen sollte - zu irgendeiner der naturgemäß untergegangenen Kulturen Saraths muss das Ganze ja gehört haben und vielleicht findet sich irgendwann ein Hinweis, welche es war. Und ob es nun eine Name oder eine Konjunktion ist, das eine vermerkte Wort. Dafür, dass er den Stift gezückt hielt, ist das zugegeben ziemlich wenig Gezeichnetes oder auch nur Abgezeichnetes... Vorher aber darf ich mich jetzt erstmal weiteren überflüssigen Dingen widmen - gibt es denn niemand anderen, der für Meister Yilath diesen ganzen Stapel sortieren kann?