NB 5: Die Vögel des Feuers

Inhalt:

Sonja und ihre Freunde machen sich auf den Weg zum „Gläsernen Schlot“, damit sich die Prophezeiung der Enat erfüllen kann. Nur so können sie Parva retten. Doch der Weg führt durch die Festung ihres Erzfeindes.

1. Kapitel

Sonja macht nicht mehr mit

„Ich mach’s nicht“, sagte Sonja. „Kommt nicht in Frage, ich denke nicht daran, schönen Gruß an Aruna, das kann sie vergessen. Ich stei­ge aus.“
Ben seufzte. „Noch etwas Kakao?“, schlug er vor.
Sonja betrachtete ihn misstrauisch und kam zu dem Schluss, dass es keine tückische Fangfrage war. Also schob sie ihren Becher zu ihm hin, und er füllte ihn auf. Sie zog den Becher wieder zurück, hob ihn hoch und trank.
Sie hatte nicht gewusst, wie gut heißer Kakao schmecken konnte, wenn man gerade tagelang von kaltem oder abgestandenem Quell­wasser gelebt hatte. Am liebsten hätte sie einen ganzen Bottich davon getrunken. Am liebsten hätte sie auch bis in alle Ewigkeit un­ter der heißen Dusche gestanden, aber Melanie hatte sie schon nach einer Stunde erbarmungslos zum Aufhören gezwungen und war sel­ber für eine Stunde unter der Dusche verschwunden. Das war be­stimmt sehr teuer, aber Ben, dessen kleines Badezimmer anschlie­ßend schwamm, sagte nichts dazu. Stattdessen deckte er in aller Ruhe den Tisch in seiner Küche, steckte die dreckigen Kleidungs­stücke in die Waschmaschine und kümmerte sich um Lorin, Elri und die Pferde, die nach der plötzlichen Reise aus Parva hierher ziemlich durcheinander waren. Die Pferde – Beyash und Iruko – waren so ner­vös und schreckhaft, dass er sie schließlich auf die Weide zu Nacht­frost brachte, der sie als einziger beruhigen konnte. Aber auch für Lorin und Elri, Nomadenkinder aus einer Welt ohne Technik und Elektrizität, brauchten eine Weile, um den Kulturschock zu überwin­den. Lorin war erst aufgetaut, als er Bens Pferdebücher gesehen hat­te, und Elri – nun ja, Elri war bisher noch nicht aufgetaut. Sie hatte sich nicht zurück in einen Menschen verwandelt, sondern hockte in ihrer schwarzen Wolfsgestalt mit gesträubtem Pelz, angelegten Oh­ren und eingeklemmtem Schwanz unter dem Küchentisch. Man musste kein Wolfskenner sein, um zu begreifen, dass sie sich in die­ser fremden, unverständlichen Umgebung kein bisschen wohl fühlte. Sie hatte sich nicht einmal überreden lassen, ein Käsebrötchen zu fressen.
Die anderen hatten ihre Beruhigungsversuche schließlich aufgege­ben und saßen jetzt am Tisch. Sonja und Melanie steckten in zwei von Bens Pullovern, die ihnen ein ganzes Stück zu groß waren. Lorin trug sein besticktes Lederhemd und die abgewetzte Hose und sah mit seiner graubraunen Haut und den dunkelbraunen Haaren sehr exo­tisch aus. Aus großen Augen schaute er sich immer wieder um und zuckte jedesmal zusammen, wenn Bens Kaffeemaschine knackte.
„Ach, komm schon“, sagte Melanie, schob den Ärmel des über­großen dunkelroten Pullovers zurück und schmierte ordentlich Quark und Honig auf ihr Brötchen. „Du weißt genau, dass wir das nicht ohne dich durchziehen können.“
„Ist mir egal“, sagte Sonja. „Von mir aus kann Aruna sich eine neue Auserwählte suchen. Ich mach’s nicht, und fertig.“
„Fragt mich vielleicht auch mal jemand?“, fragte Lorin.
„Nein“, sagte Sonja patzig, und Elri knurrte unter dem Tisch. „Knurr mich gefälligst nicht an! Ich weiß doch sowieso, was er sagen wird: Alles bestens, opfere mich ruhig dem bescheuerten Amulett, die Göttin wird schon wissen, was sie tut! Und wisst ihr, was ich dazu sage? Eure Göttin kann mich mal! Wenn sie so etwas – so etwas ver­langt, dann kann sie mir gestohlen bleiben!“
Elri knurrte lauter, und Lorin wurde noch ein wenig blasser. „So solltest du nicht über Aruna reden, Sonja.“
„Die Frage ist doch nicht, was wir alles nicht tun werden“, sagte Ben ganz ruhig. „Sondern was wir tun. Ich mache mir ja auch Vor­würfe, dass ich euch das Buch mit der Prophezeiung überhaupt gege­ben habe, ohne zu wissen, was darin steht. Aber das nützt jetzt auch nichts. Was ihr erzählt habt, ist schlimm genug – Parva im Nebel ver­sunken, das Letzte Heer auf der Flucht. Wir müssen überlegen, was wir jetzt tun sollen, und zwar schnell. Und die wichtigste Frage ist nun einmal, Sonja, was du tun wirst. Ob dir das nun gefällt oder nicht.“
Sonja wich seinem Blick aus und trank ihren Kakao. Aber so einfach war es nicht, ihm zu entkommen; er wartete einfach, bis sie den Becher absetzte, und schaute sie immer noch an. Sein Gesicht war so schwarz, dass sie nur das Weiße in seinen Augen erkennen konnte. Es war ein schönes, freundliches Gesicht, aber es gehörte nicht in diese Welt, ebenso wenig wie Lorin, Elri, Nachtfrost, Beyash, Iruko und Kiribu… sie alle waren fremd. Und nur Melanie war vertraut, aber selbst sie wollte, dass Sonja nach Parva zurück­ging und mit Lorin einen Ort namens „Gläserner Schlot“ fand, wo er sich irgendwie dem Amulett opfern sollte. Sonja wusste nicht, wo und was dieser gläserne Schlot sein sollte, aber was sie mit dem Rest der Prophezeiung anfangen wollte, wusste sie ganz genau.
„Ich mache es nicht“, sagte sie. „Ist mir egal, was ihr alle sagt, ich mache es nicht, und damit basta.“
Elri knurrte wieder und hörte auch nicht auf, als Lorin ihr den schwarzen Pelz kraulte. Der Junge aus Parva war blass, sagte aber nichts. Melanie schüttelte nur den Kopf. Ben schaute Sonja an, und unter diesem Blick wurde ihr sehr unbehaglich zumute. Trotzig hielt sie ihm stand.
„Und was hast du stattdessen vor?“, fragte Ben. „Niemand außer dir kann das Amulett anfassen. Was willst du damit machen?“
Seine Ruhe machte sie erst recht wütend. Sie fühlte sich in die Ecke getrieben – es war so ungerecht! Warum verstand niemand, was in ihr vorging? „Weiß ich nicht! Ist mir auch egal!“ Abrupt stand sie auf und stieß ihren Stuhl zurück. „Ich geh runter, ich brauche Luft!“
„Warte“, sagte Ben. Sonja schaute ihn wütend an, aber er blieb ganz ruhig. „Zieh dir erst etwas Warmes an. Eure Sachen müssten jetzt trocken sein. Nur dein Pullover ist hinüber; am besten behältst du erst mal meinen.“
Während er zur Waschküche ging, sagte niemand etwas. Melanie rührte in ihrem Kakao. Lorin schaute aus dem Fenster in den Stall hinunter und streichelte Elris Kopf. Sonja guckte die Wand an. Es war eine blöde, langweilige Wand, aber lieber guckte sie so etwas an, als Melanies vorwurfsvollem Blick zu begegnen. Und Lorin … es tat einfach nur weh.
Als Ben zurückkam, zog sie ihre Hose und die Socken an und schob ihre Füße in ihre abgetretenen Schuhe. Genau genommen waren es übrigens nicht ihre Schuhe. Sie hatten Haelfas gehört, dem Schatten­jäger, mit dem sie quer durch Parva gewandert war. Als ihre alten Stiefel ihr die Füße blutiggescheuert hatten, hatte er ihr seine Schuhe gegeben und war selber barfuß weitergewandert. Und obwohl ihr die Schuhe am Anfang zu groß gewesen waren, passten sie jetzt wie an­gegossen.
Magie eben – wie so vieles, das sie inzwischen beinahe als selbstverständlich ansah.
Wortlos verließ sie die Küche, stieg die schmale Holztreppe von Bens Wohnung nach unten, öffnete eine Tür und stand auf der Stall­gasse des Stutenstalles. Alle acht Boxen waren belegt. Die Stuten fraßen Heu, tranken Wasser oder dösten vor sich hin. Schon oft war Sonja traurig oder wütend in den Stall gekommen, und die friedlichen Geräusche und der Geruch nach Pferden und Heu hatte sie fast sofort beruhigt und aufgeheitert, aber heute funktionierte es nicht. Viele ihrer Probleme hatte sie einfach durch Reiten und Stallarbeit umgangen oder weggeschoben, aber mit ihrem jetzigen Problem ging das nicht. Weglaufen, verdrängen, wegschieben nützte gar nichts; sie würde es lösen müssen. Irgendwie.
Ostara schob den Kopf über die Boxentür und schnaubte Sonja freundlich entgegen. Sonja trat zu ihr und streichelte das weiche Pferdemaul. „Warum kann es nicht einfacher sein?“, flüsterte sie. Und einen Moment lang erwartete sie wirklich, Ostara würde ihr ant­worten, so wie Nachtfrost es immer tat: mit einer dunklen, freund­lichen Stimme irgendwo in ihrem Kopf. Doch die Stute schnaubte nur und verlor das Interesse, weil es nichts zu knabbern gab. Sie zog den Kopf wieder zurück und tauchte ihn wieder ins Heu. Das Fohlen in ihrem dicken Bauch beulte sie ganz ordentlich aus. Irgendwann in den nächsten Tagen würde es zur Welt kommen, hatte Ben gesagt und die Stute deshalb in der Box gegenüber seiner Wohnung einquar­tiert, damit er schnell zur Stelle sein konnte, wenn es losging. Sonja hatte noch nie die Geburt eines Fohlens miterlebt. Wenn sie doch einfach hierbleiben könnte! Die Boxen ausmisten, die Pferde strie­geln und füttern, auf Nachtfrost reiten und so tun, als wären sie echte Jockeys im Pferderennen: das waren ihre Träume gewesen.
„Wenn es eine Möglichkeit gibt, etwas in Ordnung zu bringen, möchte ich es wenigstens versuchen“, hatte sie vor langer Zeit zu Ve­leria gesagt, der weisen alten Anführerin der Wolfsmenschen. Da­mals war sie viel mutiger gewesen. Aber damals war es ja auch noch ganz leicht gewesen, zwischen Richtig und Falsch, Gut und Böse zu unterscheiden.
Ob Ben sehr wütend auf sie war? Bestimmt hatte er sich das alles auch anders vorgestellt. Immerhin war er ein ‚Beobachter‘ und hatte ursprünglich bestimmt nicht geplant, in einer fremden Welt herumzu­sitzen und Pferde zu pflegen. Aber nun war er für das gesamte Gut verantwortlich, denn die eigentliche Besitzerin stand in einen Baum verwandelt in einer toten Stadt und würde nicht so bald zurückkom­men. Vielleicht nie. Und nun musste Ben alle Entscheidungen treffen und konnte trotzdem überhaupt nichts tun, um Parva zu helfen. Er konnte auch das Amulett nicht nehmen – dabei hätte Sonja es ihm jetzt liebend gern gegeben.
Sie schob die Stalltür auf, ging hinaus und machte die Tür ordent­lich hinter sich zu. Der kalte Januarwind sprang sie an, und fröstelnd zog sie die Schultern hoch. In der Nordecke des Hofes lag noch im­mer ein wenig Schnee. Sollte sie wieder hineingehen? Aber drinnen würde sie nur immer das Gleiche zu hören bekommen: Du musst dies tun, du musst jenes tun, alles hängt von dir ab, und es ist ganz egal, wie du dich dabei fühlst.
Aruna hat kein Recht dazu
, dachte sie wütend. Ganz egal, ob sie eine Göttin ist oder nicht, sie kann so etwas nicht von mir verlangen!
Weil es zu kalt war, um einfach stehenzubleiben, ging sie los. Zu­erst streunte sie ziellos über den Hof. Kiribu, der große weiße Hund, trabte von seiner Hütte auf sie zu, um sie zu begrüßen. Früher hatte sie Angst vor ihm gehabt, aber jetzt streichelte sie ihn und ließ sich die Hand lecken, und als sie sich abwandte und er leise winselte, sag­te sie: „Ach, komm schon mit.“
Kiribu wedelte begeistert mit dem Schwanz und rannte um sie her­um, und dann schnupperte er überall im Hof herum, als ob er nicht jeden Winkel und jede noch so winzige Geruchsspur kennen würde. Nur vor einer Stelle wich er knurrend, steifbeinig und mit gesträub­tem Fell zurück. Sonja konnte dort auf den Pflastersteinen nichts Be­sonderes sehen, aber das war auch nicht nötig. Melanie hatte ihr aus­führlich erzählt, wie an dieser Stelle der Nebeldämon zerschmolzen war, den Nachtfrost nach erbittertem Kampf mit letzter Kraft hier herübergezerrt hatte, um ihn von seiner Machtquelle abzuschneiden und doch noch zu besiegen. Als Sonja sich auf dem Hof umsah, schien es ihr, als sei Gut Stettenbach eine Schnittstelle zwischen den Welten: bewohnt von – nun ja – „Außerirdischen“, voller Spiegel und Tore und Durchgänge in die Geisterwelt, und
niemand wusste, was für zauberische Dinge oder Gefahren im Haus lagerten, dessen Schlüssel Ben verwahrte.
Gleichzeitig war es ein höchst irdisches Renngestüt mit Terminen, Verpflichtungen und einigen sehr erfolgreichen Rennpferden … und es war der Ort, an dem wahrscheinlich bald sowohl Sonjas als auch Melanies Eltern auftauchen würden, um herauszufinden, was hier ei­gentlich vorging. Mit zwölf Jahren konnte man eben nicht einfach für mehrere Tage verschwinden, die Eltern von einem fremden Mann verhexen lassen, andauernd mit zerschlissenen, zerfetzten Klamotten nach Hause kommen und irgendetwas über Einhörner, Nebelbrücken und fremde Welten erzählen, ohne dass sie zumindest stutzig wurden. Man konnte nur hoffen, dass Ben eine bessere Erklärung einfiel als die, die Sonja im Kopf herumging.
Macht euch keine Sorgen, Mama. Es ist nur ein Spiel.
Ja, genau. Ein Spiel, das uns alle schon beinahe umgebracht hat und Lorin umbringen wird – durch meine Schuld.
Ich mache es nicht, ich mache es nicht, ich mache es nicht! Ich schmeiße das verflixte Amulett weg, und …
… und …
… und damit war überhaupt nichts gewonnen. Wenn Aruna sich eine andere Auserwählte suchte, würde diese das tun, was Sonja nicht tun wollte. Und Lorin würde immer noch geopfert werden.
Kiribu trottete zu ihr hin, stieß seine Schnauze in ihre Hand und winselte leise. Sie streichelte ihn und merkte, dass sie allmählich ganz ordentlich fror. Ihre Hände waren eiskalt. Aber sie wollte nicht wieder in den Stall gehen. Sie wollte …
… zu Nachtfrost.
Warum stand sie eigentlich hier herum, wenn das doch das einzige war, was sie wollte?
Sie lief los. Kiribu bellte überrascht und rannte dann vor ihr her. Durch den Torbogen, zu den Weiden mit den weißen Holzzäunen. Dort stand Nachtfrost wie ein ganz gewöhnliches schwarzes Pferd am Zaun und schaute ihr entgegen, während Iruko und Beyash in der Nähe grasten. Sonja lief zum Zaun, kletterte hinüber, schlang ihre Arme um den warmen schwarzen Hals und vergrub ihr Gesicht in seinem Fell. Nachtfrost schnaubte leise und stupste ihre Schulter sanft mit dem Maul an. Sitz auf. Es ist zu kalt für dich.
Sie nickte, griff in seine Mähne und schwang sich auf seinen Rücken. Einen winzigen Augenblick lang fürchtete sie, Nachtfrost würde nun kehrtmachen und sie geradewegs nach Parva bringen, ge­gen ihren Willen. Aber das schwarze Zauberwesen stand ganz still, senkte leicht den Kopf und gab ihr einfach nur Stille und Wärme, so dass sie sich bitterlich schämte, so etwas auch nur eine Sekunde lang gedacht zu haben. Sie beugte sich nach vorne und legte ihren Kopf auf die schwarze Mähne. „Was soll ich nur machen?“, flüsterte sie.
Vertrau mir, antwortete Nachtfrost ganz ruhig.
„Ich will ja“, flüsterte sie und wischte sich über die Wangen.
Fast unmerklich setzte er sich in Bewegung und trottete am Zaun entlang. Kiribu sprang um Nachtfrost herum, dann lief er über die Weide und verfolgte Fährten, die er interessanter fand. Nach einiger Zeit trottete er zurück zum Hof. Sonja lag auf Nachtfrosts Rücken, atmete seinen Pferdegeruch ein, schloss die Augen und ließ sich einfach tragen.
Ich werde dir eine Geschichte erzählen, sagte Nachtfrost in ihren Gedanken. Überrascht machte Sonja die Augen auf und richtete sich halb auf. Nein, hör einfach nur zu.
Also gut. Sie schloss die Augen wieder und kuschelte sich in sein warmes Fell.
Es ist eine Geschichte, die bei den Teshante und den Ava aus Ost-Parva erzählt wird. Einmal herrschte großer Hunger beim Stamm der Teshante, denn die Herden der wilden Sirinkim waren fort­gezogen, und niemand konnte sie finden. Ein junger Mann wollte das Leid seines Stammes nicht mehr mit ansehen und schwor, erst wieder heimzukommen, wenn er Nahrung gefunden hätte. So ging er in die Berge, aber er fand nichts, nicht einmal ein wildes Kaninchen. Als der Abend kam, hatte er nichts erlegt. Hungrig und müde machte er ein Feuer und legte sich hin. Auch am nächsten und übernächsten Tag fand er keine Beute. In der dritten Nacht war er so schwach, dass er nicht schlafen konnte. Er saß am Feuer und war so ver­zweifelt, weil er seinem Volk nicht helfen konnte, dass er die Trolle und die Alten Völker und den Himmel um Hilfe bat. Das hörte ein Falke, der in der Nähe auf einem Baum saß. Er verwandelte sich in eine Frau, die zu dem Mann ans Feuer ging.
Ich werde dir helfen, sagte sie, und gebe deinem Volk zu essen, wenn du mir dafür dein Leben gibst.
Ich habe keine Angst vor dem Tod, sagte der Teshante. Wenn du mir hilfst, mein Volk zu retten, werde ich dir geben, was du verlangst.
Da verwandelte sich die Frau wieder in einen Falken, und als der Morgen kam, führte sie ihn zu einer Schlucht, in der sich eine große Herde Sirinkim aufhielt. Der Teshante kehrte zu seinem Volk zurück, und sie gingen auf die Jagd und mussten nicht mehr hungern.
Als alle satt waren, sagte der Mann zu der Falkenfrau: Du hast meinem Volk geholfen. Jetzt will ich den Preis bezahlen. Töte mich!
Aber die Frau lachte. Du hast mich nicht verstanden. Ich will dein Leben, nicht deinen Tod!
Und sie zogen zusammen in ein Zelt.
Sonja setzte sich auf. Sie zitterte jetzt am ganzen Körer, aber nicht, weil ihr kalt war. „Warum erzählst du mir das?“, flüsterte sie.
Schau dir das Amulett an, sagte Nachtfrost sanft. Nein, die Rücksei­te.
Sonja hatte das Amulett unter dem Pullover herausgezogen. Ver­wirrt drehte sie es um. Auf der Rückseite befand sich ein eingravier­tes Zeichen. Das war schon immer dagewesen, aber sie hatte es nie entziffern können. Aber so, wie sie durch Zauberei das Buch der Enat hatte lesen können, begriff sie jetzt plötzlich, was der ver­schlungene Schnörkel bedeutete.
Zwei sind eins.
Sonja
, sagte Nachtfrost, glaubst du wirklich, dass die Göttin das Gleichgewicht wieder herstellen möchte, indem sie euch auseinan­derreißt? Vertrau mir. Du wirst den richtigen Weg wählen, und alles wird gut ausgehen.
Sonja war es plötzlich heiß und kalt zugleich. Erleichterung und Hoffnung brandeten wie eine Woge durch ihren Körper – zu stark, um sie zu fassen. „Aber – die Prophezeiung sagte – das Opfer –“
Du wirst es verstehen.
„Aber -“
Das ist alles, was ich dir jetzt sagen kann. Komm, es ist Zeit. Der Nebel wartet nicht.
Sonja schluckte. Ganz plötzlich erinnerte sie sich wieder daran, was auf dem Spiel stand. Alle ihre Freunde waren im Nebel gefangen. Darian, der Prinz von Parva. Ganna, die Anführerin der Nomaden. Rion, der Wolfsgestaltwandler, Sluh, der Erdgnom, Eok vom Kleinen Volk. Sogar – ja, sogar Rashun, der Anführer des Letzten Heeres. All die Wesen, die sie kennengelernt hatte, die ihr vertraut und mit ihr gesprochen hatten und denen sie helfen musste, weil es niemanden sonst gab, der das tun konnte.
Und Nachtfrost hatte versprochen, dass alles gut ausgehen würde. Sonja konnte sich nicht vorstellen, wie das möglich sein sollte – wür­de ihr Weg wirklich der richtige sein? Wie sollten ein paar Kinder den schrecklichen Spürer besiegen, den Wolfsgott wiedererwecken und den Nebel vertreiben?
Aber irgendwie war die dumpfe Verzweiflung plötzlich weg. Es fühlte sich an, als sei eine finstere schwarze Wolke plötzlich weiter­gezogen und hätte die Sonne durchgelassen. Sonja atmete tief ein – zum ersten Mal seit Tagen, kam es ihr vor. Sie würden es schaffen. Nachtfrost hatte es versprochen.
Fertig?, fragte er, und sie spürte, wie er sich unter ihr spannte.
Sie wusste, was er vorhatte, und hielt sich an der Mähne fest. „Fer­tig!“
Mit einem gewaltigen Sprung setzte er über den weißen Zaun und galoppierte zum Hof.

***

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