NB 2: Die weißen Schwestern

Inhalt:

Sonja will das Wolfskopfamulett seinem eigentlichen Träger Darian zurückgeben, der in unserer Welt gestrandet ist. Aber er kann es nicht mehr anfassen, und nun muss Sonja seine Aufgabe übernehmen. Und dann bringt Melanies Eifersucht alle in Gefahr …

1. Kapitel

Die Auserwählte

„Schreib es auf“, hatte Philipp gesagt. „Schreib es auf, damit du keine Einzelheit vergisst. Und damit du es später mal deinen Enkeln zeigen kannst, die dich dann für verrückt halten“, hatte er noch grin­send hinzugefügt, bevor er zu einem Wochenendlehrgang gefahren war, von dem er erst am Montagabend zurückkommen würde. Und weil Philipp nicht nur Sonjas großer Bruder war, sondern auch meis­tens gute Ideen hatte, saß sie nun auf dem Bett ihrer besten Freundin Melanie, nagte an ihrem Kuli und überlegte, wie sie ‚es‘ aufschrei­ben sollte. Bisher war sie noch nicht sehr weit gekommen. ‚Nacht­frost‘ hatte sie in Großbuchstaben auf die Seite geschrieben und dann eine ganze Herde schwarzer Einhörner mit silberner Mähne und silbernem Schweif darunter gezeichnet. Aber was sie schreiben sollte, wusste sie noch immer nicht.
„Alles fing damit an, dass Melanie und ich uns gestritten haben“ ― durchgestrichen. „Einhörner sind deshalb so selten, weil sie zwi­schen den Welten“ ― durchgestrichen. „Ich hasse hasse HASSE Frau von Stetten“ ― das war nicht durchgestrichen, aber es half ihr auch nicht weiter.
Es war ja nicht nur ihre eigene Geschichte, die sie aufschreiben musste, sondern auch die von Melanie und von Elri und Lorin, ihren Freunden in einer fremden Welt. Und auch von Darian, dem Jungen aus der anderen Welt, der hier gestrandet war und den sie noch nicht einmal zu Gesicht bekommen hatte, bevor er verschwand. Und Nachtfrost, das schwarzsilberne Einhorn, das alle Ereignisse ausge­löst hatte, war ebenfalls verschwunden, weggebracht im Pferdeanh­änger dieser Frau von Stetten, die behauptete, seine Besitzerin zu sein.
Sonja malte noch ein schwarzsilbernes Einhorn, das den Namen Stetten mit seinem Horn aufspießte. Dann malte sie einen bösartigen kleinen Erdgnom, einen großen schwarzen Wolf, einen noch größe­ren Steintroll und am Schluss das größte Tier von allen, einen sechs­beinigen, mit zottigem Fell behangenen Büffel mit endlos langen Hörnern. Das war ein Birjak. Aber das war noch immer nicht die Geschichte.
Die Geschichte … das war Nachtfrost. Und es waren auch Micky und Bjarni, die beiden Ponys vom Waldhof, die verkauft worden waren. Sonja zeichnete zwei Ponys rechts und links neben das schwarze Einhorn. Es war ein schöner Gedanke, sich vorzustellen, dass Nachtfrost die beiden beschützt hätte, wenn er rechtzeitig in der Nähe gewesen wäre. Aber er war ja selber verletzt gewesen und hat­te sich im Wald versteckt, bis Sonja ihn gefunden und versorgt hatte. Und dann hatte er sie in eine fremde Zauberwelt gebracht, in der sie ein Amulett gefunden und die Geschwister Elri und Lorin kennenge­lernt hatte … und den ‚Spürer‘, einen unglaublich wider­wärtigen Mann, der versucht hatte, ihr das Amulett wieder abzuja­gen.
Eigentlich waren es ein paar extrem aufregende Tage voller Angst und Schrecken gewesen, die Sonja in der fremden Welt erlebt hatte. Aber sie hatte auch neue Freunde gefunden, die sich ihretwegen in Gefahr gebracht hatten. Und dann war sie mit Nachtfrost geflohen und plötzlich wieder in ihrer eigenen Welt gelandet – wo Philipp und Melanie währenddessen Darian kennengelernt hatten, von dem niemand wusste, ob er nun eigentlich ein Freund war oder nicht. Und diese Frau von Stetten war aufgetaucht und hatte Nachtfrost mitgenommen.
„Du fehlst mir“, schrieb Sonja in ihr Tagebuch, und diesen Satz strich sie nicht durch. Dafür riss sie die ganze Seite heraus, zerknüll­te sie und schmiss sie quer durchs Zimmer, wo Melanie am Compu­ter saß. Der Papierball verfehlte die Freundin knapp und rollte über die Tastatur. Melanie zuckte zusammen und drehte sich um. „Was ist denn? Geht’s nicht voran?“
„Nein. Es war eine bescheuerte Idee! Hast du diese Frau noch im­mer nicht gefunden?“
Melanie schüttelte den Kopf. „Ich habe alle Schreibweisen von Stetten ausprobiert, die mir eingefallen sind. Nichts. Das Internet wimmelt von Leuten, die so heißen, aber eine Vollblutzüchterin ist nicht dabei.“
„Was ist mit Nero?“
„Hast du eine Ahnung, wie viele Millionen Neros es auf der Welt gibt?“
„Aber keine grauen! Nero heißt ’schwarz‘ – aber Nachtfrost ist hier grau! Nur in der anderen Welt ist er schwarz mit silberner Mähne. Such mal danach!“
Melanie tat es und schüttelte wieder entmutigt den Kopf. „Nichts. Was für eine Rasse ist er denn überhaupt?“
„Ein Einhorn! Ich weiß doch nicht, was für Rassen es da gibt!“
„Nein, ich meine hier.“
„Ich weiß nicht. Ein Friese vielleicht. Aber er war dort viel größer als hier, und ―“
„Gibt es graue Friesen?“
„Nein, die sind alle schwarz.“
„Ganz sicher?“ Melanie forschte weiter im Internet. „Guck mal, hier gibt es einen Apfelschimmel!“
„Was? Wo?“ Sonja warf das Tagebuch beiseite, stand auf und stell­te sich neben sie. „Das ist doch gar kein richtiger Friese. Und Nacht­frost war eher ein gleichmäßig gefärbter Grauschimmel.“
Also suchten sie nun nach Bildern von Grauschimmeln und lernten dabei, dass Pferde jeder möglichen Farbschattierung nach und nach zum Schimmel aufhellen konnten. Es gab unzählige Bilder von Schimmeln in allen Rassen, Größen und Farben, aber keins davon sah auch nur ansatzweise so aus wie Nachtfrost.
Endlich seufzte Melanie. „Das bringt nichts, so finden wir ihn nie.“
„Wäre ja auch zu schön gewesen.“ Resigniert ließ Sonja sich wie­der aufs Bett fallen. „Aber so dumm wird die Frau nicht sein, ein Bild von ihm ins Netz zu stellen. Da findet ihn ja jeder.“
„Wer außer uns sucht ihn denn?“
Sonja stutzte. „Ich weiß nicht.“
„Lass uns mal in Ruhe nachdenken. Ich glaube, wir haben es falsch angefangen. Was wissen wir denn eigentlich über ihn?“
„Dass er angeblich von der Weide abgehauen ―“
„Das hat sie gesagt, aber das heißt nicht, dass es stimmt. Sag mir nur das, was du ganz sicher weißt!“
Sonja überlegte. „Er war verletzt. Er hatte einen tiefen Schnitt am Vorderbein, und auf den Schultern hatte er blutige Striemen wie von einer Peitsche, und er war schrecklich dünn. Als wir zurückkamen, ging es ihm besser, aber zu dünn war er immer noch.“
„Waren die Verletzungen schlimm genug, dass sie ihn zu einem Tierarzt bringen würde?“
„Auf jeden Fall. Aber wie finden wir heraus, wer ihn behandelt hat? Wir wissen ja nicht einmal, aus welcher Stadt diese Frau kommt!“
„Weit weg kann sie nicht wohnen“, sagte Melanie. „Sonst wäre Nachtfrost kaum in unserem Forstwald aufgetaucht.“
Sonja dachte darüber nach und schüttelte den Kopf. „Er kam nicht von hier. Er galoppierte drüben in der anderen Welt los, lief durch den Nebel und kam im Forstwald heraus. Er kann wer weiß wo los­gelaufen sein, bevor er ―“
„Ja, schon klar.“
Sie grübelten eine Weile weiter. Melanies Frage von vorhin ließ Sonja nicht los. Wer außer ihnen suchte ebenfalls nach Nachtfrost? Der Spürer? Er hatte Sonja gejagt, aber das war in der anderen Welt gewesen. Hier gab es nur eine Gruppe Tierschützer, vor denen sie sich im Wald versteckt hatte. Und die waren jetzt sicher nicht mehr auf der Suche, denn Nachtfrost war ja gefunden und von Frau von Stetten weggebracht worden. Sicher war das inzwischen überall be­kannt … oder?
„Warum grinst du so?“, fragte Melanie.
„Ich überlege, ob die Tierschützer wohl noch immer durch den Wald latschen und ein graues Pferd suchen, das schon ewig nicht mehr da ist.“
Melanie kicherte. „Es stand doch bestimmt in der Zeitung, dass er gefunden wurde! Schließlich wussten sie auch aus der Zeitung, dass er im Wald herumlief.“
„Also, ich hab’s der Zeitung nicht gesagt. Wahrscheinlich hat die Stetten sie angerufen und die Suche abgeblasen.“
„Lass uns mal nachsehen. Warte, ich hole die Zeitungen her!“ Me­lanie sprang auf und lief aus dem Zimmer. Mit einem Stapel Tages­zeitungen auf dem Arm kam sie zurück. „Am Dienstag bist du zu­rückgekommen, also müsste am Mittwoch etwas dringestanden ha­ben.“ Sie suchte die drei Zeitungen von Mittwoch heraus, und sie setzen sich auf den Boden. Nach kurzer Zeit steckten sie in einem Chaos aufgeschlagener Zeitungsseiten, die sich rasch im ganzen Zimmer ausbreiteten. Aber so sehr sie auch suchten, sie fanden kei­ne Meldung darüber, dass das graue Pferd gefunden worden war. Es gab aber auch nichts, das darauf hindeutete, dass es noch gesucht wurde.
„Ich glaube, die will sich um den Finderlohn drücken“, sagte Mela­nie und blickte sich in dem Papierberg um, in dem sie saß. „Mein Vater bringt mich um!“
Sonja achtete nicht darauf. „Finderlohn ist mir egal“, sagte sie. „Ich glaube einfach nicht, dass Nachtfrost ihr gehört. Einhörner gehören niemandem! Sie sind die Boten der Göttin Aruna!“
„Es kann doch eine Tarnung sein. Du sagtest doch, dass sie so ein komisches Wort zu dir gesagt hat ―“
Yeriye.“ Mittlerweile mochte Sonja das Wort ganz gern, es klang so weich und fremd. „Das heißt Weißhaut.“
„Also weiß sie von deiner fremden Welt.“
„Parva. Das Land heißt Parva. Und die Region der Nomaden heißt Duntalye, und ―“
„Jaja“, unterbrach Melanie. „Aber was ich meine, ist, dass sie viel­leicht auch aus Parva kommt. Du hast auch gesagt, Nachtfrost hätte sich gefreut, sie zu sehen. Dann gehört er eher ihr als – als – irgend­wem anders.“
„Als mir, meinst du.“
„Dir gehört er sowieso nicht. Wo willst du denn ein Pferd halten? In eurer Etagenwohnung?“
„Ich will ihn ja nicht behalten!“ Natürlich wollte sie das, aber es war nicht schlau, so etwas laut zu sagen. „Darian muss mit Nacht­frost zurück nach Parva reiten und das Amulett nach Chiarron bringen. Dort leben seine Eltern, König Ghadan und Königin Al­etheia. Er soll ihnen das Amulett geben; es ist ein Friedensangebot von Veleria – das ist die Anführerin der Wolfsmenschen.“
„Weiß ich doch, das hast du mir alles schon erzählt.“
„Ich denke ja nur laut! Veleria sagt, dass die Wolfsmenschen und die Nomaden nur mit Hilfe von Chiarron gegen die Dämonen aus dem Nebelmeer kämpfen können. Also muss Darian möglichst bald nach Hause. Und ich will …“ … Auch zurück. Aber das konnte sie erst recht nicht sagen. Schließlich hatte sie ihr Abenteuer nur mit viel Glück heil überstanden ― dank ihrer neuen Freunde und der un­erwarteten Hilfe eines Steintrolls.
„Hm“, machte Melanie. „Vielleicht könnte Darian Nachtfrost fin­den. Schließlich kann er zaubern.“
„Wo ist er denn?“
„Bei den Devils.“
Sonja verzog das Gesicht. Die ‚Hell’s Devils‘ hatten sich nicht nur einen unbeschreiblich lächerlichen Namen für ihre Bande ausge­sucht, sie waren auch die ekelhaftesten Jungen an der Schule. „Wenn Darian sich mit denen zusammengetan hat, muss er selbst ein ganz schöner Mistkerl sein.“
„Das würde ich nicht unbedingt sagen.“ Melanie kicherte. „Du hät­test mal die dämlichen Gesichter von Max und den anderen sehen sollen, als Darian sie allesamt flachgelegt hat – dabei ist er einen Kopf kleiner als sie! Es sah toll aus! Wie eine Art Karate oder Judo – drei Drehungen, ein Schlag, und dann lagen sie im Dreck. Doch, ich glaube, Darian ist ziemlich in Ordnung.“
„Warum hat er sich dann ausgerechnet den Devils angeschlossen?“
„Nicht angeschlossen. Soweit ich ihn verstanden habe, wollte er eine Art Leibwache haben. Wie es sich für einen Prinzen eben ge­hört.“
„Und das machen sie mit?“
„Es blieb ihnen wohl nichts anderes übrig. Du hättest mal Max se­hen sollen, als ―“
„Gerade bei Max kann ich mir nicht vorstellen, dass er irgendwas ohne Gegenleistung tut.“
„Ist doch auch egal“, sagte Melanie ungeduldig. „Jedenfalls ist Darian bei ihnen. Und wenn wir wollen, dass er uns bei der Suche hilft, sollten wir hingehen und ihn fragen. Sie sind bestimmt in ih­rem neuen Hauptquartier, dem Waldhof.“
„Dann müssen wir uns aber beeilen.“ Sonja warf einen Blick zum Himmel, der sich grau zugezogen hatte.
Sie zogen sich warm an, schwangen sich auf die Räder und machten sich auf den Weg. Früher waren sie diese Strecke sehr ger­ne gefahren. Da hatte der Waldhof noch ihnen gehört – zumindest war außer ihnen, dem Besitzer und den Tieren nie jemand dort gewesen. Aber jetzt gab es dort nichts mehr außer einem schäbigen grauen Haus und ein paar leeren Schuppen. Und natürlich den ‚De­vils‘. Schon von weitem konnten Sonja und Melanie sie rufen und lachen hören; offenbar feuerten sie jemanden an.
Als die beiden Mädchen mit ihren Rädern auf den Hof rollten und anhielten, sahen sie auch, was los war. Einer der fünf, der vor lauter Dreck und Staub kaum zu erkennen war, und ein viel kleinerer blon­der Junge lieferten sich einen Kampf, während die anderen zuschau­ten. Es war ein sehr ungleicher Kampf – nur nicht so, wie man es er­wartet hätte. Der kleine Blonde hüpfte um den anderen herum, duck­te sich geschickt unter den wild zupackenden Armen hindurch, dreh­te sich anmutig zur Seite – und sein Gegner landete auf dem Boden.
„Siehst du, das habe ich gemeint“, sagte der Blonde freundlich, während sich der andere schnaufend aufrichtete. „Du denkst beim Kämpfen nicht nach. Du gehst nur blindwütig auf mich los, statt zu­erst nach meinen Schwächen zu suchen.“
„Du hast ja keine, du mistiger Giftzwerg“, gab der andere verdros­sen zurück. „Wie zum Teufel soll ich dich zu fassen kriegen, wenn du ständig ausweichst?“
„Du musst darauf achten, wohin ich ausweiche, und musst früher da sein als ich. Außerdem unterbrechen wir jetzt – wir haben Be­such.“
Alle fünf ‚Devils‘ schauten ihn an und drehten sich dann zu Sonja und Melanie um. Der blonde Junge hob die Hand und winkte. „Hal­lo, Melanie! Und du bist Sonja? Willkommen auf dem Waldhof!“ Das sagte er so, als sei der schäbige Ort ein Königshof und er dessen Herrscher. „Wollt ihr uns beim Üben zuschauen?“
„Hallo, Darian“, sagte Melanie. „Wir ―“
Weiter kam sie nicht. Sonja hatte Max, den Anführer der ‚Hell’s Devils‘, im Auge behalten. Sie wusste von Melanie, dass Darian ihn ebenso wie die anderen im Kampf besiegt hatte, aber deshalb ließ sich jemand wie Max noch lange nicht zur Seite schieben. Jetzt schubste er Darian beiseite und brüllte: „Macht, dass ihr wegkommt! Haut ab, oder ich mach euch Beine!“
Unwillkürlich wich Sonja einen Schritt zurück. Aber dann blieb sie stehen. Wovor hatte sie eigentlich Angst? Sie war in einer fremden Welt gewesen und hatte Wesen gesehen, vor denen Max schreiend davonrennen würde. Und diese Wesen hätten sie getötet, wenn sie sie erwischt hätten! Aber alles, was Max tun konnte, war, laut her­umzubrüllen oder sie vielleicht zu verprügeln. „Ich will mit Darian reden“, sagte sie und stellte fest, dass ihre Stimme kein bisschen zit­terte. „Von mir aus geht das auch draußen auf dem Weg – der gehört euch doch nicht auch noch, oder? Keine Sorge, danach hauen wir gleich wieder ab.“
Max klappte den Mund auf und glotzte sie an, und dann lief sein Gesicht allmählich rot an. Aber bevor er noch einmal losbrüllen konnte, schlängelte sich Darian an ihm vorbei. „Wir gehen nach draußen.“
Sie verließen den Hof. Auf dem Waldweg sagte Melanie: „Ihr bei­de solltet vorsichtig sein. Max macht so etwas nicht mit.“
Darian lachte nur. „Ich weiß, aber solange Max sich von mir einen Vorteil verspricht, wird er sich zurückhalten.“ Dann wurde er ernst. „Sonja, du warst in Duntalye. Was war dort los? Ich schlage hier meine Zeit tot, bis ich zurückreisen kann, aber ich habe keine Ah­nung, wie ich es anstellen soll. Wo ist Nachtfrost?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete Sonja. „Wir haben alles Mögliche versucht, um ihn zu finden. Du musst uns helfen! Warum hängst du mit diesen Idioten herum? Veleria sagte, dass du unbedingt das Amulett zu deinen Eltern nach Chiarron bringen musst, damit sie sich mit den Nomadenvölkern verbünden!“
„Und wie soll ich das anfangen? Ich habe das Amulett verloren, als Nachtfrost und ich angegriffen wurden. Wahrscheinlich ist es ins Nebelmeer gestürzt!“
Sonja holte tief Luft. „Nein, ist es nicht. Es hing an einer Felskante fest, und ich habe es gefunden. Hier – Veleria sagte, ich soll es dir geben.“ Unter Darians verblüfftem Blick fischte sie das Wolfskopfa­mulett aus der Hosentasche und hielt es ihm hin. Er riss die Augen auf und griff hastig nach dem Amulett. Aber kaum hatte er es in der Hand, ließ er es mit einem Aufschrei fallen, sodass Sonja und Mela­nie zusammenzuckten. „Was hast du damit gemacht? Es brennt!“
Erschrocken starrte Sonja ihn an. „Ich habe gar nichts gemacht! Du musst es doch anfassen können! Veleria hatte es dir gegeben!“
Er runzelte die Stirn und bückte sich nach dem Amulett, das im Dreck lag und völlig harmlos aussah. Wesentlich vorsichtiger als vorher hob er es auf – und ließ es sofort wieder fallen. „Es geht nicht!“
„Lass mich mal versuchen.“ Melanie streckte die Hand nach dem Amulett aus. Aber sie zog sie gleich wieder zurück, noch bevor sie es berührt hatte. „Au! Das ist ja, als ob man einen elektrischen Zaun anfasst!“
Ratlos standen sie um das Amulett herum. Keiner traute sich, es noch einmal anzufassen. Endlich sagte Darian langsam: „Du musst es wieder nehmen, Sonja. Es will mich nicht mehr.“
„Aber – aber Veleria sagte ―“
„Es ist unwichtig, was Veleria gesagt hat. Das Amulett sucht sich seinen Träger selbst aus, genau wie sich die Boten der Göttin Aruna, die Einhörner, ihre Reiter aussuchen. Und offenbar bin ich das jetzt in beiden Fällen nicht mehr.“ Er lächelte ein wenig angestrengt. „Du musst es nehmen.“
„Aber ―“
„Mach schon! Oder willst du es im Dreck liegenlassen?“
Hilflos schaute Sonja ihn an. Er sah sehr bestürzt aus, bemühte sich aber, es zu verbergen. Das konnte doch alles nicht sein! Veleria hatte gesagt, Darian sei der Träger! Langsam bückte sie sich und wartete auf den schmerzhaften elektrischen Schlag. Nichts passierte. Ihre Finger berührten das Amulett und spürten nur kaltes Metall. Sie hob es auf. Glatt und schwer lag es in ihrer Hand und verriet nichts von der Macht, die es in sich barg.
Darian stieß langsam die Luft aus. „Es gehört dir. Du bist jetzt die Auserwählte.“

***

 

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